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Der Üpp

- Eine Reise in die Gegenwart -


I

Die Glockenblume hat geschellt,
es rauscht das Blütenmeer,
es raunt das blonde Weizenfeld:
Der Üpp, der Üpp kommt her!

Es flüstern auch die Sterne leis,
die Himmel, wolkenschwer,
und selbst Poseidon Wassergreis:
Der Üpp, der Üpp kommt her!

Im Hades, fern vom Sonnenlicht,
frohlockt das Schattenheer,
und Charon geht von Bord und spricht:
Der Üpp, der Üpp kommt her!

Er reitet auf dem Mondenschein,
er kämpft sich durchs Gestrüpp,
oder er zieht auf Eseln ein;
er kommt ja doch, der Üpp!

„Und kommt der Üpp, so geh ich fort",
verspricht der stolze Pfau,
„weil seinem ausgefransten Wort
ich nimmermehr vertrau!"

Da lacht das Honigkuchenpferd,
und es bemerkt recht klug:
„Dein Rad ist dafür, Fächersteert,
ja gar nicht schnell genug!

„Der Üpp hat Seele und Verstand",
versichert es dem Pfau,
„er ist wie Goethe sprachgewandt
und treu wie eine Frau!

„Bleib hier, du buntes Federvieh,
heiß ihn willkommen, und
der Üpp wird dich versorgen wie
ein Vater seinen Hund."

Die Meute lacht! Der Vogel hegt
den Hass auf ihr Gestüt:
der Radschlag andrer Tiere schlägt
ihm immer aufs Gemüt.

„Es kommt der starke Üpp und bringt
den Ring mir", jauchzt die Kuh -
das Herz in ihrem Euter springt
und lässt ihr keine Ruh.

Und kommt der Üpp auch morgen nicht,
so bleiben wir bereit,
und kommt er übermorgen nicht,
so lässt er sich halt Zeit.

Und taucht der Üpp selbst dann nicht auf,
was unwahrscheinlich is´,
so kommt er doch am Tag darauf
bestimmt schon ganz gewiss!


II

In grauer Mondnacht liegt der Wald,
im Nebel liegt die Bucht,
die Frühlingslüfte wehen kalt
vom Baum die reife Frucht.

Drei Eulen flöten ein Quartett,
das Flüsschen plätschert brav,
der Biber schläft in seinem Bett
den längsten Winterschlaf.

Der Wölfe zarte Melodie
hat Luna nie betört;
das Ständchen klingt allein für sie,
die keinen je erhört.

Sie liebt´s als Frau, wenn einer fleht
(wie könnt es anders sein?),
ergötzt wie stets sich am Gebet,
und heller wird ihr Schein.

„Ich bin die ärmste Kreatur",
seufzt Luna, und sie spricht:
„Ein jeder sieht mich an, und nur
ich selber kann es nicht."

„Ach was", erwider ich, „ach was!
Bald kommt der Üpp, und dann,
dann siehst du ohne Unterlass
dir deine Schönheit an."

„Ja, glaubst du wirklich?", lächelt sie
und wischt die Träne fort. -
„Er hat´s gesagt, und sicher wie
ein Weibsherz steht sein Wort."

„Ich werde meine Schönheit sehn,
so weiß wie Marmorsäuln,
in Lobeshymnen mich ergehn
und mit den Wölfen heuln!"


III

Hier kommt der Schatten des Ben Hur,
vom Orkus ausgesandt:
ein Herbststurm braust durch Wald und Flur,
verwüstet Stadt und Land!

Er peitscht den Regen durch die Wutt*
und fällt der Bäume Heer,
was heil ist, macht er kaputt,
Kaputtes gar noch mehr!

Er reißt der Häuser Mauern ein
und stürzt der Kirche Turm,
er bricht den Damm aus festem Stein,
der böse, böse Sturm!

Er bringt das Meer hinein zur Stadt,
geführt an starker Hand,
er macht die Wolkenkratzer platt,
als wären sie aus Sand!

Er tränkt die Schwalben auf dem Dach,
die Mistel, fast verdorrt,
er macht zum wilden Strom den Bach
und bläst die Rinder fort!

