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Die Stimme Prometheus’

- Unterwellenlandgesänge -


Betrachtung

Planlos und hilflos und folgsam, so sieht man die Geistlosen taumeln:
tumbe Geschöpfe, die niemals die kreisrunden Bahnen verlassen,
stets darauf bauend, ihr Weg würde einmal zum Ziele sie führen.

Nichts als ihr sinnloses Treiben verschafft ihnen seelischen Frieden,
nichts als der Beifall der andern verschafft ihnen bleibende Freude,
nichts als das Leiden der anderen kann sie von Herzen erheitern.

Wichtig erachten sie nur ihr Geschlecht und so manche sich selber:
haben sie je einen winzigen Hügel mit Mühe erklommen,
schwelgen sie in der Gewissheit, die Welt läge ihnen zu Füßen.

Jetzt sind sie gar in der Lage, die Erde verlassen zu können,
und glauben ernsthaft, das Wesen, die Größe des Alls zu erkennen,
ohne von sich oder von ihrem Sein das Geringste zu wissen.

Götter und Denker betrachten die Schöpfung mit bitterem Lächeln,
stolz und mit schwellender Brust sagt der Schöpfer: „Dies ist ihre Krone",
und das Gelächter hallt dröhnend und donnernd noch lang durch die Sphären.


Vertreibung

Sag, Adam, du mein liebster Sohn,
ich sehe wohl nicht recht:
was soll denn dieses Feigenblatt,
der Schurz vor dem Geschlecht?

Du hast gedacht, es wäre falsch,
dass deines anders ist?
Was sagst du da? Du hast gedacht???
Was denkst du, wer du bist?

Sag, Weib, warum hast du dies Blatt
vor deine Scham geschnallt?
Du glaubst, dass dir dort etwas fehlt?
Ich glaub, ich steh im Wald!

Ihr sprecht vom Denken, Glauben mir
so völlig ungeniert:
ihr habt von der Erkenntnis Baum,
von seiner Frucht probiert!

Erkenntnis kennt den Rückweg nicht;
mögt ihr euch dran erfreun,
doch dass ihr euch den Geist geraubt,
das werdet ihr bereun!

Du, Weib, bekommst die Kinder nur
in großem Schmerz fortan,
dein einziges Verlangen ist
zu dienen deinem Mann!

Dein Acker, Adam, sei verflucht,
dass er dir Unkraut trägt,
die Arbeit soll dir sauer sein,
dich quälen unentwegt!

Denkt nach, jetzt, wo ihr denken könnt:
missachtet nie mein Wort!
Nun nehmt euch ein paar Felle mit
und schleicht euch endlich fort.

Verschwindet aus dem Paradies,
dass ihr nach diesem Streit
nicht noch vom Baum des Lebens esst
und selber Götter seid!


Anklage

Bist du denn wirklich der Heiland, den alle so sehnlich erwarten,
unser Messias, der kam, um das Heilige Volk zu erlösen?
Hast du der Schlange den Kopf nun zertreten, so wie es verheißen?
Warst du es wert, dass den Weg deiner Füße bereitet ich habe?

Bist du zu stolz, dem Vorangänger Rede und Antwort zu stehen,
oder zu furchtsam? Vielleicht weißt du gar keine Antwort zu geben.
Nun, als Gefangener muss ich mich mit deinen Boten begnügen;
was sie von dir überbringen, hat wenig zu tun mit der Frage.

Blinde sind sehend und Lahme sind gehend geworden? Oh Wunder!
Aussätzge werden gereinigt, und Taube vermögen zu hören,
Tote erstehen zum Leben, und Arme vernehmen dein Wort!

Wie viele hast du geheilt? War es einer, gar zehn oder fünfzig?
Ich kenne Menschen, die heute noch blind oder lahm oder taub sind,
und in der Zelle zur Linken von mir hat ein Zöllner den Aussatz,
und von den Toten in diesem Gefängnis kam keiner je wieder,
und deine Rede vom himmlischen Reichtum macht niemanden satt!

Statt diese Welt, wie es Gott uns versprochen hat, ganz zu erlösen,
statt den Verführer, die Schlange, das Böse auf ewig zu binden,
hast du uns, wie schon dein Vater, auf spätere Zeiten vertröstet,
heilst ein paar Kranke, erweckst ein paar Tote und sonnst dich im Ruhme.

Hast du nur einen Gedanken verschwendet an all jene Menschen,
alle die Tausende, die deinen heiligen Weg niemals kreuzten,
alle die Blinden und Lahmen und Kranken und Tauben und Toten,
alle die Armen, die, ohne dein Wort je zu hören, verrecken?

Ja, sogar mich hast du einst von den Toten ins Leben gerufen
und mir das fehlende Haupt wieder zwischen die Schultern gesetzt,
aber ich weiß ganz genau, dass ich bald schon ein zweites Mal sterbe,
und wie die Dinge jetzt stehen, so wirst du’s dabei auch belassen.

Schließlich hast du deine klägliche Antwort gekrönt mit den Worten,
wie sie Tyrannen im Umgang mit ehrlichen Bürgern benutzen:
„Selig ist der, der sich nicht an mir ärgert" - das hörte ich vorher
auch von Herodes, Pilatus und anderen grimmigen Männern.

Nun sitz ich einsam im Kerker, weil ich deine Lehre befolgte,
bin jetzt vom Lehrer verlassen und harr des befreienden Todes,
wenn nicht der Heiland, der wahre Messias, noch vorher erscheint!


Wörtlich

Handelt bis ich wiederkomme,
sprach der Herr am letzten Tag,
und so feilscht der wahrhaft Fromme
bis zum letzten Glockenschlag.


Monokultur

Man hat uns den Monotheismus gebracht,
den einen Gott, der so selbstgefällig regiert
und immer dieselben Kinder bevorzugt,
der die Gewalt und die Tücke verherrlicht,
der keine Götter neben sich duldet:
den Gott der Gerechtigkeit und der Liebe.

Man hat uns die Monogamie gebracht,
das Gesetz, nur einen Menschen zu lieben
und keinen Gatten neben uns zu dulden,
denn alles andere ist unanständig.

Man hat uns die Monotonie gebracht:
ein Gott, ein Gatte und eine Wahrheit.
Hätte ich nur die Götter Homers
und die Frauen Salomos, entkäme
ich nur dem tyrannischen Einerlei!


Die Sachsen kriege

(unn zwar uffs Maul)

„Mir sinn Germonen, lieben dos V´rgniegen,
mir läben heidnisch hier in Saus un Braus,
nür äuf däm Schlochtfeld fiehln mir üns zü Haus
un lossen üns vön niemand nischt betriegen."

Dies wackre Völkchen tapfer zu bekriegen,
zog einst Karolus Magnus kämpfend aus;
er machte ihrer vieler den Garaus
und konnte sie mit Leichtigkeit besiegen.

Ganz konnte er das Elend nicht beenden,
drum sollten wir ihm heut zu folgen wagen
und dankbar diesem Manne Beifall spenden.

Wer wollte solche Menschen ohne Zagen,
die so die schöne deutsche Sprache schänden,
nicht mit Vergnügen selber gern erschlagen?

Meinem Vater zum Osterfest 1994


Gastfreundschaft

Heute will ich weiterziehen,
denn mein Weg ist noch sehr lang,
und ich habe nichts zu bieten
dir als einzig meinen Dank.

Du hast Obdach mir gegeben,
als ich war in größter Not,
ließt mich deine Bücher lesen,
und du teiltest gar dein Brot.

Ließt von deinem Wein mich trinken,
ließt mich gehn in deinen Schuhn,
ließt in deinem Stuhl mich sitzen
und in deinem Bett mich ruhn.

Ich entsprach nur dem Gebote,
das uns Christus hat gelehrt:
dort, wo Fremde bei uns wohnen,
ist er selber eingekehrt.

Und so sind wir gut beraten,
ihm zu ebnen seine Bahn:
was wir dem Geringsten taten,
haben wir ihm selbst getan.

Gerne habe ich gegeben
und geholfen eine Zeit,
und ein großer Gott wird segnen
bis in alle Ewigkeit!

Darum also nur gewährtest
du mir Obdach, Brot und Schutz:
Gastfreundschaft war nicht die Feder,
sondern purer Eigennutz!

Wenn denn so die Dinge stehen,
geh ich ohne Dank hinaus
und verfluche deine Seele
und verfluch dein ganzes Haus!


Der Zirkus kommt!

Der Zirkus kommt! Hört ihr die Trommel rühren?
Ihr könnt heut nacht dem Alltagstrott entfliehn;
erlaubt uns, euch in unsern Bann zu ziehn,
und lasst euch in die Zirkuswelt entführen.
Der Zirkus kommt! Wir öffnen die Gehege,
den engen Käfig, dass nach draußen strebt,
was den Transport im Wagen überlebt:
wie freut sich jedes Tier auf die Manege!
Kommt alle zum Zirkus Coralle!

Ihr seht bei uns die großen Elefanten:
sie machen Männchen vor dem Blumenstrauß
und weichen so dem starken Stromschlag aus,
an dem sie sich zu Anfang oft verbrannten,
bespritzen euch mit ihren langen Rüsseln
und gehn auf schmalen Brettern unbeschwert;
das Balancieren hat man sie gelehrt
mit Bambusstöcken und mit Schraubenschlüsseln.
Kommt alle zum Zirkus Coralle!

Den klugen Bären müsst ihr auch erleben!
Er hört Musik erklingen, und er weiß:
gleich wird es unter seinen Füßen heiß -
so wird er tanzen und die Pfoten heben.
Die Kinder können seiltanzend pfeifen
und kerzengerade auf den Köpfen stehn -
und klappt’s beim Training nicht, so kann’s geschehn,
dass wir sie schlagen, bis sie es begreifen.
Kommt alle zum Zirkus Coralle!

Ihr dürft die Babys unsrer Tiere streicheln -
das ist im Eintrittspreis schon mitgebucht.
Kauft unser Babyfutter und versucht,
euch bei den lieben Kleinen einzuschmeicheln.
Seht zu, wie sie sich balgen und sich raufen,
sich streiten um den besten Futterkloß;
so wachsen sie heran und werden groß,
bis wir sie schließlich an Labors verkaufen.
Kommt alle zum Zirkus Coralle!

Der Tiger ist ganz harmlos, ungelogen,
der Löwe nicht so wild wie er sich stellt:
zur Sicherheit im Wagen und im Zelt
stehn alle Tiere unter starken Drogen.
Der Zirkus kommt! Hört ihr die Trommel rühren?
Ihr könnt heut nacht dem Alltagstrott entfliehn;
erlaubt uns, euch in unsern Bann zu ziehn,
und lasst euch in die Zirkuswelt entführen.
Kommt alle zum Zirkus Coralle!


