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Hans Faust

- Kein Heldenepos -


(ZUM ANFANG)
7. Animato

So dumpf und trostlos scheint mir diese Alte -
Mephisto, zeige mir die Neue Welt,
damit ich ihre Zukunft mitgestalte
als Freiheits-, Friedens- und als Menschenheld!
Durch grenzenlose Wälder will ich schreiten,
wo mir kein Stein, kein Zaun den Weg verstellt,
und wo es sein muss für die Menschen streiten
und ihnen stets ein guter Anwalt sein,
wenn sich die Spanier wie die Pest verbreiten
und nach dem Blut der Eingebornen schrein!

So lass uns denn zum Eldoado wallen,
von roher Gier in Trümmer bald gelegt
des künftgen Kaisers lüsterner Vasallen,
die raubend, plündernd, mordend unentwegt
entmenscht die wahren Menschen überfallen,
als ob in ihnen kein Gefühl sich regt.
Auch dir wir niemand trauen: ungesehen
greifst du am Besten ein in das Geschehen.


Adagio

Montezuma, Bruder und Geliebter,
gut, dass du so eilend kamst!
Tenuchtitlans Herrscher und Gebieter,
hör, was deine Schwester sagt:
Huecmac, der weiße Gott, kehrt wieder!

Er, den andre Götter einst vertrieben,
weil er voller Abscheu strikt
Menschenopfer hat zurückgewiesen,
kommt zu uns und hält Gericht,
alle Massenmörder zu besiegen.

Mit Getreuen wird er wiederkommen
aus dem Osten mit dem Kreuz
bald in einem Jahre Eins des Rohres,
und ein solches schreibt man heut;
denk daran, was er dem Volk geschworen!

Seine Zeichen hast du wohl verstanden:
übers Ufer trat der See,
des Huitzilopochtlis Tempel brannte,
und man hörte unentwegt
Götterstimmen, die die Kinder warnten.

Ständig sehen wir Kometen ziehen,
Unheil kündend ist ihr Schein;
jeden Himmelsstern in einem Spiegel
hat ein Adler dir gezeigt,
und auch Krieger auf gewaltgen Tieren!

Denk der weißen Säule, die wir sahen
überm Meer gleich einem Mann,
und wie plötzlich erst vor wenig Tagen
deine Schwester Papan starb
in der Blüte ihrer Jugendjahre.

Ja, ich stieg hinab ins Reich der Toten:
schwül und drückend war die Luft,
Totenlieder sang mir manch ein Vogel,
wo am Rande einer Schlucht
steile Felsenwände sich erhoben.

Blumen. Gras und Sträucher hört ich weinen,
und ein Stern tat auf den Mund:
Edles Kind, besinne dich beizeiten;
Papan, kehre um - kehr um!
Aber ich ging weiter, immer weiter.

Dann verschwanden Blume, Stern und Vogel,
und es wurde kahl um mich,
als Izpapalotl mich bedrohte,
jener böse Schmetterling,
sich mein Fleisch und meinen Geist zu holen.

In den wilden Bergstrom wollt ich springen,
glaubte sicher dort zu sein -
plötzlich sagte zu mir eine Stimme:
Halt! Noch bist du nicht so weit,
dieses letzte Wasser zu durchschwimmen.

Der an jenem Wildbach mir begegnet,
war ein junger weißer Gott;
von der Schönheit und dem Glanz geblendet
flog Izpapalotl fort,
und der weiße Gott nahm meine Hände.

Und er hieß die Sonne sich erheben,
und er zeigte mir die Schlucht,
und ich konnte alles deutlich sehen:
das Gebirge ringsherum
war errichtet nur aus Menschenschädeln!

Vor mir stand ein schreckliches Gebäude,
schwarz, zur Hälfte fertig erst,
aufgebaut von bösen grünen Teufeln,
die ich nie zuvor gesehn,
und ich fragte, was der Bau bedeute.

Ein Gefängnis werden wir erbauen
für die Großen deines Volks,
die errichtet diesen Schädelhaufen
bis zur Spitze meines Throns,
und sie werden es zu spät bedauern.

Geh zurück, dein Volk erneut zu warnen;
noch zur Umkehr ist es Zeit,
sind der Sonne Söhne nicht gelandet,
richten nicht die Schlächterein -
doch schon bald ist eure Frist vergangen.

Montezuma, Bruder und Geliebter,
gut, dass du so eilend kamst!
Tenuchtitlans Herrscher und Gebieter,
hör, was deine Schwester sagt:
Huecmac, der weiße Gott, kehrt wieder!

Meine Schwester redet irre!
Auch wenn du im Grab gelegen,
bist du niemals tot gewesen;
Fieberträume kamen drinnen
und verwirrten deine Sinne.
Was du sagst, es kann nicht stimmen:
unerhört sind solche Dinge,
dass die Toten auferstehen
und wie vor dem Tode leben;
meine Schwester redet irre!

Ihr habt Recht, sie redet irre:
Eure Schwester ist von Sinnen!

Mag sie wohl auch irre reden:
reden Götter nicht durch Irre?
Fassen wir uns auf das Schlimmste:
wenn die Götter Land betreten,
werden alle Tempel beben,
und der Priester wird erschaudern.
Nein, ich kann’s, ich will’s nicht glauben,
was im Wahn dahergeredet;
niemals trete meine Schwester
wieder unter meine Augen!


Agitato

Montezuma, großer Kaiser,
gerade kommen wir vom Meer,
und wir dürfen nicht verschweigen,
was wir dort am Strand gesehn!

Große Boote, hoch wie Tempel,
schwimmen aus dem Osten her,
und wir sahen voll Entsetzen
weiße Götter oben stehn.

Huecmac ist heimgekommen,
blutig unser Volk zu richten,
falls wir nicht in seinem Sinne
herzlos ihm nur opfern sollten;
Menschenherzen aber wollen
alle andern Götter haben,
die ihn selber einst verjagten.
Sollt er sie jedoch bezwingen,
wird er gleichfalls uns vernichten;
sind die Götter schon gelandet?

Herr, wir wollten nicht verweilen,
ohne dass Ihr es erfahrt,
sondern sind hierher geeilet
zu berichten, was geschah.

Wartet auf den Gott am Ufer,
haltet auf ihn durch Geschenke
und erforschet auch sein Denken:
fragt, weshalb er uns besuche,
trennt euch dann von ihm im Guten;
achtet auch auf seine Waffen
und verwehrt, ihn einzulassen
in die Stadt. Ich will gleich morgen
uns zum Schutz dem Kriegsgott opfern
tausend Herzen von Gefangnen.


Herr, die Götter sind recht schwierig,
und man hält sie nicht zum Narrn,
denn sie haben uns erniedrigt,
so wie nur ein Gott es kann!

Küssten uns wie ihre Weiber,
lachten laut und viel zu viel,
und wir mussten alle beide
vor dem Kreuze niederknien.

Weigern sich, mit uns zu sprechen:
brachten eine Frau sich mit,
die, was wir von uns erzählen,
in die Göttersprache bringt.

Schmatzen wie ein Hund beim Fressen,
danach übergab ich schon
ihnen unsere Geschenke,
doch die Freude war nicht groß.

Achten nicht die Rosendüfte,
nicht das teuerste Gewand,
sie verschmähen unsre Künste
und die schönste Sklavin ganz.

Sie verwerfen unsre Jade
und die edlen Schnitzerein,
auch die Speisen, die wir gaben,
als ob alles wertlos sei.

Nur was billig, kann sie rühren:
als sie dann das Gold geschaut,
gingen ihre Augen über,
so wie uns bei schönen Fraun.

Schenkten uns aus ihrer Fülle
einen morschen alten Stuhl,
eine ausgediente Mütze
und noch falschen Schmuck dazu.

Sagen, dass sie länger blieben,
wollen auch in unsre Stadt.
Obre reiten Göttertiere:
Pferde werden sie genannt.

Viele dieser Götter haben
schwarze Menschen mitgebracht -
diese dienen wohl als Sklaven:
sie sind freundlich und sind stark.

Doch weshalb sie hier verweilen,
haben sie uns nicht gesagt;
sprachen wohl von Handel treiben,
doch das ist gewiss nicht wahr.

Denn sie zeigten uns auch Rohre,
die durch Feuer, das sie spein,
einen ganzen Wald verkohlen,
dass kein grünes Blatt mehr bleibt.

Geht zu ihnen oft hinunter:
bringt das Gold, das sie begehren,
und was nötig ist zum Leben.
Sammelt dankbar ihren Plunder,
wie man teure Schätze bunkert,
dass sie treiben ihren Handel
und recht gut Geschäfte machen;
zeigt euch ihnen stets erbötig,
dass ihr sie so lang wie möglich
fern von Tenuchtitlan haltet!


Allegro con fuoco

Hör, Montezuma, Friede deinem Namen:
nicht Götter sind’s, die in die Stadt gewollt!
Es sind die Weißen, die von Osten kamen,
die Teufel Huecmacs: sie fressen Gold
und kommen, all das Opferblut zu rächen,
deswegen euch der weiße Gott so grollt!

Welche körperlose Stimme
wagt es, meinen Schlaf zu stören
und die Götter zu verhöhnen?
Wenn dich denn die Götter schicken,
meine Sinne zu verwirren,
habe ich noch ein paar Fragen:
erst einmal nach deinem Namen,
dann auch, welchem Gott du dienest;
welcher Gott wird letztlich siegen,
und was würdest du mir raten?

Ich muss mit dir, dem Kaiser, dringend sprechen;
ich selbst bin Punjo und der Freiheit Gott,
und wollt der stärkste Gott die Macht mir brechen,
gereichte ihm dies nur zu Hohn und Spott.
Den größten Tempel sollst du mir errichten:
die Freiheit ist und bleibt der stärkste Gott!

Die weißen Teufel werden euch vernichten,
die Huecmac in euer Land gesandt,
willst du auf deine Gräuel nicht verzichten.
Noch hältst du selbst dein Schicksal in der Hand;
willst du die rohen Sitten nicht begraben,
so legen sie in Trümmer dieses Land,
denn wo sie jemals Gold gerochen haben,
da ließen sie kein Fleckchen unzerstört.
Drum sende ihnen keine weitren Gaben:
wenn sie von eurem Reichtum erst gehört,
erhört kein Gott mehr euer banges Flehen,
so sehr hast du den weißen Gott empört!

Wir werden auf der Teufel Seite stehen,
und jeder weiße Teufel ganz allein
wird tausend deiner Krieger niedermähen.
Vergebens werdet ihr um Hilfe schrein,
der andern Götter Tempel werden beben,
und diese Stadt wird gleich der Erde sein.

