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Ende eines Schattendaseins


Das Licht der Laterne warf ihn auf die Kreuzung. Einen Moment lang fand er sich auf der Karosserie eines vorüber fahrenden Cabriolets wieder, um sich dann erneut über die Straße zu strecken.
Das Viertel schlief; nur in zwei oder drei Fenstern konnte man noch die Silhouette einer Fleischverkäuferin bestaunen, die ihre Hoffnung auf einen späten Gourmet nicht aufgeben wollte. Von irgendwo erklang die tiefe Stimme eines Contreauxbass, sich an einer Reihe von Heimatliedern versuchend und der Einfachheit halber sämtliche Texte auf die ständige Wiederholung der Titelzeile reduzierend.
Vorsichtig schlich er weiter, an jeder Straßenecke ausharrend und zögernd den Kopf wendend, bis der fahle Mondschein ihn auf die Hintertür eines zerfallenen Mietshauses projizierte. Als diese geöffnet wurde, fand er sich auf einer schmalen Stiege wieder, das ängstliche Fiepen der flüchtenden Ratten nicht zur Kenntnis nehmend.
Er liebte dieses Treppen steigen, gab ihm die Verzerrung durch die Stufen doch für wenige Augenblicke eine Ahnung von jener Dreidimensionalität, die in dieser Welt von so elementarer Bedeutung zu sein schien.
Er fiel auf die Tür und - da diese sofort aufgerissen wurde - von der Tür auf den Boden. Im Zimmer bemerkte er einen anderen Schatten, der erschrocken seinen Kopf herum drehte und abwehrend die Hände hob. Erfolglos allerdings: sich der Reflexion einer Handfeuerwaffe gegenüber sehend, krümmte er sich und wurde in der nächsten Sekunde nahezu unter seinem Besitzer begraben. Nur ein schmaler Streifen war noch zu erkennen, und der andere kam einen Schritt näher.
„Es tut mir leid“, sagte er. „Ich wollte es nicht, aber ich konnte nichts dagegen tun.“
„Ich weiß, ich weiß, schließlich bin ich ja selbst ein Schatten. Eigentlich bin ich ganz froh, dass es so gekommen ist. In ein paar Tagen fällt der Deckel zu, und dann hat der ganze Trabbel ein Ende.“
„Ich wünschte, wir könnten tauschen. Sicher, ich kenne nicht die Schicksale anderer Schatten, aber schlechter als ich kann man es bestimmt nicht treffen. Einen solchen Widerling wie meinen Typen kann es einfach nicht zweimal geben.“


Als er wieder auf den heimischen Wohnzimmerteppich geworfen wurde, sah er den weiblichen Schatten, der das Apartment mit ihm teilte, vor ihm zurück weichen, während er mit ausgestrecktem Zeigefinger auf das Fenster deutete und sie in eine Ecke drängte.
„Ach nein“, seufzte er, „nicht schon wieder.“
„Ich verstehe das nicht“, sagte sie, während sie abwehrend die Hände vors Gesicht hielt. „Warum zieht meine Type nicht einfach aus, anstatt sich jede Nacht vermöbeln zu lassen?“
„Ich weiß es nicht“, erwiderte er resignierend. „Verstehe einer die Menschen.“
Die Schlägerei begann, und er fragte sich, wie lange sie diesmal andauern würde.

„Ich will nicht mehr“, meinte er schließlich. „Ich kann nicht warten, bis der Deckel zufällt, zumal unsere Typen ja ohnehin recht jung sind. Es muss noch einen anderen Weg geben.“
Sie lachte hysterisch. „Wenn es einen gäbe, glaubst du, du würdest mich noch jede Nacht hier antreffen?“
„Ich will mich einfach nicht damit abfinden, dass wir nichts dagegen tun können. Ich will meinen Typen loswerden, koste es, was es wolle!“


„Ich kann mich nicht beklagen“, sagte der Schatten, der neben ihm die Landstraße entlang lief, „mein Typ ist Modedesigner, und ich bin tagtäglich von den attraktivsten weiblichen Silhouetten umgeben. Dafür nehme ich auch das bisschen Joggen gern in Kauf.“
„Dann hast du wohl noch nie darüber nachgedacht, wie man seinen Typen abschaffen könnte?!“
„Um Himmels Willen! Der Deckel fällt schon früh genug zu, und bis dahin sollte man sein Dasein in vollen Zügen genießen.“
„Du hast gut reden. Das Genießen fällt recht schwer, wenn das Dasein nur aus Sport treiben, Kassieren, Schlägereien und Morden besteht.“
„Aber es gibt doch sicher auch angenehme Momente für dich.“
„Nein“, sagte er, und nach kurzem Überlegen nochmals: „nein.“


Um das Büfett fielen Hunderte von Schatten, so dass nur eine große schwarze Einheit zu sehen war. Er fühlte sich unbehaglich, und so war er froh, als sich eine Tür öffnete und er sich mit der Silhouette eines Zigarrerauchers allein in einem großen Raum befand.
Unweigerlich wurde das Gespräch wieder auf das Thema gelenkt, das ihm während der letzten Tage so viel Kopfzerbrechen bereitet hatte, und wie immer schloss er mit den Worten: „Ich will einfach nicht warten, bis der Deckel zufällt.“
„Weißt du“, erklärte ihm der andere, „auch wenn der Deckel zugefallen ist, muss das nicht unbedingt heißen, dass damit alles vorbei ist.“
„Wovon sprichst du?“, fragte er irritiert. „Auferstehung?“
„So ähnlich. Vor einigen Tagen habe ich einen getroffen, der nach dreitausend Jahren wieder ‘auferstanden’ ist.“
„Das gibt es nicht!“, erwiderte er ungläubig.
„Sein Typ“, fuhr der andere unbeirrt fort, „war ein Pharao und ist vor dreitausend Jahren gestorben. Er wurde in einer Pyramide beigesetzt, aber vor kurzem hat man die Mumie wieder ausgegraben und stellt sie jetzt in der ganzen Welt aus.“
„Entsetzlich“, sagte er, und ihn schauderte beim Gedanken. „Es gibt also keine Möglichkeit, seinen Typen loszuwerden?“
„Wärst du bereit, dich selbst dabei zu vernichten?“
„Nichts lieber als das! Du weißt also einen Weg?“
„Ich schätze, du hast es bisher von der falschen Seite angepackt. Wie ich sehe, versuchst du, dich von deinem Typen zu entfernen. Stimmt’s?“
„Äh - ja, eigentlich schon.“
„Das macht dich lang und dünn, aber es bleibt erfolglos. Die einzige Möglichkeit besteht darin, auf deinen Typen zuzugehen.“
Er zögerte ein wenig, um sich dann unschlüssig auf die Füße seines Besitzers zu zu bewegen, bis diese verschwanden. Es folgten die Beine, der Körper und schließlich der Kopf.

Der Minister nahm seine Zigarre zwischen die Finger, kratzte sich das Kinn und überlegte, was er den anderen sagen sollte. Man hatte sie beide in sein Konferenzzimmer gehen sehen, und er konnte ihnen wohl kaum erzählen, dass sein Leibwächter soeben im Erdboden versunken war.


© 6233 RT (1992 CE) by Frank L. Ludwig