Das Lied der Unschuld

Was hat Jakob Schmid denn dafür gekonnt?
Er hat sie im Dienste der Freiheit gesehen
und wusste, es würde, es musste geschehen,
doch wie sollte er es verhindern?
Er hat sie verhaftet, mehr tat er nicht,
und das war als Hausmeister auch seine Pflicht,
doch wer wünschte ernstlich den Kindern
den Tod?

Was hat Robert Mohr denn dafür gekonnt?
Als ob er dem Mädchen nicht nah gelegt hätte,
dass sie sich auf Kosten des Bruders errette:
ihr Schicksal, es war zu verhindern!
Doch sie hat bewusst sich den Ausweg verstellt
und damit ihr eigenes Urteil gefällt,
denn wer wünschte ernstlich den Kindern
den Tod?

Was hat Else Gebel dafür gekonnt?
Sie brachte das Essen, verriegelte Türen,
sie konnte die Größe der Opfer verspüren
und konnte es doch nicht verhindern;
sie wusste, die Kinder sind herzensgut,
bewunderte auch ihren Heldenmut,
und wer wünschte ernstlich den Kindern
den Tod?

Was hat Roland Freisler dafür gekonnt?
Er hat, im Befehle des Führers begründet,
das Urteil im Namen des Volkes verkündet;
er konnte es doch nicht verhindern,
auch wenn ihm der Vater entgegenschreit:
„Es gibt eine andre Gerechtigkeit!",
denn wer wünschte ernstlich den Kindern
den Tod?

Was hat Baptist Reichart dafür gekonnt?
Sie hatten den Drachen mit Nadeln gestochen,
ihr Schicksal war klar und ihr Urteil gesprochen;
er konnte zuletzt es verhindern.
Ergriffen vernahm er das hohe Ziel,
als noch vor dem Beil das Wort „Freiheit" fiel!
Ja, wer wünschte ernstlich den Kindern
den Tod?


St. Nikolai

Kurz währte deines Wiederaufbaus Glück,
auf den man nach dem Brand so lang verzichtet -
doch schließlich hat man Stein auf Stein geschichtet,
hat dich voll Mühe an der Reimersbrück
jahrzehntelang erhoben Stück für Stück
und in nur einer Nacht zu Grund gerichtet;
vom Freund erbaut, vom selben Feind vernichtet,
blieb nur dein düsteres Skelett zurück.

Welch trübes Los ist heute dir beschieden:
du stehst schwarzweiß in Hamburgs Farbenpracht,
von Tageslicht und Dunkelheit gemieden.

Doch letztlich hat dein Beispiel nichts gebracht:
als bitterernstem Mahnmal für den Frieden
wird deiner heute nimmermehr gedacht.


Vom niedrigsten Stand

Die Welt wird ständig heimgesucht
vom Sturm, der allem Menschsein flucht:
das Wasser der Verachtung schwillt,
dem Leben, Freiheit, Recht nichts gilt!

Und ist der Sturm zuletzt vorbei
(aus welchem Grund ist einerlei), -
wie plötzlich sich da mancher fand,
der alles glücklich überstand.

Er weiß: wer ernstlich wider-stand,
den deckt der warme Wüstensand,
wer jemals auf Befreiung sann,
der sieht das Gras von unten an.

Wer nur die Lippen aufgemacht,
der ward zum Schweigen rasch gebracht.
Nur er - er sei nicht mitmarschiert,
und gerade ihm sei nichts passiert.

Den Halm gibt’s nicht, der sich nicht regt
und selbst im Sturme nicht bewegt.
Ein Über-Stehen gibt es nicht:
der Rücken beugt sich oder bricht.


Im Intergalaktischen

Als ich vor nicht sehr langer Zeit
mal wieder Langeweile hatte,
ging ich, mich etwas zu zerstreuen,
in unseren intergalaktischen Zoo.

Dort gibt’s recht kuriose Wesen
mit acht Armen, sieben Mägen,
manche auch mit langen Schwänzen
oder mit nur einer Nase.
Mit großen hasserfüllten Augen
hängen sie an dicken Ästen,
hocken völlig unbeteiligt
vor den hohen Gitterstäben
oder kauen irgend etwas;
meistens andre Lebewesen,
die auch im Zoo zu sehen sind.
Eines war besonders seltsam:
mit zwei Beinen und zwei Armen,
die’s schmollend auf der Brust verschränkte,
stand es hinter seinem Gitter,
sah uns aus bösen Augen an,
als wollt es sagen: „Wartet nur -
einmal komme ich hier raus,
und wenn’s so weit ist, Gnade euch!"
Verachtung schoss aus den Pupillen,
sein stummer Blick war hasserfüllt;
ich hatte plötzlich das Gefühl,
wir alle stünden selbst im Käfig,
und wir wären völlig hilflos
diesem Monster ausgeliefert.
„Dieses Wesen", sprach der Führer,
„ist soeben angekommen;
es ist das erste Exemplar,
das den langwierigen Transport
von der Milchstraße zu uns
lebend überstanden hat.
Die Spezies nennt sich selber Mensch
und bewohnt nur einen Stern,
einen Planeten namens Erde,
dessen unermesslich große
Vegetation und Artenvielfalt
sie nahezu vernichtet hat.
Die Menschen leben dort in Rudeln
und nähren sich von Fleisch und Gras,
die meisten meiden aus Instinkt
Verantwortung jeglicher Art.
Nur ein paar der simplen Wesen
sind zur Führerschaft bereit
und übernehmen diese gerne,
wenn’s ihnen selber Nutzen bringt.
Die andern lassen gern sich führen
und sind dankbar für Befehle;
es ist nicht die Natur des Menschen,
Entscheidungen für sich zu treffen.
Doch der Wunsch, wen zu beherrschen,
ist bei allen ausgeprägt;
die untersten der Hierarchie
schaffen sich aus diesem Grunde
Tiere oder Kinder an."
Dann gingen wir zum nächsten Käfig,
doch blickte ich mich nochmals um;
wie die Spitzen giftger Pfeile,
wie zwei glühnde Flammenwerfer
sahn mir mit drohender Verachtung
die bösen Menschenaugen nach.

Nein, ich glaube nicht an Menschen:
ich bin sicher, diese Monster
sind von unsern Wissenschaftlern
so herangezüchtet worden
(vermutlich noch aus den Primaten,
die unsre Wälder jetzt zerstören),
um den bedeutungslosen Zoo
durch eine neue Attraktion
vorm drohenden Bankrott zu retten.
Seit jenem Tag im Zoo jedoch
kann ich nicht mehr ruhig schlafen -
ich träum, dass die mutierten Affen
aus dem Käfig sich befreien,
unsre Siedlung überfallen,
sich raubend, plündernd und auch mordend
auf unserm schönen Stern verbreiten,
unsere Kultur vernichten,
unsere Familien töten
und, eine Diktatur errichtend
im Namen eines primitiven Gottes,
sich den Planeten unterwerfen.


Ratschlag für gesellschaftliche Streikbrecher

Gebt der Jugend ihren Namen,
lasst den Alten ihren Schein,
sagt zu allem Ja und Amen,
nur zum Neuen sagt stets Nein!

Alles wird beim Alten bleiben,
aber abwärts fließt der Strom:
schwimmt nicht, sondern lasst euch treiben;
schwimmt ihr doch, so mit dem Strom!

Lebt nur an der Armut Schwelle,
lebt im Reichtum und im Geld,
lebt im Himmel, in der Hölle,
aber lebt nicht in der Welt!

Betet stets mit der Gemeinde,
bleibt auch stets am selben Ort,
liebet eure ärgsten Feinde,
aber jagt die Freunde fort!

Lasst den Wolf bei Schafen weiden,
lasst den Dingen ihren Lauf,
haltet stets zu euren Leiden
und das Unbekannte auf!


Frühling

(Abschied des unbekannten Soldaten)

Ich stand wie angewurzelt
und sah sie kommen:
Soldaten, Zivilisten,
Frauen und Kinder,
Menschen aller Länder und Völker.
Gefoltert, misshandelt, ermordet -
zerstückelte Knaben, gespaltene Köpfe.
Sie liefen auf mich zu,
schwangen ihre Ketten,
warfen Steine
und schrien nach Rache.

Ich stand wie angewurzelt,
und als sie mich erreichten,
war ich einer von ihnen.


Zur Rückkehr der Zinksärge

Wer weint denn schon um solche Menschen,
die froh ein Marschlied pfeifen
und ohne dass sie jemand zwingt
zu Uniformen greifen?

Wer weint denn schon um solche Menschen
(sie werden sich nicht wandeln),
die mit dem Tod im Bunde stehn
und mit dem Werkzeug handeln?

Wer weint denn schon um solche Menschen,
die nicht in Kriege wollen,
die aber nonchalant entscheiden,
wo Menschen sterben sollen?

So weint auch nicht um all die andern,
die Opfer, die verschieden;
man wird aus euren heißen Tränen
sonst neue Waffen schmieden.


Berliner Fenstersprung

Geheiligt, verflucht sei der Augenblick, der unser Leben
entscheidet! Wo jede Sekunde am Scheideweg lauert,
uns unwiderruflich auf ihren Verlauf zu verpflichten;
spontaner Impuls oder kürzestes Zögern besiegeln
das Schicksal des Menschen am Ort, und es gibt kein Zurück!
Der Alte ist tot; es ist alles beim Alten geblieben!
Sie tönen mit dröhnender Stimme und zittern vorm Bruder,
zerdrücken den Inneren Feind (wie die Freiheit hier heißt)
und rüsten und drohen und schütteln die Fäuste gen Osten,
solange der größere Bruder noch bei ihnen steht.

Sie reden vom Frieden und feiern die Kriege der andern,
sie liefern das Werkzeug („Wie lange noch müssen wir zusehn,
wann dürfen wir selbst wieder morden?"), bejubeln die Schlächter
(„Ein vielfach Willkommen dem vielfachen Mörder!") und führen
den kleinen, doch blutigen Krieg gegen Ostermarschierer!

Dazwischen sitz ich, die linke Journalistin,
die Schaufensterpuppe der Opposition, und ich spreche
gewählt, pointiert und gebildet. Das hören sie gerne.
Ich spreche von Gleichheit und Frieden in Rundfunk und Fernsehn;
sie lächeln, sie hören mir zu, und es ändert sich nichts.

Jetzt habe ich endlich den Einfluss missbraucht, den ich habe,
und einen Politischen aus dem Gefängnis befreit -
Recherchen, so sagten wir, für soziologische Schriften
erfordern den Gang zur Gefängnisbibliothek;
er sprang aus dem Fenster hinaus, seine Helfer ihm nach!

