Home | Poetry Collections | Epic Poems | Plays | Short Stories | Essays | Children's Stories | Children's Poems | German | Photographs | Contact

Schwarz wie der Tag

- Gedichte für die Unempfindlichen -


Der ambitiöse Vater

Doktorn der Medizin und Künste
stellt die Familie; angesichts
dieser Erfolge stört der Jüngste,
ein regelrechter Taugenichts.

„Aus dir werd ich noch etwas machen",
verkündet ihm der Vater streng;
die andern müssen lauthals lachen,
und Mutters Mieder wird zu eng.

Der Vater selbst hat viel Talente,
steht auch am Herde seinen Mann:
„Heut Abend gibt´s gebratne Ente;
ich fang gleich mit der Arbeit an."

„Ja, ich verstehe was vom Kochen",
spricht er zur Füllung, „bin vom Fach;
und schließlich hab ich dir versprochen,
dass ich aus dir noch etwas mach!"


Der Glöckner von St. Pauli

Erwürgt den Glöckner! Hängt ihn an die Glocken,
der zahme Menschen so zu Tod erschreckt,
der Schläfer aus den sanften Träumen weckt,
um einem Gott des Lärmes zu frohlocken!

Vielleicht ist manch ein Christ recht gern erschrocken,
der müd erwacht und seine Glieder streckt;
damit ihn Christus nicht im Schlaf entdeckt,
will in der Kirche er schon zeitig hocken.

Doch gibt es in St. Pauli nicht nur Christen,
drum bringt den lauten Kirchen-Schiri um!
Es leben hier auch viele Atheisten,
und Sonntags oftmals im Delirium;
drum lasst akustisch uns den Ort entmisten,
dem Glöckner wünscht ein froh Martyrium!


Der Tod und die Kapelle

Der Tod kam zur Kapelle
bei Schumann in C-moll
und harrte an der Schwelle,
bis das Finale erscholl.

Die ungarischen Gäste
begeistern kaum das Haus:
zwar gaben sie das Beste,
doch dieses reicht nicht aus.

„Du bist wohl schlecht gepudert",
der Dirigent drauf spricht;
„Wir haben wohl geschludert,
doch so schlecht warn wir nicht."

„Ich folge nur Befehlen
zum allgemeinen Wohl,
doch kann ich nicht verhehlen,
dass ich euch gerne hol."

Da wendet sich Annette
an ihn und spricht vernarrt:
„Dein Knochen ist, ich wette,
so richtig lang und hart!"

Er macht nicht viel Geplänkel:
der Knochenmann bleibt stumm,
umfasst Annettes Schenkel
und reißt sie wild herum.

Er zerrt an ihrer Hose,
legt ihre Backen frei,
und treibt mit einem Stoße
ihr das Gesäß entzwei.

„Darein musst du dich fügen",
erläutert ihr Freund Hein;
„der Tod kommt mit Vergnügen
zur Hintertür herein."

Während die zwei Entbrannten
am Ranzen sind im Haus,
schleichen die Musikanten
zur Hintertür hinaus.

„Das Opfer von Annette
ist was uns retten kann:
ohne das Mädchen hätte
uns schon der Sensemann."

„Uns half die Geilheit beider",
erklingt ihr Lobgesang,
doch draußen steht schon Haider
und nimmt sie in Empfang.


Gabrielle

Dort, Liebster, ziehn die Wolken hin,
die Sonn´ ist wieder da;
du sitzt so traurig am Kamin,
genau wie mein Papa.

Du sollst mich jetzt nach draußen führn,
jetzt ist die Luft so klar -
komm, geh mit mir ein Stück spaziern,
genau wie mein Papa.

So zart benetzt ist nun das Land,
wie ich es lang nicht sah,
und du nimmst lächelnd meine Hand,
genau wie mein Papa.

Ich springe in die Pfütze hier,
ich setz mich rein sogar,
und du sollst böse sein mit mir,
genau wie mein Papa.

Du sollst mich aus der Pfütze hol´n
an meinem langen Haar
und mir den nackten Po versohln,
genau wie mein Papa.


Heléne

Heléne war ein sehr schönes Mädchen
und drum bekannt im ganzen Städtchen.
Die Burschen schwärmten stundenlang
von ihren Augen, ihrem Gang,
von ihrem Zopf, von der Figur,
doch wollt sie´s nachts von hinten nur.

Einst nahm ein Mann zum Weib Heléne,
der glaubt, mit vielerlei Ideen
ließ diese Macke sich beheben;
es half kein Bitten, half kein Reden.
Schon hörte man die Nachbarn munkeln:
Nur von hinten und im Dunkeln!

Oft dachte er: Wenn ich nur wüsste
wie lang die Beine, groß die Brüste,
hat sie ihre Augen offen,
wenigstens, wenn ich getroffen?
Er versucht´s mit tausend Finten;
nur im Dunkeln und von hinten.