Dies ist die letzte Chance in deinem Leben:
willst du nun dein verstocktes Herze rührn,
den Sklaven ihre Freiheit wiedergeben
und keinen mehr zum Opfersteine führn,
so wollen wir an deiner Seite trotten,
und du wirst große Freude bald verspürn,
mit uns die weißen Teufel auszurotten,
die blutbefleckten Tempel zu zerstörn,
die unterlegnen Götter zu verspotten
und ewge Feindschaft ihrem Kult zu schwörn!

Nein, ich will dein Wort nicht glauben:
glaube nicht an ihre Schwäche,
glaube nicht an deine Stärke -
warum sollt ich dir vertrauen?
Du entziehst dich meinen Augen,
niemand kennt dich, baut dir Tempel.
Magst du auch gewaltig sprechen:
mächtiger sind jene Götter,
die gewaltig schweigen können!
Nur der Kriegsgott wird uns helfen.


Andante con moto

Montezuma, Herr und Kaiser,
jene weiße Ritterschaft
sammelt sich mit unsern Feinden
und marschiert auf unsre Stadt!

Eilend müssen wir verhindern,
dass sie unsrer Stadt sich nahn:
sie zerschmettern Götterbilder,
ihre eignen Tempel gar,

Blut fließt, wo sie hingekommen,
Tod und Leid ist ihre Spur;
Cholula ist ausgerottet -
nichts entgeht der Götter Wut!

Und so kommen sie gelaufen,
ziehen an die Stadt heran;
es sind ihrer viele tausend,
an der Spitze Huecmac.

Und er sagt, dass er den Wunsch hat,
Tenuchtitlan anzuschaun,
und den großen Montezuma
will er sehen Aug in Aug.

Nun, so sollt ihr ihn empfangen
mit den vielen andern Weißen
und auch Montezumas Feinden
ehrenvoll in Quauhtechcatl;
bringt recht viele Opfergaben,
sorgt euch um ihr Wohl und Leben -
lasst sie nur nicht weitergehen!
Ich will nun dem Kriegsgott opfern,
denn er trägt wie ihr die Sorge,
dass sie nicht die Stadt betreten.


Vivace

Du wirst den weißen Teufeln nicht entkommen:
nach Tenuchtitlan ziehen sie schon bald,
und haben sie die Stadt erst eingenommen,
so herrschen Habgier, Terror und Gewalt;
die Welt geht unter, wenn ihr in die Hände
der menschverachtenden Barbaren fallt!

Doch jetzt ist noch nicht aller Tage Ende:
auf einer Insel ist die Stadt gebaut,
und schützend liegt der See um ihre Strände,
von wo man kaum das andre Ufer schaut;
hier wird die letzte Möglichkeit bestehen,
euch doch noch zu erwehren eurer Haut!

Sie müssen ja auf einem Damme gehen:
sperrt alle Dämme bis auf einen dann
und achtet, dass sie nicht die Falle sehen,
der nicht ein Teufel mehr entrinnen kann -
denn hat der Letzte erst den Damm betreten,
greift ihr sogleich von beiden Seiten an
und tut, was sie mit euch so gerne täten.
So schlagt und stecht nur fröhlich auf sie ein;
ihr Herz bringt eurem Gott mit Dankgebeten -
es soll das letzte Menschenopfer sein!


Moderato maestoso

Ach, Huitzipolochtli, helfe
uns als deinen stets Getreuen;
Huecmac und seine Freunde
wollen unsre Stadt betreten.
Sie missgönnen dir die Herzen,
die dir doch das Leben bringen,
und so höre unsre Bitte:
lass sie in die Falle trotten,
dass uns keiner kann entkommen
und wir jeden Mann vernichten!


Presto

Seht, die weißen Götter kommen,
wollen in die Stadt hinein!
Seid ihr alle auf dem Posten,
seid ihr für die Schlacht bereit?

Schwimmen an dem Damme Nachen,
sind Soldaten in der Stadt,
stehn Soldaten zu dem Kampfe
gut getarnt im Hinterland?

Nun, so mögen sie wohl kommen
und in ihr Verderben ziehn,
dass wir unsern Göttern opfern
weiße Götter für den Sieg!

Haltet ein! Ganz etwas Neues
ist uns in den Weg getreten,
denn vom Popocatepetl
stieg empor die weiße Säule!
Dieses kann nur eins bedeuten,
wie uns unsre Priester sagen:
Huecmac kommt als der Starke,
den wir nicht besiegen können,
und so müssen wir die Götter
so wie Götter auch empfangen!

Bringt die schönsten Opfergaben,
richtet fürstliche Quartiere,
sendet ihnen eure Diener,
schenket ihnen eure Sklaven,
dass an nichts es ihnen mangelt,
denn der Popocatepetl
hat befohlen, sie zu ehren;
wenn die Götter wir erzürnen,
wird die ganze Stadt verschüttet
unter seinem Ascheregen!


Maestoso

Huecmac, du Friedensbringer,
über jeden Gott erhaben,
lange haben wir gewartet,
bis du nun zu deinen Kindern
heimgekehrt bist, zu errichten
hier dein Reich als Weltbeherrscher.
Voller Ehrfurcht freudig werfen
wir uns heut zu deinen Füßen;
nichts soll deinen Geist betrüben,
jeden Feind sollst du zerschmettern!

Ziehe nun mit jenen Fremden
siegreich ein in Tenuchtitlan,
der von Osten mit dem Wind kam;
lange harrten unsre Herzen
ungeduldig, hoffnungschwellend
auf dein holdes Wiederkommen,
das wir heute feiern wollen!
Endlich, endlich kehrst du wieder,
endlich bringst du uns den Frieden,
und auf ewig scheint die Sonne!

Dank dir, Montezuma, uns so zu begrüßen,
gesegnet seist du und gesegnet dies Land.
Welch prächtige Stadt liegt zu unseren Füßen:
solch Reichtum ist keinem der Unsern bekannt!

Kann menschliches Auge die Schönheit erfassen?
Fast glaubt man, im Himmel auf Erden zu sein;
die herrlichen Städte der Heimat verblassen,
gemessen an solch paradiesischem Schein!

So sehr bin vom Glanz dieses Orts ich benommen,
dass beinah das edle Geschenk ich vergaß:
dies Halsband als Dank für das große Willkommen
mit köstlichen Perlen aus teuerstem Glas!

Dir will ich zwei Ketten geben
roter Muscheln, unbezahlbar;
als Verzierung hängen daran
ein paar goldene Garnelen:
nimm als Opfer sie entgegen
und als Zeichen deiner Herrschaft!
Dir und deiner Soldateska
ist das Lager schon bereitet
im Palast des alten Kaisers,
der dein treuer Diener selbst war.

Höret, meine Untertanen:
dieses sind die weißen Götter,
deren große Kraft wir schöpfen;
Huecmac ist aller Vater,
und ich selber bin sein Sklave.
Folget jedem ihrer Worte:
ihre Bitten sind Gebote,
ihr Besuch ist uns ein Segen,
ihre Wut ist uns Verderben -
lasst uns für ihr Wohl drum sorgen!


Vivace

Siehst du, Punjo, keine Teufel
sind die Treun des weißen Gottes;
rügen zwar das Menschenopfer
und erzählen viel vom Kreuze,
doch sie zeigen sich als Freunde
und sind liebenswerte Wesen,
die in Frieden mit uns leben:
ihrer Herrschaft ist zu danken,
dass wir friedlich mit den alten
und den neuen Göttern leben.

Du scheinst die deiner Sache ziemlich sicher;
sieht man den Tagtraum nicht als solchen an,
wird das Erwachen um so fürchterlicher!
Der erste dieser weißen Teufel sann,
seit seine Horde in der Stadt erschienen,
wie er dich nur gefangen nehmen kann:
als Geisel sollst du ihrem Schutze dienen,
solange sie verweilen in der Stadt -
woher nur nimmst du dein Vertraun zu ihnen?
Bis jetzt lief für die Räuber alles glatt;
sie wollten mit der Geiselnahme warten,
bis sich ein Vorwand eingefunden hat.
Nun hat man einen deiner Potentaten
grad auf der Folter zu dem Wort erpresst,
du hättest ihm zur Rebellion geraten,
was sich als Vorwand doch wohl hören lässt.
Nachdem man dies Geständnis hat vernommen,
nimmt man den Kaiser auf der Stelle fest;
schon hör ich deine weißen Freunde kommen!

Du wolltest in unseren Rücken uns fallen
und hast unser großes Vertrauen vertan;
soeben gestanden mir deine Vasallen
den unheimlich bös ausgetüftelten Plan!

Du hast voller List unsre Gunst dir erworben
und dachtest, wir würden die Falle nicht sehn;
schon sind zwei der Unseren grausam gestorben -
es wird ihren Mördern nicht anders ergehn!

Sie mussten uns letztlich die Schandtat bekennen
und auch, wer zum Mord überredet sie hat:
man wird sie vorm Tempel lebendig verbrennen
und mit ihnen sämtliche Waffen der Stadt!

Du wirst als Gefangener mit uns jetzt kommen,
als Kaiser, der Wohnung bei Göttern bezieht;
dort wirst du von unseren Leuten vernommen,
dann werden wir sehen, was weiter geschieht.


Allegro moderato

Montezuma, großer Kaiser,
halte dich zum Kampf bereit;
bald schon enden deine Leiden,
denn wir werden dich befrein.

Nicht mehr länger sollst du wohnen
in der Weißen Domizil,
wo man dich seit vielen Monden
so wie einen Sklaven hielt.

Allzu weit getrieben haben
es die weißen Götter nun,
und wir sehen ihren Taten
nicht mehr länger ruhig zu!

Ihre ersten Feinde machten
sich die Treuen Huecmacs,
als die Fürsten sie verbrannten
mit den Waffen unsrer Stadt.

Ihre Habgier schreit zum Himmel:
unsre Kunst ist ihnen Spott,
doch sie scheinen wie von Sinnen,
riechen sie ein Klümpchen Gold.

Und ganz Tenuchtitlan hasst sie,
seitdem Huecmac zerschlug
des Huitzipolochtlis Tempel
und entfernt das Opferblut!

Um zu sühnen diese Untat,
fordern Rache hier und jetzt
Punjo und Tetzcatlipula
und Huitzipolochtli selbst.

Sie versprachen unsern Priestern
einen Sieg fast ohne Kampf,
denn sie geben ihren Dienern
diese Frevler in die Hand.