Was soll ich jetzt tun? Soll ich bleiben, die Bullen erwarten
und sagen, ich hätte von allem rein gar nichts gewusst?
Man wird mir nicht glauben, doch kann man mir auch nichts beweisen.
Die Tat muss mein Leben nicht ändern; ich könnte in Zukunft
das Handeln der Gruppe aus sicherem Abstand verfolgen.

Noch hab ich Gelegenheit, selbst aus dem Fenster zu springen,
zu handeln, wo Worte versagen, zu kämpfen für solche,
die selber zu schwach sind. Wenn ich mit den anderen gehe,
riskier ich mein Leben; man wird uns bekriegen und hetzen
wie Mörder - wir werden das Freiwild der deutschen Nation!

Was sage ich nur meinen Töchtern, wenn ich sie verlasse,
wenn ich, ohne Abschied zu nehmen, so einfach verschwinde,
für bessere Zeiten zu kämpfen, für glückliche Eltern
und fröhliche Kinder, für Recht und für Freiheit und Frieden? -
Doch springe ich nicht - was sage ich einst meinen Enkeln?


Simson

Die Locken waren meine Kraft,
die Kraft, sie war mein Leben.
Das falsche Weibsbild schor mein Haar,
ich hab mich aufgegeben.

Sie kamen, und sie banden mich
mit Ketten und mit Schnüren,
um mich wie ein dressiertes Tier
im Tempel vorzuführen.

Dort sitzen sie zu Tausenden
im Saal und auf Emporen,
um den zu sehn, der seine Kraft
durch Weiberlist verloren.

Nein, diese Kraft, die in mir war,
ist nicht von Gott gekommen
und nicht vom Haar; und darum ist
sie mir auch nicht genommen.

Ich glaub an mich, an meine Kraft,
und werde heute richten:
Tyrannen, Mörder, Götzendiener,
ich werde euch vernichten.

Sie ketten mich an starke Säulen,
und ihnen ist nicht bange;
ihr Säulen tragt den großen Tempel
- aber nicht mehr lange!


Sprecher

Wie gesprächig sie sich zeigen,
durch Verbindlichkeit bestechen
und nur mit den Lippen sprechen
und nur mit den Augen schweigen.

Sprechen viel vom Fernen Osten,
Martin Luther und Erasmus,
ihrem tierischsten Orgasmus
und den hohen Treibstoffkosten.

Von den Büchern, die sie lasen,
sprechen sie und von Retorte:
ihre Sprache sind nur Worte,
ihre Worte Seifenblasen.

Welch ein Sprachschatz ist ihr Eigen!
Ach, ich kenne einen jeden,
und mit allen kann man reden.
Und mit keinem kann man schweigen.


Dank der jungen Götter

Die alten Götter sitzen im Schaukelstuhl
und denken zurück an vergangene Zeiten,
als ganze Völker ihnen huldigten,
sie fürchteten und ihnen Dank erzeigten.
Ihre Namen selbst erschütterten die Erde,
sie ließen Königreiche wachsen und in Trümmer fallen
und nährten sich von Menschen:
Osiris, Nerthus, Artemis, Jehova, Huitzilipolochtli...
Doch heute fließt kein Blut mehr in ihren Tempeln,
kein Rauch steigt auf von steinernen Altären,
und mit den Opfern hat sie ihre Kraft verlassen.

Nun haben wir Jungen die Herrschaft ergriffen:
in größeren Tempeln, auf heiligeren Altären
werden die Menschenopfer gebracht
uns unsterblichen Göttern: dem Wohlstand, der Wirtschaft,
dem Ansehen, der Macht, der Geschwindigkeit, dem Fortschritt...
Ihr Blut hält uns alle am Leben, drum sei euch gedankt;
ihr wisst, wer einmal Blut geleckt hat,
braucht täglich mehr und immer mehr,
und ihr erfüllt gehorsam unsre Wünsche:
macht weiter so!


Wiegenlied der Haussklaven

Wie Flugsand im Wind ist die Sklavenseele,
und ein Sieg kann auf sie nicht gegründet sein;
die Revolution, was ich nicht verhehle,
ist groß, doch wir Sklaven sind dafür zu klein.
Schlaf ein, mein Kind, schlaf ein.

Natürlich, es ducken sich hier die meisten,
doch Gehorsam heißt nicht, immer stille zu sein:
es gibt ja auch solche, die Widerstand leisten,
indem sie beim ausgepeitscht werden laut schrein.
Schlaf ein, mein Kind, schlaf ein.

Doch wir leisten dabei keine Gegenwehr,
auch wenn wir schon in Versuchung gerieten,
denn die Herrschaft ist ziemlich autoritär
und könnte uns gar noch das Schreien verbieten.
Schlaf ein, mein Kind, schlaf ein.

Und liegt dir dein Schicksal auch zu sehr im Magen:
statt Pläne für einen Aufstand zu schmieden
ist’s besser, sie höflich nach Freiheit zu fragen -
und wenn sie dir Nein sagt, dann gib dich zufrieden.
Schlaf ein, mein Kind, schlaf ein.

Du musst ihren Worten bedingungslos traun;
drum halte dich immer zurück mit Beschwerden
und kletter der Herrschaft nicht über den Zaun,
dann wirst du gewiss einmal Aufseher werden.
Schlaf ein, mein Kind, schlaf ein.

Zur Wehr sich zu setzen, wäre barbarisch,
statt mutig zu sein, lass die Hände im Schoß,
denn Mut ist Verrat und unsolidarisch:
er stellt nur die Feigheit der anderen bloß.
Schlaf ein, mein Kind, schlaf ein.

Es gibt manche, die riskieren ihr Leben,
nur weil sie am liebsten in Freiheit wären.
Doch würde man uns unsre Freiheit auch geben,
so bliebe die Frage: wer wird uns ernähren?
Schlaf ein, mein Kind, schlaf ein.

Die Sklaven, die auf dem Feld sind, sie tragen
ein schwereres Los und es geht ihnen schlecht,
und wenn sie die Aufseher darum erschlagen,
so sind sie womöglich sogar noch im Recht.
Schlaf ein, mein Kind, schlaf ein.

Doch gegen die Herrschaft im Hause zu streiten,
die die Aufseher schickt, das wäre verkehrt:
wir haben geregelte Arbeitszeiten,
den Lokus, ein Bett und ein Plätzchen am Herd.
Schlaf ein, mein Kind, schlaf ein.

Drum halte dich ferne von jedem Komplott,
gehorche der Herrschaft und folg ihrem Ruf,
und nur in Gedanken verfluche den Gott,
der Sklaven zu seiner Zerstreuung erschuf.
Schlaf ein, mein Kind, schlaf ein.

(frei nach Ulrike Meinhof)


Sieben Löffel

Einen für den, der dich gezeugt,
der deinen Kindswillen gebeugt,
einen für die, die dich gebar,
die dich entzog jeder Gefahr!

Einen für den, der dich gelehrt,
dass man sich nicht Starken erwehrt,
einen für den, der zu dir spricht:
Hier ist dein Platz - wechsel ihn nicht!

Einen für den, den man beschwört,
der deine Selbstachtung zerstört,
einen für den, der dich einst minnt,
einen für dich, folgsames Kind.


Abendstille

Still, nur still, mein liebes Kind!
Schau hinauf zur Bergeshöh:
dort sagt Sol, der Sonnengott,
dieser kleinen Welt Adieu.

Still, nur still, mein liebes Kind!
Hör, wie es im Meere lacht:
dort sagt Neptun seinen Nixen
und den Menschen gute Nacht.

Still, nur still, mein liebes Kind!
Schau dem Spiel der Wolken zu:
unser Herrgott hinter ihnen
geht nun endlich auch zur Ruh.

Still, nur still, mein liebes Kind!
Hör, wie durch die Wälder zieht
Klang von Elfen: diese singen
ihrem Pan ein Wiegenlied.

Wie heut abend, liebes Kind,
wird es allezeit geschehn,
und verlassen uns die Götter,
müssen wir zu Menschen gehn.


Der ungeschlossene Kreis

Der Chef, dem Manne zum Verdruss,
spricht, er bedaure sehr,
dass er ihn bald entlassen muss -
man brauche ihn nicht mehr.

Zu Hause ist der Tisch gedeckt
von seiner jungen Frau,
und weil das Essen ihm nicht schmeckt,
schlägt er sie grün und blau.

Drauf gibt dem Kind sie zu verstehn,
es müsse schlafen bald,
doch es will erst ins Bettchen gehn,
als sie ihm eine knallt.

Das Kind gibt endlich sich besiegt:
es geht mit lahmem Schritt,
und weil der Hund im Wege liegt,
bekommt er einen Tritt.

Das Herrchen geht nun mit dem Hund,
genervt durch sein Gekläff,
spazieren noch zu später Stund
und trifft auf seinen Chef.

Er senkt sofort den Kopf zum Gruß
zur Ehre dieses Manns;
das Hündchen sitzt vor seinem Fuß
und wedelt mit dem Schwanz.

Nun beiß ihn, dass das Schienbein kracht!
denkt´s Herrchen, das er liebt,
worauf der Köter Männchen macht
und artig Pfötchen gibt.


Nothilfe

Napalm, Giftgas, Handgranaten
und entmenschte Massenmörder
sind die Waffen einer Weltmacht,
fremde Völker auszurotten.

Auch in Deutschland steht ein Stützpunkt,
wo Amerikaner planen:
Nordvietnam soll durch Massaker
frei von Vietnamesen werden.

Hier in Heidelberg am Neckar
fühlt man sich bequem und sicher,
während man die Massenmorde
in der Ferne vorbereitet.

Plötzlich zündet eine Bombe
und zerstört die schönen Pläne,
dazu gleich noch die Kaserne;
ja, wer andern eine Grube...

Viel Verletzte und drei Tote -
einer starb amerikanisch
und mit Stil: man fand die Leiche
unterm Cola-Automaten.

Auf den Schrecken und den Terror,
den sie anderswo verbreiten,
konnten sie wohl kaum gefasst sein
hier im Land der braven Sklaven.

Bald schon fasste man die Täter,
um bereits nach ein paar Jahren
ihre Sache zu verhandeln,
wie man es zu nennen pflegte.

Viele reisten nun nach Stammheim,
um dem Schauprozess zu folgen,
wo die Richter keinen Anwalt
je zu Ende sprechen ließen.

Baader, Ensslin und auch Raspe
hörten ungerührt das Urteil,
das an zweien schon vollstreckt war
und seit Jahren jeder kannte.

Hunderttausende von Menschen,
durch die RAF gerettet,
zählten nicht: sie mussten sterben,
denn sie mordeten die Mörder.


