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Hans Faust

- Kein Heldenepos -


Tod im Birkenmoor

Die Waffe schweigt, die weißen Rinder bringen
der Göttin Wagen, und die Menschen singen:

Gelobt seist du, die uns herabgestiegen,
den Hunger und die Feindschaft zu besiegen!

Der Priester lässt zur Herberg Nerthus führen,
er, der ihr Tuch alleine darf berühren.

Gar mancher träumte spät bis in die Frühe,
welch holdes Antlitz wohl darunter blühe.

Man opfert’ viel, und recht behaglich machte
man es der Göttin, die den Frieden brachte.

Von nun an schwiegen Sorgen, Krieg und Klage,
und man beging manch freundliches Gelage.

Da war ein Schmausen, Lachen und ein Zechen,
es floss der Met in endlos wilden Bächen.

Doch einmal sprach die Göttin recht verdrossen:
Gastfreundschaft hab ich lange hier genossen,

Spannt meine weißen Rinder vor den Wagen,
die werden eilend mich nach Asgard tragen.

Gebt mir auch Sklaven mit vor eurem Tore,
dass sie mich waschen in dem Birkenmoore.

Die Weiber flehn auf Knien, sie möge bleiben,
die Kinder sieht man weinend Augen reiben.

Die Männer schleichen fort auf leisen Sohlen,
die Streitaxt aus der Hütte sich zu holen.

Der Wagen rollt, die weißen Rinder fliegen
dem Moore zu, wo sich die Birken wiegen.

Und wo die Zweige sich zum Wasser neigen,
sieht man die Göttin aus dem Wagen steigen.

Wie düster liegt das Moor im Sonnenscheine;
die Sklaven folgen nach bis hin zum Haine.

Mit Krügen, um das Wasser herzutragen,
sind sie zurück und waschen Rind und Wagen.

Als diese Arbeit endlich ist beendet,
der Sklaven Blick zum Moore hin sich wendet.

Sie alle müssen in das Wasser gehen:
nur einer darf die Göttin selber sehen.

Wenn dann das letzte Haupt im Moor verschwindet,
die Göttin Nerthus sich des Tuchs entbindet,

Entledigt sich der Kleider, sie zu geben
dem letzten Sklaven, der noch ist am Leben.

Beim Waschen lässt sich’s dieser nicht entgehen,
auch ab und an zur Göttin hinzusehen.

Ihr Anblick selbst ist schon mir ein Entzücken,
so sanft das Antlitz und so schlank der Rücken,

So rot das Haar, so zierlich ihre Brüste,
dass ich nichts besseres zu träumen wüsste.

Ach, wär sie doch von Menschen statt von Göttern,
ich wollte sie ein Leben lang vergöttern.

Die Göttin kommt, er spricht zu ihr vermessen:
Dein heutges Bad wirst niemals du vergessen!

Tatsächlich ist die Göttin sehr zufrieden
und hat ihm dies nach ihrem Bad beschieden:

Noch niemals hat man mich so sanft berühret,
nie hab ich meinen Körper so verspüret,

Nie fühlte ich so liebevolle Hände;
wärst du statt Sklave doch ein Gott am Ende!

Bevor ich mich zum letzten Mal verneige,
bevor auch ich ins Moorgewässer steige,

Will ich dich noch in einem überraschen:
es war kein Sklave, der dich heut gewaschen.

Ein Jäger war’s, voll Neugier und Verlangen,
und mit den Sklaven ist er drum gegangen.

Dies kann die Göttin Nerthus schwerlich fassen:
Um mich zu sehn, willst du dein Leben lassen?

Erkenntnisdrang besiegt die Angst vorm Tode;
nun, junger Freund, dein Beispiel ist nicht Mode.

Wir werden uns, dies Wort kann ich dir geben,
einst wiedersehn in deinem nächsten Leben.


Ouvertüre

1. Scherzando

Ein bös Furunkel! heißa, ein Furunkel!
Und dieser Tag war nicht umsonst gelebt!
Du, Mädchen, bringst mir Licht in all das Dunkel,
das Tag und Nacht mir Herz und Sinn umwebt.
Nimm diese Salbe abends und am Morgen,
bis der Furunkel von der Haut sich hebt.
In einer Woche hast du keine Sorgen
und fängst dann schmerzensfrei zu nähen an.
Meine Begeistrung blieb dir nicht verborgen:
da steht nun Faust, der vielgelehrte Mann,
der Wunderarzt, der große Mediziner,
und freut sich kindisch, dass er helfen kann.
Wie trauert Äskulap, wenn seine Diener
so glücklich über kleinste Taten sind,
als wären sie der Kaiser über China.

Du wirst es wohl verstehn, mein liebes Kind,
dass wenig mit Furunkeln zu mir kamen -
und längst nicht alles heil ich so geschwind.

Herr Doktor, ich war schier verzweifelt,
das will ich Euch gestehen;
ich glaubte schon, mit meiner Hand
könnt ich nie wieder nähen.

Ihr aber habt mir nun geholfen
und wart mit mir geduldig.
Euch will ich danken tausend Mal -
wie viel bin ich Euch schuldig?

Der Liebesdienst fragt nicht das Geld der Armen,
und wo du andern gut zu sein vermagst,
hab mit den Schwachen ebenfalls Erbarmen.
Ich habe selbst gesehn, wie du dich plagst,
vor solchem Eifer muss ich mich verneigen.
Ich weiß auch, wie du über Armut klagst -
nie macht ich mir dein schweres Geld zu Eigen.
Nichts bist du schuldig, gehst du fort von hier;
doch willst du dich durchaus erkenntlich zeigen,
dann, Mädchen, schlafe heute Nacht bei mir.


2. Poco sostenuto

Wofür hab Erd und Himmel ich studieret,
die Medizin und Jura, Alchemie,
mit andern Theologen disputieret,
kenn Philosophen und Nekromantie?
Mein Zimmer strotzt von Ölen und von Kräutern,
sie lindern Schmerzen, heilen Mensch und Vieh,
besessne Seelen weiß ich wohl zu läutern
und zu behandeln Scharlach, Ruhr und Gicht,
ich helf bei Tollwut und bei trocknen Eutern,
ein Serum aber kenne ich noch nicht.
Wie all die Kranken mir durchs Fenster gaffen
mit leidend hoffnungsvollem Angesicht -
sie glauben immer noch, ich könnt erschaffen
ein Mittel, das vom Siechtum sie kuriert:
der Schwarzen Pest, der Schwester unsrer Pfaffen!

Doktor, wir sind christlich doch getauft,
haben manchen Ablassbrief gekauft,
haben auch gebetet und bereut,
lang gefastet, haben uns kasteit,
ach, wir drängen uns in Kirchenschiffen,
unser Rosenkranz ist abgegriffen.
Sicher, wir verdienen seine Strafen,
aber wann lässt er uns wieder schlafen,
der doch Wunder seiner Liebe schafft?
Viel zu viel sind schon dahingerafft;
wir Verschonte wollen ohne Klagen
allem Bösen fernerhin entsagen.
Ihr, Herr Doktor, seid ein Mann des Herrn,
und durch einen solchen hilft er gern!

Hab viel gebetet und noch mehr probiert,
geforscht, gemischt bei Sturm und bei Gewitter,
doch kein Erfolg, der meine Arbeit ziert -
ich mühe Geist und Hände; es ist bitter,
es wurde viel, es wird noch mehr zerstört;
nichts hält ihn auf, den unbesiegten Schnitter.
Wenn ihr auch Eide auf die Bibel schwört,
ihr kniet vergebens vor des Altars Stufen;
doch, Freunde, wenn euch euer Gott nicht hört,
so müsst ihr euch den Satan selber rufen!


3. Largo

Den Seelenschmerzen folgen die des Herzens:
umsonst die Müh der Ode und des Lieds,
des heißen Flehens und des heitren Scherzens;
eins unsrer Herzen nur zum andern zieht’s.
Was ist verhängnisvoller hier auf Erden
als jene drei, die eins sind, eines Glieds:
nicht helfen können, nicht geliebt zu werden
und nichts zu wissen, was man nicht schon weiß?
So sammeln sich nach Stämmen die Beschwerden
und werfen feste Männer aus dem Gleis.
Was ist es wert, in meinem Herz das Pochen,
was ist er wert, auf meiner Stirn der Schweiß?

Wie oft bin ich zu Füßen ihr gekrochen,
und deren Anblick ist mir schon Genuss,
wie oft hab ich den Himmel ihr versprochen,
und sie verlangt nicht einen Regenguss.
Ich würde sterben, in die Hölle fahren,
ja Treue schwören nur für einen Kuss!

Nur du kannst vor dem Abgrund mich bewahren:
der Griff zur Orgel, meinem Freund allein,
kann mir den Griff zum Stricke noch ersparen.
Tief greif ich in die Tastatur hinein
und ziehe deine mächtigsten Register,
mir meine Fugen aus der Seel’ zu schrein!
Hier zeigt der ewge Schüler und Magister
Verzweiflung in gewaltiger Kultur -
Amalie und die Schwarze Pest vergisst er,
der sich betäubt berauscht an Moll und Dur,
um seine Ohnmacht, seine Macht zu fühlen;
hinfort, hinfort die starre Tabulatur!

Es will der Geist die Freiheit sich erspielen!


4. Allegretto

Ach Wagner, welcher kluge Zimmermann
würd einen edlen schönen Tisch gestalten,
den unsereins sich nimmer leisten kann,
bei Tag und Nacht an der Vollendung walten
und dann verbrennen dieses Meisterwerk,
um sich sein Haus im Winter warm zu halten?

Ach, welcher Maler malte Tal und Berg,
das niedre und das arrogante Leben,
hielt fest der aufgesprungnen Samen Stärk
mit zarten Pinsels liebevollem Streben
auf bestem ausgesuchten Leinentuch,
um dann das Bild der Flut zu übergeben?

Ach, welcher Dichter schrieb ein weises Buch
um dessentwillen ihn die Pfaffen hassen,
und gräbt es ein, der Wissenschaft zum Fluch?

Womit sich auch der Künstler Händ’ befassen,
kein denkend Wesen wird doch dem Schafott
die Krone seiner Schöpfung überlassen.

Nur einer tut’s. Er nennt sich: Lieber Gott.