Lass uns keine Zeit vergeuden,
greifen wir sie schnellstens an;
Huecmac und seine Freunde
sind verschwunden aus der Stadt!

Viele mussten sich entfernen,
denn sie müssen sich im Krieg
andern weißen Göttern stellen;
nur noch achtzig blieben hier.

Gegen weiße Götter selber
will ich euch nicht kämpfen lassen;
sie sind stärker als die andern,
und sie wollen unser Bestes.
Niemand braucht mich drum zu retten,
niemand greife zu den Waffen,
steh ich doch auf mein Verlangen
mit dem weißen Gott im Bunde;
lediglich zu seinem Schutze
werde ich hier festgehalten!


Prestissimo

Schlagt die Trommel, schlagt die Trommel,
dass es keinen Tänzer hält;
viele tausend sind gekommen
zu Tetzcatlipucas Fest.

Priester tanzen mit den Jungfraun,
Fürsten mit dem ärgsten Feind,
gleich wohin man sich auch umschaut,
jeder schwelgt in Seligkeit.

Und die Mädchen tragen Blumen
in dem langen schwarzen Haar,
und die Kinder, sie versuchen,
wie die Großen sich zu nahn.

Und ein Brot wird hier gebrochen,
und ein Gras wird hier geraucht,
und ein Zustand eingenommen,
dass man aus der Welt sich glaubt.

Freude trinken alle Wesen,
wenn sie nur von Adel sind:
heute leben wir das Leben,
und die Liebe wird geliebt!

Was ist das? Die Weißen kommen,
und es scheint beileibe nicht,
dass sie mit uns feiern wollen;
wonach steht ihr böser Sinn?

Sie blockieren alle Tore,
und sie schießen auf den Platz -
wachet auf, wir sind verloren;
Kinder Mexikos, erwacht!

Doch zu spät! Da hilft kein Schreien,
auch kein Flehen rührt ihr Herz:
Männer, Frauen, Kinder, Greise
werden so wie Vieh zerfetzt!

Grausam wüten die Barbaren,
schlagen ohne Rücksicht zu,
und kein Tempel könnte fassen
das vergossne Menschenblut.

Als sie sich am Ende trollen,
haben sie in blindem Hass
tausend Seelen ausgerottet
und den Adel dieser Stadt.

Trollt euch nur, ihr tapfern Männer!
Bald schon endet euer Ruhm:
wir und unsre Götter rächen
jeden Tropfen ihres Bluts!

Tausend Gäste, tausend Menschen,
tausend Tote auf dem Platz:
tausend Tode sollen sterben,
die uns dieses Leid gebracht!


Ritardando

Ich konnte die anderen Spanier besiegen,
und ihr solltet, während im Kampfe wir stehn,
die Stellung zwar halten, doch niemand bekriegen -
nun sag, was in Tenuchtitlan geschehn.

Ihr habt Euch doch recht oft beklagt
und seid schon fast daran verzagt,
dass die Bewohner dieser Stadt,
die so viel Gutes für uns hat,
in der das Gold in Strömen rinnt,
uns nicht so freundlich sind gesinnt,
wie es am Anfang war der Fall.
Man sah es hier und überall,
man hörte es in jedem Wort:
sie wünschten sich uns wieder fort!
Kaum zogt Ihr aus der Stadt zum Streit,
da trieben sie es gar zu weit:
man brachte uns kein Essen her,
kein Gold und keine Sklaven mehr;
man ließ im Stich die hohen Gäst’
und lud stattdessen uns zum Fest.
Man hätte uns, hab ich gedacht,
auf diesem Feste umgebracht;
das ließ mir lange keine Ruh,
und so schlug ich als erster zu,
weil unter Schurken der gewinnt,
der selber mit dem Kampf beginnt!
So ließ ich meine Truppe ziehn
zu ihrem Feste, denn es schien
die rechte Zeit, der rechte Ort:
der ganze Adel tanzte dort.
Ich dachte, dass der Adelsstand
hat alles Volk in seiner Hand,
und sind die Fürsten erstmal tot,
dass keinerlei Gefahr uns droht;
denn wär das Volk erst führungslos,
so sei der Widerstand nicht groß!

Du bist ein Idiot! Herb genug ist kein Tadel:
du weißt es am besten, ich weine bestimmt
nicht um die Indianer und nicht um den Adel;
ich weine um uns und die Macht, die entschwimmt!

Als Sieger in unsere Stadt wollt ich ziehen,
da hört ich von deinem Massaker, du Held!
Hätt ich einem Kind das Kommando verliehen,
so wären wir nicht von Indianern umstellt!

Uns wollen vernichten, die hinter uns standen,
und selbst Montezuma vertraut uns nicht mehr;
der Schatz seines Vaters, den kürzlich wir fanden,
er bleibt nun verloren dem spanischen Heer!

Verloren die Stadt und der Reichtum vergeben,
von brennendem Durst und von Hunger geplagt,
und retten wir nur unser eigenes Leben,
so ist das noch mehr als zu hoffen man wagt!

Von einhunderttausend Indianern umzingelt,
die Dämme blockiert und die Brücken zerstört,
so sitzen wir fest auf der goldenen Insel,
die uns doch und unserem König gehört!


Presto con fuoco

Heute ist der Tag der Rache,
heute will geopfert sein;
heute werdet ihr erblassen,
seid ihr auch schon jetzt so weiß!

Heute speisen wir die Götter,
heute ist ihr großer Tag,
denn Huitzipolochtli möchte
euer Herz zum Abendmahl!

Mein Freund Montezuma, du siehst, in Bedrängnis
befinden sich nun die Gebieter der Stadt;
wir sitzen genauso wie du im Gefängnis
und haben schon fast die Eroberung satt!

Beruhigst du draußen die tobenden Massen,
damit wir in Frieden aus Mexiko ziehn,
so will ich dich heute noch fortgehen lassen
und mit meinen Männern nach Osten entfliehn!

Kommt heraus, ihr müden Götter,
denn sonst kommen wir hinein,
dass wir mit euch kämpfen können -
zeigt uns doch, wie stark ihr seid!

Wagt ihr nicht, mit uns zu streiten,
tötet ihr denn nicht mehr gern? -
Seid zum Kampfe ihr zu feige,
zwingt der Hunger euch zuletzt!

Wir möchten von allen im Frieden nun scheiden,
auch wir haben Frauen und Kinder zu Haus;
wir wollen die blutigen Kämpfe vermeiden:
lasst einfach uns über die Dämme hinaus!

Wir werden uns euren Bedingungen beugen,
ja, ohne die Waffen gar zögen wir fort,
und um euch den Ernst unsres Wunschs zu bezeugen,
hat nun Montezuma, der Kaiser, das Wort!

Nein, er ist nicht unser Kaiser,
denn ein neuer ist gekrönt,
der mit seinem Volke streitet
und die fremde Macht zerstört!

Jener hat sein Volk verraten,
und wir wollen ihn nicht sehn:
Montezuma, der Versager,
ist nicht unser Kaiser mehr!

Meine lieben Untertanen,
lasst euch nicht dazu verleiten,
unsre Götter anzugreifen,
die uns doch so freundlich nahten
und so wohlgesonnen waren.
Können wir auch nicht verstehen,
warum sie sich selbst erwählen,
selber töten ihre Opfer;
uns zum Heil sind sie gekommen,
darum sollten wir sie ehren!

Ihr werdet nicht auf Montezuma hören,
den Mann, der euch zu Sklaven hat gemacht,
sein falsches Wort wird nicht mehr euch betören,
denn mit den Weißen in die Stadt gebracht
hat er das Leid. Er bittet für die Täter;
hat Montezuma je an euch gedacht?
Er hofft auf Freiheit früher oder später,
doch alles andre scheint ihm gleich zu sein,
und darum: steinigt, steinigt den Verräter!

Wohlan! Schon fliegt der erste große Stein
und lässt auf weitere Geschosse hoffen:
ein Steinehagel prasselt auf ihn ein,
und mancher hat ins Schwarze schon getroffen -
dort sinkt der schwache Kaiser kraftlos hin,
und seine ganze Ohnmacht liegt jetzt offen.

So bringt ihn zurück und lasst uns ihn vergessen
in seinem Gefängnis, das bald schon sich leert:
versorgt nicht die Wunden und bringt nichts zu essen;
er ist uns als Kaiser nun nicht mehr von Wert.

Ein solches Töten steht nach meinem Sinn -
dass man doch jeden Fürsten so bezwinge!
Des Herrschers Tod ist stets dem Volk Gewinn,
vertritt er nur die eignen eitlen Dinge,
statt dass er für sein Volk sich opfert auf;
ach, dass es jedem Herrscher so erginge,
der einem Feind sein eignes Volk verkauft!


Tristo

Erwacht! Erwacht! Die weißen Götter fliehen
und nutzen als die letzte Hoffnung nun
die Nacht, die Nacht, aus eurer Stadt zu ziehen:
ihr könnt, ihr dürft, ihr sollt - ihr wollt nicht ruhn!
Schon satteln sie die letzten ihrer Pferde,
beladen mit dem Schmuck aus vollen Truhn,
auf dass die Habgier ihr Verhängnis werde:
die Nahrung dieser Teufel ist das Gold,
und ihre Losung ist verbrannte Erde!

So ist nun euer Schatz der Mörder Sold,
auf den ihr sicher ungern nur verzichtet,
und den ihr mit den weißen Leichen wollt!
Sie haben die Gefangnen hingerichtet,
versammeln sich vorm Tore Mann für Mann
und werden heute Nacht von euch vernichtet!

Seht, die weißen Götter kommen,
wollen aus der Stadt hinaus!
Seid ihr alle auf dem Posten,
sind die Brücken abgebaut?

Schwimmen an dem Damme Nachen,
sind Soldaten in der Stadt,
stehn Soldaten zu dem Kampfe
gut getarnt im Hinterland?

Nun, so mögen sie wohl kommen
und in ihr Verderben ziehn,
dass wir unsern Göttern opfern
weiße Götter für den Sieg!

Gebt Acht, dass niemand euch bemerken kann,
bis sie die erste Lücke überbrücken,
dann greift ihr sie von allen Seiten an;
sie stehen wehrlos zwischen beiden Lücken.
Im Wasser wartet links und rechts der Feind,
der Feind im Angesicht, der Feind im Rücken,
und manche Träne wird wohl noch geweint,
wenn ihnen dann der eigne Gott so ferne
und doch so nahe sein Gericht erscheint!
Die Nacht ist schwarz und ohne Mond und Sterne,
die Straßen sind vom frischen Regen glatt,
dass Huecmac die Menschenfurcht erlerne.