Das Grüne Lied

Du Würstchen willst dich deiner Haut erwehren,
du stellst dich vor mich und verlangst dein Recht?
Ich werde dich gleich meine Rechte lehren,
und einem schlechten Schüler geht es schlecht!
Komm näher und ich schlage dich zum Krüppel,
sag nur ein Wörtchen und ich mach dich kalt:
ich hab die Knarre und den Gummiknüppel,
ich hab den Schlagstock und die Staatsgewalt!

Die Herrscher dürfen unbeschränkt regieren,
und alles darf, wer ihren Schutz genießt;
was kann dem Mann in Uniform passieren,
wenn er als ihr Vertreter schlägt und schießt?
Komm näher und ich schlage dich zum Krüppel,
sag nur ein Wörtchen und ich mach dich kalt:
ich hab die Knarre und den Gummiknüppel,
ich hab den Schlagstock und die Staatsgewalt!

Lauf fort, anstatt Kritik dir anzumaßen
an unsern Herren; folge meinem Rat.
Du weißt ja, mit dem Staat ist nicht zu spaßen:
du bist ein Nichts, und ich, ich bin der Staat!
Komm näher und ich schlage dich zum Krüppel,
sag nur ein Wörtchen und ich mach dich kalt:
ich hab die Knarre und den Gummiknüppel,
ich hab den Schlagstock und die Staatsgewalt!


Freiheit

Heut fühlt sich Michel echt verbraucht;
der Arbeitstag hat ihn geschlaucht.
Bis kurz vor acht hat er gemalt,
die Überstunden (nicht bezahlt),
sie konnten seinen Frust nicht mindern
und auch den Schmerz im Kreuz nicht lindern.

Zu Hause bringt ihm schnellen Schritts
die Frau die Würstchen mit Pommes Frittes,
die Puschen, Zeitung und Chipsletten,
den Kicker und die Zigaretten.
Bevor er in den Sessel fällt,
wird noch das Fernsehn angestellt.

Und Michel furzt, lehnt sich zurück,
genießt sein Feierabendglück,
er stellt die Glotze laut wie immer,
vertreibt die Kinder aus dem Zimmer,
und nun verfolgt er ganz genau
das Neuste in der Tagesschau.

In dieser sieht er einmal mehr
den Rummel in der DDR,
sieht Menschen, die durch Straßen ziehn
in Rostock, Leipzig und Berlin.
„Wie schön", denkt er nach kurzer Zeit,
„dass ihr euch endlich auch befreit."


Sonnenuntergang

Das Land der untergehenden Sonne
ist größer geworden.
Das Land der untergehenden Sonne
hat keine Verfassung.
Im Land der untergehenden Sonne
wird der Präsident nicht gewählt.
Das Land der untergehenden Sonne
hasst alles, was nicht untergeht.
Im Land der untergehenden Sonne glaubt man,
die Sonne ginge im Westen auf.
Deshalb ist man optimistisch.
Die wenigen, die bemerken, dass sie untergeht,
bieten ihr Geld und Pöstchen,
damit sie wenigstens bis zu den nächsten Wahlen scheint.
Das Land der untergehenden Sonne ist reich,
auch wenn die Armen ärmer geworden sind.

Das Land der untergehenden Sonne ist stark erschüttert worden,
aber es ist heil geblieben.
Veränderungen im Land der untergehenden Sonne
werden nicht von der Bevölkerung herbeigeführt,
sondern von Siegermächten. Ausschließlich.
Für das Land der untergehenden Sonne
ist aber kein neuer Krieg in Sicht. Noch nicht.
Das Land der untergehenden Sonne
ist offen für alle Nachtschwärmer.
Die Sonnenanbeter aber
sind schon lange ausgeflogen.


Der Löwe

Am dürren Gras sich mäßig labend
ziehn Antilopen lang umher
vom Morgen bis zum späten Abend;
hier satt zu werden ist recht schwer.

Der fette Löwe liegt daneben,
die Antilopen sehn es auch:
das Raubtier kann sich kaum erheben,
und auf dem Boden schleift sein Bauch.

Sie fürchten ihn nur abgemagert,
nicht wenn er schon gefressen hat;
der Raubmensch, der beim Menschen lagert,
ist immer fett, doch niemals satt.

Drum flieht, wenn fette Menschen lungern
um euch herum im dürren Gras:
sie töten ohne je zu hungern
aus Angst, aus Habgier und aus Spaß!


Parfum Liberté

das Parfum Liberté
riecht streng
wenn du nicht gemieden werden willst
solltest du es sehr dünn auftragen

das Parfum Liberté
ist ätzend
um deine Haut zu schonen
solltest du es nicht zu oft benutzen

das Parfum Liberté
ist gefährlich
wer weiß
ob man davon nicht Krebs bekommt
du solltest dich nicht zu sehr daran gewöhnen

und das Beste wird es sein
wenn du ganz die Finger davon lässt


Kinderlied

Eltern, welche nur verbieten,
müssten längst verboten sein:
was sie ohne Grund verbieten
tut erst recht, dann sehn sie’s ein.

Eltern, die die Kinder schlagen,
sind Verbrecher, allesamt:
wehre dich, wenn sie dich schlagen,
oder geh zum Jugendamt.

Eltern sind nur große Kinder,
manchmal gut und manchmal schlecht,
und genau wie alle Kinder
haben sie nicht immer Recht.

Jeder kennt sich selbst am besten,
wie ihr sicher alle wisst:
Kinder wissen selbst am besten,
was das Beste für sie ist.


Versprechungen

Sie versprachen das Blaue vom Himmel;
ist das Blaue denn nicht schöner,
wo es als Dach allen Menschen zugleich
zwischen Erde und Himmel sich wölbt?
Nein, das Himmelszelt zerteilen
möchte man, dass in den Kellern
seine Planen bald verrotten. -
Müßig, darüber nachzudenken,
denn das Blaue blieb am Himmel.

Sie versprachen, dass die Sonne
ohne Unterlass uns scheine;
Sonne morgens, Sonne abends,
Sonne mitten in der Nacht:
niemals Regen, niemals Mondschein,
keine Sterne mehr am Himmel,
und der Mensch verdorrte schneller
als es seine Felder täten. -
Müßig, darüber nachzudenken:
jedem Tage folgt die Nacht.

Sie versprachen uns die Sterne:
statt am Himmel nachts zu leuchten
und die Menschen zu erfreuen,
statt mit ihrem Glanz und Lichte
Suchenden den Weg zu weisen,
sollte jeder einen haben,
der sich einen leisten kann. -
Müßig, darüber nachzudenken:
ewig leuchten uns die Sterne.

Alles haben sie versprochen,
was sich ein Mensch nur erdenken kann,
nur dies eine versprachen sie nicht:
unser Brot für den heutigen Tag!


Harmlos

Es peitscht der Wind die wilde See
mit seiner starken Hand!
Wie harmlos… nur die stille See
bringt unsern Feind an Land.

(Übersetzung aus dem Irischen)


Rückfall


  es          es kommt wieder
  es          es kommt wieder
  es          es
  es          es
  es          es
  es          es
  es          es
  es          es
  es          es
  es          es
  es          es
  es          es
  es kommt alles wieder, alles!
  es kommt alles wieder, alles!
              es            es
              es            es
              es            es
              es            es
              es            es
              es            es
              es            es
              es            es
              es            es
              es            es
es ist wieder da!           es
es ist wieder da!           es


Zum Gedenken an den 8. Mai 1945

Habt doch Mitleid mit den Tätern,
die am längsten leiden mussten,
wenn die andern davon wussten.
Letztlich sind wir alle Opfer:
habt doch Mitleid mit den Tätern!

Schlimm erging es allen Tätern:
nicht seit zwölf, seit fünfzig Lenzen
müht man sich, sie auszugrenzen,
und man zeigt auf sie mit Fingern -
habt doch Mitleid mit den Tätern!

Zwar es wurden aus den Tätern
Kanzler, Bundespräsidenten,
Arbeitgeberpräsidenten,
doch sie wurden oft verachtet;
habt doch Mitleid mit den Tätern!

Gerne wurden sie zu Tätern
nicht: dem Widerstande dienen
wollten sie, doch hinter ihnen
stand stets Hitler mit der Peitsche -
habt doch Mitleid mit den Tätern!


Aufruf an die Bevölkerung

Ihr lieben Bürger und Bürgerinnen,
der Fremdenhass geht um.
Die Menschen scheinen wie von Sinnen -
wir fragen uns: warum?

Der Grund, weshalb die Menschen fluchen
und auch schon Häuser brannten,
den müssen wir nicht lange suchen:
wir haben Asylanten.

Man braucht nicht allzuviel Verstand,
um das Problem zu sehen:
sie überschwemmen unser Land,
dem Tode zu entgehen.

Vor Mord und Folter flieht die Schar,
vor Terror, Krieg und Schande,
und nun verbrennt ihr sie sogar
in diesem unserm Lande.

Wir können ihre Not nicht lindern,
doch wir sind keine Rassisten;
wir müssen sie nur daran hindern,
sich bei uns einzunisten.

Es lässt sich nicht durch Massenmord
die Fremdenflut verringern:
durch die Geschichte zeigt sofort
die Welt auf uns mit Fingern.

Doch das Problem ist bald behoben,
auch ohne Liquidieren:
sie werden alle abgeschoben,
was wir euch garantieren.

Zu Hause sterben sie auch so,
doch schickt man fort die Herde,
verschwinden alle anderswo
vom Angesicht der Erde.

So lasst die Asylanten drum
im Heimatblute baden;
es kann, bringt ihr sie hier schon um,
nur unserm Ansehn schaden.


Das Abschieberlied

Geh doch nach Haus! Geh doch Bananen pflücken!
Wir zahlen dreißig Pfennig für das Stück,
fast ein Promille davon zu deinem Glück;
was schert dein Leid uns und dein krummer Rücken?

Geh doch nach Haus! Ein Platz ist dir beschieden,
uns Obst zu ernten; pfeif ein frohes Lied,
genieß die frische Luft, die hier entflieht,
und mach dir nichts aus all den Pestiziden.

Geh doch nach Haus, wo die Granaten krachen!
Und liegt dein Land durch unsre Waffen brach:
was kümmert euer Krieg uns, eure Schmach,
und was dort die Soldaten mit euch machen?

Geh doch nach Haus! Man foltert in der Regel
nur den, der nicht sein Wort recht überlegt;
was schern uns deine Freunde, die man schlägt,
und deine ausgerissnen Fingernägel?

Geh doch nach Haus! Wenn dir die Deinen drohten,
so können wir nicht helfen aus der Not:
steht auf befleckte Unschuld dort der Tod,
so warst du doch vertraut mit den Geboten!