Ganz kinderlos hört auf die Ehe,
als ihm Heléne verstirbt - o wehe!
In ihres Mannes Katzenjammer
kommt nun der Arzt aus ihrer Kammer:
„Die gute Frau - sie ruh in Frieden -
ist wohl an Hodenkrebs verschieden."


Ihr Kinderlein kommet

Fassung der deutschen Ärzteschaft von 1975

Ihr Kinderlein kommet, und kommt nicht zu knapp,
ich bin euer Doktor und treibe euch ab!
Ihr dürft mir nicht bös sein, das ist halt mein Job;
zu mir kommen alle, ob Nutte, ob Snob.

Da liegt es, das Kindlein, in Teilchen zerlegt,
und ich warte, bis sich kein Glied mehr bewegt,
verkaufe das ganze - ich liefer frei Haus! -
und dann wird ein weinroter Lippenstift draus.

Im Buch der Rekorde bin ich Nummer vier
und will an die Spitze, das wünsche ich mir.
Es gibt keine Hürde, die Arbeit macht Spaß:
Herodes, der würde vor Neid sicher blass.

Alternative letzte Strophe:
Im Buch der Rekorde bin ich Nummer vier
und will an die Spitze, das wünsche ich mir.
Ich spuck in die Hände und leg mich ins Zeug:
der Weihnachtsmann spart sich die Arbeit mit euch.*

*(letzte Zeile vorgeschlagen von Georg Kreisler)


Im Strandhotel

Im Strandhotel, Uferstraße zwei,
ist noch ein kleines Zimmer frei.
Der Arzt und seine Frau ziehn ein,
um einmal ganz allein zu sein.
Die Sonne scheint, noch ist es hell;
herzlich Willkommen im Strandhotel!

Die Blonde dort von Zimmer acht,
die hat den Doktor angelacht.
Als seine Frau sich nicht mehr regt,
er rasch auf Nummer acht sich legt.
Dann kehrt zurück ins Bett er schnell;
herzlich Willkommen im Strandhotel!

Im Strandhotel, Uferstraße zwei,
ist noch ein kleines Zimmer frei.
Der Schlüssel beim Portier beweist:
man ist schon wieder abgereist.
Es schwimmt im Wasser ein Skalpell...
herzlich Willkommen im Strandhotel!


Lektion in Kartographie

Die Birken waren grad beschnitten,
der Stamm der Linde war verharzt,
und durch des Schlosses Garten schritten
der König und sein Irrenarzt.
„Es ist so schlüpfrig hier - ich rutsche
auf diesem Boden ständig aus;
komm, Gudden, gehen wir zur Kutsche
und fahren in die Nacht hinaus!"

Der war gehorsam und studierte
die Karte und sprach: „Hier hinein",
doch er war selbst der Angeschmierte,
und schließlich sahen beide ein
im tiefen See, der ihrer harrte,
dass, wie ihr sicher alle wisst,
ein blauer Fleck auf einer Karte
nicht jedes Mal ein Parkplatz ist.


Madeleine

Madeleine ging durch den Wald,
wo sie den Jochen traf;
sie liebten sich sehr bald
und raubten sich den Schlaf.

Danach verschwand ihr Jochen
mit einer aus Braunlage;
es folgten viele Wochen,
doch folgten keine Tage.

Die Mutter lächelt matt,
der Vater ist geschockter:
was man befürchtet hat,
bestätigt auch der Dockter.

Sie weint in ihrem Zimmer,
Tampons sie nicht benötigt;
die Regel wird nicht immer
durch Ausnahmen bestätigt.


Die Verzweiflung des Künstlers

Ich steh vor meinem Spiegelbild,
und mein Gemüt ist hasserfüllt.
Ich will mich malen wie ich bin;
das hat mit Ohren keinen Sinn,
denn was ich male sieht, oh Graus,
so wie veralgte Austern aus,
ein welkes Blatt, ein Schweinefuß
oder der Abdruck eines Schuhs.
Oft lag ich wach bei Nacht und flennte:
wenn ich nur Ohren malen könnte!

Ich werd den Kopf zur Seite drehn;
das linke Ohr ist nicht zu sehn,
und mit dem Küchenmesser - schnapp! -
schneid ich das rechte Ohr mir ab.
Jetzt noch die Wunde abgedeckt,
ein kleines Pfeifchen angesteckt,
und schließlich wird das Bild ganz nett;
ich machte mit dem Messer wett,
was mein Talent mir nicht vergönnte:
wenn ich nur Ohren malen könnte!