Nun ziehn sie still und heimlich aus der Stadt;
schon ist die erste Lücke überwunden
durch Bretter, die man mitgenommen hat
und sich zu einer Brücke hat gebunden,
da tönt ein Schrei aus tausendfachem Mund:
die Bretter sind im Wasser bald verschwunden,
die Pferde scheuen, schlittern, stürzen und
manch neureichen Soldaten zieht es nieder
durch schweres Gold auf den Lagunengrund.
Das Götterjammern hallt gespenstisch wider,
das Wasser färbt sich rot vom Götterblut,
und eine Brücke bilden jetzt die Glieder
der Toten, welche treiben durch die Flut:
darüber flüchtet mancher Gott beklommen,
doch nichts entgeht der Unterjochten Wut!

Passt auf! Denn Huecmac darf nicht entkommen;
mit seinen Kommandanten ist am Stück
er hin zum andern Ufer schon geschwommen!

Gott hat uns den furchtbaren Wilden entrissen,
und glücklich erreichten wir sicher den Strand;
es kämpfen die anderen wirklich beflissen,
doch haben die Feinde sie fest in der Hand.

Die jetzige Flucht wird das Leben uns kosten,
allein kommt ein Trupp ganz gewiss nicht zum Meer;
hier stehen wir auf dem verlorensten Posten -
wir kommen nicht durch dieses Land ohne Heer!

Ich würde auf uns keinen Knopf mehr verwetten,
doch Furcht fließt ja nicht in soldatischem Blut.
Wir müssen so viele wie möglich noch retten:
kehrt um, Kameraden, beweist euren Mut!

Dort kommen die Geretteten zurück,
um sich noch einmal in den Kampf zu wagen,
und hoffentlich verlässt sie jetzt ihr Glück.
Doch scheinbar sind die Mörder nicht zu schlagen;
unsterblich scheinen wahrhaft sie zu sein,
als würden sie von Götterhand getragen,
und manchen andern können sie befrein;
die meisten aber fallen in die Hände
der Feinde; auf der Götter Opferstein
erwartet sie verdient ein schrecklich Ende -
welch Glück für den, der starb in dieser Schlacht!
Nur eine Handvoll Krieger flieht behende
mit Huecmac in dieser tristen Nacht.


Andante con moto

Erfolgreich hat die Spanier man vertrieben:
Tenuchtitlan ist von Weißen frei!
Zwar sind die Menschenopfer noch geblieben,
die vielen Stände und die Sklaverei,
doch hätte diese Frevel überboten
des Papstes und des Königs Tyrannei.
Dies eine Jahr schon forderte an Toten
viel mehr als je den Göttern dargebracht;
nun werden die, die dieses Volk bedrohten,
zu Opfern ihrer Götter selbst gemacht.

Von seinem Plan wird Huecmac nicht lassen.
Bald kehrt sein Heer zurück in dieses Tal:
er reißt die Häuser ein in allen Gassen
und bringt den Menschen wieder Leid und Qual,
so dass die Götter hier vor Neid erblassen
ob seiner Menschenopfer großer Zahl;
es wird die Goldne Stadt der Wüste gleichen,
geschmückt mit vielen hunderttausend Leichen.


8. Allegro appassionato

Gar mancher Widerchrist, der Christ sich nennt zum Schein,
hat die Frage ausgegeben:
soll dieses Gottes Wort, das Evangelium sein,
überall sich zu erheben
und seinen Fürsten all gleich herrenlosen Tiern
den Gehorsam zu versagen,
die Obrigkeit der Welt, der Kirche reformiern,
Herrn vertreiben und erschlagen?

All diesen Frevlern nun, den Gotteslästerein,
all den ketzerischen Zungen
sei Antwort jetzt zuteil: die zwölf Artikel sein
aller Bauern Forderungen!
Was können wir dafür, wenn sich die hohen Herrn
über Gottes Wort empören?
Zwar stellen sie sich taub, vernehmen es nicht gern,
doch sie müssen’s trotzdem hören!

Zum ersten fordern wir, dass uns gestattet wird,
unsern Pfarrer selbst zu wählen:
der sei ein Vorbild uns und ein getreuer Hirt,
dass er rette unsre Seelen.
Doch wenn er falsch uns lehrt und sucht sein eignes Teil
oder strebt nach Erdenschätzen,
so sei es uns erlaubt zu unserm Seelenheil,
ihn auch wieder abzusetzen.

Zum andern wollen wir den Zehnten fernerhin
nur dem Pfarrer selber geben
als den verdienten Lohn, dass er mit Frau und Kind
ohne Sorge möge leben;
man schenke, was noch bleibt, im Dorf den Armen her,
denn kein Reicher soll es raffen.
Den Kleinen Zehnten nur, den geben wir nicht mehr:
Gott hat frei das Vieh erschaffen!

Zum dritten sind wir durch Leibeigenschaft beschwert:
die sollt ihr nicht mehr betreiben.
Das heißt ja nicht, uns sei die Obrigkeit nichts wert,
doch der Leib soll unser bleiben!
Wir alle sind doch schon seit langer Zeit getauft;
soll sich Christus für uns schämen?
Er hat uns durch sein Blut so teuer freigekauft:
wer will diese Freiheit nehmen?

Zum vierten sind beschwert wir durch das unrecht Recht,
Fisch und Wild und das Geflügel
sei Fürsteneigentum; das glauben wir wohl schlecht,
trägt’s doch nirgendwo sein Siegel.
Gott schuf die Tiere uns; so ist in dieser Sach
jedes Fürsten Recht gestorben,
es sei denn, er weist nach, dass er sich Luft und Bach
hat vom Schöpfer selbst erworben!

Zum fünften sind beschwert wir dadurch, dass im Wald
wir das Holz nicht dürfen schlagen;
Gott schuf den Menschen doch ganz ohne Vorbehalt
an den sieben Schöpfungstagen
die Pflanzen und das Tier zu seinem Unterhalt,
wie wir in der Schrift es fanden:
sie sind des Fürsten nicht, er habe denn den Wald
eist vom Schöpfer selbst erstanden!

Zum sechsten sind wir durch die Dienste hart beschwert,
die von Tag zu Tag sich mehren,
den Frondienst, der so sehr an unsern Kräften zehrt,
drum ist unser recht Begehren,
man möge fernerhin von uns, den Bauern, nun
nichts unmögliches erwarten;
wir wollen gerne euch so viele Dienste tun,
wie es unsre Eltern taten.

Zum siebten sind beschwert wir durch der Herren Macht,
uns zur Arbeit auszusenden -
wir zahlen doch fürs Land schon eine hohe Pacht;
damit hat’s nun sein Bewenden.
Ist Not am Mann, so hilft der Bauer gerne schon,
ohne mit dem Herrn zu rechten,
wenn dieser ihm bezahlt den angemessnen Lohn,
wie man’s tut mit allen Knechten!

Zum achten sind wir durch den Pachtzins hart beschwert,
dass ums täglich Brot wir bangen,
weil dieser oft noch mehr als den Ertrag verzehrt,
weshalb wir von euch verlangen,
dass erst ein freier Mann den Wert des Gutes schätzt,
das die Bauern jeweils pflegen,
um angesichts des Werts für uns zu guter Letzt
unsern Pachtzins festzulegen.

Zum neunten sind beschwert wir dadurch, dass wir nicht
nach Gesetz gerichtet werden.
Der Willkür ausgesetzt sind wir vor dem Gericht,
oft erdichtet man Beschwerden;
drum fordern wir von euch, dass weder Gunst noch Neid
die Gerechtigkeit verletze,
dass ihr uns richten mögt in aller künftgen Zeit
nach geschriebenem Gesetze.

Zum zehnten sind wir durch den Brauch sehr hart beschwert,
dass die Äcker und die Wiesen
so mancher Fürst sich selbst zum Eigentum erklärt,
doch wir widersprechen diesen:
Gott sandte Menschen aus, mit Sichel und Verstand
seinen Boden zu verwalten;
so hat der Fürst kein Recht, er habe denn das Land
einst vom Schöpfer selbst erhalten!

Zum elften wollen wir das Recht, bei einem Tod
alles fortzunehmen, leugnen:
es widerspricht nicht nur dem göttlichen Gebot,
Witwen, Waisen zu enteignen.
Wer sucht denn schon den Tod? Wer stirbt, der stirbt nicht gern,
und er wird den Seinen fehlen;
die Not ist groß genug! Es ziemt sich nicht den Herrn,
die Familie zu bestehlen!

Zum zwölften glauben wir zu folgen Gottes Wort;
wo sich etwas andres findet,
dort streichen wir sogleich ganz den Artikel fort,
wenn ihr’s mit der Schrift begründet!
So lasst gemeinsam uns in Gottes Liebe ruhn,
suchet mit uns sein Erbarmen,
auf dass wir alles stets nach seinem Willen tun.
Gott sei mit euch allen. Amen.


Moderato

Ihr Bauern, leider ist es wahr:
ihr seid sehr hart beschwert
durch eure Herrschaft, die sich hat
von Gottes Wort gekehrt.

So viele Fürsten tummeln sich
in Satans Sündenpfuhl,
dass ich, der Doktor Luther, weiß:
bald stößt sie Gott vom Stuhl!

Seid um so mehr in eurer Sach
vor Satan auf der Hut,
dass ihr nicht mehr als recht verlangt
und niemand unrecht tut.

Als erstes fordert ihr, dass man
den Pfarrer selbst erwählt
und selber absetzt; das ist recht,
seid ihr vom Geist beseelt.

Und wollen ihn die Herren nicht,
so sei es euch erlaubt,
für ihn zu sorgen, dass ihr nicht
die Obrigkeit beraubt.

Als zweites fordert ihr, dass man
den Zehnten fernerhin
dem Pfarrer und den Armen gibt;
was macht denn das für Sinn?

Der Zehnt gehört der Obrigkeit,
so wie Matthäus schrieb;
wer das bezweifelt ist ein Tor,
ein Räuber und ein Dieb!

Als drittes wollt ihr auch nicht mehr
leibeigen sein den Herrn,
denn Christus habe euch befreit?
Nichts läge je so fern!

Wer glaubt, dass ihm sein Leib gehört,
bestiehlt der Herren Recht:
ein weltlich Reich kann nicht bestehn,
gibt’s keinen Herrn und Knecht!