Hans Faust

1. Moderato maestoso

Ein Zufall ist es sicher nicht gewesen,
dass ich des Höllentors Parole fand.
Wir können’s auch von unsern Ahnen lesen:
in jeder Siedlung, jedem Dorf und Land,
wenn alte Götter nicht mehr hören wollten,
hat man sich andern Göttern zugewandt;
wie einst die Jäger, die der Frija grollten,
und die zu Nerthus nicht umsonst gefleht,
so rufe ich, wenngleich er oft gescholten,
den Gott, der auf der andern Seite steht!
Den Bannkreis schnell um mich herum gezogen,
in den kein Mensch und kein Jehova geht,
und ist der große Satan mir gewogen,
so hört er mich und folget meiner Stimm.
Nun komme eilend zu mir hergeflogen:
Niesuz leknud mieth Cuele Nierim,
Nierimi eb Rhek, Refizul, ell Ehre!
Tret, Lichtesengel, ein in deinem Grimm.

Die Erde bebt als tobten unten Heere,
ich hör der höllischen Kohorten Schritt,
schon qualmt es hier, als ob das Böse gäre;
es ist der Satan wohl in schnellem Ritt.
- Was sind denn das für wundersame Mätzchen?
Ein Löwe ist’s nur, der jetzt zu mir tritt.

Sag, wozu du bist gewillt,
denn du, du bist der Denker;
sag, was zu vernichten’s gilt,
denn ich, ich bin der Henker.

Gebe mir Befehl und Rat,
ich werde nimmer wanken,
ich zerfleische in der Tat
wie du in den Gedanken.

Heb dich hinweg, du sanftes Miezekätzchen,
vor dem selbst Daniel nicht die Flucht ergriff!
Im Schoß des Faustus ist für dich kein Plätzchen.
Und sage deinem Herrn, der nach dir pfiff,
dass ich ihn selber nur zu sehn begehre;
dir fehlt’s zum Bösen noch am rechten Schliff.

Nun tost’s und braust’s und schäumt’s wie auf dem Meere,
es lärmt, als ob man Höllenzwänge druckt;
ach, wenn’s doch nur der Satan selber wäre!
Doch nein - die Schlange ist’s, die Galle spuckt,
so wie sie einstens Moses Volk erschien;
natürlich blieb sie kriecherisch geduckt.

Dass meine Zunge spricht gespalten
ist Lug vom Garten Eden;
des Schöpfers Ebenbildgestalten
verfälschten meine Reden.

Nun fluchen mir mein ganzes Leben
die Paradiesentrückten;
ich habe ihnen Rat gegeben,
sie selber aber pflückten!

Du weiche von mir, Nehusthan! Dir ziehn
die Kriecher nach und nicht die großen Geister.
Die alten Juden mochten vor dir knien,
doch ich verlange deinen Herrn und Meister!
Der schickt mir immer wieder nur Lakein;
ich denke, seine Ohnmacht nur beweist er.

Nun hör ich sanfte Klänge von Schalmein,
die zum Gesang der Elfen mich verwöhnen.
Zum Teufel, wer kann das nun wieder sein?
Fast glaube ich, man will mich hier verhöhnen,
da steigt ein Mädchen in den Kreis empor,
verlockend lächelnd zu den sanften Tönen;
die zarten Glieder unter ihrem Flor
zerstreun in mir die allerletzten Zweifel:
sie kam, dass sie, die ich ja selbst beschwor,
mir die Begierde in die Seele träufel.
Wie zaghaft ihre Hand die meine fasst:
fürwahr, das ist der oberste der Teufel!

Nun endlich - sei willkommen, finstrer Gast,
und sei bedankt, dass du erhört mein Werben;
jetzt zeig mir Armem, welche Macht du hast!

Mephistophela werde ich geheißen
und bin der Herr der Hölle und der Erd,
das Zepter werd ich eurem Gott entreißen,
dass auch den Himmel ich regieren werd.
Du musstest dich des Rufens sehr befleißen:
nun sag mir, was dein trübes Herz beschwert.
Denn anders als der Gott, der obendrüber,
geh ich am Flehn der Sünder nicht vorüber.

Du weißt ja wohl, wie viele Menschen sterben
ganz ohne Schuld, von Gottes Pfeil erlegt;
es bringt die Pest vieltausendfach Verderben,
doch kein Gebet das Herz des Höchsten regt.
Ich blieb als Arzt erfolglos im Bestreben
- wenngleich ich brennend forschte unentwegt -,
zu retten manches gottgegebne Leben;
so bitt ich dich in ihrer größten Not,
mir solch ein Mittel an die Hand zu geben.

Dein Wunsch ist schnell erfüllt und recht bescheiden,
ein Wunsch, der eine edle Seele ziert;
hier ist das Mittel gegen dieses Leiden,
das Gott in seiner Raserei gebiert.
Doch lässt sich der Gedanke nicht vermeiden,
dass du mich nicht nur hierfür hast zitiert:
du bist ein Mann voll innerem Zerwürfnis,
und Herz und Geist sind auch nicht ohn Bedürfnis.

Nun gut, du weißt, wie sehr ich aus dem Lot
geraten bin durch Wissenschaft und Liebe,
durch Mitleid, durch die Sehnsucht nach dem Tod
und nicht zuletzt durch meines Fleisches Triebe,
durch meine ungezügelt wilde Lust,
von der ich heimlich hoffe, dass sie bliebe.
So bin ich meiner Lage voll bewusst:
wie könnte ich mein Schicksal selbst gestalten
mit tausend Seelen, ach! in meiner Brust?

Amalie will ich, ihr die Treue halten,
den Kindern stets ein guter Vater sein,
die Liebe zwischen uns soll nicht erkalten,
mein Leben will ich der Familie weihn;
ich gebe niemand einen Grund zur Klage,
und scheiden sollen wir im Tod allein.

Bis an mein Lebensende alle Tage
will ich im Schoß verdorbner Frauen ruhn,
was Sodom und Gomorrha ward zur Plage,
das will ich täglich einer andern tun,
die Unterröcke als Trophäen sammeln
und Rheinwein trinken aus getragnen Schuhn.

Nicht länger will ich halbe Weisheit stammeln,
nicht länger Knecht sein meines halben Lichts -
ich will den andern meine Tür verrammeln
- denn an der nöt’gen Ruhe sonst gebricht’s -
und mich dem ewgen Studium ergeben:
das Lernen selbst ist Weisheit und sonst nichts!

Den Menschen stets zu helfen will ich streben,
und allen will ich beistehn in der Not,
dass sie gesund und auch zufrieden leben
mit vielen Freuden und genügend Brot,
Verzweiflung als auch Hunger will ich heilen,
bekämpfen will ich Knechtschaft, Krieg und Tod.

Durch helle grüne Wälder will ich eilen
in einem menschenleeren Paradies,
mein Leben lang will ich in dem verweilen,
was eitle Menschheit der Natur noch ließ,
die unfruchtbare Weisheit dort vergessen
und Flöte spieln auf einer Blumenwies’.

Ich will die besten Braten täglich essen,
und trinken will ich funkend klaren Wein,
zum Nachtisch will ich willige Mätressen,
und ein Palast soll meine Wohnung sein;
so wie ein Fürst will ich mein Dasein fristen
bei wilden Orgien und Völlerein.

Natur und Muse sollen stets dich laben,
und bis zum Tode bleibt Amalie dein,
du hast als Magier ungeahnte Gaben
und trinkst im Leben nur den besten Wein,
wirst alles wissen und wirst jede haben,
und niemals wird dein Herz zufrieden sein;
doch mehr als dieses eine kurze Leben
kann auch der Satan selber dir nicht geben.

Doch um den Durst so gut es geht zu stillen,
denk ich, ein Pakt wär zwischen uns nicht schlecht:
ich bin dein ganzes Leben dir zu Willen,
und du bist dafür nach dem Tod mein Knecht.
Bist du bereit, solch Ehe zu erfüllen,
so überlege dir die Sache recht,
auf dass ich mich noch heut mit dir vermähle:
der Brautpreis ist nur deine wirre Seele.

Was hab ich von der Existenz, dem tristen
Dasein, das unverdient sich Leben nennt?
Sollt in mir länger noch der Glaube nisten? -
Wem Weisheit und den Fraun das Herz entbrennt,
für solchen hat der Himmel keine Zimmer.
Das Denken hat mich früh von Gott getrennt,
der Wunsch nach Freiheit machte es noch schlimmer;
auch gibt er Liebesfreuden keinen Raum,
denn Freude, Geist und Gott verträgt sich nimmer.
Er endete des Paradieses Traum,
und alles nahm die wohlbekannte Wendnis,
als er verbot die Frucht vom Wissensbaum.

Ich hab für solch Verbote kein Verständnis,
drum geb ich dir mein Ja voll Euphorie:
mich dürstet nach der Sünde der Erkenntnis!

Herr Doktor, du gefällst mir immer besser,
wie du dir deine eigne Hölle baust
und von des Glaubens stürmischem Gewässer
so sehnsuchtsvoll nach der Irrleuchtung schaust.
Nun ritz in deine Hand mit spitzem Messer
tief ein die Lettern HF für Hans Faust;
soll der Vertrag auf ewig gültig bleiben,
musst du mit Blut und Hahnenfeder schreiben.

HF für Homo Fuge: Mensch, entflieh!
Doch nichts und niemand kann mich davor schrecken,
seit ich Gedanken meine Ohren lieh.

Jetzt gilt es, diese Welt mir zu entdecken,
ich weiß, ich kann es nimmermehr allein:
noch bin ich viel zu alt, die Lieb’ zu schmecken,
und längst zu jung, um weise noch zu sein.
Ich unterschreibe, dieser Pakt soll gelten,
und schlage fröhlich in den Handel ein!

So nimm von mir die höchsten Höllengaben:
den Mantel, der dich schneller trägt als Licht,
der Weisen Stein, Millennien vergraben,
des Grünen Ritters Schwert, das selber ficht.
Du sollst den Ring der Höllenzwinger haben:
seit Salomo trug Menschenhand ihn nicht.
Mit ihm kannst alle Geister du beschwören,
mit ihm kannst alle Frauen du betören.

Ein Großer war der Hölle auserkoren,
das wusst ich viele hundert Jahre lang,
doch dass ein Deutscher mich heraufbeschworen
mit fester Stimm gebieterischem Klang,
schien recht befremdlich meinen zarten Ohren:
Liebeshunger, Wissensdurst und Freiheitsdrang
sind gerade nicht zu Haus in diesem Lande,
das dem Gehorsam lebt statt dem Verstande!

Es waren auch nicht alle Griechen Helden,
nicht jeder Jude wird durch Zinsen reich,
es gibt nicht nur Druiden bei den Kelten,
und die Franzosen sind nicht alle bleich:
denn jeder, jeder Mensch ist grundverschieden
und alle, alle Menschen völlig gleich!

