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Autismus verstehen

- Es ist nicht so kompliziert wie es scheint -

(Übersetzung meines Aufsatzes Understanding Autism)


„Jeder ist ein Genie. Aber wenn du einen Fisch danach bewertest, ob er auf einen Baum klettern kann, lebt er sein ganzes Leben in dem Glauben, er wäre dumm.“
- Albert Einstein

Autistisch sein bedeutet anders sein – nicht nur von solchen außerhalb des autistischen Spektrums, sondern auch von solchen im Spektrum. Man kann sagen dass Autismus ultimative Individualität ist.

Dies führt natürlich zu Problemen in der Gesellschaft, wo von jedem erwartet wird, sich anzupassen. Wenn wir als Kinder gezwungen werden, Dinge zu tun, die wir nicht tun wollen, und Routinen und Ritualen zu folgen, ohne den Grund dafür einzusehen, begehren wir auf gegen eine Welt, die wir nicht verstehen und die uns unterwerfen will.
Wenn dies geschieht, ziehen wir uns so weit wie möglich von der Welt zurück, um unsere Gefühle und unsere Identität zu schützen. Und wenn ihr uns erreichen wollt, ist es wichtig, unsere Situation zu verstehen - Einfühlungsvermögen, Respekt, Ermutigung and Geduld werden euch weiter bringen als ihr glaubt.

Während nicht-autistische Kinder durch Nachahmung und Anleitung lernen, lernen wir durch Experimentieren, Fragen und logisches Denken. Deshalb reicht es nicht aus, uns zu sagen, was wir zu tun und zu lassen haben, ihr werdet uns von den Gründen dafür überzeugen müssen; dies ist auch die Ursache dafür, dass wir alle Dinge ohne (oder mit unzureichender) Begründung in Frage stellen, ebenso wie Dinge, die „schon immer so gemacht“ wurden.

Es ist außerdem wichtig, dass wir das Gefühl haben, über unser Leben mitbestimmen zu können. Uns so viele Möglichkeiten und Alternativen wie möglich anzubieten wird das Leben sehr erleichtern, für uns ebenso wie für euch.

Da wir niemals sicher sind, was wir von den Menschen um uns und von der Gesellschaft allgemein zu erwarten haben, und da unsere Versuche uns zu verständigen oft übersehen, missverstanden oder belächelt werden, leben wir in einem permanenten Zustand von Besorgnis und Frustration.

Trotz unserer sprichwörtlichen Starrköpfigkeit lassen wir uns in unseren persönlichen und beruflichen Beziehungen leicht in unangenehme und peinliche Situationen drängen. Dies kann entweder an der Furcht liegen, diese Beziehung zu gefährden falls wir nicht gehorchen, oder daran, dass wir nicht wissen, wie viel in einer solchen Beziehung von uns erwartet werden kann. Die Ausnutzung von Kontakten mit dem Ziel, einen Vorteil für uns oder andere zu erreichen, zum Beispiel, ist uns ein unerträglicher Gedanke, und wenn ein Partner, Verwandter, Freund oder Vorgesetzter uns dazu überredet, befinden wir uns in einem Zustand geistigen Fegefeuers.

Wir haben ein sehr ausgeprägtes und unflexibles Gerechtigkeitsgefühl, das von anderen oft als stur empfunden wird. Wie in allen anderen Bereichen entwickeln wir unsere Moralität durch rationelles Denken, z.B. „Ich möchte nicht verletzt werden, und deshalb ist es falsch, wenn irgendjemand einen anderen verletzt“ (man könnte das als logisches Einfühlungsvermögen bezeichnen). Dadurch sind unsere Meinungen strikter und erlauben weniger Ausnahmen; das macht es auch wahrscheinlicher, dass wir Befehle verweigern, die unserer Gesinnung widersprechen, und gegen Ungerechtigkeiten Stellung nehmen, die von der Gesellschaft akzeptiert werden, ohne Rücksicht auf die Konsequenzen.

Die meisten von uns scheinen fest in der Gegenwart verankert zu sein, da die Vergangenheit nicht geändert und die Zukunft nicht gewusst werden kann.

Manchmal fällt es uns schwer Hilfe zu suchen aus Angst, andere zu belästigen oder für dumm gehalten zu werden.

Für die meisten von uns ist es nicht ungewöhnlich, Dinge auf eine ungewöhnliche Weise zu erledigen, von Haushaltspflichten zu Problemlösungen. Ihr könnt leicht in Versuchung geraten, uns korrigieren zu wollen, da euch unsere Methoden zu unbeholfen, zu unkonventionell oder zu kompliziert erscheinen, aber denkt daran dass das, was euch kompliziert vorkommt, uns leicht fallen kann, und umgekehrt. Sagt euch einfach: „Wenn es funktioniert, ändere es nicht!“

Viele von uns finden es schwer, sich zu artikulieren, und manche sprechen überhaupt nicht. Das bedeutet nicht, dass wir uns nicht verständigen wollen; viele haben gelernt, Schreibmaschinen, Computer oder Schablonen zu benutzen und mit ihren Eltern und der Welt Kontakt aufgenommen. Sie haben auch bewiesen, dass wir nicht so dumm sind, wie viele gerne glauben möchten; im Gegenteil, die meisten von uns sind hochintelligent.