Die nächsten acht Artikel sind
von weltlicher Natur,
und es verstehen sich darauf
die Rechtsgelehrten nur.

Zuletzt wollt alles streichen ihr,
was nicht der Schrift entsprach;
nun kennt ihr Gottes Willen wohl -
so richtet euch danach!

Nun, liebe Bauern, liebe Herrn,
lenkt euren Blick nach vorn:
nichts christliches ist’s zwischen euch
als einzig Gottes Zorn.

Um weltlich und um heidnisch Recht
geht dieser harte Streit.
Legt ihn alsbald in Frieden bei;
Gott steht auf keiner Seit!


Allegro con moto

Ihr edlen Herren mit den vollen Mägen,
man hat euch nicht vergessen;
wir kommen hoffentlich nicht ungelegen
und stören nicht beim Fressen!

Ihr eitlen Herrn, spitzt eure tauben Ohren
und höret unsre Schemen:
die Bauern stehen jetzt vor euren Toren,
Gerechtigkeit zu nehmen!

Mir selber, Thomas Müntzer mit dem Hammer,
hat Gott das Schwert gesendet,
zu enden dieser Menschen großen Jammer,
die ihr so schimpflich schändet.

Und haben auch die Bauern schon entrechtet
die meisten eurer Väter,
ihr habt noch mehr gefoltert und geknechtet
als solche Übeltäter,

Lasst ihren Lohn in eure Kassen fließen
allein durch eure Stärke,
dass ja die armen Bauern nicht genießen
die Früchte ihrer Werke.

Und noch ein Zehnt und eine Fron! Wie kläglich
speist ihr sie mit den Resten;
der Bauer schafft nicht zwanzig Stunden täglich,
um euren Wanst zu mästen!

In eurer Scheune ist sein Brot verdorben:
ihr habt sein Recht und Hoffen
und, was der Bauer mühsam hat erworben,
verfressen und versoffen!

Wie süß schmeckt doch der Fleiß der Handwerksleute,
wie hat er euch gefallen;
doch drängt er sich zurück nach oben heute
und wird zu bittern Gallen.

Jetzt wird das Volk die Herrschaft sich erstreben
und Gott mit ihm regieren;
vorbei ist nun das sanfte faule Leben,
die fürstlichen Manieren,

Vorbei die Zeit der Kuchen und der Kräpfel,
die uns so lange fehlten;
oho! wie reif sind doch die faulen Äpfel,
wie mürbe die Erwählten!

Sie können ihren heißen Durst nicht stillen,
von Gottes Wort zu wissen,
dieweil sie um der bittren Nahrung willen
sein Wort verleugnen müssen.

Die Kirche war einst Jungfrau und Noblesse
auf der Apostel Spuren;
die Schüler machten bald sie zur Mätresse
und eines Römers Huren.

Sie haben stets gemehrt die Gier der Schinder
und Gottes Wort verboten,
sie taufen gar die ahnungslosen Kinder
und handeln mit den Toten!

Sie haben dicke Bücher vollgeschmieret,
in denen sie uns lehren,
der alte Prunztopf, der zu Rom regieret,
sei mehr als Gott zu ehren!

Wir werden richten, die den Herrn entehrten,
und seinen Tempel säubern
von Mördern und von falschen Schriftgelehrten,
von Händlern und von Räubern,

Die Bilder in den Kirchen niederreißen,
die teufelsfratzig lachen,
wie Gott im anderen Gebot geheißen:
du sollst kein Bild dir machen!

Vor wie viel Götzenbildern knien heute
die Mönchlein und die Nönnlein:
sie machen Christus zum Gespött der Leute
und zum gemalten Männlein!

Des Papstes hurenhengstisch Pfaffen rauben
die Seligkeit den Frommen
und haben von dem reinen Christusglauben
den Schlüssel weggenommen.

Die irren hodensäckischen Doctores
vergnügen sich in Sünden;
die lehren Gottes Volk des Satans Mores
und leben von den Pfründen.

Die Gottes Häuser so zum Jahrmarkt machen,
die sind mit euch verschwestert:
gemeinsam habt ihr ausgenutzt die Schwachen,
Gott und sein Volk gelästert!

Zu lange habt ihr fremden Lohn genossen:
Gerechtigkeit zu schaffen,
hat nun das Volk den Ewgen Bund geschlossen
und greift zu seinen Waffen.

Der letzte Bissen wird euch bald im Munde,
im Halse stecken bleiben,
und schließt ihr euch nicht an dem Gottesbunde,
so wird man euch vertreiben!

Es kann den Zorn des Herren niemand dämpfen,
kein Heer, kein Vaterunser,
und wer in Gottes Bund nicht möchte kämpfen,
ist Gottes Feind und unser!

Wie Daniel sprach: Gott wird vom Thron euch stoßen,
Gewalt und Macht auf Erden
wird nun anstatt den lästerlichen Großen
dem Volk gegeben werden!

Ihr habt ein böses teuflisches Gewissen
und führt ein gottlos Leben;
Gott hat das Schwert nun eurer Hand entrissen
und seinem Volk gegeben.

Verstockt das Herz wie das des Pharaonen,
so stur und hartgesotten,
gebietet Gott, solch Fürsten nicht zu schonen
und völlig auszurotten!

Das Schwert zu nehmen hat mir Gott befohlen,
doch wollt ihr zu uns eilen,
so wollen wir, was ihr von uns gestohlen,
auch christlich mit euch teilen.

Als Brüder unserm Bunde beizutreten,
das wollen wir euch raten,
so werden wir für eure Seele beten,
vergeben eure Taten.

Doch fahrt ihr fort, mit höhnischem Geläster
noch gegen uns zu wettern,
befiehlt uns Gott, dass wir all eure Nester
zerreißen und zerschmettern!


Agitato

Den Menschen heutzutage scheint
der eigne Stand nichts wert:
der Ochs verlangt des Sattels Last,
und pflügen will das Pferd.

Es hat der Fürst ein schweres Amt,
viel Sorge und viel Leid,
dieweil der Bauer fröhlich lebt
und schnarcht in Sicherheit.

Ich wollt, ich wär ein Bäuerlein:
ich könnte allzeit ruhn,
der Weizen wüchse ganz von selbst,
ich bräuchte nichts zu tun.

Ich habe in der letzten Schrift
die Bauern nicht verdammt,
dieweil sie unterstellten sich
der Bibel allesamt.

Doch ihre zwölf Artikel sind
nur eitel Lügenwerk:
sie halten mit der Niedertracht
nun nicht mehr hinterm Berg!

Wie tolle Hunde wüten sie
und rauben ohne Not,
und sie verdienen alle sich
den hundertfachen Tod!

Zum einen schworen sie den Herrn
Gehorsam, Treu und Huld;
jetzt haben sie sich abgewandt
und tragen tiefe Schuld.

Zum andern haben sie manch Schloss
und Kloster schon zerstört,
sie plündern, und sie rauben auch,
was ihnen nicht gehört.

Zum dritten nehmen sie dabei
die Bibel in den Mund
und zwingen Unbescholtne gar
in ihren Teufelsbund!

Sie wenden die Genesis vor,
weil dort geschrieben sei,
Gott schuf die Dinge allgemein,
und alles wäre frei!

Wohl waren alle Dinge frei
im Alten Testament,
doch zeigt, wer darauf sich beruft,
dass er die Schrift nicht kennt!

Hat Christus denn nicht frei gemacht
die Seele von der Welt
und Leib und Gut des Christen selbst
dem Fürsten unterstellt?

Welch feine Christen! Sehn sie doch
den eignen Nutzen nur.
Die Höll ist leer, weil jeder Geist
in einen Bauern fuhr!

Ihr schlimmster Teufel aber ist,
der alle Welt verführt,
der Erzesteufel Müntzer, der
zu Mühlhausen regiert!

Als Wolf im Schafskleid lauert er,
wer in die Falle geht:
so wurde der gelehrte Mann
beschissener Prophet!

Als Priester seines Beelzebubs
verdreht er Gottes Wort,
und dieses hohlen Baumes Frucht
ist Aufruhr und ist Mord!

Er lehrt, dass man auf Gottes Stimm
und Träume hören soll,
als wäre er, den Gott verwarf,
zehn Heilger Geister voll!

Ich höre nichts, ich träume nichts
und bin doch Gottes Stift:
Gott redet nicht durch Traum und Geist,
er redet durch die Schrift!

Er lehrt zu stürzen jedes Bild
in seinem großen Wahn,
so wie es mit den Götzen einst
der Jude hat getan.

Der Bilderdienst, er widerspricht
zwar Gottes reiner Lehr,
doch wo die Herzen man gewinnt,
ist bald kein Bildnis mehr.

Er lehrt gar, dass der Bauer sich
der Obrigkeit erwehrt,
weil, wie er glaubt, der Fürst zuviel
von seinen Früchten zehrt.

Er würde sich, läs er die Schrift,
ersparen solch Geplärr:
auch Christ stand vor Pilatus einst
und sprach: Du bist mein Herr!

Sein Reich ist nicht von dieser Welt;
der Christ - wie ich und du -
muss dulden, denn wo Faustrecht gilt,
geht’s mit dem Teufel zu.

Drum will Gott, dass die Obrigkeit
mit Macht dazwischenschlägt,
solang in ihren Armen sich
noch eine Ader regt!

Die Obrigkeit hat selber zwar
den lieben Gott entehrt,
doch gegen Aufruhr, Raub und Mord
befiehlt ihr Gott das Schwert!

Drum sprech der Fürst: Gott hat mich selbst
zur Obrigkeit gesetzt,
und jeder Mensch verdient den Tod,
der sein Gebot verletzt!

So kommt es, dass ein jeder Herr,
der in dem Kampfe stirbt,
weil er auf Gottes Seite stand,
den Himmel sich erwirbt.

So kommt’s auch, dass ein Bauer, der
ein Herr zu sein begehrt,
sich dadurch Leib und Seel verwirkt
und in die Hölle fährt.

Doch gnädig sei die Obrigkeit
den Frommen im Gericht:
mit Aufruhr, Raub und Mord begnügt
der Pöbel sich ja nicht,

Ist nicht zufrieden, durch sein Werk
des Teufels Glied zu sein -
sie zwingen auch manch edlen Mann
in ihren Bund hinein!

Drum löst, errettet, helfet nur
dem armem frommen Mann;
die Bauern steche, schlag und würg
ein jeder, der da kann!

Es töte jeder gute Christ
die wilden Bauern gern;
es wird, wer dabei selber stirbt,
zum Märtyrer des Herrn!

