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Überfällige Dinge


Sie stand auf, räkelte sich und öffnete die Vorhänge. Es war schon spät am Vormittag, und die Sonne schien endlich einmal so, wie man es im Sommer von ihr erwartet.
Sie taperte zum Kühlschrank und nahm sich Milch und Müsli. Einen Augenblick lang flirtete sie mit dem Steak; nein, sagte sie dann, das hebe ich mir für heute abend auf.
Sie zog sich nach dem Frühstück an, kämmte die Haare und schminkte sich.
Zufrieden ging sie aus dem Haus: sie hatte sich genau den richtigen Tag frei genommen, um einige überfällige Dinge zu erledigen. Die Vögel sangen, der Garten blühte, und sie konnte erstmals in diesem Jahr ihr kurzes Sommerkleid tragen. Auf der Straße fiel ihr ein, dass Montag war, und so ging sie noch einmal zurück, um die volle Mülltonne vor die Tür zu stellen. Sie entschied sich nach kurzem Zögern, nicht den Bus zu nehmen; für das Abendkleid, dass sie sich demnächst kaufen wollte, musste sie jeden Pfennig zurück legen, und so ging sie zu Fuß zum Bahnhof. Dort besorgte sie sich eine Fahrkarte nach Köln, wo sie am nächsten Wochenende ihre Eltern besuchen wollte; ein IC wäre zwar schneller und bequemer, aber sie dachte an den Zuschlag und ihr Abendkleid und begnügte sich mit einem D-Zug.
Sie machte sich anschließend auf den Weg zur Bank: die Fahrkarte hatte sie mit Euroscheck bezahlt, und nun war es nötig, den Dispo von ein- auf zweitausend Mark erhöhen zu lassen.
Dann ging sie zum Einwohneramt, um sich einen Reisepass ausstellen zu lassen. Den brauchte sie in zwei Monaten, um mit ihrem Freund nach Florida zu fliegen. Sie kaufte für die nächsten vierzehn Tage ein und blieb mit ihren Tüten vor einer Eisdiele stehen. Ein kühles Eis wäre jetzt genau das richtige, dachte sie, aber nach einem Blick auf die Preistafel überlegte sie es sich anders und ging nach Hause.
Sie brachte die leere Mülltonne zurück, mähte den Rasen, wusch die Fenster, saugte den Fußboden, wischte Staub und taute den Kühlschank ab.
Sie schrieb einen Brief an ihre Freundin, die jetzt in Dortmund lebte: sie würde sie gerne einmal wiedersehen, und ob es ihr recht wäre, wenn sie sie in ein paar Wochen besuchen würde; sie legte den Brief auf die Kommode, um nicht zu vergessen, ihn am Abend einzuwerfen.
Sie reinigte Küche und Badezimmer, und als sie am späten Nachmittag endlich fertig war, ließ sie sich das Badewasser ein.
Sie war erschöpft von der Arbeit, aber erleichtert, alles hinter sich zu haben, zog sich aus und stieg in die Wanne.
Sie wusch sich die Haare und spülte sie gründlich, seifte ihren Körper ein, griff nach den Rasierklingen und schnitt sich die Pulsadern auf.


© 6233 RT (1992 CE) by Frank L. Ludwig