Die Etiketten „hochfunktionaler“ und „niedrigfunktionaler“ Autismus sind sowohl irreführend als auch erniedrigend. Das „hochfunktionale“ Etikett vernachlässigt die Anstrengungen, Befürchtungen und Frustrationen in unserem Kampf, uns an eine seltsame Gesellschaft und ihre seltsamen Regeln anzupassen, während das „niedrigfunktionale“ Etikett das enorme Potential jedes autistischen Individuums ignoriert – und was man nicht sucht wird man nicht finden. Es ist nicht überraschend, dass einer Studie zufolge die „Schwere“ des Autismus (der Unterschied zwischen „hochfunktionalem“ und „niedrigfunktionalem“ Autismus) davon abhängt, wie viel Stress das autistische Kind durchmacht. Dies bedeutet dass je mehr wir unter Druck gesetzt werden, desto „niedrigfunktionaler“ werden wir.

Viele von uns finden es schwierig, sich über das Wetter zu unterhalten, weil wir keinen Sinn darin sehen, und eine Unterhaltung nur um der Unterhaltung willen ist ein fremdartiges Konzept für uns. Wir haben außerdem Probleme, Nettigkeiten zu sagen, die wir nicht meinen; wenn wir es täten, würden unsere Komplimente nicht nur wertlos, wir würden auch unsere Glaubwürdigkeit verlieren.

Die meisten von uns haben von früher Kindheit an ein Fachgebiet, über das sie unentwegt sprechen. Das kann daran liegen, dass wir glauben, es interessiert euch genauso wie uns, oder dass uns kein passenderes Gesprächsthema einfällt.

Wir sagen, was wir denken, ohne jemand verletzen zu wollen, aber unsere Ehrlichkeit und Direktheit werden oft missverstanden.

Die meisten von uns haben Probleme, nichtverbale Kommunikation wie Gesten, Mimik und Untertöne zu bemerken und zu interpretieren. Darum: wenn ihr etwas zu sagen habt, sagt es!

Viele von uns vermeiden Blickkontakt, da wir ihn als aufdringlich empfinden und uns nicht auf das Gespräch konzentrieren können.

Viele von uns haben einen Stim (kurz für Autostimulation) wie beispielsweise Schaukeln, Händewedeln oder Gesichtzupfen. Die Gründe dafür können vielfältig sein, wie z.B. zur Beruhigung, zum Konzentrieren oder um mit Nervosität umzugehen.

Wir können nur eine Sache zurzeit machen, aber wir können uns wesentlich besser auf Dinge konzentrieren, die uns interessieren. Wir haben großes Potenzial, vorausgesetzt uns wird die Möglichkeit gegeben, es zu entfalten.

Viele von uns haben Schlafstörungen, da es uns schwerer fällt, unser Gehirn „abzuschalten“.

Wir sind schnell entmutigt. Eine Bemerkung wie „Er wird niemals Buchstabieren lernen” kann eine großartige literarische Karriere im Keim ersticken.
Forscher Bill Jenson hat beobachtet dass „wenn man seine Erwartungen an ein autistisches Kind auf ein niedrigeres Niveau herunterschraubt, wird es sich auf dieses Niveau begeben“.
DIESE TATSACHE KANN NICHT GENUG BETONT WERDEN!

Wir nehmen alle Eindrücke ungefiltert wahr, und das Brummen des Kühlschranks und das Brutzeln der Bratpfanne sind für uns genauso intensiv wie die Stimme der Person, die mit uns spricht. In manchen Fällen kann die Fülle der verschiedenen Eindrücke zu einem Meltdown führen, der oft wie ein Wutanfall aussieht, aber nicht damit verwechselt werden sollte.

Viele nicht-autistische aber oft wohlmeinende Professionelle betrachten sich als Experten auf dem Gebiet des Autismus. Da Autismus ultimative Individualität ist und jeder Einzelfall sich vollkommen anders manifestiert, gibt es keine Autismus-Experten; die einzigen, die ein grundlegendes Verständnis haben, sind andere Autisten. Daher solltet ihr niemals einem „Experten“ glauben, der euch sagt, was euer Kind erreichen oder nicht erreichen kann. Glaubt niemals, dass es etwas gibt, was euer Kind nicht lernen wird!

Wir selbst zu sein ist wichtiger für uns als uns einzufügen. Wir selbst zu sein ist wichtiger für uns als akzeptiert zu werden. Wir selbst zu sein ist wichtiger für uns als erfolgreich zu sein. Wir selbst zu sein ist wichtiger für uns als anerkannt zu werden. Wir selbst zu sein ist wichtiger für uns als alles andere.

Wir mögen es, Freunde zu haben. Wir mögen es, akzeptiert zu werden. Wir mögen es, erfolgreich zu sein. Wir mögen es, anerkannt zu werden. Aber nicht für einen einzigen Augenblick würden wir das kleinste bisschen unserer Identität kompromittieren, um diese Dinge zu erreichen.

Einige von uns, wie ich selbst, sind zufrieden mit ihrem Zustand und sehen ihn als einen natürlichen und wichtigen Bestandteil menschlicher Vielfalt an, während andere gerne „geheilt” würden, so wie der Mann, der auf Facebook kommentierte, dass er „gerne 30 IQ-Punkte aufgeben würde, um so zu sein wie andere”. Aber wie dem auch sei, Verständnis und Respekt für unsere Individualität und Einzigartigkeit machen es uns wesentlich leichter, in einer Welt zu funktionieren, die für uns wenig Sinn macht.

Es gibt Führer, und es gibt Nachfolger, und das ist in Ordnung. Es gibt aber auch solche, die weder führen noch nachfolgen wollen, und das sollte auch in Ordnung sein.


© 6255 RT (2014 CE) by Frank L. Ludwig