Nun sage jeder fromme Christ
sein Amen zum Gebet,
denn Gott ist allem Aufruhr feind
und hört auf den, der fleht!


Trionfante

Das ist der Luther, den die Fürsten preisen,
der deinetwegen auf der Wartburg saß,
der an der Tafel Friederichs des Weisen
das Reformieren voll und ganz vergaß
und nun versucht, die Frommen abzuspeisen,
von deren Elend er ein wenig las;
denn wer sich hat vom Papsttum abgespalten,
muss um so treuer zu den Fürsten halten.

Der Mensch soll frei allein im Glauben werden,
und aller Glaube sei dem seinen gleich;
nur wer die Hölle schafft und trägt auf Erden,
erwirbt im Tode sich das Himmelreich -
so lehrt Herr Luther lieben die Beschwerden
und dulden seiner Fürsten bösen Streich.
Hätt man ihn selbst zum Papste einst erkoren,
dann wehe! wehe! den Reformatoren!


Allegro con brio

Wie windet Doktor Lügner sich in Krämpfen,
die Frommen zu betören:
der Teufel will das Gotteswort bekämpfen
und nichts vom Geiste hören.

Im Traume Gottes Willen zu ergründen
sei gegen die Erfahrung:
ja, wer den Heilgen Geist im Buch will finden,
hat keine Offenbarung!

Auf tote Lettern kann der Herr verzichten
im Aug des Gottesmannes:
er zeigte sich in Stimmen und Gesichten
von Adam bis Johannes.

Der Madensack glaubt doch die Schrift zu kennen:
wie kann er sich erfrechen,
zu sagen - ohne seine Quell zu nennen -,
Gott könne nicht mehr sprechen?

Den Vater Leisetritt mit seinen Laffen
lasst nur sein Süpplein kochen;
Gott hat noch nie durch schriftgelehrte Affen,
durch Mönch und Pfaff gesprochen.

Der Bruder Sanftes Leben bete weiter
zu seinem stummen Gotte;
drum lasst nur zu, ihr lieben Gottesstreiter,
dass Jungfrau Martin spotte.

Die keusche Frau aus Babylon lässt ihren
papiernen Papst beschwören,
von schriftgelehrten Freiern sich flankieren;
der Bauer soll es hören!

Er kann recht artig seinen Namen sagen,
so wie ein kluger Rabe:
Ich bin der Martin, wollt ihr’s mit mir wagen?
Bewundert meine Gabe!

Vom Brüllen heiser ist schon seine Kehle:
den Teller sich zu füllen,
verkaufte Bruder Mastschwein Geist und Seele
um einer Suppe willen.

Das Reformieren macht er überflüssig,
der mit Gerechten rangelt,
weil, was an Fürstenfurcht ihm überschüssig,
an Gottesfurcht ihm mangelt.

Er kann vor Fett nicht halb so tief sich beugen
wie jener Tisch des Fürsten,
an dem er Gottes Liebe mag bezeugen
bei Käse, Wein und Würsten.

Er hat im Schoß des süßen Jesuleinchen
den bittern Christ vergessen,
doch eines Tags hat sich das kleine Schweinchen
am Honig totgefressen.

Wohl kann er gegen Pfaff und Bauern schreiben
- sie können sich nicht wehren -,
doch unsre Fürsten und ihr gottlos Treiben
hält Leisetritt in Ehren.

Vergeblich wird der Fettsack sich befleißen,
wenn er die Bauern richtet,
das Volk mit seiner Logik zu bescheißen,
im Hühnerstall erdichtet:

Der Bauer soll geduldig stillehalten,
was ihm auch widerführe,
sich freundlich sterbend beugen den Gewalten,
wie Christen es gebühre.

Doch die Tyrannen auf dem hohen Wagen,
die sollen ohne Bange
die Hungerleider rücksichtslos erschlagen,
wie Christus es verlange!

So lässt der Doktor Ludibrii schießen -
er ist des Fürsten Heerhold,
will Dank verdienen durch das Blutvergießen:
er ist des Fürsten Heer hold!

Wer so um Mord und Totschlag hat gebeten,
wird Gott bei sich nicht leiden:
eh dieser wird das Paradies betreten
sind’s Türken, Juden, Heiden!

Der Wittenberger Papst ist schlecht beraten
und kniet zu Friedrichs Füßen;
der seine Väter treulos hat verraten,
wird ewig dafür büßen!

So spüren nun die Bauern ohn Erbarmen
das Schwert anstatt der Rute,
und dazu sagt der Doktor Lügner: Amen!
und lechzt nach ihrem Blute.

Der hodensäckische Doktor verrecke,
er wird hier nichts beschicken:
an Luthergrütze und am Martinsdrecke
wird mancher noch ersticken!


Vivace

Hier stehn sie nun, die letzte Schlacht zu schlagen,
sich zu erringen Freiheit oder Tod,
doch ist es fraglich, ob sie’s wirklich wagen,
vom Fürstenheer belagert und bedroht;
so mancher Bauer will schon fast verzagen
und überdenkt der Fürsten Angebot,
den Bauern allen gnädig zu vergeben
im Austausch gegen Thomas Müntzers Leben.

Die Schlacht der Schlachten muss geschlagen werden,
denn unbesiegbar ist der Bauern Wut -
begründet sind der armen Leut Beschwerden,
begründet ist ihr Durst nach Fürstenblut;
sie brauchen keinen Frieden vorgelogen,
sie brauchen nichts als nur ein Fünkchen Mut!

Ihr Bundeszeichen ist der Regenbogen,
der einmal schon bestärkte sie im Krieg,
als gegen ihren Feind sie ausgezogen,
und sie errangen den verdienten Sieg!
So helfe Thomas Müntzer und den Seinen,
der siegessicher auf den Schlachtberg stieg,
der Bauern größte Heere zu vereinen,
mit deren Kraft man manchen Fürsten schlug,
und lass den Regenbogen ihm erscheinen!

Der Regenbogen ist doch Gottes Zeichen:
nachdem er so viel Menschen umgebracht,
ließ er sich einmal noch das Herz erweichen
und hat im Bund der Menschheit neu gedacht.
Der Regenbogen ist doch Gottes Zeichen,
und über diesen hab ich keine Macht;
ich könnte höchstens den verzagten Massen
den Halo um die Sonne scheinen lassen.

So nimm den Halo! Der ist gut genug;
es wird der Bauern Furcht sofort verfliegen,
und jeder wird sich drängen in dem Zug,
die unbarmherzgen Herren zu bekriegen.
Auf ihrer Seute kämpft das Recht, der Hass,
und wenn sie die Tyrannen erst besiegen,
so scheint die Sonne ohne Unterlass!


Allegro con fuoco

Wie lange wollt ihr Brüder denn noch zagen?
Was schlottern euch die Beine?
Nur dran! Nur dran! Und fröhlich dreingeschlagen:
wir kämpfen nicht alleine!

Noch immer fürchtet ihr die hohen Herren,
die euch zu Grunde richten,
doch wollt ihr ihren Karren nicht mehr zerren,
so müsst ihr sie vernichten!

Das machen doch die hohen Herren selber,
dass wir uns müssen wehren:
wir sind nicht mehr die Lämmer und die Kälber,
sind Löwen und sind Bären!

Wir blieben friedlich bis zu dieser Stunde -
jetzt ist es Zeit zu handeln!
Wir luden sie doch ein zu unserm Bunde;
sie wollten sich nicht wandeln.

Man kann dem Herrn nicht und den Herren dienen,
da beide sich bekriegen;
wer zu den Fürsten hält und kämpft mit ihnen,
der muss auch Gott besiegen!

Und würde Barbarossa gar zum Streite
aus dem Kyffhäuser gehen:
Gott selber kämpft voll Zorn an unsrer Seite -
wer mag uns widerstehen?

Nur dran! Nur dran! Es hat der Herr gerichtet!
Lasst keinen Feind am Leben!
Auch Gideon hat Tausende vernichtet -
sein Schwert ist uns gegeben!

Habt ihr Hesekiels Bild denn schon vergessen
von Magogs wüstem Haufen? -
Das Fleisch der Fürsten werden Vögel fressen,
ihr Blut die Tiere saufen!

Wie Jesus spricht zu Jüngern und Gemeinde:
Wer für mein Reich will taugen,
der nehme und erwürge meine Feinde
vor meinen eignen Augen!

Wer freudig kämpft für Gottes Wort hinieden,
dem lass ich es gelingen:
ich komme nicht, um dieser Welt den Frieden,
doch um das Schwert zu bringen!

So lasst es den Tyrannen nicht mehr glücken,
euch weiter einzuschüchtern.
Sie werden euch nun nicht mehr unterdrücken:
seid wachsam und seid nüchtern!

Nur dran! Nur dran! Lasst euren Mut nicht trüben,
bedenkt vor allen Dingen:
beschissene Barmherzigkeit zu üben,
kann nur den Tod euch bringen!

Und wenn sie wie die kleinen Kinder flennen
und schwören stillzuhalten,
so werden sie euch später doch verbrennen,
und alles bleibt beim Alten!

Wie Saat des Unkrauts sind der Fürsten Worte;
sie schmeicheln, wenn sie dräuen.
Wer würde wohl den Samen solcher Sorte
sich auf den Acker streuen?

So glaubt auch nicht den frommen Bettelworten,
die mancher Fürst erlernte,
und schreit das Unkraut auch an allen Orten,
noch sei nicht Zeit zur Ernte!

Nur dran! Nur dran! Und wollt ihr nicht auf Erden
um Gottes willen leiden,
so müsst des Teufels Märtyrer ihr werden,
von Gottes Volk euch scheiden!

Bedenkt auch: wir sind hier, für Gott zu streiten,
und nicht, um hier zu plündern;
der Herr wird bis in alle Ewigkeiten
sich rächen an den Sündern!

Seht auf! Ein Regenbogen ist erschienen:
Gott steht mit uns im Bunde!
So lasst uns eifrig mit dem Schwert ihm dienen
in dieser Schicksalsstunde!

Dort kommt auch schon der Fürsten Heer gezogen:
sie haben Wort gebrochen
und mit der Waffenruhe uns belogen,
die wir doch abgesprochen!

Nur dran! Nur dran! Gott steht auf unsrer Seite,
die Freiheit zu erringen!
Nur dran! Nur dran! Und lasst uns in dem Streite
ein Lied dem Herren singen:

Komm zu uns, Schöpfer, Heilger Geist, hernieder,
erfülle unsre Herzen,
erleuchte deine arme Herde wieder,
die zu dir seufzt mit Schmerzen.