Er wütet wie der Antichrist,
der um die Seele wirbt,
er wütet wie der Anarchist,
sobald sein Führer stirbt!

Der Schrat im Wald, obgleich durchnässt,
schwelgt noch im schönsten Traum,
da fegt der Sturm durch das Geäst
und weht ein Blatt vom Baum!


IV

Zur Osterwiese zieht die Schar
und wedelt mit dem Schwanz,
zum Frühlingsfest, wie jedes Jahr,
mit Spiel, Musik und Tanz.

Hier singt man voll Begeisterung,
hier redet man gescheit,
hier wird Unsterblich, Alt und Jung
getränkt am Strom der Zeit.

Fürs Leibliche ist auch gesorgt:
ein Satansbraten wird
gegrillt, ein Flaschengeist entkorkt,
der auf den Wassern schwirrt.

Den Fleischberg steigt man nun hinauf,
wo jedes Tier sich labt:
der Eber frisst die Ferkel auf,
die Sau hat Schwein gehabt.

Die Pinguine auf dem Riff
betrachten überrascht
den Eisbärn, der mit kaltem Griff
die Skihäschen vernascht.

Der Sohn der Rabeneltern spielt
mit seinem Essen gar,
bevor es stirbt; „Sei fies", empfiehlt
das Palindromedar.

„Ist Onkel schon gekommen?", fragt
der eitle Wiedehopf.
„Ich weiß es nicht", sein Weiblein sagt,
„ich seh nur seinen Kopf."

Das Glühwürmchen steht seinen Mann,
die Warteschlange zischt:
„Stell dich gefälligst hinten an,
bevor dein Licht erlischt!"

Der Elefant am Ladentisch
verkauft sein Porzellan,
und Panter streifen durchs Gebüsch
mit manchem steilen Zahn.

So manch begossner Pudel glitt
schon aus im Schlamm; es prahlt
das Mammut, weil es immer mit
Neandertalern zahlt.

Der Wanderfalke geht beschwingt
mit Rucksack und Stilett,
wobei er zu sich selber singt:
Wenn ich nur Flügel hätt!

Es seufzt der Tintenfisch und schreibt
das Epos dieser Welt,
die Grüne Heuschrecke vertreibt
die Garben auf dem Feld.

Der Brustkrebs löst sein Dekolleté,
der Fuchsteufel ergrimmt,
weil der Papiertiger im See
ein kleines Blutbad nimmt.

Den Bock, der seinen Garten pflegt,
wo Kohl und Knoblauch sprießt,
verlacht man, weil er unentwegt
Blumentopferde gießt.

Das halbe Hähnchen auf dem Mist
ist Hahn im Korb und fett;
es lässt das Wetter wie es ist
und geht mit den Hühnern zu Bett.

Nun tanzt man auf dem ganzen Platz,
das Maultier musiziert
mit seinen Kindern, und die Katz
singt dazu ungeniert.

Da schunkelt auch das Schaukelpferd
begeistert, bis zuletzt
die Pferdebremse auf dem Steert
dem Spaß ein Ende setzt.

Die alte Vogelhochzeitsweise
erklingt im dichten Reise;
ein Vogel grölt: „Die Meise, die Meise,
die singt besssaubernd leise!"

Die Blaumeise pausiert und nimmt
noch einen Schluck darauf,
und morgen wacht sie ganz bestimmt
mit einem Kater auf.

Der Rohrspatz schimpft auf dies und das,
der Brummbär ist verstimmt,
weil seine Frau im hohen Gras
sich einen Tanzbärn nimmt.

Es staunt mit offnem Mund sodann
der Löwenzahn, wie gut
die Pusteblume blasen kann,
und wie geschickt sie´s tut.

Daneben steht in aller Ruh
das Honigkuchenpferd:
„Kommt jetzt der Üpp und sieht euch zu,
so macht er wieder kehrt."


V

Im Nebel und in Trümmern liegt
die finstere Bastei,
auf grauen Papageien fliegt
der edle Mai vorbei.

Und wie er fliegt, erzählen sich
die Kinder seiner Zeit
vom Sonnenuntergang in Brich*
und von der Ewigkeit.