Der Lehrer in dir ist nicht totzukriegen,
dass du gar mich zu lehren dir erlaubst!
Dein Glaube an die Menschheit wird versiegen,
je mehr du der Erkenntnis selber glaubst;
auch werden unverhofft im Staube liegen
die, denen du im Rausch die Hoffnung raubst.
Und liebst den Menschen du vor allen Dingen,
so wird dich einst die Liebe selbst bezwingen!

Nun find ich endlich meinen hohen Frieden,
Freud und Erfüllung; liebster Gott, verzeih!
Viel Glück und Weisheit schau ich schon hienieden,
und Seele, Geist und Leib sind endlich frei!
Nie werden leer des Satans Futtertröge;
ist meine Herrschaft letztlich dann vorbei,
und wird es Zeit, dass in dein Reich ich zöge,
gewähre mir noch einen Wunsch genau:
dass mir das Licht der Welt erlöschen möge
wo ich’s erblickt: im Schoße einer Frau!

Versprach ich nicht, im Leben dir zu dienen?
Ein wenig Weisheit tut dir wahrlich Not!
Bin ich denn heute einem Narrn erschienen,
dem ich voll Demut meine Dienste bot?
Es kommt, das öde Dasein zu begrünen,
ein jedes Erdenleben krönt der Tod.
Der Tod ist Leben, er kommt nicht von mir;
so wird dein Wunsch mein letzter Dienst an dir.


2. Prestissimo con fuoco

Ach, dass der Herrgott stets so schnell sich rühre:
erst gestern schloss ich jenen Teufelspakt,
und heut steht schon der Papst vor meiner Türe!

O fürchte dich doch nicht, du bange Seele,
die lange in der Heilgen Schrift nicht las,
der Abendmahlswein netzte nicht die Kehle,
die ihre Demut gar vor Gott vergaß;
du bist mein Herr und gibst mir die Befehle,
doch treibt der Teufel teuflisch gerne Spaß.
Du müsstest wissen, solltest auch behalten,
dass ich beherrsche aller Welt Gestalten.

Ein solcher Scherz ist schrecklich abgeschmackt,
doch bleib ich davon gänzlich ungerühret;
die Sinnen stand ja nie nach gutem Takt.
So trittst du auf, wie’s deiner Art gebühret,
als würdest du auf Bühnenbrettern stehn;
nun sag mir, was dich heute zu mir führet!

Der Vollmond scheint, es singen die Zikaden,
der Blocksberg ruft, zu tanzen in den Mai
mit Hexen, Zauberern von meinen Gnaden,
mit Geistern, mit Musik und viel Geschrei:
hierzu bist du recht herzlich eingeladen -
ich hoffe sehr, du bist mit uns dabei.
Wer glaubt, dass alles er probieren müsste,
befriedigt erst die fleischlichen Gelüste.

Den Mantel her, und schnellstens lass uns gehn:
ich brenn darauf, mir all das bunte Treiben
auf eurem Hexensabbat anzusehn!
Doch erst einmal will sich der Papst entleiben;
in welches Tier verwandelst du dich jetzt?
Kannst du denn nicht bei einem Wesen bleiben?

Nur Astaroth kann auf dem Berge stehen,
wo ihm das Lob aus tausend Kehlen schallt;
sonst kann man mich in viel Gestalten sehen,
und Menschenformen wähle ich, sobald
ich will höchstselber unter Menschen gehen.
Ich kann mich nicht für einerlei Gestalt,
kann mich für einen Namen nicht entscheiden:
man würde mich erkennen sonst und meiden.

Nun hast du dir die Hörner aufgesetzt,
und auch die Kerze ist dir unverzichtbar:
du wirst zum schwarzen Bock zu guter Letzt,
allein das alte Antlitz ist noch sichtbar,
und kommst du jetzt nicht in die Hufe schnell,
so wird der Hexenkonvent unverrichtbar.

So lass uns ziehn zu dem Walpurgisfeste,
bei dem ich unbeweglich stets verweil
auf einem großen steinernen Podeste,
wo man voll Andacht küsst mein Hinterteil;
du als mein Herr natürlich nicht - das Beste
wird sein, ich such im Schattenbild dein Heil,
denn keiner dort soll deinen Kuss vermissen:
dass ich dein Diener bin, darf niemand wissen!

Mir ist es gleich, wer küsst an meiner Stell;
rasch meinen Zaubermantel ausgebreitet,
der uns in keiner Zeit von meiner Schwell
zur Koppe auf den heilgen Blocksberg leitet.
Wir sind die ersten, doch ich sehe schon
ein Freudenhexchen, das den Besen reitet
und zaghaft landet hinter deinem Thron.
Der Besenstiel allein deckt ihre Blöße,
das dünne Hemdchen ist ein blanker Hohn;
barschößig beugt sie sich nun deiner Größe.
Da kommen schon die nächsten angereist,
die Luft erzittert jetzt durch tausend Stöße -
zu kostümiern hat mancher sich befleißt,
und andre haben gar nichts angezogen,
manch Paar treibt auf dem Besenstiel es dreist;
die meisten fliegen einen Ehrenbogen
um Astaroths gewaltige Statur.
Da kommt ein zartes Hexchen angeflogen,
trägt Larve, Handschuh, Lederstiefel nur
und reitet einen Wolf mit Adlerschwingen
voll Stolz zu der Walpurgisprozedur.

Der Nutzen des Tieres ist recht vielgestaltig:
es erfrischt die Brüste jeder Hauch der Flügel,
und es streift das rauhe Fell den feuchten Hügel;
wir kommen gemeinsam, wir kommen gewaltig!

Wie schrill und taktlos die Gestalten singen,
wie seltsam alle hier gewandet sind:
die Kirchen- und die Edelmänner bringen
die Nonnen und Novizen auf dem Wind;
die edlen Damen tragen einen Schleier,
die Musiker sind alle völlig blind,
dass nach dem Ende dieser großen Feier,
falls auf der Folter man sein Tun gesteht,
man nicht verrät die Dirne und den Freier
noch einen andern, der zum Blocksberg geht.
Nun wird es Zeit, mich ungesehn zu machen,
sonst ist es für das Schattenbild zu spät.

Da ist es schon: mit einem bösen Lachen
nimmt es die erste Hexe bei der Hand,
mit einer Kerze beugt man sich dem Drachen,
und pärchenweise küsst man ihn galant
auf seines mächtgen Körpers größte Stelle;
einander nun den Rücken zugewandt,
um unerkannt zu sein für alle Fälle,
schart man sich um den schwarzen Riesenbock,
denn der allein ist ihres Frohsinns Quelle.

Auf dass ich mir dies hübsche Weibchen lock,
muss ich das Schattenbild zum Teufel schicken;
die andre Nachbarin lüpft ihren Rock
und lässt mich tief in ihre Seele blicken.
In trauter Ronde den Koitus tanz
ich mit und seh, wie mir die beiden nicken,
jetzt wedelt auch der Teufel mit dem Schwanz
und dreht die Archisposa wild im Kreise,
die dicke Teufelsbraut, die gar und ganz
aus Fleisch und Fett besteht nach Satans Weise,
doch zieret sie ein schönes Angesicht.
Am Schluss des Tanzes wird es plötzlich leise,
zu reden wagt der größte Hexer nicht,
es schweigen neben mir sogar die beiden,
als Astaroth mit starker Stimme spricht.

Als Gast kam zu uns heut ein weiser Knabe,
und manche Hexe kennt den Menschen schon.
Er ist so gut wie eine Gottesgabe:
Hans Faustus - dieses ist mein lieber Sohn,
an dem ich großes Wohlgefallen habe;
der Erste der mich rief seit Salomon.
Er ist ein Mann von großem Geist und Ehren,
und niemand soll ihm einen Wunsch verwehren.

Uns jüngeren Hexen, wer will es bestreiten,
sind Besenstiele kaum von Wert;
lasst darum, oh Herr, auf dem Fäustchen mich reiten,
das ganz gewiss viel besser kehrt!

Es liebt Herr Astaroth die Possen
und hat durch böse Zauberein
die Vordertüre mir verschlossen,
doch hinten kommt man noch hinein.

Hör nicht darauf, was andre schreien:
beim Tanze hast du uns genommen,
deshalb muss eine von uns zweien
dich selber auch zuerst bekommen!

Ich kann euch beide gleichermaßen leiden,
denn ihr seid beide äußerst schön gebaut;
es fällt mir schwer, mich letztlich zu entscheiden.

Du kannst doch an den Hexen allen
ganz ohne falsche Scham dich laben,
und wenn wir beide dir gefallen,
dann sollst du uns auch beide haben!

Nicht einmal wer das Paradies geschaut,
bevor man ihn für immer hat vertrieben,
ahnt von dem Paradies, wenn Braut und Braut
zur selben Zeit denselben Bräutgam lieben,
und sich manch andre noch dazu gesellt,
als sei sie ohne Kavalier geblieben.
Nichts wüsste ich, was besser mir gefällt,
und niemals vorher sah ich mich so heiter:
so hab ich mir den Himmel vorgestellt!

Doch viel zu bald geht schon der Festakt weiter:
die Hexenweihe derer, die erwählt.
Das Brandmal zeichnet sie als Satansstreiter,
und mit der Hölle werden sie vermählt;
sie lassen sich von Astaroth begatten
und werden dadurch liebevoll entseelt.

Zur Taufe bringt man Kröten nun und Ratten
und weiht das eigne Wasser Astaroths,
die Worte spricht man, die die Priester hatten
vor dem Altar des dreimal einen Gotts;
als Paten dienen Würmer oder Schlangen,
ein Kirchenchor ist Höhepunkt des Spotts.

Nun, meine Lieben, auf zum letzten Reigen,
bevor ein neuer greller Tag erwacht -
zuvor sollt ihr vor Faustus euch verneigen,
den ich mit meiner Großmut stets bedacht.
Und um dem Manne meine Gunst zu zeigen,
lass ihm die Archisposa ich heut Nacht;
ihr Mann ist König eines großen Landes,
genieße drum die Frau solch hohen Standes.

Nicht grad nach dieser Frau steht mein Verlangen,
der Domina mit ihrem goldnen Schuh;
doch hab ich sie vom Teufel selbst empfangen.
Zwar sagt ihr derber Körper mir nicht zu,
doch überm Hals ist sie ein hübsches Wesen
und lässt auch einem König keine Ruh.