Geh doch nach Haus! Auch dort lässt es sich leben,
wenn man mit allen Kräften danach strebt,
wenn deine Frau nach Ingwerwurzeln gräbt
und deine Kinder fleißig sind und weben.

Geh doch nach Haus! Wenn alle hierher kämen,
wär unser Leben längst nicht so bequem;
geh doch nach Haus und änder das System,
statt hier die Butter uns vom Brot zu nehmen!

Geh doch nach Haus! Dass alles besser werde
in deinem Lande, schaffe unbeschwert!
Nur dadurch wird der Wohlstand hier vermehrt:
wir brauchen Sklaven auf der ganzen Erde!


Ludwigs Lied

Kennst du das Land wo die Schablonen blühn,
Lakaien voller Feuereifer glühn,
ein Hauch von Gestern durch die Straßen weht,
der Fortschritt still und hoch die D-Mark steht?
Kennst du es wohl?
Von dort, von dort,
möcht ich mit dir, Leidensgenosse, fort!

Kennst du das Haus? Auf Gräbern ruht sein Dach.
Es glänzt das Schwert, es lauert Ungemach,
ein Mammongötze steht und sieht mich an:
Was hat mein Wächter dir, du Schuft, getan? -
Kennst du es wohl?
Von dort, von dort,
möcht ich mit dir, mein Mitgefang’ner, fort!

Kennst du den Berg mit dem privaten Steg?
Die Sonne sucht im Nebel ihren Weg.
In Villen haust der Räuber eitle Brut,
die uns gestürzt und über uns die Flut.
Kennst du ihn wohl?
Von dort, von dort
geht unser Weg.
O Bruder fort, nur fort!

(recht frei nach J.W. Goethe)


Il Fascio

Ein Rutenbündel sah im Wald
die trocknen Bäume an.
Die Bäume sprachen: Es regnet nun bald! -
Sie glaubten selbst nicht dran.

Am Himmel war keine Wolke zu sehen,
das Bündel in heiserm Schwalle
sprach: Weil im Wald so viel Bäume stehen,
reicht’s Wasser nicht für alle.

Da riefen die Bäume des Waldes: Das stimmt,
da hast du vollkommen recht!
Weil ein jeder von unserem Wasser sich nimmt,
ergeht es uns allen so schlecht.

Das Bündel fuhr fort: Vor vieltausend Jahren
hat der Wind unsre Ahnen gebracht -
der Flieder, er kam aus der Fremde in Scharen
und hat sich hier breit gemacht.

Er nimmt uns Wasser und Schmetterlinge
und lässt uns achtlos sterben;
drum muss er brennen, und ich bringe
ihm gerne sein Verderben.

Da riefen die Bäume des Waldes: Das stimmt,
da hast du vollkommen recht!
Weil der Flieder von unserem Wasser sich nimmt,
ergeht es uns allen so schlecht.

Hei, das war ein Freudenfeuer,
wie herrlich brennt der Flieder!
Man lobte herzlich den Befreier
und sang ihm Heldenlieder.

Das Wasser blieb knapp, da sprach es: Die Fichte
hat ihren Auftrag vollführt,
doch nimmt sie sich jetzt noch vom Regen und Lichte
und hat sich nicht gerührt.

Sie schützte zwar, als wir gepflanzt waren kaum,
vor Sturm die Ulmen und Buchen,
doch jetzt hat im Laubwald ein Nadelbaum
rein gar nichts mehr zu suchen.

Da riefen die Bäume des Waldes: Das stimmt,
da hast du vollkommen recht!
Weil die Fichte von unserem Wasser sich nimmt,
ergeht es uns allen so schlecht.

Hei, das war ein Freudenfeuer,
wie herrlich brennt die Fichte!
Man lobte herzlich den Befreier,
der Unkraut rasch vernichte.

Das Wasser blieb knapp; das folgende Schweigen
brach das Bündel und sprach zu den Massen:
die Mistel schlägt Wurzeln in unseren Zweigen -
wollt ihr euch das bieten lassen?

Sie zieht uns das Wasser und das Leben,
die Kraft aus unsern Ästen.
Was sollte es für Gründe geben,
Schmarotzer noch zu mästen?

Da riefen die Bäume des Waldes: Das stimmt,
da hast du vollkommen recht!
Weil die Mistel von unserem Wasser sich nimmt,
ergeht es uns allen so schlecht.

Hei, das war ein Freudenfeuer,
wie herrlich brennt die Mistel!
Man lobte herzlich den Befreier
und mit ihm die Epistel.

Das Wasser blieb knapp, und es sprach: Ich will hier
als Verschwender die Linde euch nennen;
auch machen die Menschen die Hölzer aus ihr,
mit denen sie Wälder verbrennen.

Sie ist auf ihr greises Alter noch stolz
und dabei so empfindlich:
ein wenig Abgas schon schadet dem Holz,
doch trinken kann sie gründlich!

Da riefen die Bäume des Waldes: Das stimmt,
da hast du vollkommen recht!
Weil die Linde von unserem Wasser sich nimmt,
ergeht es uns allen so schlecht.

Hei, das war ein Freudenfeuer,
wie herrlich brennt die Linde!
Man lobte herzlich den Befreier,
wie edel er empfinde.

Das Wasser blieb knapp, und das Bündel sprach:
Die Eiche hat Gallbefall.
Nun denkt einmal gründlich darüber nach:
die Wespen sind bald überall!

Sie säuft das Wasser wie durch Schläuche,
auf dass ihr Gallapfel reift;
lasst uns verhindern, dass diese Seuche
noch weiter um sich greift!

Da riefen die Bäume des Waldes: Das stimmt,
da hast du vollkommen recht!
Weil die Eiche von unserem Wasser sich nimmt,
ergeht es uns allen so schlecht.

Hei, das war ein Freudenfeuer,
wie herrlich brennt die Eiche!
Man lobte herzlich den Befreier,
und was er doch erreiche.

Das Wasser blieb knapp, und das Bündel sprach:
Das Wasser bleibt weiterhin knapp;
die Schwarze Erle schlägt Wurzeln am Bach
und gräbt uns alles ab.

Sie ist auch von selbst nicht fähig zu leben,
die Atmung zu gestalten:
um ihr den nötigen Stickstoff zu geben,
muss sie sich Pilze halten.

Da riefen die Bäume des Waldes: Das stimmt,
da hast du vollkommen recht!
Weil die Erle von unserem Wasser sich nimmt,
ergeht es uns allen so schlecht.

Hei, das war ein Freudenfeuer,
wie herrlich brennt die Erle!
Man lobte herzlich den Befreier:
er sei des Waldes Perle.

Das Wasser blieb knapp, und das Bündel verkündet:
Wir sind ungleich - wir schwanken im Winde,
wir trotzen dem Sturm, jedoch uns verbindet
die schöne braune Rinde.

Die blasse Birke stört dies Bild,
ihr Weiß schlägt auf den Magen,
und wir sind länger nicht gewillt,
den Anblick zu ertragen.

Da riefen die Bäume des Waldes: Das stimmt,
da hast du vollkommen recht!
Weil die Birke von unserem Wasser sich nimmt,
ergeht es uns allen so schlecht.

Hei, das war ein Freudenfeuer,
wie herrlich brennt die Birke!
Man lobte herzlich den Befreier,
wieviel er doch bewirke.

Die Flamme sprang über nach vielen Stunden
und fragt nicht nach Birke und Flieder;
das Feuer hat Freude am Brennen gefunden
und machte alles nieder.

Hei, das war ein Freudenfeuer,
wie herrlich brennt der Wald!
Vielleicht wächst hier einmal ein neuer,
doch sicher nicht so bald.

Wie lustig findet’s, im Wald zu zündeln,
wer auf kein Wasser stößt;
zuletzt griff das Feuer nach Rutenbündeln,
da war das Problem dann gelöst.


Parlament 2040

Meine Damen, meine Herrn,
viele hören es nicht gern,
welchen Plan wir diskutieren,
Staatsfinanzen zu sanieren.
Nun, es wird nicht leicht uns fallen,
den Bestand der Bücherhallen
an das Ausland zu verkaufen.
Heute sammeln sich die Haufen,
schwänzen Schule gleichermaßen
und blockieren alle Straßen:
statt im Unterricht zu sein,
hört man sie nach Bildung schrein.

Oftmals geäußert wird die Klage,
Sein oder Nichtsein sei die Frage;
was braucht Geist denn einem Goethe?
Nein, wir haben andre Nöte!
Bildung nützt vielleicht den Mann,
der sie selbst sich leisten kann,
doch erinnert mancher Freund sich:
neunzehnhundertvierundneunzig,
vor fast fünfundvierzig Jahren,
als wir in die Schule waren,
damals noch mit etwas Bangen,
ist man endlich dran gegangen,
bei die Bildung einzusparen.
Damals hat man auch in Scharen
aufbegehrt und protestiert,
Krach gemacht und demonstriert,
doch das brauchte gar nicht sein,
wie wir heute sehen ein,
was zur Frage ein uns ladet:
wen hat letztlich das geschadet?


Dammtor

Weiße Fassaden, still verloren,
von Sklavenhand geleckt,
die blonde Alster zugefroren,
die Stadt von Schnee bedeckt.

Den schneidend kalten Wind ertragen,
stumm an der Brücke stehn,
und dort an klaren Wintertagen
die kalten Häuser sehn.


Ohlsdorf

Friedhof? Nein, hier herrscht kein Frieden,
denn am Sonntag fährt man aus:
zu den Lieben geht´s hinaus,
welche länger schon verschieden.

So verschieden sind auch jene,
die sich um die Gräber scharn -
doch um sie, die dort verharrn,
weint noch niemand eine Träne.

Kommt, lasst Tränenströme fließen,
wenn dies grause Bild erscheint,
wenn das Heu das Stroh beweint,
Tote ihre Toten gießen!


Menschwerdung

1.
Mutter Erde, deine Triebe
sein gepriesen und geehrt:
die bedingungslose Liebe,
die all deine Kinder nährt.

2.
Gott, mein Vater, deinen Willen
trage deinem Kinde zu:
folgsam will ich ihn erfüllen,
bis ich ganz so bin wie du.

3.
Nun, wo ich erwachsen werde
und entwachse diesem Trott,
bin ich meine eigne Erde,
und ich bin mein eigner Gott!


Die Frucht der Erkenntnis

„Dies ist der Berg, auf dem die Götter leben,
auf dem bei Tag und Nacht die Sonne scheint,
wo unsre Toten um den Gipfel schweben,
die dort mit ihren Schöpfern sind vereint
und sich der ewgen Seligkeit ergeben,
nachdem sie hier im Tale oft geweint."
So lernt der Bub. Dann geht er ohne Zagen,
um den verbotnen Aufstieg doch zu wagen.