Und niemand weiß, und niemand will
es wissen, was passiert,
wenn eine Kuh, versteckt und still,
ihr Jungfernsteak verliert.

Kein Krokodil singt weit und breit,
lethargisch brummt der Aar,
und Treibholz ist im Strom der Zeit,
was einst die Arche war.

Die Trauerweide schmollt am Bach
und lässt sich hängen; dort
zieht mancher Star von ihrem Dach
trauergeweidet fort.

Viel Mädchen weinen hier, doch nur
wer alle übertönt
wird unter vielen Tränen zur
Weinkönigin gekrönt.

Der Mann weint nachts, wenn weit und breit
ihn niemand hören kann,
und so entstand vor langer Zeit
die Mär vom Weinachtsmann.

Und wo der Tod noch überlebt,
und wo das Leben stirbt,
hat Rübezahl umsonst gewebt,
dieweil Hans Sachs verdirbt.

Doch bald schon kommt der Üpp, und dann,
in wunderbarem Lauf,
fängt alles neu von vorne an
und hört von vorne auf.


VI

Bei Vollmond grast der weise Au*
am Gänseblümchenhain,
doch bald, er weiß es ganz genau,
wird ihn der Üpp befrein.

Ein Haus aus Stein, ein Nest aus Stroh
oder ein Loch aus Luft
macht jeden seiner Jünger froh,
auch wenn ihr Dank verpufft.

Um Mitternacht die Fledermaus
erwacht aus ihrem Schlaf
und fledert in die Nacht hinaus
und blutsaugt bei Bedarf.

Kein Raunen in den Wipfeln stört
dies nächtliche Idyll:
bald kommt der Üpp schon und erhört,
die auf ihn warten still.

Von gestern bis in Ewigkeit
regiert er diese Welt
und nimmt sich immer reichlich Zeit
für den, dem er missfällt.

Als Schatten seiner selbst sodann
kämpft er im Schattenheer,
und dem, der schättlich* kämpfen kann,
missfällt der Üpp nicht mehr.

Der Üpp ist mächtig, groß und schön!
Man glaubt, man ahnt ihn nur;
obwohl ihn niemand je gesehn,
beherrscht er die Natur!


VII

Ist auch der Bückling alt und krumm,
sein Esel ist auf Draht:
den Drahtesel besteigt er drum
und geht auf große Fahrt.

Von dem, was er sich sparte einst,
hat er kein Drittel mehr,
doch, Sonne, weil du stets dort scheinst,
reist er ans Mittelmeer.

Dorthin, wo man die Liebe preist
und praktizieren lässt,
wo Fremde man willkommen heißt
beim Algenblütenfest.

Das Mittelmeerschweinchen grunzt und staunt
und stellt ernüchtert fest:
sie sind nicht essbar - schlechtgelaunt
kehrt es zurück ins Nest.

Der Bückling, der sich nun verbeugt,
weil er nicht anders kann,
wird misstrauisch vom Hecht beäugt -
der ist ein stolzer Mann.

"Sich zu verbeugen, das ist für
die Rückenwirbel schlecht.
Nimm dir ein Beispiel nur an mir:
ich bin ein toller Hecht!

„Ich beuge meinen Rücken nicht
(ein Raubfisch ist kein Hund),
ich zeige immer mein Gesicht
und kenne nicht den Grund."

„Es ist nicht schwer, den Grund zu sehn",
fällt ihm der Stör ins Wort,
„man muss nur weit nach unten gehn,
und plötzlich ist man dort."

„Worauf ich keine Böcke hab,
dort laichst du ja zur Stund:
dort legst du deine Eier ab
und weißt allein den Grund."

„Ein weißer Grund verschönt das Meer;
ich weiß, was sich gehört",
erwidert ihm der Stör, und er
taucht hin wo er nicht stört.

Mit einem schnellen Hechtsprung schleicht
sich auch der Hecht davon,
und wie er in die Flut entweicht
gleicht er dem Hagebonn*.

Der Bückling schaut zum Ufer hin:
dort wählt man mit Gesang
die Algenblütenkönigin
und krönt sie stundenlang.