Wann werd ich je von dieser Nacht genesen?
Nicht gar so übel war des Satans Wahl,
denn ihre Liebeskunst ist so erlesen,
dass man zerrissen wird von Freud und Qual;
sie bringt den Himmel mit der Höll zusammen,
wie sie ist ihre Technik: kolossal!

So lasst das alte Abschiedslied erklingen
vom braven Päpstlein, das ein Kind gebar;
ermüdet nicht, von meinem Ruhm zu singen,
wer nicht verbrannt wird, sieht mich nächstes Jahr.
Nun will ich euch mich selbst zum Opfer bringen:
lebt wohl, ihr Freunde, jetzt und immerdar.
Bedenket stets, ihr seid der Hölle Erben,
drum rächt euch! Rächt euch, denn sonst müsst ihr sterben!

Jetzt setzt der schwarze Bock sich selbst in Flammen,
und auf dem Boden schwebt der heiße Rauch,
als wolle er uns allesamt verdammen.
Dann sammelt Groß und Klein nach altem Brauch
wohl eine Handvoll seiner grauen Asche,
und selbst die Archisposa drängelt auch,
dass sie ein wenig seines Rests erhasche.
So reiten alle in die Nacht hinaus
mit Satans Zauberkraft in ihrer Tasche;
nun, Zaubermantel, bring mich auch nach Haus!


3. Vivace appassionato

Jetzt will ich nochmals um Amalie werben,
noch einmal suche ich mein irdisch Glück;
als Greis in ihren Armen will ich sterben,
dann hole mich der Beelzebub zurück!
Voll Zuversicht, dass diesmal es gelinge,
dass diesmal ich ihr liebes Herz verzück,
vertrau ich mich dem übermächtgen Ringe,
der meine Reize hell erstrahlen lässt.
Dass ich des Mädchens falschen Stolz bezwinge,
kommt gerade recht das nächste Sonntagsfest:
wenn wir vor den Altar zu Pfingsten treten,
wo man der Rührung Tränen sich erpresst,
bind ich an mich, was viele sich erflehten.
Lass darum mich, mein Freund, zur Messe gehn;
ich werde dort auch ganz gewiss nicht beten.

Sie will schon jetzt vor Sehnsucht schier verbrennen,
seit du dich trüben Sinnes hast entfernt:
du weißt, man lernt das Herz der Frau nicht kennen,
so wie man nie den Himmel kennen lernt.
Die Nacht zu Pfingsten wirst du zu ihr rennen,
und wenn der kühle Abendhimmel sternt,
pflanz eine Birke hin in ihren Garten;
sie wird dich an der Türe schon erwarten.

Am Samstag schon? - Fast bleibt das Herz mir stehn,
es klopft mir bis zum Hals wie grünen Knaben
- wo die Gedanken sich um eine drehn,
die eine, die sie auf der Zunge haben,
die eine, die sie haben in dem Sinn -,
wie diesen Narrn, die kampflos sich ergaben;
wohl, weil ich selber auch ein solcher bin.
So zitternd geht der stolze Höllenzwinger
aus freiem Stück zur Faustbezwingerin.

Heut wirst du dir die Kleine einverleiben,
in deinen Händen schmilzt sie ganz und gar;
dass ich beschütze euer keusches Treiben
im Fall, dass eurer Liebe droht Gefahr,
will ungesehn ich in der Nähe bleiben
als dein ergebner Wachhund Prästigiar.
Ich werde vor dem Gartentor verweilen,
und rufst du mich, will ich zu Hilfe eilen.

War je so blass des Bäumchens Überbringer?
Genug: noch ist es Zeit, ich mache kehrt!
Kaum halten noch den Schößling meine Finger;
ob sie erneut mir ihre Gunst verwehrt?
Zurück! Denn frisch gewagt ist halb verloren,
doch noch nicht ganz, wie uns der Volksmund lehrt.

Stolzes Herz, sag, wie nur konntest
du den edlen Arzt verschmähen,
der den Menschen so geholfen,
dem der Herrgott steht so nahe?

Ach, dass er heut Nacht noch käme,
eine Birke mir zu pflanzen;
zeigt er dadurch seine Liebe,
fliege ich in seine Arme!

Es gibt das heiße Herz dem Geist die Sporen,
schon stehe ich vor meines Liebchens Haus
und fühle mich wie tot und neugeboren.
Vielleicht schaut sie zum Fenster schon hinaus
und wird mich voller Leidenschaft begrüßen,
wenn ich die kleine Grube hebe aus.

Das ist mir ein feiner Doktor,
der die Dunkelheit benützet,
um des Nachts in ihrem Schutze
fremde Gärten zu durchwühlen!

Unser Haus hat keine Schätze,
die wir vor der Tür vergraben,
weder ich noch meine Eltern;
sagt, was habt Ihr hier zu suchen?

Hier pflanz ich dir mein reines Herz zu Füßen,
an diesem mir so schlechtgesinnten Ort,
um dir das Pfingstfest liebend zu versüßen.
Nichts andres wollt ich, glaube meinem Wort,
als durch die Birke dir mein Herz bekennen;
es ist vollbracht, und ich geh wieder fort.

Halt! So bleibt doch noch ein Weilchen
und erzählt von Eurer Liebe;
gerne wüsst ich von dem Manne,
welcher so geduldig freiet.

Lang schon währet Euer Werben,
oft schon musste ich Euch kränken,
doch Ihr habt nicht aufgegeben.
Woher schöpft Ihr Eure Hoffnung?

Es kann auch ein verstocktes Herz nicht trennen
auf Dauer, was der Herr zusammenführt.
So wie wir uns ja seine Kinder nennen
und stets erhalten das, was uns gebührt,
so konnte auch dein Neinwort nicht bestehen.
Nun wüsst ich gern: was hat dein Herz gerührt?

Oft schon habe ich gesehen,
dass Ihr fehlt in mancher Messe,
und versäumte zu gedenken
Eurer schwierigen Berufung.

Zwar Ihr habt mir gut gefallen,
doch ich hielt Euch stets für gottlos;
aber nur ein wirklich Frommer
sollte um mich werben dürfen.

Doch nun weiß ich, dass ich irrte,
dass ein Gottesmann mich freite;
wer die Pest besiegen konnte,
muss mit Gott im Bunde stehen.

Kühl wehn jetzt die Abendwinde:
lasst uns in die Laube gehen,
wo es still ist und uns duftet
das Jelängerdestolieber.

Wo du hingehst, da will auch ich hingehen,
und wo du bleibst, da bleibe ich mit dir,
bis wir gemeinsam einst den Himmel sehen.
Doch das hat Zeit: das Paradies ist hier,
wo unsrer Liebe Knospen bald erblühen,
hast du dein Jawort erst gegeben mir.

Eure Hand nehmt von der meinen
und die andre von der Schulter,
denn sie sollen mich umarmen
und an Euer Herz mich drücken!

Küsse mich mit Mund und Kehle!
Küsse mich mit Feuergluten!
Trinke meiner Liebe Fluten!
Reiß aus meinem Leib die Seele!

Wie heiß der edlen Liebe Funken sprühen!
Dies heilge Feuer, das ich nie gekannt,
wird lebenslang in unsern Herzen glühen
und ist im Tode noch nicht ausgebrannt;
wo Herz und Körper jemals sich berieten,
da gehen grußlos Ego und Verstand!

Halt! Bis hierher und nicht weiter;
lasst Euch nicht so leicht versuchen,
denn der Satan liegt dem Frommen
mehr als andern auf der Lauer.

Unser Herrgott hat verboten,
nur aus Zeitvertreib zu lieben -
einzig für den Kindersegen,
wenn wir erst vorm Altar standen.

Ein Gott der Liebe ist’s, vor dem wir knieten,
und nur dem Ehebruch gilt sein Verbot.
Sollt er die Liebe Liebenden verbieten?
Verbietet er dem Bauern auch sein Brot?
Ich kenne Gottes Wort wie sonst kein zweiter,
doch keins, mit dem er Liebende bedroht.

Unser Bischof redet anders,
doch wie sollt ich dir nicht glauben,
der die Schrift mit Fleiß studierte
und sich auskennt wie kein andrer.

Schützt uns denn der Gott der Liebe,
sollst du alles von mir haben,
denn es drängt auch mich das Sehnen,
unsre Liebe zu vollenden!

So strömt das Feuer in den Seelen weiter
und bricht durch Berg und Mauern seine Bahn;
der edlen Liebe ist die Lust Begleiter,
und ihr ist fremd bedächtiges Sich-Nahn.
Die lange angesammelten Gefühle
entladen heißer sich als ein Vulkan!

Halt mich fest in deinen Armen;
wie der Schnee im Sonnenscheine
schmelze ich in deinen Händen,
und es steht mein Herz in Flammen!

Diesen zarten Leib erschließe
ganz und gar nach deinem Willen,
dass in mir, die Glut zu stillen,
deine Liebe sich ergieße!

Wie oft schon malt ich voller Sehnsuchtsschwüle
mir diese Stunde der Erfüllung aus!
Und diese wilde Frau war jene Kühle?

Amalie, liebes Kind, was treibst du in der Nacht,
noch vor solch hohem Fest, im Garten dich herum?
Bist wohl vom Vogelsang, vom Grillenchor erwacht;
doch wenn’s ein Buhle ist, so bringe ich ihn um!

Weh uns! Jetzt kommt der Vater aus dem Haus;
besinnungslos sinkt mir Amalie nieder,
und nur am Alten führt ein Weg hinaus.

Mein lieber Vater, hinter Eurem Rücken
spräch ich kein Wort mit irgend einem Mann.
Die Mutter zu dem Feste zu beglücken,
dass sie sich ihrer Tochter freuen kann,
ging ich, um einen Blumenstrauß zu pflücken,
noch vor die Tür: so riechet doch daran!
Es bringen uns ins Haus die Frühlingslüfte
der Lilie und des Quendels zarte Düfte.

Verübel es mir nicht, was ich dir unterstellt;
gar manchen Freier gibt’s, der nachts ins Buschwerk kriecht,
und durch Gesang verführt, die ihm so gut gefällt.
Nun zeig das Sträußchen mir: es riecht wie - riecht wie - riecht...

So schwebt der Vater auch in sanften Träumen,
der Blumen süßer Duft betäubte ihn.
Ich will den Alten in die Laube räumen,
denn sicher wird es ihn zur Tochter ziehn.
Nun sollten wir es wahrlich nicht versäumen,
von diesem Ort so schnell es geht zu fliehn:
sollt es dich werbend hierher wieder treiben,
wär’s jetzt von Vorteil, unerkannt zu bleiben.