Den Gipfel hat er mühsam sich erkrochen
und wartet, bis der Nebel sich verzieht.
Erst lauscht er auf des Herzens wildes Pochen,
dann blickt er sich verwundert um und sieht
zur Linken und zur Rechten bleiche Knochen
und Totenschädel, aber nichts geschieht:
kein Gott hat ihn aus seinem Reich vertrieben,
und wer hier tot war, ist auch tot geblieben.

Vergeblich sucht er freudiges Gewimmel
erlöster Seelen und der Götter Schar,
des Berges finstren Wächter auf dem Schimmel,
der sorgt, dass kein Lebendger kommt zu nah:
stattdessen sieht geschrieben er am Himmel
mit Feuer das Gesetz, das immer war.
„Hier oben ist", so hört man ihn verkünden,
„kein Mensch, kein Gott, nur das Gesetz zu finden:

„Der Mensch ist frei! Und niemand darf ihn knechten,
und niemand darf ihm dienen auf der Welt!
Der Mensch ist gleich! Und niemand darf entrechten
den Mann, der ehrlich sich sein Feld bestellt!
Der Mensch ist Mensch! Und niemand darf ihn ächten,
der friedlich sich zu anderen gesellt!
Der Mensch soll sich und alle andern achten:
so steht’s am Himmel! - Kommt, es zu betrachten!"

Die Menschen rufen: „Es gibt Herrn und Knechte,
und wir sind untertan der Obrigkeit!
Für jeden Menschen gibt es andre Rechte;
wer unten steht, vermeidet jeden Streit!
Wer anders ist, verdient, dass man ihn ächte,
sonst wäre er nicht anders und voll Neid!
Uns werden Götter auf dem Berg verwandeln,
wenn wir im Tal nach diesen Regeln handeln.

„Mit ihnen werden wir dann oben thronen
- Verzicht und Leiden ist der Eintrittspreis -
und dort, wo Milch und Honig fließen, wohnen;
ja, wer die Faust geschickt zu führen weiß,
den werden sie im Tale schon belohnen,
vergolden all das Blut und all den Schweiß,
den andere für ihn vergossen haben,
und dankbar ihn mit Wein und Manna laben."

Wo soll er hin, der Bub? Nach unten steigen,
wo jeder Mensch sich in sein Schicksal fügt,
vom Glauben reden und vom Wissen schweigen,
wo jeder Knecht den Freiheitswillen rügt,
den Kopf vor leeren Hirngespinsten neigen,
mit denen sich und andre man betrügt?
Alleine und verloren steht der Streiter:
kein Weg führt mehr zurück und keiner weiter.

„Ach", denkt er, „hätte ich dem ungestümen
Bedürfnis widerstanden: tumbes Glück,
ich könnte dich in höchsten Tönen rühmen!"
Er sehnt sich nach dem flachen Tal zurück
wie eine Mutter sich nach ihrem Hymen,
und einmal trifft die Menschen noch sein Blick:
er wünscht sich, dass er wieder so wie diese
an Götter glaubte und an Paradiese.


Der Rücktraum

Der Erinnerung vergessen,
für die Zukunft nicht geschickt,
ganz von Nüchternheit besessen,
haben wir im Traum erblickt
jenes leuchtende Gestade
an dem hellen weißen Strand:
eingeladen ist zum Bade,
wer den Weg nach drüben fand.

Doch wir hören keine Stimmen,
und sein Strand ist menschenleer,
bis wir selbst hinüber schwimmen,
viele andre hinterher.
Hier, wo seine Geistesgaben
jeder Mensch entfalten kann,
lebt das Sein und nicht das Haben,
und man fängt von vorne an.

Und man spricht getrost: Es werde!
doch es wird und wird kein Glück,
und es gilt der alten Erde
sehnsuchtsvoll der Blick zurück,
ihr, von der man sich befreite,
die erleichtert man verließ:
stets lockt auf der andern Seite
uns das schönste Paradies!


Götterblüten

Ein Sängerwettstreit


In nur vier Zeilen was zu sagen,
erscheint zwar leicht, doch es ist schwer.
Man braucht ja nur mal nachzuschlagen:
die meisten Dichter brauchen mehr.
Heinz Erhard


Prolog

Rastlos pulst das kleine Städtchen,
in das Kommende vernarrt,
wie ein unberührtes Mädchen
seiner ersten Liebe harrt.


Eröffnung

„Singt vier Verse!", sprach der greise
Zeus zu Dichtern in der Stadt.
„Ich will sehen, welcher weise
Gott den besten Sänger hat!"


Die Blüten des Apollo

Die mit Lorbeer reich geschmückten
Sänger des Apollo dann,
die geübt zusammenrückten,
fingen mit dem Vortrag an.

1. Bitter ist des Dichters Rache,
ewig währt sein kleinster Spaß,
dass die Nachwelt dich verlache,
die dein Großkind schon vergaß.

2. Wo zwei Männer sich bekriegen,
raucht auf ewig Pulverdampf,
denn der eine liebt das Siegen,
und der andre liebt den Kampf!

3. Ungeliebt, allein auf Erden,
ungeliebt ist mancher Pfau;
es bringt Glück, geliebt zu werden,
aber nicht von einer Frau.

4. Herrlich warf er seine Feinde
auf die Leinwand, roh und wild!
Aber die Kulturgemeinde
liebt den Meister, nicht das Bild.

5. Alt geboren, jung gestorben
hat schon mancher Ruhm erstrebt,
doch den höchsten Ruhm erworben
hat nur der, der auch gelebt.

6. Wehret den Despoten, Mädels!
Ernstgemeinte Güte friert!
Ehret, wen des Totenschädels
fernstgeweinte Blüte ziert.

7. Inhalt kommt durch Form zum Leben,
wird zur Kunst durch Meisterhand:
wird ihr keine Form gegeben,
ist die Sandburg nichts als Sand.

8. Bleibe nur in Siegerpose
bis der Lorbeer andre kränzt,
trink, solange auf der Rose
noch der Tau des Morgens glänzt!

9. Schwarzes Licht fällt auf die Weiden,
Regen auf das Stahlgerüst,
und ich will alleine leiden,
wo der Mond die Distel küsst.

10. Einfach ist es, nachzuahmen
was da keucht in Wald und Flur,
nennen sich nach ihren Namen -
doch der Künstler schafft Natur!

11. Unglaubwürdig ist der Freier,
salbt er sein gebrochnes Herz,
denn wer liebt, der greift zur Leier
und verewigt seinen Schmerz!

12. Nieder stieg der Mai den Knaben.
Stimmgewirr, Gefieder wallt:
wie der Krieg der beiden Raben
im Gebirge widerhallt!

13. All dein Denken übertrage
in die Feder, wo du stehst,
dass der Lorbeer Wurzeln schlage,
wo dereinst dein Geist verwest.

14. Eine Frau wird sich nicht wandeln,
schlägst du ihr nicht ins Gesicht!
Selbst mit Feinden kann man handeln,
doch mit Frauen kann man´s nicht.

15. Liebe - Triebe, Herzen - Schmerzen,
Unbedingt und Unbeschwingt,
Frauen - Grauen, Kerzen - Schwärzen:
alles reimt, was sich bedingt.

16. Blüten, Früchte, Blätter - Freunde,
wer die Schönheit liebt, der spricht:
Pflanzen sind doch meine Freunde;
meine Freunde ess ich nicht!

17. Liebe mag die Geister straffen
und ist doch der Musen Grab:
die uns inspiriert zum Schaffen,
hält uns von der Arbeit ab.

18. Kunst und Liebe: unerklärlich
sind die beiden jedem Weib,
doch dem Meister unentbehrlich
zur Vollendung ist ihr Leib.

19. Innrer Wert ist die Erfindung
ungestalter dummer Fraun,
denn es kostet Überwindung,
solche Wesen anzuschaun!

20. Jeder Künstler muss vertrauen
einer Frau von Zeit zu Zeit,
denn zum Leiden braucht’s die Frauen,
und zum Schaffen braucht’s das Leid.

21. Vom Mann gezeugt, vom Weib geboren
ist jeder kleine Zwerg;
vom Weib gezeugt, vom Mann geboren
ist jedes große Werk.

22. Herbst, du schenkst ganz unverhohlen
deine Gunst des Mannes Leib:
hat der Sommer sich empfohlen,
reift der Mann und welkt das Weib.


Die Blüten des Dionysos

Satyrn wie auch Nymphen sprangen,
Efeu schwenkend oder Wein,
und Dionysos besangen
Dichter aus der Tänzer Reihn.

1. Lasst am Ohr der Welt mich lauschen
und betäuben meinen Sinn,
mich am Rausche selbst berauschen,
bis ich nichts und alles bin.

2. Mädchen, unsern Gott zu rühmen,
sie verlieren allerhand -
die ihm opfern: ihre Hymen,
die es nicht tun: den Verstand.

3. Heute fand mich meine Wahrheit,
die mich allzu oft vergisst,
und ich sah in aller Klarheit,
dass sie Dunst und Nebel ist!

4. In des Urlochs tiefsten Sümpfen
steckten wir im Schlamm und schrien,
doch wir haben ja die Nymphen,
uns am Schwanz herauszuziehn.

5. Nicht gezeugt und nicht geboren,
und trotz allem bin ich hier -
ich, das Tor zu allen Toren:
dieses Rätsel ratet mir!

6. Bin ich bayrisch oder polisch,
allen Mannesfreuden gram?
Nein, ich bin kein Stück katholisch
und kein bisschen monogam!

7. Will sie, lasse dich nicht binden,
will sie nicht, so lass es sein:
auf, ein neues Glück zu finden,
auf, ein neues Weib zu frein!

8. Lasst, wo derbe Sitten herrschen,
mich bei Wein und Tanz verweilen,
greifen nach den strammsten Kerschen,
um mich herzhaft aufzuteilen.

9. Geh im Glanz des Maskenballes
unter oder klag´s der Sonn,
nur ein Teil zu sein statt Alles
oder aber nichts davon!

10. Gleich ob ich ein Huhn gewinne
oder sich ein Schwan entblößt,
wenn der Schürstock meiner Sinne
nur ins pralle Leben stößt!

11. Geiz ist schlecht, so steht’s geschrieben.
Mit der Liebe geizt kein Mann:
warum soll ich eine lieben,
wenn ich alle lieben kann?

12. Aus der Tiefe unsrer Herzen
schöpfen wir, was uns gefällt.
Doch wer schöpft die tiefen Schmerzen
aus der Tiefe dieser Welt?

13. Hei! der Frühling ist gerettet,
und die edle Sonne lacht,
dass das Gras wächst, das uns bettet,
und das Vögeln Freude macht.