Das Lied der Wale klingt so schön
und traurig durch den Tag,
dass bald schon aller Welt Getön
man nicht mehr missen mag.

Doch unvermittelmeert verstummt
der Wahlgesang, und nun
wird ihre Königin vermummt
und hat nichts meer zu tun.

Der Bückling, traurig und verdrossen,
macht kehrt, doch plötzlich fällt
es ihm wie Schuppen von den Flossen,
wie alles sich verhält.

„Die Fische sind hier doch verrückt -
bald reise ich nach Haus";
der Bückling steht noch lang gebückt
und sieht aufs Meer hinaus.

Das Mittelmeerschweinchen folgt ihm jetzt
und spricht: „Du armer Fisch;
die andern spinnen, doch zuletzt
kommt jeder auf den Tisch.

„Die Fische, welche man verlacht,
und die, die man verehrt,
sie werden, eh man es gedacht,
vom gleichen Mund verzehrt.

„Doch bald schon kommt der Üpp, und dann,
in seinem Angesicht,
wird alles besser irgendwann
vielleicht, vielleicht auch nicht."


VIII

Die wüste Gobi sieht ganz schweiß-
gebadet immer fern:
sie ist bekanntlich zwar sehr heiß,
doch rührt sie sich nicht gern.

Der Wandrer, den sie sehen kann,
steigt über sie im Nu:
die Mühe hat ja stets der Mann,
die Frau sieht dabei zu.

Und weiter führt sein Weg zum Bach,
den muss er überquern,
doch seine Flügel sind zu schwach:
wenn dort nur Brücken wär¡¦n!

Zwar überquert er einen Steg,
doch hat es keinen Zweck:
ein Wegweiser steht ihm im Weg
und weist ihn wieder weg.

Und schließlich kommt der Gutewicht*
und weiß nicht, was er will:
das Mucksmäuschen bewegt sich nicht,
und alles ist ganz still.

Der Maulwurf erscheint sodann:
er kommt aus seinem Loch
und wirft sein Maul so weit er kann
und etwas weiter noch.

Die Ruhe ist wie ein Geschenk
und wird nicht ausgepackt,
wenn auch Gevatter Ungelenk*
noch so viel schabernackt.

Und selbst im Dom verstummt der Bauch*:
dort hört man keinen Laut,
und keinen Leise hört man auch,
am meisten von der Braut.

Doch plötzlich merken alle auf,
denn in die Stille fährt
ein Schweigen, das den Tageslauf
beileibe nicht erklärt.

Das hat der Üpp, der Üpp gemacht!
erklingt ihr froher Chor;
so hat er doch an uns gedacht
wie jedes Mal zuvor.


IX

Im dunklen tiefen Purzelwald,
da steht ein Purzelbaum,
und wenn im Wald das Jagdhorn schallt,
beachtet er es kaum.

Der Windhund kommt und hebt das Bein
mit Kläffen und Gebell,
da purzelt ihm ein Meilenstein
wohl auf das dicke Fell.

So weht er denn von Baum zu Baum
und kommt bei keinem an,
weil selbst der kleinste Purzelbaum
sich immer wehren kann.

In seiner Rinde aber summt
der Ohrwurm vor sich hin,
worauf das Jagdhorn gleich verstummt;
das war wohl auch der Sinn.

Die Rinde ist darob pikiert,
so wie der Hund im Wind,
doch da die Rinde e verliert,
wird plötzlich sie zum Rind.

Der Drehwurm aber lacht und tanzt
zur sinnlichen Musik;
das Rind, es wedelt mit dem Schwanz
und schüttelt sein Aspik.

Nach langem Tanzen wird es matt,
die Würmer achten drauf,
doch wer erst angefangen hat,
der hört nicht wieder auf.

Der Ohrwurm, gänzlich unbeschurmt*,
summt weiter unbeirrt,
der Drehwurm macht (was alle wurmt),
dass hin und her man schwirrt.

Das Honigkuchenpferd im Wald
wird nun vom Rind gehörnt,
worauf es sich als Einhorn bald
aus dieser Welt entfernt.