Noch sitzt der Schreck in jedem meiner Glieder,
schon glaubte Faust, dass er hier sterben wird;
doch baldigst kehrt in dieses Haus er wieder,
wo förmlich er ums Liebste werben wird.


4. Animato

Des Himmels Paradies werd ich nicht sehen,
der Welterlösten jubelnden Verein,
doch lass uns hin zum Garten Eden gehen:
von draußen werf ich einen Blick hinein,
denn es gelüstet mich gar sehr, zu schauen
den Ort, an dem man glücklich könnte sein.

Es ist der letzte schöne Platz auf Erden,
den Gott alleine der Natur beließ,
der frei noch ist von irdischen Beschwerden,
seit er die Menschen einst von dort verstieß;
denn nur, wo Menschen ausgeschlossen werden,
hat auch Bestand ein wahres Paradies.
Auch du würd’st schnell dein Wohnrecht dort verlieren,
um von der Frucht des Wissens zu probieren.

So ziehn wir nach des Morgenlandes Gauen,
wo uns die Sonne noch viel wärmer lacht,
die Nebel in der Nacht das Gras betauen
und nimmer endet Lunas Zaubermacht.
Schon stehn wir an des Paradieses Pforte,
die Gottes finstrer Cherub streng bewacht.
Ich will versuchen, ihn durch schöne Worte
so zu beschwatzen, dass er zu mir bringt
die unbequeme Frucht von jenem Orte.

Vergeblich wirst den Engel du bereden,
doch hol ich die gewünschte Frucht dir gern.
Um zu beschützen diesen Garten Eden,
hält jener sorgsam alle Menschen fern;
der Satan selbst verursacht keine Schäden,
drum lässt man mich hinein wie auch den Herrn.
Es endet meine Wut an dieser Schwelle,
denn wo kein Mensch ist, ist auch keine Hölle.

Wie auch den Herrn! Wie arrogant das klingt!
Und doch lässt Gottes Engel ihn passieren
am Schwert vorbei, das in der Sonne blinkt.
Der Garten selbst ist voll von edlen Tieren,
von schattenreichen Bäumen überdacht,
die viele bunte Vögel hübsch verzieren;
ein Teppich unbekannter Blütenpracht
liegt auf dem weichen Boden ausgebreitet.
Da hat Mephisto schon die Frucht gebracht!

Du hast erstaunt die Herrlichkeit betrachtet,
die dieser Garten Menschen hielt bereit.
Sie haben das Verbot wie du missachtet;
denk dran, dass Gott Erkenntnis nie verzeiht,
und esse von der Frucht, die du erschmachtet -
es blüht ihr Baum in alle Ewigkeit.
Des Himmels Paradies hat größ’re Räume,
dort wachsen noch viel mehr verbotne Bäume.

Die Neugier nach dem Obst hat mich geleitet
aufgrund des alten biblischen Berichts.
Genuss hat die Erkenntnis nicht bereitet:
die Frucht ist wässrig, und sie schmeckt nach nichts.


Morendo

Um für die Zukunft den Verstand zu schärfen,
in der noch mächtger Gott im Zorn ergrimmt,
lass einen Blick mich in die Hölle werfen,
die mir als Heimat ist vorausbestimmt,
wo man der Freiheit und der Hoffnung Lieder
und auch das Lied der Liebe nicht vernimmt.

Den Wunsch, die künftge Heimat zu entdecken,
kann ich wie kaum ein anderer verstehn,
doch da sich meine Länder weit erstrecken,
kannst du nicht durch die ganze Hölle gehn;
ein Leben reicht nicht aus, um alle Schrecken
der Hölle auch nur einmal anzusehn.
Doch gern mach ich den Auftrag mir zu Eigen,
die schönsten Gräuel selber dir zu zeigen.

Schon sind wir da; es zittern meine Glieder,
Tod und Verwesung liegen in der Luft,
der ewig Sterbenden Geschrei hallt wider
wie aus millionenfach belegter Gruft,
und überall im Lande kann man riechen
den rauchigsüßen Brand- und Leichenduft.
Dort drüben auf dem Acker seh ich kriechen
den dürren Sklaven, der mit letzter Kraft
voll Angst mit den verkrüppelten und siechen
zwei Händen jenes Korn zusammenrafft,
das noch verschont geblieben ist vom Feuer,
und es zum Hause seines Herren schafft.
Ein Körnlein gibt’s als Lohn, und in die Scheuer,
die übervolle, fließt der ganze Rest;
nun kommt der Fürst und kauft das Korn recht teuer
von jenem Geld, das er dem Volk erpresst,
um es zum Meeresufer hinzubringen,
wo er es in die Fluten schütten lässt.

Wo sich die Würmer aus dem Staube schwingen
im Vorsatz, zu beherrschen diese Welt,
die Wölfe und die Schafe zu bezwingen
und jeden sonst, der ihren Weg verstellt,
dort werden Männer, Frauen und die Kinder,
so wie’s den Unterwürmern grad gefällt,
einhergetrieben wie die Weiderinder,
auf Knien an das Massengrab geschleift,
hineingestoßen von der Hand der Schinder;
zuvor wird ihre Haut noch abgestreift
- das allerbeste Leder, jede Wette! -,
wobei man auch den Körperschmuck sich greift.
Ist nun mit Knochen angefüllt die Stätte,
so nimmt man seinen Spaten in die Hand,
und man begräbt die atmenden Skelette.

Um ihm zu töten Seele und Verstand,
hält einen man gefangen in der Zelle:
er spricht mit sich, der Decke und der Wand,
denn niemand sonst hört zu an dieser Stelle,
und niemand spricht zu ihm das kleinste Wort;
den Geist ihm zu zerstörn auf alle Fälle,
hält man jedweden Menschen von ihm fort.
Sein Leben lang wird man ihn dort belassen,
an diesem menschenleeren düstern Ort:
er kann nicht einen klar’n Gedanken fassen,
er bringt nicht einen ganzen Satz zustand;
er hat verlernt zu lieben und zu hassen.

Woanders sehe ich ein totes Land,
geschmolzne Mauern, die kein Haus mehr tragen,
und frohe Schatten in den Stein gebrannt,
als hätt die Sonne selber eingeschlagen.
Entstellte Mütter seh ich in der Stadt,
die manch verkohlten Klumpen laut beklagen,
die Überlebenden sind tot und matt,
und ewger Durst plagt jeden dieser Leider.
Wohl dem, der gerade nichts getragen hat:
zu einem Brei verschmelzen Haut und Kleider,
und über hunderttausend Toten schrein
voll Schmerzen ihre lebendtoten Neider.

Nun sah in deine Hölle ich hinein,
mehr Gräuel brauchst du mir nicht auszumalen:
die Erde scheint die Hölle mir zu sein
und Heilige Inquisition die Qualen!


Grave

Erst stand ich vor des Paradieses Hecken,
auch durch die Hölle ging ich unbeschwert,
und nichts und niemand kann mich jetzt noch schrecken!
Nun, Wagner, treuer Schüler und Gefährt’,
mein Famulus, mit dir will ich beschließen
den Tag, an dem ich endlich heimgekehrt.
Rasch in die Schenke, und der Wein soll fließen
in Strömen nach der alten Griechen Art,
um meine Ankunft würdig zu begießen!

Ach Herr, lasst Euch in dieser Stadt nicht blicken,
dass ich den mächtgen Lehrer nicht verlier!
Schon wartet man auf Euren Hals mit Stricken:
geht schnellstens wieder fort von hier!

Ich hab von Eurer Medizin genommen,
und wirklich hat sie auch die Pest kuriert,
doch jeder, der das Serum hat bekommen,
ist bald an Knochenschwund krepiert.

Verfluchter Pakt! Vom Satan selbst genarrt -
wer wird schon einem armen Doktor glauben?
Vergebens hat auf Heilung man geharrt,
und jeder wird nach meinem Blute schnauben.
Ich kann nicht werben um Amalies Hand
nach dieser Sach: nun muss ich sie wohl rauben!

Ach Herr, man fand sie Pfingsten in der Laube,
wo sie dem Vater beigeschlafen hat.
Es sah sie eine große Menschentraube:
nun hängen beide vor der Stadt!

Amalie tot! Das nimmt mir den Verstand!
Das Liebste auf der Welt ging mir verloren,
das edelste Geschöpf, das ich gekannt.

Amalie tot! Grad kam es mir zu Ohren,
Amalie tot durch böse List von dir;
hast du dich plötzlich gegen mich verschworen?

Du bist mein Herr und hast es nicht verboten,
dass meinen alten Auftrag ich erfüll:
kaum war sie mein, holt ich sie zu den Toten,
bevor sie sich’s gereuen lassen will;
der mächtigste und größte der Despoten
macht sündge Fromme vor der Buße still.
Du wolltest dich an ihrem Körper laben,
doch will auch Satan sein Vergnügen haben.

Amalie tot! Heb dich hinweg von mir,
verdammter Satan; kehre nimmer wieder,
bevor mein Dasein ich an dich verlier!

Amalie tot! Und ihre zarten Glieder,
die nie mehr diese Hand umfangen hält,
sie baumeln von dem schnöden Galgen nieder.

Amalie tot, mein guter Ruf entstellt!
Man wird mich hassen und man wird mich ächten;
nichts straft man härter auf der ganzen Welt
als stilles Glück und Freude des Gerechten!


5. Moderato con brio

Ihr edlen Herren, mein Begehren
trag ich Euch an,
mir ein paar Kreuzer zu entbehren,
mir armem Mann.

Du bist ein Bettler schwerlich stets gewesen:
ich seh es deinen klaren Augen an,
ich kann es förmlich vom Gesicht dir lesen,
dass du ein kluger und gescheiter Mann;
nun sag mir, wie ein Mann von deinem Geiste
in solch verzwickte Lage kommen kann!

Das ist durch meine Frau gekommen,
glaubt meinem Wort:
sie hat sich all mein Geld genommen,
und sie ging fort.

Sie ist nach Jüterbog gelaufen,
so denke ich,
vom Fegefeuer freizukaufen
die Liebsten sich.

Der Ablasstetzel predigt kräftig
in großer Pracht:
sein Wort hat meine Frau beschäftigt
so manche Nacht.

Sie bringt die schwer verdienten Gulden
dem Petersdom;
ich stecke bis zum Hals in Schulden,
man prasst in Rom!