14. Niemals hat er falsch geschworen,
wahr ist alles, was er spricht:
wer vom Manne ist geboren,
kennt die Kunst der Weiber nicht.

15. Wie sie durch die Flure schnellen,
zugeknöpft an Brust und Haar!
Krankenschwestern nachzustellen,
sind gesunde Brüder da.

16. Ihren Ursprung nachvollziehen,
ihr Verbleiben prophezein
kann die Menschheit nicht - nur fliehen
in des Daseins Tanzverein!

17. Wen ein tolles Weib beraten,
sei es auch nach vielen Bitten,
preiset ihre großen Taten
und die lobenswerten Sitten!

18. Wo der Blitz den Mond zerschmettert,
Urkraft sich mit Schönheit paart,
wo bei Nacht der Donner wettert,
wächst der Held besondrer Art.

19. Ja, ich habe einzuräumen,
dass ihr einen Korb mir gabt,
doch in meinen feuchten Träumen
hab ich alle schon gehabt!

20. Wer des Weibes Schoß entsprungen,
will zum Weiberschoß zurück;
wer dem Weltloch sich entrungen,
sucht noch in der Welt sein Glück.

21. Eine Nymphe will ich schmecken,
und die zweite will ich sehn,
und die dritte wird entdecken,
wie bei mir die Dinge stehn.

22. Einst gesprochen auszubrechen,
aus dem Chaos zu entstehn:
einmal noch das Urwort sprechen
und die Welt vergehen sehn!


Die Blüten des Eros

Rosendüfte, Rosenlüfte
stiegen nun zu Zeus empor:
um die Stirn und um die Hüfte
trug sie Eros´ Männerchor.

1. Liebe - frei und nicht geknechtet,
Frauen - hoch und schlank und stumm,
Freude - echt und nicht geächtet:
dies ist mein Elysium.

2. Lippen sprechen, Lippen segnen,
ob man zwei hat oder vier.
Gleich wie sie sich auch begegnen:
jeder Kuss ist ein Pläsier.

3. Lustig reist durchs Weltgetriebe,
wer ins Abenteur sich stürzt:
Landschaft, Essen, Wein und Liebe
werden anders stets gewürzt.

4. Große Männer kleinen Wuchses
gehen gern mit hohen Fraun,
denn sie haben dran Vergnügen,
selber einmal aufzuschaun.

5. Die Altäre des Himeros
wecke ich in deinem Schoß,
und den Rosengarten Eros´
schmecke ich in deinem Schoß.

6. Sie ist schlank wie die Gazelle
und bewegt sich wie ein Schwan,
sie ist flink wie die Forelle,
doch sie spricht so wie ein Hahn.

7. Lasst drei Frauen mich verwöhnen:
eine, die durchs Haar mir streicht,
eine, meinem Gott zu frönen,
eine, die den Wein mir reicht.

8. Junge kleine Aprikosen,
hohe Stämme, festes Holz
und die taubenetzten Rosen:
edler Gärtnerinnen Stolz.

9. Liebe ist der Witz, der lachend
lange noch im Herzen gärt,
Liebe ist der Blitz, der krachend
zwischen hohe Bäume fährt!

10. Was ist dran an langen Weibern,
was die kleine Frau nicht hätt?
Reichlich Fleisch an ihren Leibern,
gut verteilt, und kein Gramm Fett.

11. Gastfreundschaft: das ist der Name
eines Wirts, bei dem man weilt,
wenn die Tochter oder Dame
mit dem Gast das Lager teilt.

12. Folg ihm, gegen zarte Worte
machtlos, ins Getreidefeld,
wo die Unschuld, die verdorrte,
achtlos ins Getreide fällt.

13. Kunst des Liebens! Fromm beschrieben,
bist du nichts als Himmelsschau:
wenig Männer können lieben,
lieben kann nicht eine Frau!

14. Mit Melonen in den Augen
stirbt die größte Liebeslust;
lasst mich Rosenknospen saugen
von der zarten Hühnerbrust.

15. Pflücke flink vom Pflaumenbäumchen,
falls sie flugs vom Finger fliehn,
frische flaumbefreite Pfläumchen,
voll vom Fruchtfleisch-Vitamin.

16. Ein Glas Whiskey ist erlabend
und ein gutes Buch dabei,
und ein Pfeifchen für den Abend,
und ein Weibchen oder zwei.

17. Kleine Frauen sind nicht ohne,
doch zu kraftlos für den Faun:
eine starke Amazone
liebt so gut wie sieben Fraun!

18. Meine Sinne will ich kühlen,
will dich nach bewährtem Brauch
sehen, riechen, schmecken, fühlen,
und dich hören will ich auch!

19. Orgasmus, das ist so ein bisschen wie Sterben,
ein bisschen auch so wie das Leben danach.
Man zehrt von den Früchten, die niemals verderben:
Erinnerung hält, was die Liebe versprach.

20. Lass die sanften Blütenblätter
deiner Rose, taubenetzt,
zart und rot, bei Wind und Wetter
für mich blühen bis zuletzt!

21. Sank die Sonne dir im Streite,
wende dich und schau hinauf:
dir geht auf der andern Seite
schon die nächste Sonne auf.

22. Dass wir nur ihr Äußres sehen,
hat sich manche Frau beschwert;
soll man nicht nach Schönheit gehen,
wo sonst gar nichts ist von Wert?

23. Sollten diese Engelsaugen
lügen, dieser Blick so mild? -
Ewig werden Männer saugen,
was des Weibes Mund entquillt.


Die Blüten der Aphrodite

Dass das Auge wird geweidet,
wo bezaubert wird das Ohr,
sang, mit Myrte nur bekleidet,
Aphrodites Mädchenchor.

1. Aphrodites Jünger bin ich,
ihre Tempeldienerin,
und den Männern, die ihr opfern,
gebe ich mich selber hin.

2. Was man hört, muss man nicht glauben,
denn ich liebe, wie bekannt,
lieber auf dem Dach die Tauben
als die Spatzen mit der Hand.

3. Rosahäutig, buntbekringelt,
dieses Sparschwein ist ein Witz:
immer wenn die Münze klingelt
öffnet sich von selbst der Schlitz.

4. Wir sehn oft von der Empore
den Belagerer in Pein;
manchmal öffnen wir die Tore,
und der Held zieht siegreich ein!

5. Aphrodite, Schaumgeborne,
etwas Seltnes bist du kaum:
Ausgestoßne, Auserkorne,
alle sind vom selben Schaum.

6. Ein Hallo und ein Geplänkel
für den Diener, der sich naht;
offne Türen, offne Schenkel
warten auf den Mann der Tat!

7. Ohne Fahrzeug und Sesterzen
kann mir kein Verehrer nahn,
weil der Weg zu meinem Herzen
Mautpflicht heißt und Autobahn.

8. Lieblich schweb ich durch die Hallen,
und ich schminke mein Gesicht:
ja, ich will dem Mann gefallen,
doch erhörn will ich ihn nicht!

9. Sich kennt keine Frau - es nisten
in ihr Schätze, gut versteckt;
danken wir’s dem Alchimisten,
der dies Gold für uns entdeckt!

10. Liebe kommt von Langeweile.
Wer uns überzeugen kann
vom genauen Gegenteile,,
der nur ist ein wahrer Mann!

11. Abscheulich ist es, Wein zu strecken,
und ekelhaft das Leid der Welt,
jedoch der schrecklichste der Schrecken
ist ein Geliebter ohne Geld!

12. Meine Liebe trägt den Stempel
meiner Göttin dann und wann,
und mein Körper wird ihr Tempel,
und zum Priester wird der Mann!

13. Viel verweigern sich und hoffen,
dass ein größrer Held sie schießt;
ihre Schöße liegen offen,
wenn ihr Lebenslauf sich schließt.

14. Soll ich nicht nach Helden greifen
in des Körpers Blütezeit?
Wenn der Liebe Trauben reifen,
ist die Kelter nicht mehr weit!


Die Blüten der Athehene

Grünende Olivenzweige
im gelockten schwarzen Haar,
sang zur Flöte und zur Geige
nun Athenes Schwesternschar.

1. Meiner Wahrheit Jammerlieder,
zart und traurig, schräg und schrill,
kehren immer, immer wieder;
selig der, der lügen will!

2. Wo die Löwen sich verziehen,
wo der Bär sich wendet schnell,
wo die Drachentöter fliehen,
liegt der Weisheit reiner Quell.

3. Vielbesungne geistentsprungne
kunstdurchdrungne Kriegerin,
Engumschlungne und Bezwungne
fürchten dich als Siegerin!

4. Wahrheit war’s, als jener Alte
sprach: „Ich weiß, dass ich nichts weiß".
Doch wer will von uns erwarten,
ernst zu nehmen diesen Greis?

5. Zeige mir der Kugel Enden
und den Anfang eines Balls,
und ich zeig mit meinen Händen
dir die Größe dieses Alls!

6. Wo, Athene, deine Lanze
alles Lebende bedroht,
wo der Ölzweig brennt im Kranze,
tut uns Weisheit wahrlich Not!

7. Ich verzagte, und ich fluchte
auf die Wissenschaft an sich,
weil ich stets nach Weisheit suchte,
aber niemand suchte mich.

8. Weisheit ist ein Ruhekissen
für den Greis, der nie vergisst;
Weisheit ist, den Weg zu wissen,
wo kein Weg vorhanden ist.

9. Schickt die Männer nur zur Arbeit
oder in den Krieg hinaus;
wenn sie ihre Kraft beweisen,
herrschen wir in ihrem Haus.

10. Waschen, kochen, häkeln, stricken
sind der Frauen Kunst und Segen,
Feuer schüren, säubern, fegen
und der Kranken Wunden flicken.

11. Weisheit, leichte oder schwere,
wächst, wo sonst kein Strauch sich hält;
Weisheit ist die große Le*re
in den Hirnen dieser Welt.

12. Wissen wohnt im Heim des Windes
und wo Fröste Blüten streun;
Weisheit ist die Kunst des Kindes,
sich des Schönen zu erfreun.

13. Fraun und Götter lieben Beter:
jeden Mann verlassen sie,
aber schon ein Wunder später
fällt er wieder auf die Knie.

14. Lasst die Männer nur ihr Leben
in den Kriegen opfern; sterben
sie, so wird es Sieger geben,
die Verlierer gern beerben.


Urteil

Hier sprach Zeus: „Wer kann ermessen,
was er nicht behalten kann?
Hab die ersten schon vergessen -
fangt nochmal von vorne an!"


Epilog

Schläfrig ruht das kleine Städtchen,
wo des Siegers Denkmal thront,
wie ein gut geficktes Mädchen
sich für neue Liebe schont.