Du bist ein wahrer Tröster wohl zu nennen
und stärkst den, der bescheiden;
so lehr uns deinen Christus recht erkennen
und so wie Christus leiden!

Vertilge unsrer Seele arge Feinde
ohn Milde und Erbarmen,
gib Mut und Kraft der zagenden Gemeinde,
dein Kreuz zu tragen. Amen!


Adagio

Dort thront der Kopf des Priesters und Propheten,
auf einen Pfahl am Schadeberg gesteckt;
er konnte auf der Flucht ein Haus betreten,
doch wurde er von einem Gast entdeckt.
Er musste scheitern mit den Kraftpaketen,
die schon die Angst vor Strafe lähmt und schreckt;
nur sechs vom Fürstenheer sind zu beklagen,
die Bauern wurden allesamt erschlagen!

Mag sein, die Zeit ist noch nicht reif gewesen:
die Bauern hatten Furcht vor ihrem Ziel
und sind noch nicht vom Sklaventum genesen.
Zwar machte diesmal noch der Fürst das Spiel
und konnte seine Untertanen zähmen,
da ihm der Sieg ja fast vom Himmel fiel;
doch einmal wird der Deutsche sich bequemen,
wird sich erheben gegen seine Herrn
und sich die Freiheit, die ersehnte, nehmen!

Nach Freiheit wird der Deutsche niemals streben,
da diese die Verantwortung gebiert.
Nur einmal wird dies Land in Freiheit leben,
und zwar nach einem Krieg, den es verliert:
die Freiheit wird, nachdem man sich ergeben,
vom Sieger dem Besiegten aufdiktiert.
Dann wird verächtlich und mit bösem Grimmen
der Deutsche sich in Freiheit selbst bestimmen.

Doch ewig wird er in dem Herzen hegen
den Groll, dass seinen Herren er verlor,
und sich auf einen andern zubewegen,
der tausend Jahre Tod der Freiheit schwor,
Europa ganz in Schutt und Asche legen
und morden so wie kaum ein Volk zuvor:
er wird mit den barbarischsten Verbrechen
sich für die aufgezwungne Freiheit rächen!

Ich wollte ohnehin nicht gar so gern
im Gottesstaate Thomas Müntzers leben;
die irdschen Freuden wären mir zu fern.
Ich hätte manches Laster aufzugeben,
ich müsste Sonntags in der Kirche sein,
ich müsste ständig fürchten um mein Leben
bei einem jeden kleinen Stelldichein;
die Zeugung ohne Liebe zu betreiben
und den Fanatikern sich einzureihn,
kann man als Freiheit schwerlich noch beschreiben,
bereitet man dem Freien doch Verdruss:
so frei zu sein, dass andere es bleiben,
das ist allein der Freiheit letzter Schluss!


Variation

Da die hohen Fürsten mich beordern
nach dem ausgekämpften Bauernkrieg,
um von mir ein Siegesmal zu fordern,
eine hübsch Viktoria für den Sieg,
will ich, Albrecht Dürer, mich befassen
und ein angemessnes Ehrenmal
jenen werten Herrn errichten lassen,
denen unser Gott den Sieg befahl!
Legt auf eine reichlich große Platte
einen etwas kleinern Quaderstein,
ringsherum das, was der Bauer hatte:
viele Kühe, Schafe und auch Schwein’.
Einen weitern Stein legt dann auf diesen,
etwas kleiner wiederum gebaut,
und darum vier Körbe mit Gemüsen,
Käse, Butter, Eiern, Zwiebeln, Kraut.
Einen Haberkasten stellt darüber,
darauf einen Kessel, kopfunt bloß,
einen hübschen Käsnapf obendrüber,
darauf einen Teller, möglichst groß,
dass er an den Seiten überrage,
darauf setzt ein großes Butterfass,
welches wieder einen Milchkrug trage:
dieser Milchkrug halte alles, was
solch ein Bauer braucht, um sich zu placken -
Mistfork, Gabel, Flegel, Schaufeln, Haun,
andres Werkzeug, Rechen, Stock und Hacken,
drauf sollt ihr ein Hühnerkörbchen baun.
Ganz zuoberst setzt ihr einen Bauern
auf den Schmalztopf, welcher ausgezehrt,
seinen Kopf gestützt in tiefem Trauern,
und sein Leib durchbohrt von eurem Schwert.


9. Animato

Heut will ich ins Elysium verreisen,
der Selgen Insel, die im Westen liegt,
dem Grünen Eiland, das die Griechen preisen,
wo Hunger, Arbeit, Leid und Tod besiegt!
Den Mantel, schnell - ich kann es kaum erwarten,
dass er uns hin ins Land des Kronos fliegt!

Das ist vorbei! Die Lieder sind verklungen,
die Leiden feiern ihre Wiederkehr.
Not, Tod und Arbeit sind dort eingedrungen,
und Selge gibt es lange schon nicht mehr;
von einer fremden starken Macht bezwungen,
vor einem unerbittlich harten Heer,
hat Irland seine Freiheit aufgegeben,
und lebenslanges Sterben ist das Leben.

Der Graf von Kildare hat ein Positiönchen,
das früher manche Besserung gebracht,
doch schrieben seine Feinde Denunziönchen,
die man in England keineswegs belacht;
er hat in weiser Vorsicht schon sein Söhnchen
zu seinem Stellvertreter sich gemacht.
Dann rief man ihn zu Heinerich dem Achten;
nun wird im Turm zu London er verschmachten.

Was sucht denn England in der Götter Garten,
was wütet Heinrich denn im Paradies?
Soll denn zum zweiten England jetzt entarten
der Platz, an den man Hellas’ Helden wies?
Der König soll bezahlen seine Schulden
und seine Büttel enden im Verlies;
wie könnt ich dulden, dass die Iren dulden?


Agitato

Wie soll ich meines Vaters Land verwalten,
weiß ich doch nicht, was mit ihm ist geschehn.
Wird König Heinrich ihn nur da behalten,
bis dort die Richter seine Unschuld sehn?
Wird ohne Schuld er zum Schafotte gehn,
dem Vaterland sein Leben hinzugeben,
und man die Kildares ihrer Macht entheben?

Lord Offaly, ich möchte Euch nicht stören;
ich komm soeben aus des Königs Stadt,
und sicher interessiert es Euch zu hören,
was sich in London zugetragen hat.
Wie sehr ist Euer Schicksal zu beklagen -
ich sah den Vater, abgespannt und matt:
man hat das Haupt dem Grafen abgeschlagen,
und Heinrich sah das Schauspiel voller Lust!
Ihr solltet seinen Tod zu rächen wagen,
brennt doch sein Feuer auch in Eurer Brust;
der letzte Sieg wird immer dem bereitet,
der sich der guten Sache ist bewusst
und mit dem Recht auf seiner Seite streitet!

Nun hat es der Tyrann zu weit getrieben!
Er nahm uns aus, er schlug uns ins Gesicht,
und viele Jahre sind wir stumm geblieben;
doch heute werden wir ihm zum Gericht,
die Rache und die Freiheit unsre Pflicht!
Nicht länger bin ich Heinrichs Stellvertreter:
ich bin der Rächer aller unsrer Väter!


Rallentando

So hast du diesem Lord den Sarg gezimmert
durch deine unbedachte Lügenmär,
in dem zwar noch ein Hoffnungsfünkchen flimmert,
doch auch Maynooth hat keine starke Wehr.
Der Iren Lage hast du noch verschlimmert:
jetzt lagert allerorten Heinrichs Heer.
Nach der Revolte, die du angezettelt,
wird auf den Knien um Gnade nun gebettelt.

Zwar klagt der Lord, dem Papsttum treu verpflichtet,
dass Heinrich auch als Feind der Kirche kam,
doch wird er durch des Klerus Schrift vernichtet -
da stirbt der Graf im Turm vor lauter Gram.
Dann stellt der Lord sich und wird hingerichtet,
weil er das Schwert in seine Hände nahm,
und Heinrich wird den Iren gar die Riten,
den Glauben, Sprache und Kultur verbieten!

Mag sein, dass man sich dieses Mal ergeben;
zwar ist misslungen dieser eine Streich,
doch eines Tags wird Irland sich erheben
und sich befrein aus der Tyrannen Reich.
Man wird aus den begangnen Fehlern lernen
und einem eitrigen Geschwüre gleich
die fremde Macht aus seinem Land entfernen!


10. Allegro ma non troppo

Mir träumte heute Nacht, dass diese Erde
die Bosheit und die Religion verlor,
mit würdiger pathetischer Gebärde
zu höhern Sphären stieg der Geist empor.
Zu Herrn der Weisheit wurden alle Knechte,
zu ihrem Knechte, wer ein Herr zuvor.
Ich glaube fast, das ist genau das Rechte,
so wird die Zukunft sein in jedem Land;
wenn nur der Mensch es endlich so weit brächte,
im Geist zu streiten statt mit böser Hand,
wenn er sich bilden würde statt zu kämpfen
und hätt statt Waffen Seele und Verstand.

Wann hörst du auf, die Freiheit zu erträumen,
die nicht den Durst der Knechtesgeister stillt,
dich gegen Unterdrückung aufzubäumen
der Menschen, die zur Folgschaft sind gewillt,
und Dumme mit der Weisheit aufzuzäumen?
Es wird die Menschheit nie dein Ebenbild,
und immer werden sich der Welt Gewalten
an die Gebote Machiavellis halten.

Mein eignes Land will ich dir heute zeigen -
von dort regier ich bald schon diese Welt,
dort wird so mancher Staat sich vor mir neigen,
auch wenn’s den Unterworfnen nicht gefällt.
Dort mache ich die Weltmacht mir zu Eigen,
und wehe dem, der meinen Weg verstellt!
Dies Land war früher Gottes eignes Land,
bis Christoph meinen Weg nach drüben fand.

So mancher Midas wird ums Gold sich reißen,
doch fließt kein Paktalos in seinen Gaun,
die Armut wird erfolgreich sich befleißen,
und niemand wird dem anderen vertraun:
voll Habgier wird den Nächsten man beschaun
und dieses Land zu meinem Tempel baun,
zur Freien Welt, denn bald ist sie befreit
von jeglicher Kultur und Menschlichkeit.