So nimm den Gulden; glaubt man nur das meiste,
was man von diesem Seelenhändler hört,
so richtet Gläubige zugrund der Dreiste,
der sich an ihrem Elend nimmer stört
und lebt von seinen räuberischen Pfründen.
Doch was am allermeisten mich empört
ist, dass der Papst, kann wirklich er begründen
die Macht, vor der der Christenheit es bangt,
die Seelen all zu lösen und zu binden,
für seine Liebesdienste Geld verlangt
gleich einer Dirne, zwischen deren Brüsten
das heilge Kreuz des Welterlösers prangt.
Ach, wenn doch nur die Frommen alle wüssten
wie Leos, Tetzels, Fuggers ohne Scheu
verlachen die, die ihre Hände küssten
und teuer zahlten für ein wenig Reu:
sie würden Schutz vor Dieben sich erflehen,
und Jesus reinigte sein Haus aufs neu.

Du siehst die Dinge noch ein wenig kruder
als jener Mönch, der bald die Kirche lähmt:
es lebt schon lang zu Wittenberg ein Luder,
das sich des Vaters Namens mächtig schämt;
drum nennt sich Luther dieser Klosterbruder,
der seiner Herkunft halber sich so grämt.
Und beißt ihn allzu arg sein Genius,
so nennt er sich gar Eleutherius.

Und dieser hat recht ähnlich das begründet,
was du soeben wütend von dir gabst:
dass er den Ablass gar so gut nicht findet,
für dessen Ächtung du mit Feuer warbst.
Allein er scheint vom Wissen schon erblindet
und glaubt noch fest an Kirche, Storch und Papst
und denkt im Ernst, dass Welt- und Kirchenfürsten
verschmachtend nach dem Wort der Wahrheit dürsten.

Er formulierte fünfundneunzig Thesen,
sehr ketzerisch und äußerst konziliant:
er gibt sie nur den hohen Herrn zu lesen
und appelliert an Seele und Verstand,
dass man bekehre sich vom Ablasswesen.
Vergebung läge nur in Gottes Hand;
man soll den Handel eingeschränkt betreiben,
und besser sei’s, man ließe ganz ihn bleiben.

So lass nach Wittenberg uns eilend gehen,
nachdem der Ring mich unsichtbar gemacht;
ich will den Doktor und die Thesen sehen.
Schon hat der Mantel uns dorthin gebracht:
hier liegen Drucke seiner Ablassthesen
nebst einem Brief an Albrecht von heut Nacht.
Warum wohl so ein ketzerisches Wesen
sich so devot vor seinem Herrn geniert?
Doch lass uns jetzt den Thesenabdruck lesen:

Aus Liebe zu der Wahrheit und
dem Eifer, der sie sucht,
schrieb fünfundneunzig Thesen ich,
im Folgenden verbucht.

Ich fordre die Gelehrten nun
hierüber zum Disput
und bitte den, der hier nicht ist,
dass er dies brieflich tut.

(Thesen überspringen)

1. „Tut Buße", sagte Christus uns,
sonst werdet ihr nicht rein;
so soll des Christen Leben selbst
nichts sonst als Buße sein.

2. Sakramentale Buße fällt
nicht unter dieses Wort;
der Priester und der Beichtstuhl sind
ja nicht an jedem Ort.

3. Doch soll der Christ nicht innerlich
alleine Buße tun;
im Streben um den Tod des Fleischs
soll niemand jemals ruhn.

4. Ihm bleibt die Strafe (diese ist
der wahren Buße gleich),
solang der Eigenhass ihm bleibt:
bis hin zum Himmelreich.

5. Und kein Erlass des Papstes hat
den Himmel je bewegt;
erlassen kann er ganz allein
das, was er auferlegt.

6. Was er erlassen darf, erlässt
er nur aus Gottes Huld;
wer das verachten wird, der bleibt
trotz allem in der Schuld.

7. Und Gott erlässt den Christen nichts,
nicht einem auf der Welt,
wenn dieser sich voll Demut nicht
dem Priester unterstellt.

8. Der Kirche Satzung wurde nur
den Lebenden diktiert -
die Sterbenden sind frei davon
und bleiben unberührt.

9. So wirkt der Geist durch unsern Papst,
der allergrößte Not
von den Erlassen ausnimmt stets,
so wie ja auch den Tod.

10. Der Priester handelt dumm und schlecht,
der, wie es ihm gefällt,
den Sterbenden fürs Fegefeu’r
noch Strafen vorbehält..

11. Dass eine Kirchenstrafe sich
ins Fegefeuer kehrt,
ist Unkraut, das man hinterseits
des Bischofs Rücken lehrt.

12. Die Kirchenstrafe musste einst
vor der Lossprechung stehn,
denn dadurch konnte man gewiss
den Ernst der Reue sehn.

13. Der Sterbende wird durch den Tod
befreit für alle Zeit.
Der Kirchensatzung stirbt er auch:
sie selbst hat ihn befreit.

14. Stirbt einer, dem die Liebe fehlt,
und ist noch bei Verstand,
so stirbt er in der größten Angst,
die je ein Mensch gekannt.

15. Und diese Furcht und dieser Schreck,
des Fegefeuers Pein,
und die Verzweiflung wird ihm schon
die schlimmste Strafe sein.

16. Und Hölle, Feuer, Himmel sind
wie dieses größtenteils:
verzweifeln, fast verzweifeln und
sich sicher sein des Heils.

17. Und die im Fegefeuer sind,
die wollen wir bekehrn:
den Schrecken mindern, und zu Gott
die Liebe stets vermehrn.

18. Vernunft und Bibel sagen nicht,
was durch die Lehre schleicht:
dass sie die Liebe unsres Gotts
im Feuer nicht erreicht.

19. Und wer im Feuer ist, entkam
der Hölle Finsternis,
doch dadurch ist er lange nicht
der Seligkeit gewiss.

20. Erlässt der Papst die Strafe nun,
wie er zu tun es pflegt,
meint er natürlich auch nur die,
die er hat auferlegt.

21. Der Ablassprediger spricht falsch,
der predigt, dass man bloß
schon durch des Papstes Ablass kommt
von allen Schulden los.

22. Im Fegefeuer wird vielmehr
die Strafe nachgebüßt,
die nach der Kirchensatzung nicht
im Leben ward verbüßt.

23. Erließe jede Strafe Gott
dem, der ein guter Christ,
so wär dies nur bei dem der Fall,
der fast vollkommen ist.

24. Der Ablasshändler ist ein Mann,
der Gottes Volk betrügt;
wer sagt, es sei der Strafe los,
der irret oder lügt.

25. Die Macht des Papstes übers Feu’r,
auf die sein Amt sich baut,
hat jeder Geistliche für die,
die man ihm anvertraut.

26. Der Papst tut sicher gut daran,
dass ins Gebet er taucht
und seiner Schlüssel Allgewalt
nicht fürs Geschäft missbraucht.

27. „Sobald das Geld im Kasten ist,
entflieht dem Feu’r die Seel";
dies Wort ist dumpfes Menschenwerk,
und wer es glaubt, geht fehl.

28. Die Habgier und das Geld nimmt zu,
den Gläubigen zum Spott;
doch ob die Schuld erlassen wird,
das liegt allein bei Gott.

29. Wer weiß, ob wirklich jeder Mensch,
der dort im Feuer still
die Flammen duldet und erträgt,
auch freigekauft sein will?

30. Der wahren Reue sicher sein -
ein welcher Mensch kann das?
Das gleiche gilt dem Resultat
vom völligen Erlass.

31. Der Mensch, der reinen Herzens in
dem Ablassbriefe liest,
ist rarer als ein Christ, der in
der rechten Weise büßt.

32. Wer seines Heils sich sicher wähnt
im Glauben an dies Amt,
der wird mit dem, der ihn gelehrt,
in Ewigkeit verdammt!

33. Vor jedem Lehrer hüte dich,
der so den Herrn verhöhnt:
der Ablass sei die Gabe Gotts,
die euch mit ihm versöhnt.

34. Der Ablass gilt der Menschen Straf
und werde so gepflegt:
es kann der Mensch erlassen nur,
was Menschen auferlegt.

35. Der Lehrer predigt gegen Gott
und gegen sein Gebot,
der sagt, zum Loskauf oder Brief
sei keine Reue Not.

36. Ein wahrer Christ empfindet Reu
in seinem Herzen tief,
und Gott erlässt ihm seine Schuld
auch ohne Ablassbrief.

37. Der tote und lebendge Christ
erfährt im Glauben Heil;
er hat auch ohne Ablassbrief
an allen Gütern teil.

38. Trotz allem sei des Papsts Erlass
der Christenheit ein Fest,
denn hier gibt Gott durch ihn bekannt,
was selber er erlässt.

39. Wer glaubt dem Theologen schon,
der einen unterweist,
und der zugleich den Ablassbrief
und wahre Reue preist?

40. Die wahre Reue ist doch die,
die Strafen liebt und sucht;
der Ablass aber führt dazu,
dass man sie nur verflucht.

41. Des Papstes Ablass gebe man
mit Vorsicht nur bekannt,
denn er ersetzt kein Liebeswerk,
wie mancher es verstand.

42. Es ist des Papstes Meinung nicht
um alles in der Welt,
den Werken der Barmherzigkeit
sei Ablass gleichgestellt.

43. Den Armen etwas Geld geschenkt,
Bedürftigen es leihn,
ist seliger in jedem Fall
als Ablasskäufer sein.

44. Denn durch ein edles Liebeswerk
gewinnt der Mensch Gesicht;
der Ablass macht von Strafe frei,
doch besser macht er nicht.

45. Wer dem Bedürftigen nicht hilft
und für den Ablass zahlt,
erwirbt des Papstes Ablass nicht,
doch Gottes Zorn schon bald.

46. Und lebst du nicht im Überfluss,
so ist es deine Pflicht,
dass du im Haus dein Geld behältst -
verschwende du es nicht.

47. Wenn du das Geld dafür nicht hast,
so tut kein Ablass Not:
der Ablasskauf ist freigestellt
und niemals ein Gebot.

48. Und für den Ablass wünscht der Papst,
der ja für dich auch fleht,
sich mehr als alles Geld von dir
ein inniges Gebet.

49. Dem nützt des Papstes Ablass wohl,
der würdig ihn erwirbt;
doch dem wird er zum Fluche, dem
die Gottesfurcht erstirbt.

