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Der erste Schritt


Er stieg in den Bus, zeigte seine Monatskarte vor und setzte sich. Als der Bus an die Brücke kam, blickte er nach links, aber er sah sie nicht. Enttäuscht senkte er den Kopf; bevor er aber darüber nachdenken konnte, was mit ihr geschehen war, bemerkte er sie auf der Mitte der Brücke. Entweder war sie heute zu spät, oder sein Bus war zu früh. Sie lächelte ihm zu und winkte, und er winkte überrascht zurück. Schön, dachte er, lehnte sich zufrieden zurück und spürte sein Herz höher schlagen; gewunken hat sie vorher noch nie.
Sie machte sich auf den Weg ins Büro, und als sie die Brücke erreichte, sah sie den Bus bereits kommen; entweder war sie heute zu spät, oder der Bus war zu früh. Das irritierte sie ein wenig, und sie war sich deshalb unsicher, ob ihr Lächeln heute auch strahlend genug war - um jede Missdeutung auszuschließen, hob sie kurzentschlossen die Hand zum Gruß.

Er stieg in den Bus, zeigte seine Monatskarte vor und setzte sich. Er könnte sich, dachte er, ja einen Tag freinehmen und sie morgens an der Brücke abfangen. Obwohl - bei der gegenwärtigen Auftragslage schien es aussichtslos, kurzfristig einen Urlaubstag nehmen zu wollen; dann sah er nach links, lächelte und winkte ihr zu. Nein, überlegte er weiter, eigentlich könnte sie genauso gut einmal eine Station mit dem Bus fahren.
Sie machte sich auf den Weg ins Büro und überlegte sich, ob sie sich einen freien Tag nehmen sollte, um morgens in den Bus zu steigen; dann sah sie ihn kommen und winkte. Nein, dachte sie, er kann genauso gut einmal früher aufstehen und zu Fuß gehen.

Er stieg in den Bus, zeigte seine Monatskarte vor und setzte sich. An der Brücke winkte sie ihm lächelnd zu, und er winkte lächelnd zurück. Dann hob sie ihre Hand ein zweites Mal; er sah sich um und erblickte im hinteren Teil des Busses einen älteren Herrn, der sie freudig überrascht zurückgrüßte.„Eine ehemalige Schülerin von mir", erklärte der Mann auf seine Frage, „ein ganz reizendes Mädel."
„Können sie mir ihren Namen sagen?"
„Na, Sie hat’s wohl bös erwischt", lachte der Alte und gab ihm die Auskunft.
Als er abends nach Hause kam, schlug er sofort das Telefonbuch auf und fand ihren Namen. Schon hatte er den Hörer in der Hand, als ihm einfiel, dass ein scheinbar zufälliges Zusammentreffen vor ihrer Haustür unverfänglicher wäre; woher sollte er denn schon ihre Adresse kennen?
Sie machte sich auf den Weg ins Büro, winkte ihm zu und erblickte plötzlich ihren alten Lehrer, den sie ebenfalls grüßte. In der Kaffeepause blätterte sie im Lokalanzeiger, und plötzlich stutzte sie: die Gewinner des Sommerquiz wurden veröffentlicht, und er hatte den ersten Preis gewonnen - sein Foto war abgebildet, sein Name stand darunter, und bevor sie die Zeitung fortwarf, riss sie sein Bild heraus und steckte es in ihr Portemonnaie.
Als sie abends nach Hause kam, schlug sie sofort das Telefonbuch auf und fand seinen Namen. Sie hatte schon den Hörer in der Hand, als ihr einfiel, dass ein scheinbar zufälliges Zusammentreffen vor seiner Haustür unverfänglicher wäre; woher sollte sie denn schon seine Adresse kennen?

Er stieg in den Bus, zeigte seine Monatskarte vor und setzte sich. Er überlegte, wann er ihr am besten über den Weg laufen könnte: vielleicht abends, wenn die meisten Leute ausgehen. Um acht vielleicht? Oder besser um sieben? Dann sah er lächelnd nach links und winkte; eigentlich, dachte er, kann sie den Anfang machen. Mein Foto im Lokalanzeiger muss sie gesehen haben, und mein Name steht im Telefonbuch.
Sie machte sich auf den Weg ins Büro und überlegte sich, wie sie es anstellen sollte, ihn vor seinem Haus abzufangen. Vielleicht abends, wenn die Männer auf ein Bier fortgehen. Um acht? Oder besser schon um sieben? An der Brücke winkte sie ihm lächelnd zu; eigentlich, dachte sie, kann er den Anfang machen. Er hat gesehen, dass ich meinen Deutschlehrer begrüßt habe, und der Alte hätte ihm bestimmt meine Adresse gegeben.

Er stieg nicht in den Bus, und sie machte sich nicht auf den Weg ins Büro. Ich weiß nicht mehr, wer als erster verschwand; die Geschichte liegt immerhin vierzig Jahre zurück. Jedenfalls sind beide in andere Städte gezogen, haben geheiratet und Kinder, Enkel und schließlich Rente bekommen.

Heute wird er seine Enkel besuchen (er hat sie seit der Beerdigung seiner Frau nicht mehr gesehen), besteigt mit seinen Reisetaschen den Zug und sucht nach dem Raucherabteil. Plötzlich huscht eine Frau an ihm vorbei, und im gleichen Augenblick hört er etwas zu Boden fallen.
„Entschuldigen Sie", ruft er und bückt sich danach, „entschuldigen Sie, ich glaube, Sie haben ihr Portemonnaie verloren."
Sie hatte mal wieder die Nase voll. Die letzten Wochen mit ihrem Mann waren unerträglich, und als er sich gestern noch erdreistete, im Schlafzimmer zu rauchen, packte sie die Koffer, um für ein paar Wochen nach Italien zu fahren.
Nachdem sie ihre Platznummer gefunden hatte, lehnte sie sich zurück und machte ein Nickerchen in der Gewissheit, erst unter Italiens Sonne wieder die Augen zu öffnen.
Sie wachte allerdings schon nach einer knappen Stunde wieder auf, und das mit einer furchtbar trockenen Kehle. So hat sie es eilig, in das Zugbistro zu kommen, und rauscht durch die Gänge.
„Entschuldigen Sie", hört sie plötzlich eine Stimme hinter sich.
„Entschuldigen Sie, ich glaube, Sie haben Ihr Portemonnaie verloren."
Sie bedankt sich und lädt ihn zu einem Kaffee ein. Sie sprechen über Gatten, Kinder, Enkel, Wetter und Heimat; hier bemerken sie, dass sie aus der gleichen Stadt kommen. Aber auch als sie einander ihre Vornamen nennen, erinnern sie sich nicht.


© 6233 RT (1992 CE) by Frank L. Ludwig