Wer heut dort lebt, wird schnellstens ausgerottet,
wer überlebt, ist ewig vogelfrei,
der Sklave wird als Untermensch verspottet,
auch nach dem Ende aller Sklaverei.
Nur wer als Weißer mit der Masse trottet,
hat ein paar Rechte, hat er Geld dabei.
Den Mantel, rasch! Zum Himmel hin, dem blauen:
du sollst sofort mein künftges Weltreich schauen!

Wohlan! Verstehst recht gut, den Mut zu dämpfen;
nun denn, jetzt will ich es auch selber sehn!
Und windet sich die Seele auch in Krämpfen,
ich kann nicht ändern, was noch wird geschehn.
Bizarres Bild! Aus Stein ein Ameishaufen,
welch Quaderfelsen seh ich vor mir stehn?

Ein Wohnfels ist’s, von dem auch mache springen,
wo Tausende von Menschen eingezwängt
den Abend und die Nacht verbringen,
bis sie’s zum Arbeisfels am Morgen drängt,
wo sie dann werkeln an den vielen Dingen,
von denen ab der Sinn des Lebens hängt.
So stumpf und sinnlos ist es, was sie machen:
ihr Lebensinhalt sind nur solche Sachen.

So strömen nun von Fels zu Fels die Scharen,
Termiten ähnelnd, die nicht gerne ruhn,
um blöd in allen ihren Lebensjahren
das gleiche stets tagaus, tagein zu tun,
in pferdelosen Kutschen auszufahren
und Fernes anzusehn in kleinen Truhn.
Man hat der Dumpfheit Namen auch gegeben -
ihr ödes Dasein nennt sich: Arbeitsleben.

Auch wollen manche auf dem Schlachtfeld liegen
für Gott und Vaterland nach scharfem Drill;
sie werden manches andre Land bekriegen,
das nicht nach ihrer Weise leben will.
Es wird kein Volk sie jemals echt besiegen,
darum hält alle Welt vor ihnen still,
und sie diktieren ihnen nicht vergebens
die freie Knechtschaft, ihren Weg des Lebens.

Ihr höchstes Ziel ist: über allen stehen,
das meiste anzusammeln mit Gewalt,
und muss man dafür über Leichen gehen,
ist’s nicht zu ändern, und dann geht man halt.
Sie mühen sich, ihr Tagwerk zu versehen:
wo Hände schwitzen, bleibt der Brägen kalt.
Der Geist, den mächtig du empor willst schwingen,
hat Platz gemacht den wichtigeren Dingen.

Wie emsig alle durch die Gegend laufen,
und nicht zur Linken noch nach rechts geblickt
! Als könne man die Freiheit sich erkaufen,
wenn man nur mit der Masse jauchzt und nickt.
Nach menschlichem und geistigem Ermessen
ist dieses Volk zur Freiheit nicht geschickt;
von Bosheit, falscher Religion besessen,
bekämpft man alles, was von andrer Art.
Jetzt lass die düstre Zukunft mich vergessen:
ich sehn mich nach der trüben Gegenwart!


Vivace

Wie ratlos steht vor den Naturgewalten
der kleine Mensch, vor seiner Schöpfung Born;
hab Haare, Hymen, Heere gar gespalten,
erlangte Satans Gunst und Gottes Zorn
und bleibe voller Ehrfurcht sprachlos stehen
vor einem unscheinbaren Samenkorn.
Zwar kann man seine große Kraft nicht sehen,
die in der zarten Schale sich versteckt,
doch ist der Same reif, um aufzugehen,
wenn Licht und Wasser diese Kräfte weckt.
Wie kann er nur die eigne Hülle sprengen
und wie die Erde, die ihn zugedeckt?

Das Leben wird zwar überall gefunden,
ganz gleich wohin wir auf der Erde gehn,
doch die Beschaffenheit auch zu erkunden,
gelang noch keinem: heut sollst du sie sehn!
So lass uns mit dem Mantel ein paar Runden
in diesem kleinen Samenkörnchen drehn:
du wirst am schnellsten zur Erkenntnis dringen,
erkennst du große in den kleinen Dingen!

Du willst uns in das Samenkörnchen zwängen?
Du willst doch nicht - da geht es auch schon los!
Erdhäufchen werden nun zu steilen Hängen,
bald sind die kleinen Gräser baumesgroß;
so pass doch auf! Ich fürchte ungelogen,
dass ich mich gleich am Gänseblümchen stoß!
Um Gottes willen, schlage einen Bogen!
Ist dieses Riesenmonster wieder fort? -
Fast wären wir dem Floh ins Maul geflogen!
Zu Hilfe! Hilfe! Glaube meinem Wort:
die Mücken werden beide uns erstechen!
Da steht das Körnchen; sind wir erstmal dort,
so hältst du an - das musst du mir versprechen.
Bist du verrückt? Wir knallen an die Wand!
Wir können diese Mauer nicht durchbrechen!

Und immer näher, größer! Wie gebannt
erwarte ich das Ende unumwunden,
doch plötzlich löst sich wie von Geisterhand
die Mauer auf und ist bald ganz verschwunden;
nur ihre Steine schweben durch den Raum,
und scheinbar ziellos drehn sie ihre Runden,
doch nicht wie Steine - nein, ich glaub es kaum:
sie ziehen ihre Bahnen so wie Sterne,
und ich durchstreif das Weltall wie im Traum
. Kometennebel seh ich in der Ferne
und große Sonnen hier und überall;
dass ich den Kosmos nun im Saatgut lerne!
Zwar kann man sehen, dass in manchem Fall
die imposanten Sonnen auch vergehen
in einem kolossalen Feuerball,
doch sind’s noch mehr, die dafür neu entstehen
und die es immer zu den Rändern lenkt,
da alle voneinander fort sich drehen,
als würden sie im Zentrum eingeschränkt.
Und damit ist die Frage abgehandelt:
das Leben ist, was neue Grenzen sprengt,
das Leben ist, was immerfort sich wandelt!


12. Ardente

Die schönste Frau, die je auf Erden lebte,
wird heute Nacht mit mir vereinigt sein -
wonach mein Herz und Sinnen immer strebte,
die Edelste der Edlen werde mein!
Mephisto, heute sollst du mich verwöhnen
und mich von meiner Einsamkeit befrein;
mein Dasein auf der Erde nun zu krönen
durch meines Lebens höchsten Lustgewinn,
beschwöre mir die Schönste aller Schönen!

Schon lange habe ich darauf gewartet,
dass du begehrst die schönste Frau der Welt,
die mit die in ein neues Leben startet -
ich bin schon lange darauf eingestellt.
Sie alle sind besonders hübsch geartet;
ich ahne, wer am besten dir gefällt.
Die Namen brauche ich dir nicht zu nennen:
du wirst sie selber sicherlich erkennen.

Das ist Draupadi, Pandu-Königin,
wohl eine der bezauberndsten Gestalten,
doch steht mir nicht nach einer Frau der Sinn,
die in dem Herzen keinen Stolz lässt walten:
die ihrem Mann verzieh, der sie als Pfand
verspielte, scheint nicht viel auf sich zu halten.

Und das ist Brigid, zierlich und charmant,
der Dichter Göttin, die in Irland wohnen.
Sie hat mir eine Seite zugewandt;
die andre gleicht dem Haupte der Gorgonen -
zu Stein erstarren muss, wer je es sieht:
mit solcher Schönheit magst du mich verschonen.

Und diese edle Frau ist Sulamith,
von deren Weisheit viele uns berichten,
die liebend sich mit Salomo beriet:
sie kennt wohl viel romantische Geschichten,
doch ich erwarte mehr von unserm Bund
als Rätsel lösen oder Lieder dichten.

Dort lacht mir Salome mit rotem Mund,
so zauberhaft, so schön und so durchtrieben,
die Grazie aus dem tiefsten Höllenschlund;
die Mordlust steht ihr ins Gesicht geschrieben,
und wer sie liebt, schwebt ständig in Gefahr
zu sterben, um sie bis zum Tod zu lieben.

Und diese ist gewiss Kleopatra,
von der die Konsuln und Cäsaren schwärmen,
in der Antonius sein Schicksal sah,
weshalb Oktavia sich musste härmen.
Sie hatte eine Nase für die Macht;
ich kann mich für den Zinken nicht erwärmen.

Doch wer ist, die so unergründlich lacht,
als würde sie ob meiner Sehnsucht scherzen?
Die Augen sind viel tiefer als die Nacht,
und doch so hell wie hunderttausend Kerzen;
die Liebe ist ihr liebster Zeitvertreib,
ihr Reichtum sind gebrochne Männerherzen.

Helena muss es sein, das Teufelsweib,
an deren Schönheit sich die Dichter laben,
die Dame mit dem Wanderunterleib,
die stets für schöne Männer ist zu haben
und unter ihrer Treuelosigkeit
das stolze Troja restlos hat begraben.

Die sei’s! Mephisto, halt sie mir bereit
und lass sie vom Olympos schnellstens kommen;
beeile dich, verliere keine Zeit!

Du musst dir selber schon dein Glück gestalten;
ich kann nicht gehen, aber sei getrost!
Poseidon, Hades, Zeus und ich verwalten
die Erde, aufeinander oft erbost -
ich habe nur das Abendland erhalten,
als wir des Kronos Erbteil ausgelost;
zuletzt versprachen wir vor allen Dingen,
nicht in der andern Reiche einzudringen.

Doch lass ich dir errichten eine Bühne,
von der du über ihre Liebe wachst,
damit du siehst, wie treulich ich dir diene,
dass du die Göttin dir zu Eigen machst:
in ihrem Tempel steht die Windmaschine,
mit der du ihres Herzens Glut entfachst.
Du wirst sie ohne jeden Kampf besiegen;
sie wird von selbst an deine Brust dir fliegen!

Ich komm! Ich komm! Ich hab den Ruf vernommen -
Helena, heute Nacht noch bin ich dein!
Nur rasch, nur rasch den Götterberg erklommen!

Mein Leben will ich nun der Liebe weihn,
der ich zur Liebe mich so spät ermannte,
und ewig treu wird mir die Göttin sein,
die doch als Menschin keine Treue kannte.
Nun will ich der Erfüllung Fülle sehn,
das Herz, das meinem Herzen nur entbrannte,
und auf der Liebe höchstem Gipfel stehn;
um zu befriedigen die edlen Triebe,
muss zum Olymp ich, zu den Göttern gehn.
Ach, dass ihr Herz doch nun beständig bliebe,
wo sie als Göttin einem Mann gefällt;
ach, wäre nicht die Liebe, ja, die Liebe
so fremd den Menschen und so fern der Welt!

© 6234-6235 RT (1993-1994 CE) by Frank L. Ludwig