50. Erführe nur der Papst davon,
wie man das Geld erpresst;
statt dass er sich aus Haut und Fleisch
der Schafe bauen lässt

die Peterskirche, brannte er
sie nieder auf den Grund.
51. Ja, er verkaufte sie sogar
zum Höchstgebote und

Er zahlte all das Geld zurück,
für das man euch belog,
um das so mancher Prediger
die Gläubigen betrog.

52. Dass Ablass selig machen soll,
ist gegen den Verstand,
und gäb der Kommissar, der Papst
die eigne Seel als Pfand.

53. Die Feinde Christi und des Papsts
erscheinen unvermummt:
die Ablasspredigt ist ihr Wort,
und Gottes Wort verstummt.

54. Wie sehr verachten solche Gott
an seinem heilgen Ort,
die mehr vom Ablass predigen
als unsres Gottes Wort.

55. Und wo man eine Glocke schlägt,
vom Ablass hocherfreut,
gebührt dem Evangelium
ein hundertfach Geläut.

56. Der sagenhafte Kirchenschatz,
von dem mit großer Hand
der Papst den Ablasssegen streut,
ist gänzlich unbekannt.

57. Doch zeitlich kann der Schatz nicht sein
aus unsres Gottes Haus,
sonst sammelten die Priester ihn
und teilten ihn nicht aus.

58. Auch zählt er zum Verdienste nicht,
den Christ den Menschen bot:
dem innern Menschen Gnade und
dem äußern Kreuz und Tod.

59. Laurentius erklärte einst
an gottgeweihtem Platz,
die Armen der Gemeinde sein
der Kirche größter Schatz.

60. Der Kirche Schlüssel, die uns nur
durch Christs Verdienst gewährt,
sie werden guten Grunds von uns
zu diesem Schatz erklärt.

61. Zu dem Erlass von Strafen und
zu dessen Vorbehalt
genügt in allen Fällen stets
die päpstliche Gewalt.

62. Der wahre Schatz der Kirche ist
und war zu aller Zeit
die Gnade und das Gotteswort
und seine Herrlichkeit.

63. Doch dieser Schatz ist recht verhasst,
man gibt auf ihn nicht Acht,
dieweil er, wie die Kirche sagt,
aus Ersten Letzte macht.

64. Der Ablassschatz dagegen ist
begehrt und wird bewacht,
dieweil er, wie die Kirche sagt,
aus Letzten Erste macht.

65. Der Schatz des Evangeliums
war Köder einst und hing
in jenes Netzes Maschen fest,
mit dem man Reiche fing.

66. Doch heute ist der Ablassschatz
der Köder, und er hängt
in jenes Netzes Maschen fest,
mit dem man Reichtum fängt.

67. Der Ablass sei die größte Gunst,
spricht man dir in den Sinn;
und sicher hat man recht damit,
besieht man den Gewinn.

68. Vergleicht man ihn der Gnade Gotts,
dem Kreuz, so ist kein Ding,
das Gott in seiner Liebe schenkt,
dem Ablass gleich gering.

69. Es ist die Pflicht des Bischofs und
des Pfarrers, das steht fest,
dass er des Papstes Kommissar
in Ehrfurcht sprechen lässt.

70. Doch ist es seine Pflicht noch mehr,
zu halten ihn im Zaum,
denn allzu oft verkündet er
nur seinen eignen Traum.

71. Wer gegen wahren Ablass spricht
und ketzerisch versucht,
ihn schlecht zu machen, sei dafür
in Ewigkeit verflucht!

72. Gesegnet aber sei der Mann,
der ständig auf der Hut
vor frechen Ablassreden ist,
denn daran tut er gut.

73. Den Bannstrahl wirft der Papst auf den,
der Ablasskniffe nützt,
74. jedoch viel härter trifft er den,
der ihn nur vorgeschützt.

75. Die Rede, Ablass mache frei,
selbst wenn man in der Tat
die Mutter Gottes schändete,
ist Wahnsinn und Verrat.

76. Des Papstes Ablass, gut gemeint
in seiner großen Huld,
hebt nicht die kleinste Sünde auf
und nicht die kleinste Schuld.

77. Wer sagt, dass Petrus selbst als Papst
nicht mehr gewähren kann,
der lästert Petrus und den Papst
und ist kein Gottesmann.

78. Denn jeder Papst muss Größ’res tun
als Ablass zu gewähr’n:
das Gotteswort verkünden und
den Willen Gottes lehr’n.

79. Wer sagt, des Papstes Wappen sei
dem Kreuze Christi gleich,
der lästert Gott, und sein ist nicht
das Teil am Himmelreich.

80. Wer solche Reden führen lässt,
wird, eh er sich’s versieht,
am Throne Gottes stehn, wo er
zur Rechenschaft ihn zieht.

81. Dem besten Theologen gar
fällt oft die Antwort schwer,
kommt jemand ihm mit Fragen wie
von dieser Art daher:

82. Warum verkauft der Papst den Brief,
zu baun ein Gotteshaus,
und räumt im Dienst der Liebe nicht
das Fegefeuer aus?

83. Warum er Totenmessen nicht
und Stiftungen verwarf,
wenn man für Losgekaufte doch
nicht einmal beten darf?

84. Warum ist selbst ein gottlos Mensch,
der nicht einmal getauft,
noch immer gut genug dazu,
dass Seelen los er kauft?

85. Die alte Bußensatzung war
vergessen schon und tot;
warum tut jetzt, wenn nicht aus Gier,
die Neubelebung Not?

86. Warum denn baut der Papst in Rom,
der reichste Mann der Welt,
die Peterskirche eigentlich
nicht von dem eignen Geld?

87. Was mag der Papst erlassen dem
im Namen Jesu Christ,
der durch vollkommne Reue schon
ganz ohne Schulden ist?

88. Wär es nicht besser für den Papst,
gewährte er pauschal
den Ablass uns statt täglich nur
am Tage hundertmal?

89. Warum erklärt er, dass recht bald
ein Ablassbrief verfällt,
ist ihm das Heil der Seelen doch
viel wichtiger als Geld?

90. Bringt nun die Kirche solch Kritik
zum Schweigen mit Gewalt,
so wird die Kirche zum Gespött,
der Papst zur Hohngestalt.

91. Doch wenn man in des Papstes Sinn
vom Ablassbriefe spricht,
wär solcher Einwand außer Kraft:
er existierte nicht.

92. Weh dem Propheten, welcher nur
„’s ist Friede, Friede!" schreit,
und ist trotz allen Rufens doch
kein Friede in der Zeit.

93. Wohl dem Propheten, welcher uns
„’s ist Kreuz, ‘s ist Kreuz!" ermahnt,
und ist doch nirgends Kreuz zu sehn;
denn so seid ihr gewarnt.

94. So denkt daran, dass würdig ihr,
ganz gleich, was euch auch droht,
dem Haupte Christi folgen sollt
durch Strafe, Hölle, Tod.

95. Der falsche Friede hindert oft,
den rechten Weg zu sehn;
so ist es besser, durch viel Leid
zum Himmel einzugehn.

Im Stillen mit Gelehrten disputiert
bedeutet Altem opfern alles Neue,
bis der Gedanke sich im Nichts verliert.
Ist’s seine Feigheit oder fehlt ihm Schläue?
Die Wahrheit, jenen Lügnern anvertraut,
sind Perlen, die geworfen vor die Säue.
Wer auf der Welt und Kirche Fürsten baut,
Gerechtigkeit in diese Welt zu bringen,
hat aus der Klause nie herausgeschaut
und hat auch kein Verständnis von den Dingen,
die rings um seinen Elfbeinturm geschehn.
Doch soll das Lied der bessern Kirche klingen,
wird’s ohne die Studenten nimmer gehn.
Dies Werk geheim zu halten wär ein Jammer,
ein jeder Kirchengänger soll es sehn.

So lass uns schnell heraus aus dieser Kammer
zur Kirche hin, bevor es ist zu spät,
und gib mir Nägel noch und einen Hammer:
was an der Kirche Tor geschrieben steht,
das wird an Allerheilgen jeder lesen,
und an der ganzen Universität
kennt morgen man die fünfundneunzig Thesen!


6. Allegro ma non troppo

Wo sind wir jetzt? Ich muss geschlafen haben,
und weiter ist der Wagen stets gerollt;
statt an dem schönen Ausblick mich zu laben,
hab ich der langen Nacht Tribut gezollt
und lauschte nicht den Vögeln in den Zweigen,
die jedem Frühlingsherzen singen hold.
Nun sehe ich der frechen Spatzen Reigen,
der Schwäne Zug am blauen Himmelszelt,
ich seh den Bussard in die Lüfte steigen,
der plötzlich steil auf seine Beute fällt,
die alte Weide sich am Bach verneigen,
der grün die Wiesen und die Auen hält,
ich hör ihn plätschern, hör die Wiesen schweigen,
ich hör das Flüstern sanfter Frühlingsluft,
als wollte sie mir ein Geheimnis zeigen,
auch rieche ich der Apfelblüten Duft,
ich seh den Weinberg ein Versprechen geben,
ein Lamm zerschmettert in der Felsenkluft,
die Lerchen Frohsinn in den Himmel weben;
die Eichkatz ist vom Winterschlaf erwacht,
den Adler seh ich Gottes Thron erstreben,
der tausend Blumen bunte Farbenpracht,
die Bienen auf der Wiese sich verteilen -
die Welt ist schön und nur für mich gemacht!

Ei Schwager, müsst Ihr denn so schrecklich eilen
durch diese still geschaffene Natur?
Lasst uns doch hie und da ein wenig weilen;
die Sonne lacht, es lachen Feld und Flur!
Die Post, mein Freund, die liebe Post kann warten:
geschriebne Worte sind beständig nur.
So nehmt Euch etwas Zeit für Gottes Garten,
die kleinen großen Wunder zu besehn;
die Post, mein Freund, die liebe Post kann warten!
Seht Ihr die Birke auf der Weide stehn,
die ersten Störche auf den Dächern bauen,
die Schafe folgsam zu dem Hirten gehn?
Könnt Ihr die Stille der Natur nicht schauen,
und fühlt Ihr nicht im Herzen ihren Ruf,
ganz blind der Macht der Nonchalance zu trauen,
der Ruh, die Gott am siebten Tage schuf?
Wie sanft die Felder unterm Winde wogen,
wie unbemerkt verhallt der Pferde Huf;
durch wie viel Täler sind wir schon gezogen,
durch wie viel Wälder führte unser Lauf?
Mephisto, nein, du hast mich nicht belogen;
hier draußen wacht der müde Träumer auf.
Was braucht denn solche Herrlichkeit noch Träume?
Wenn ich mich auf dem Lande erst verschnauf,
so braucht mein froher Geist noch größre Räume!
Welch hübsches Dorf, zu dem Mephisto riet:
schon blühen prächtig Sträucher, Blumen, Bäume
und Mädchenaugen, gleich wohin man sieht!