Es kann sein Missgeschick nicht fassen
und wiehert leis und stumm:
Warum hat mich der Üpp verlassen,
warum, mein Herz, warum?


X

Die Welt ist rund in Ewigkeit,
wie ihr wohl alle wisst,
doch heut noch glaubt man, dass die Zeit
nur eine Scheibe ist.

Geht man von Hamburg geradeaus
soweit man gehen kann,
so kommt man einmal, ei der Daus!
wieder in Hamburg an.

Und geht man heut vom Zillertal
in eine Richtung fort,
so ist man irgendwann einmal
auch heute wieder dort.

Doch was geht das den Waldschrat an? -
Er schratet weit und breit
die Wälder, die er finden kann,
und geht nicht mit der Zeit.

Die Heidelbären sehn es wohl;
was macht man ohne Wald?
Die Winter werden wie am Pol
ganz sicher hart und kalt!

Und weil es ihnen nicht gefellt,
wie er ihr'n Pelz fixiert,
wird er zur Rede nun gestellt
und weiß, dass er verliert.

„Ach, hätt ich eine Büchse nur
geschnallt um meinen Bauch;
ich könnte schraten die Natur,
und Pelze hätt ich auch!"

Was danach kam? - Ich halt den Mund,
doch werdet ihr verstehn,
dass niemand mehr seit jener Stund
den Waldschrat hat gesehn.

Den kleinen Erzfeind der Natur,
den hat man überlebt,
doch machtvoll über Wald und Flur
der Pleitegeier schwebt.

Und diesen schießt uns keiner wohl,
zerstört er unser Geld:
er ist ja schließlich das Symbol
der Freiheit dieser Welt!

Er sagt uns, was der Herrscher will
und was wir machen soll'n,
und gibt uns dabei das Gefühl,
dass wir es selber woll'n.

Der Freiheit Vogel! Zwar verdrießt
uns sehr sein Geldverbrauch,
doch ein Verräter, wer ihn schießt,
und sterben muss er auch!

Aber das ist nur Theorie,
denn hier wird aufgepasst:
den heilgen Vogel hat noch nie
ein Tier nur angefasst!

Und falls dir das noch nicht genügt,
geb ich dir einen Tipp:
der Vogel, der so teuer fliegt,
ist Botschafter des Üpp!


XI

Die Wolkenfotografin liegt
verträumt im Gras und friert,
derweil ihr Elch den Durst besiegt,
doch den Verstand verliert.

In jeder Stadt, in jedem Dorf
trinkt er aufs eigne Wohl;
ein Elk ist halt ein echter Snorf
und liebt den Ælkohol.

Der Wolkenkratzer steht im Licht
und will ganz hoch hinaus;
das aber kratzt die Wolke nicht -
sie braucht kein festes Haus.

Sie reist von hier nach da und sieht
die Welt von oben an;
wie sanft sie durch die Lüfte zieht,
solang sie ziehen kann.

So badet sie im Sonnenlicht,
mal wellig und mal kraus,
doch wo sie Menschen findet, bricht
sie gleich in Tränen aus.

Der Himmel ist ein graues Tuch,
das eine Krähe hält:
dort liest man wie in einem Buch
den Fluch auf dieser Welt.

So sehr man einen Ausweg sucht,
er hält, was er verspricht:
so weiß man um den Fluch und flucht,
doch flüchten kann man nicht.

Die Duckmaus hat sich schon versteckt
im Bau und fürchtet sich.
Dort wird sie auch sofort entdeckt:
man kennt ja ihren Schlich*.

Vorbei sind aller Nächte Mühn:
der Morgen scheut das Heut',
das Heut' will gern vom Gestern fliehn;
wie sehr den Üpp das freut.

Er hält sich fern, denn seine Zeit
ist nicht die Gegenwart,
und weder die Vergangenheit
noch Zukunft sind sein Part.


XII

Der Amtsschimmel steht krank und bleich,
gesattelt und gezäumt,
und jedes Hindernis wird gleich
aus seinem Weg geräumt.

Er reitet stets mit Rückenwind
(zumeist ein starker West);
bevor das Rennen nur beginnt,
steht er als Sieger fest.