Führerschein in Dannenberg

Siehst du DAN, fahr rechts ran.
(Ungeschriebene Verkehrsregel)

Mit achtzig durch das Wohngebiet -
wem kann das schaden, wem?
Und wenn mich doch ein Kind nicht sieht,
ist das nicht mein Problem.
Ein Grüner schaltet’s Blaulicht ein
und ist ganz aufgebracht,
doch ich hab meinen Führerschein
in Dannenberg gemacht.

Der Zebrastreifen zeigt mir an,
dass ich nicht halten darf:
drum fahre ich so schnell ich kann,
die andern bremsen scharf.
Mir ist, als die Passanten schrein,
der Spieltrieb neu erwacht:
ich habe meinen Führerschein
in Dannenberg gemacht.

Und nach der Pflicht erfolgt die Kür
gleich auf der Fahrradspur:
das Überholverbot gilt für
die linke Seite nur.
Der Grüne bölkt: Ich sperr dich ein!
doch ich hab nur gelacht:
Ich habe meinen Führerschein
in Dannenberg gemacht!


Die grausige Moritat des beklagenswerten Ablebens des Klaus Störtebeker und seines Henkers

Freibeuter auf dem Weg nach Stockholm
wurden gewarnt, und nach dem Schreck
versammelte Klaus Störtebeker
die ganze Mannschaft auf dem Deck.

“Albrecht von Schweden ist geschlagen;
die Dänen haben triumphiert,
und unser Kaperbrief ist wertlos!”
Der Kapitän war recht frustriert.

“Sollten wir nach Ostfriesland ziehen
und Arbeit finden, oder glaubt
ihr dass wir weitermachen sollten,
auch wenn kein König es erlaubt?”

“Landratten werden?” - Alle lachten.
“Wir bleiben, da es uns gefällt,
Nordseepiraten - Freunde Gottes
und Feinde der gesamten Welt!”

So überfielen die Piraten
zwölf Jahre länger, Helden gleich,
die Hanseschiffe auf der Nordsee
und wurden rücksichtslos und reich.

Doch eines Morgens an der Küste
von Helgoland bemerkte Klaus
das Näherkommen einer Flotte
von Friedeschiffen und lief aus.

Einer der Mannschaft hatte aber
bei Nacht, so dass es keiner sah,
Blei auf das Schiffsruder gegossen,
so dass die Flucht unmöglich war.

Letztendlich wurde Störtebeker
nach einer kurzen wilden Schlacht
mitsamt sechs Dutzend seiner Männer
nach Hamburg vor Gericht gebracht.

Und dort bot Klaus dem Bürgermeister
ein Lösegeld, das keinem gleicht,
für alle: eine goldne Kette,
die um die Mauern Hamburgs reicht.

Sein Angebot fand keinen Anklang:
“Wir sparen mehr durch euren Tod”,
und nach sechs Monaten im Kerker
brachen die Männer letztes Brot.

Am Grasbrook herrschte Jahrmarktstimmung:
es waren Bühnen aufgestellt
für Zauberer und Minnesänger,
und Kinder spielten auf dem Feld.

Dann brachten Wächter die Piraten;
alles war still mit einem Schlag,
und Klaus war dann der erste, dessen
Kopf auf dem kalten Richtblock lag.

“Ein letzter Wunsch?” - Der Bürgermeister
setzte ein dünnes Lächeln auf.
“Lasst alle Männer frei, an denen
ich ohne Kopf vorüberlauf!”

Da lachten alle, die es hörten;
selbst die Piraten, unverzagt,
und der Senat, sonst immer ernsthaft.
“Sehr gerne”, wurde ihm gesagt.

Das Richtbeil fiel, und Störtebeker
lief an elf Mann vorbei bevor
der Henker ihm ein Bein gestellt hat
und er sein Gleichgewicht verlor.

Ein wenig später aber wurden
am Ufer wo der Fenchel sprießt
die dreiundsiebzig Räuberköpfe
entlang der Elbe aufgespießt.

Der Bürgermeister sprach zum Henker:
“Das ging ja wirklich Schlag auf Schlag;
Ihr seid gewiss schon recht ermüdet
nach diesem langen harten Tag.”

“Nein, überhaupt nicht!”, sprach der Henker.
“Ich könnte jetzt noch den Senat
unserer schönen Stadt enthaupten”,
und lachte wie ein Strandpirat.

Um ihn am Leben zu belassen
hat der Senat dann nicht genug
Humor gehabt, so dass sein jüngster
den letzten Hieb des Tages schlug.

Wo einst der Henkersberg am Grasbrook
Grauen verbreitet hat, spaziert
man heut um die Kehrwiederspitze,
wo keiner mehr den Kopf verliert.

Doch manchmal kann man etwas hören
wie einen scharfen Schlag; ganz dicht,
vermutlich vom Containerhafen,
aber... ganz sicher ist man nicht.



© 6227-6242 + 6258 RT (1986-2001 + 2017 CE) by Frank L. Ludwig