Andante molto mosso

Wie sanft und still dein frisches Wasser fließet
und doch den Weg durch Stein und Fels sich räumt;
du Bächlein, wie’s durch dich am Ufer sprießet,
wo sich die Seele in ein Leben träumt.
Du hast dem Walde sein Gesicht gegeben,
mit Gänseblümchen deinen Pfad gesäumt,
und wo sich Tann und Lärche hoch erheben,
die Sonne fröhlich durch die Zweige dringt,
bringst du dem Waldvolk immer neues Leben.
Wie lieblich mir dein leises Rauschen klingt,
so wie Musik von Flöten und von Geigen,
zu der die Nachtigall ihr Solo singt;
auf deiner Haut tanzt manches Blatt den Reigen,
von dir im Takt des Lebens stets geführt,
wo sich die Weiden ehrfurchtsvoll verneigen,
um dem zu danken, dem ihr Dank gebührt:
denn herrlich grünt und blüht es allerwegen,
wo segnend deine Hand den Strand berührt
und viele Tiere sich im Buschwerk regen,
sich zu erfrischen an dem kühlen Nass,
an dem das Wohl des Waldes ist gelegen.
Die Hirsche weiden stolz im hohen Gras,
die Amseln bauen Nester in den Linden,
durch die du fließt wie helles reines Glas,
um einen Stein in deinem Weg zu finden;
hier sammeln sich die Wassertropfen all,
gemeinsam diesen Stein zu überwinden.

Und weiter geht dein Lauf von diesem Wall,
an dem die Tropfen froh heruntergleiten
so wie ein winzig kleiner Wasserfall,
hinab zur Lichtung, wo an allen Seiten
das Immergrün erblüht an deinem Hang;
die wilde Rose folgt ihm wohl beizeiten.
Du schlängelst dich den Birkenhain entlang
und bist vor Bäumen fast nicht mehr zu sehen;
durch Buchen, Fichten, Eichen führt dein Gang.
Vor einem Aste bleibst du zögernd stehen;
hier sammeln deine Tropfen sich zuhauf,
gemeinsam über diesen Ast zu gehen.

Und weiter, immer weiter geht dein Lauf;
noch klingt der Ruf des Kuckucks aus den Wäldern,
du aber hältst dich hier nicht länger auf
und bringst dein Wasser Wiesen, Aun und Feldern.


Allegro

Schon steht der Löwenzahn in voller Blüte,
schon baut die Schwalbe emsig an dem Nest;
wie fröhlich wird dem ländlichen Gemüte,
wie prächtig ist der Ort geschmückt zum Fest!
Wie frühlingshaft sich heut die Mädchen kleiden,
wie fürstlich sich der Bau’r bedienen lässt!
So viele Mühe und so wenig Freuden:
so hat der Mensch das Leben selbst gemacht
und muss mit Arbeit seine Zeit vergeuden;
doch heute wird gezecht, getanzt, gelacht,
es brät das Lammfleisch auf der Feuerstelle,
und fässerweise wird der Wein gebracht.
Hier sitzen wir beim Wirte an der Quelle,
hier weht erfrischend uns der laue Wind,
und lustig spielt zum Tanze die Kapelle:

Wer noch nie im Mai geliebt,
den wird dieses Jahr beschenken,
und sein Glück bleibt ungetrübt.
Wer noch nie im Mai geliebt,
soll, wenn ihn der Lenz umgibt,
an das eine immer denken:
wer noch nie im Mai geliebt,
den wird dieses Jahr beschenken!

Will Mariechen nicht zum Tanz,
tanze ich mit dir den Reigen!
Warum will die dumme Gans,
will Mariechen nicht zum Tanz?
Liebt wohl nicht mehr ihren Franz.
Lustig spielen auf die Geigen:
will Mariechen nicht zum Tanz,
tanze ich mit dir den Reigen!

Wie schön die Mädchen heute alle sind.
Sieh diese: welch ein Arsch und welche Augen!
Ist sie denn nicht ein wundervolles Kind?
Von ihren dicken Lippen Küsse saugen
wird herrlich sein in tollem Amorlauf;
sie muss zur wilden Liebe wahrlich taugen!
Ich forder sie sogleich zum Tanze auf,
und du, Mephisto, wirst zum Gatten gehen,
ihn abzulenken: gib dein Wort darauf!
Wir wollen tobend uns im Takte drehen,
bevor ich sie zu andern Dingen führ,
und sie wird meine Absicht gut verstehen,
mir auch verzeihen solcherlei Allür;
ich werde zu ihr gehn mit festen Schritten,
auch wenn ich meine weichen Knie spür.

Mein schönes Fräulein, darf zum Tanz ich bitten?
Ich hoffe, dass der Vater es erlaubt,
denn ungern hätt ich mich mit ihm gestritten.

Selten habe ich charmantere
Herren schon zurückgewiesen.
Zwar der Vater ist mein Mann,
doch Ihr kriegt den Tanz - nur diesen! -;
gehn wir zu den andern Tanzenden.

Nun, mein Mann scheint auf den keimenden
Streit sich gerne einzulassen
mit dem Freund, den Ihr gebracht;
scheut Euch nicht, mich anzufassen,
sehn doch nichts die beiden Streitenden!

Du hast mir längst schon den Verstand geraubt;
wohl hab ich deinen Ehering gesehen,
jedoch an deine Unschuld nicht geglaubt.
Komm, lass ein wenig in den Wald uns gehen,
solange noch die Abendsonne scheint,
solange noch die warmen Lüfte wehen;
in deinem Schoße mit der Welt vereint
wird alle Not und Trübsal mir vertrieben,
der Gram, der’s stets so treu mit mir gemeint!
Ich hab mein Herz für heute dir verschrieben
und hoffe, dass es dir genauso geht;
so wild und stürmisch möchte ich dich lieben
wie das Gewitter, das am Himmel steht!


Allegro

Liebster, lass uns vor den donnernden
Wolken flüchten zu den Buchen,
unter ihrem Blätterdach
vor dem Regen Schutz zu suchen
und den Blitzen, den bedrohenden!

Schon klebt mir am Leib das lästige
Kleid, das mich nicht kann erwarmen.
Setz dich unter diesen Baum,
halt mich fest in deinen Armen,
da ich mich so schrecklich ängstige!

Ach Josefine, lass dich nicht verdrießen!
Schon seh ich unter deinem nassen Kleid
der Liebe Knospen vielversprechend sprießen;
auch ich bin lange schon für dich bereit.
Nun schließ die Augen, der Natur zu lusen,
und küsse mich - wir haben wenig Zeit!

Dem im Herzen ewig siedenden
Lustgefühl ist zu verdanken,
dass wir nimmer Nein gesagt,
auch wenn wir im Geiste schwanken,
wir, die ärmsten ewig Liebenden!

Eint uns so der ewig bleibende
Hang zum anderen Geschlechte,
schilt man treulos uns und bös;
wir tun nimmermehr das Rechte,
wir, die ärmsten ewig Leidenden!

In Wald und Feld, in meinem Geist und Busen
ergießen sich des Regens Ströme hin,
ein Wasserfall gleich einem Gruß der Musen,
und tobt ein Sturm, dem ich ein Spielzeug bin,
die Blitze zucken wie ein Fegefeuer
hier auf dem Lande und in meinem Sinn,
als stieße man mich in die Hölle heuer;
der Donner grollt so laut und fürchterlich
als stürzte das Chinesische Gemäuer,
als öffnete die Erde selber sich -
wenn ich nicht schon mein Ende fürchten müsste,
fürwahr, so fürchtete ich heute mich!

Natur, Geliebte, wogen diese Brüste,
ernähren ihre Diener sich zuhauf
und freuen sich der neu erblühten Lüste.
Noch einmal bäumen sich die Himmel auf,
mit letzter Kraft ihr Werk zum Schluss zu bringen,
und lassen dann den Dingen ihren Lauf.

Schon höre ich den Donnerhall verklingen,
die Grillen zirpen nun an seiner Statt;
bald werden auch die Vögel wieder singen.
Die Himmel sind erschöpft und liegen matt,
wie vorm Gewitter, wenn auch etwas trüber,
auf dem, was Lyssa heimgesuchet hat.
Nun ist es still: die Stürme sind vorüber.


Allegretto

Welch große Wonne für den Unbeirrten:
das Licht vertrieb die finstre Sturmesnacht -
mit Freuden kommt das Schaf zu seinem Hirten,
die satten Wälder grünen voller Pracht,
und dankbar singt der Hirte seine Lieder
dem Himmel, der den Regen hat gebracht.

Welch eine Wonne,
der Regen ist vorbei:
nun scheint uns die Sonne
und macht den Himmel frei!

Licht hat vertrieben
das dunkle Sturmgebraus;
so kommt, meine Lieben,
und geht mit mir hinaus!

Kommt nur mit Freuden,
um auf der Wiese jetzt
die Gräser zu weiden,
die frisches Wasser netzt!

Satt sind die Wälder,
es schwillt des Baches Lauf,
es grünen die Felder:
die Erde atmet auf!

Es glänzt der Schwäne göttliches Gefieder,
Forsythien lachen uns am Wegesrand,
in neuer Pracht erstrahlen Klee und Flieder,
und liebend schlingt des Regenbogens Band
sich um die Erde. Tausend Schmetterlinge
umgaukeln Blüten flatterhaft galant
wie Mädchen Männerherzen, und ich schwinge
mit ihnen mich durch frühlingshafte Luft;
ich atme tief sie ein, bin guter Dinge,
genieß der Maiglock’ zauberfrischen Duft,
den Wohlgeruch von Nelke und Holunder;
die Raben kreisen in der Felsenkluft,
und jedes Wesen ist ein kleines Wunder.
Wie gut, dass ich befolgt Mephistos Rat:
hier draußen wird mein kranker Geist gesunder,
ich fühle mich gestärkt zu neuer Tat
und frei gleich einem Vogel oder Falter
auf diesem lichten freudenvollen Pfad;
in jenem Graben, dort beim tumben Halter,
liegt Josefine regungslos im Sand,
und gleich daneben liegt ihr toter Alter,
die warme Büchse in der kalten Hand.

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© 6234-6235 RT (1993-1994 CE) by Frank L. Ludwig