Die Rennbahn ist schon präpariert:
im tiefsten Unterholz
hat eine Strecke man planiert,
auf die ist jeder stolz.

Die Buchmacher sind auch auf Trab
(wie könnt es anders sein?);
man schließt die letzten Wetten ab
und deckt sich mit Bölkstoff ein.

Der Sieger steht zwar fest, darü-
ber spricht man unbeirrt;
man wettet, ob sein Gegner ü-
berhaupt erscheinen wird.

Fast gibt man schon das Warten auf
und sieht sein Geld vermehrt,
da eilt herbei in schnellem Lauf
das Honigkuchenpferd.

Es zahlt die Steuern und Gebührn
und liest die Regeln nun:
es darf die Rennbahn nicht berührn,
sonst darf es alles tun.

Der Nichtsnutz von Verlierer gibt
dann einen Festtagsschmaus;
der Sieger, wie es ihm beliebt,
wählt dazu Speisen aus.

Der Startschuss fällt; gemächlich trabt
der Amtsschimmel in Ruh
die Rennstrecke entlang und schlabt*
der Zielgeraden zu.

Viel später fällt der Startschuss dann
fürs Honigkuchenpferd;
es kämpft sich durch so gut es kann -
die Bahn bleibt ihm verwehrt.

Es stakst durch Unterholz und Sumpf
(Ehrgeiz ist, was es treibt),
bis es zuletzt mit seinem Rumpf
im Schlamme stecken bleibt.

Den Amtsschimmel beisst in sein Ohr
ein Floh; das ist zuviel -
nun springt er, schnell wie nie zuvor,
mit einem Satz durchs Ziel!

Man grüßt den Sieger und lobpreist
den Üpp im Abendrot,
der wieder einmal sich beweist
als Helfer in der Not.

Der Floh war ja vom Üpp gesandt,
der alle Dinge lenkt,
der seinem Kind zur Seite stand
und ihm den Sieg geschenkt.

Das Honigkuchenpferd verschwin-
det tiefer im Morast
und schaut zum stolzen Sieger hin,
doch es bemerkt gefasst:

„Hätt mich ein Floh am Ohr gezwickt,
so hätte ich vielleicht
auch eine Chance gehabt"; es blickt
umher, schluckt und erbleicht.

So etwas kommt recht häufig vor,
wenn ein Verlierer spricht:
er nimmt die Sache mit Humor -
der Sieger tut es nicht.

Plötzlich ist jedes Tier verstummt,
denn alle sind empört,
und nur der Schiedsrichter, der brummt
etwas wie „unerhört".

Das Honigkuchenpferd versinkt
im Boden auf der Stell,
und es denkt reumütig: „Was bringt
mir jetzt mein dickes Fell?"

Wozu ich nur zu sagen hab
(vom Festgelage satt)
dass, als es Abends Gulasch gab,
es nicht gegessen hat.

Bleibt ernst, wie die Geschichte lehrt
vom Rennen, die ich sing,
wie unserm Honigkuchenpferd
das Lachen einst verging.

Den, der den Mund nicht halten kann,
trifft bald des Üpps Gericht:
der Üpp, der ist ein strenger Mann
und liebt das Lachen nicht.


XIII

Im Frühjahr, wenn der erste Pilz
sich mit dem Schimmel paart
und freudig springt im Leib die Milz,
dann ist es Himmelfahrt.

Die Blaumeise sitzt ganz allein
im Hofbräuhaus, da tritt
die Schnapsdrossel zur Tür herein
und trinkt ein wenig mit.

Ein neues Fläschchen wird entpfropft,
entrichtet die Gebühr,
und schon ein wenig später klopft
der Schluckspecht an die Tür.

Und auch die Sumpfente erscheint
mit schwerem Kopf. Man lacht;
sie sieht so blass aus, dass man meint,
sie habe durchgemacht.

Das ist wohl auch der Fall; sie schwankt
auf einen Hocker zu,
hat in Minuten aufgetankt
und singt von Haithabu.

Die Kornblume schenkt nochmals ein;
man trinkt aus ihrem Kelch,
doch plötzlich fängt sie an zu schrein:
„Ich glaub mich knutscht ein Elch!"

Dem ist auch so; das Wort „genug"
wurde ihm nie erklärt,
drum hat in einem langen Zug
die Wirtin er geleert.

Die Weinbären gesellen sich
dazu und werfen ein:
„Das wird der Wirtin, denke ich,
wohl eine Leere sein!"

Es fließt so mancher edle Tropfen
durch manchen vollen Hals:
der Wiedehopf trinkt wieder Hopfen,
der Schluckspecht bleibt beim Malz.

Dann schenkt man Kurze aus zuhauf,
und wenig später hört
die Sumpfente zu singen auf,
was keinen weiter stört.

Der Tresen bettet ihren Kopf;
„Die scheint nicht mehr sehr frisch",
lallt mühsam nun der Wiedehopf
und sinkt unter den Tisch.

Der Schluckspecht legt mit letzter Kraft
den Flügel zärtlich um
die Schnapsdrossel; er hat's geschafft,
die Drossel lächelt stumm.

Ob sie noch etwas trinken will,
erkundigt er sich cool;
die Drossel lächelt und bleibt still,
der Schluckspecht fällt vom Stuhl.

Drauf öffnet sie ein Fläschchen Wein
(das letzte weit und breit)
und schläft auf ihrem Hocker ein
und träumt von alter Zeit.

Die Schnapsdrossel hört ohne Frage
nicht mehr, wie rumversehrt
die Blaumeise das Vogelage
nun für vertagt erklärt.

Soeben schlug die Turmuhr vier,
gut hörbar fern und nah,
und Nebelkrähen stehn Spalier,
wo einst den Storch man sah -
es seufzt der Mensch, es jauchzt das Tier:
Der Üpp, der Üpp war da!


Anhang

* Wo Sprache fehlt, muss Sprache geschaffen werden, und wo die Phantasie des Dichters über den verfügbaren Wortschatz hinausgeht, muss er sich das adämliche Recht nehmen, den Dingen ihren Namen zu geben. So sind im Verlaufe dieser Dichtung zwangsläufig die folgenden Begriffe entstanden:

Au: poet. für Auerochse

Bauch, der: Geistlicher, der für Vogelhochzeiten zuständig ist. Die amtliche Bezeichnung "Dompfaff" ist diesem Begriff gewichen, der auf seine Leibesfülle anspielt.

Brich: das verlorene Paradies der Graupapageien, aus dem sie vertrieben wurden, nachdem sie die verbotene Nuss des Fliegen könnens geknackt hatten; zur Strafe wurden ihnen ihre bunten Farben genommen. (Entspricht in wesentlichen Zügen dem Eden der jüdischen und christlichen Mythologie.)

Gevatter Ungelenk: der zu Recht ausgestorbene Moa

Gutewicht: Vor langer Zeit schufen die Menschen Kobolde, mit denen sie sich und ihre Mitmenschen identifizieren konnten. Damals gab es neben den Bösewichten auch noch die Gutewichte.

Hagebonn: Eine Art Dschinni unter den Fischen des Mittelmeerraumes; er erscheint und verschwindet völlig unerwartet, und wer ihn sieht, hat drei Wünsche frei (die allerdings nicht erfüllt werden).

schättlich: ursprüngl. Form des Wortes "schädlich" (vom alten Aberglauben, es sei schädlich, tot zu sein)

schlaben: Kontraktion von „schlafen" und „traben"; sowohl das mechanische Abgehen einer Strecke, die man im Schlaf kennt, als auch Schlafwandeln im wörtlichen Sinn.

Schlich, der: Singular von „Schliche", da die Duckmaus nur den einen kennt.

unbeschurmt: von etwas nicht betroffen sein, da man wichtigere Dinge im Kopf hat und die anderen einen nichts angehen (von Schurm = Betroffenheit, und beschurmen = betreffen, angehen)

Wutt, die: der Luftraum, der sich über einer Wiese befindet, insbesondere in feuchtem Zustand (durch Morgentau, Nebel usw.)


© 6238-6243 RT (1997-2002 CE) by Frank L. Ludwig