Herbstlied

Die reife Frucht umgeben welke Blätter,
und bald schon fallen beide ab vom Baum.
So machen sie den nächsten Trieben Raum:
vom Ast hinabgestürzt durch Sturm und Wetter.

Das Laub hat nur die Knospe zu versorgen:
die wird zur Blüte, reift zur Frucht heran;
das Blatt, das nur die Farbe wechseln kann,
weiß nichts vom Gestern und ahnt nichts vom Morgen.

Nun sind sie beide in den Tod gegeben,
verwesen oder werden aufgezehrt.
Und nie hat sich ein welkes Blatt vermehrt,
denn nur die reife Frucht bringt neues Leben.


Die sieben Todsünden

Der freche Anspruch unsrer Sinne, immer wahr zu sein;
die Anmaßung des Geists, sich über alles klar zu sein;
der Liebe unbequemes Drängen, Mittelpunkt zu sein;
die dreiste Eitelkeit der Zeit, besonders rar zu sein;
der stolze Hochmut aller Schönheit, ohne Ziel zu sein,
und einzig, unerreichbar, ja unsterblich gar zu sein;
der Freiheit sturer Glaube, nirgendwo gewollt zu sein;
des Menschen würdeloser Trieb, für andre da zu sein.


Oft schwebt ein Bild durch meinen Geist

Oft schwebt ein Bild durch meinen Geist
von grünen Tannenzweigen,
die Elfen bilden einen Kreis
und tanzen ihren Reigen.

Die Elfen sind so fein und zart,
sie sitzen auf den Blüten
und geben mir den guten Rat,
vorm Menschen mich zu hüten.

Oft schwebt ein Bild durch meinen Geist
von einer Blumenwiese,
die schweigend ihren Schöpfer preist
als wie im Paradiese.

Das Gänseblümchen auf dem Feld,
es rät mir unter Tränen,
mich vor den Menschen dieser Welt
sehr gut in Acht zu nehmen.

Oft schwebt ein Bild durch meinen Geist
von jenem Zaubergarten,
in den der Träumer gerne reist,
sein Ende zu erwarten.

Ein Spatz, recht wohlgenährt und prall,
pickt von den reifen Schlehen
und rät mir, mich in jedem Fall
vorm Menschen vorzusehen.

Oft schwebt ein Bild durch meinen Geist
und läutert meine Seele,
doch es entschwindet mir zumeist,
sobald ich es erzähle.


Die Schöpfer

Aus dem Vollen zu schöpfen
bleibt den Konsumenten vorbehalten:
Schöpfung heißt für sie Inbesitznahme,
und der größte Schöpfer ist ihnen der,
der das meiste besitzt.

Aus dem Leeren zu schöpfen
bleibt den Philosophen vorbehalten:
Schöpfung heißt für sie Nichts aus Nichts zu machen,
und der größte Schöpfer ist ihnen der,
der das meiste Nichts zu jonglieren versteht.

Aus dem Wenigen zu schöpfen
bleibt den großen Geistern vorbehalten:
aus dem Wenigen etwas Neues zu schaffen,
und der größte Schöpfer ist ihnen der,
aus dessen Quelle sie das Größte schöpfen.


Gedichtinterpretation

Eine Frau begann sich hübsch zu schminken,
sah dann, dass der Lippenstift zur Rechten
alle war (er war von den kussechten),
und nahm nunmehr seufzend den zur Linken.

So wie ich es schreibe ist’s gewesen:
klare Worte sind’s für simple Ohren.
Überlassen wir’s den Professoren,
mehr aus dem Geschehn herauszulesen.


Wer zuletzt lacht

Es lacht das Honigkuchenpferd:
das Palindromedar, beschwert
mit Last kommt durch das Tor geschnellt,
klemmt sich den Höcker ein und fällt.

Verzweifelt liegt es vor dem Tor
und kommt sich ziemlich dämlich vor;
grad hat sich’s wieder aufgemacht,
als draußen jemand wiehernd lacht.

Nun wird das Palindromedar
des Honigkuchenpferds gewahr
und spricht zu ihm, das nichts versteht:
„Red Nike nie des Serfmong red."

Dann dreht das Dromedar sich um,
das Pferd bemerkt´s und guckt recht dumm,
doch weil sich’s um Geschwätz nicht schert,
drum lacht das Honigkuchenpferd.


Identität

Wer ich wohl bin? Ich hab mich nicht gefunden;
ich seh vom Gipfel aus das ganze Tal,
den schönen Kirchturm, Häuser ohne Zahl,
doch meinem Auge bleibt der Berg entschwunden.

Im Tale wieder seh ich viele Stunden
des Berges Gipfel klar im Sonnenstrahl,
kann mich der Schönheit freuen jedes Mal
und seine Größe, seine Form erkunden.

Das Ding an sich, das kann ich erst benennen,
seh ich aus sicherer Entfernung hin:
wie könnt ich es als Teil davon erkennen?

Betrachtung macht doch aus Distanz erst Sinn;
erst wenn sich Geist und Körper schließlich trennen,
wird ich dir sagen können, wer ich bin.


Der nüchterne Seher

Lang schon habe ich hienieden
Atem in den Wind gewebt,
denn der Geist, dem ich will dienen,
ist noch gänzlich unbelebt.

Zwar kein Geist der Welt ist schöner,
welcher heut zu Menschen spricht,
und perfekt Gestalt und Körper,
doch es fehlt noch ein Gesicht.

Ohne etwas zu erhoffen,
kann er diese Welt verstehn;
ein Prophet ohne Visionen
sag ich Menschen, was sie sehn.

Einmal aber, wenn der Nebel
meiner Nüchternheit zerreißt,
werde ich die Wahrheit sehen,
welche mein Empfinden speist.

Und es tritt aus seinem Schatten
jenes frohe Sonnenkind:
dann wird Feuer, dann wird Flamme,
was noch heute Lettern sind.

Und die Worte sprühen Funken
und berauschen Herz und Sinn,
und die Wahrheit wird besungen,
weil ich ihr Verkünder bin!


Lob der Zugluft

Du willst, dass dein Herz frisch und wach immer bliebe?
So lass beide Fenster geöffnet stets sein:
das eine dem Geist und das andre der Liebe;
man fühlt mit zwei Fenstern sich niemals allein.

Figuren erzittern, die sonst sich nicht rühren,
im Luftzug, der stets neue Streiche ersinnt:
da klappern die Läden, da knallen die Türen,
da tobt heitres Leben, da weht frischer Wind!


Philosophische Frage

Woher kommt es, wohin geht es,
wann erschien, was immer war?
Sagt, seit wann, bis wann besteht es,
und: wozu nur ist es da?

Alle Leiden und Gefahren,
jedes Glück, das ich gewann:
in Sekunden oder Jahren
denk ich selber nicht mehr dran.

Alle Kriege, roh und brausend,
jeder Fortschritt, jede Lehr:
in zehn Jahren oder tausend
kennt sie keiner, keiner mehr.

Kurz die Zeiten, die erfreuten,
kurz das Leiden - dann der Schnitt!
Sagt, was hat das zu bedeuten,
und: warum nur mach ich mit?

Bin ich? Denk ich nur, ich wäre?
Seid ihr? Oder träume ich’s?
Ach, dass sich der Nebel kläre
und mit mir sich löst ins Nichts!

Alles Tun und alles Lassen
führt zu keinem Ziele hin.
Wer kann da den Sinn erfassen?
Was erfragt man Ziel und Sinn?

Kurze Zeit noch kreist die Erde
ihre Bahnen um die Sonn.
Sagt, was dann wohl kommen werde,
und: was habe ich davon?


Malefiz

Nur noch dies Schauspiel vollendet und nur noch dies Liedchen geschrieben,
nur noch dies Städtchen besichtigt und nur noch dies Ländchen gesehen,
nur noch dies Wasser durchkreuzt und nur einmal die Liebe gefunden -
Scheherezade, du zähe, geduldige Herrin des Lebens,
warum nur legst du mir einzeln die Steine auf ebene Straße,
warum versperrst du den sicheren Weg den ermatteten Füßen? -
Wüsst ich’s nicht besser, so glaubte ich beinah, dir läge an mir.


Dichters Bitte

Gewährt mir, Musen, nur dies eine:
den Geist und Witz des Heinrich Heine,
die Wortgewalt des Friedrich Schiller,
dazu - dann werde ich auch stiller -
die Sauberkeit des August Platen,
dass Form und Reime recht geraten;
am Schluss, zu lindern ärgste Nöte,
schenkt mir den Wohlstand eines Goethe.


Geisterstunde

Nächtlich ruhn in kalten Särgen
Draugen bis zum Morgenrot,
die im Traume ihren Tod,
ihren Geist im Schlaf verbergen.

Doch die Stille wird gebrochen,
wenn die dunkle Nacht vergeht:
hat der erste Hahn gekräht,
räkeln sie die bleichen Knochen.

Sie erheben die Gebeine
und entsteigen ihrem Grab.
Seinen Schädel legt man ab,
dass man denke nicht und weine.

Zwischen hohen grauen Mauern
drängt sich der Gespenster Schar,
und ihr Anblick lässt fürwahr
auch den Teufel selbst erschauern.

All die fahlen Wesen haben
keine eigne Melodie:
mit den Wölfen heulen sie,
und sie krächzen mit den Raben.

Einem unsichtbaren Meister
folgt der blasse Leichenzug:
täglich ist’s derselbe Spuk,
täglich sind’s dieselben Geister.

Jedes Wort ist vorgegeben,
vorgegeben jeder Schritt,
und ich geh und spreche mit;
könnt ich doch nur einmal leben!

Kopflos wandelnden Skeletten
weiter Weggefährte sein
soll ich? Nein, und nochmals Nein:
du nur, Meister, kannst mich retten!

Schlage an mit deiner Sichel,
ernte, denn die Zeit ist reif:
würge mich mit deinem Schweif,
steche mich mit deinem Stichel!

Endlich unter schwarzer Erde
streck ich meine Glieder aus,
wo ich Gast in meinem Haus,
Toter unter Toten werde.


Die Weißen Reiter

I.

Die Weißen Reiter nahn in Bälde
mit wehenden Standarten,
um auf dem fahlen Knochenfelde
die Ernte zu erwarten.
Meha hoha, heha-ho!

Die weißen Pferde fliegen schnell,
und grausig schallt ihr Huf,
die Weißen Reiter lachen grell,
und furchtbar hallt ihr Ruf:
Meha hoha, heha-ho!

Wild stürmt die schreckliche Kolonne
durch mondlos dunkle Stunden;
wohl dem, der noch beim Schein der Sonne
ein Obdach hat gefunden.
Meha hoha, heha-ho!

Die Sichel tanzt die ganze Nacht,
die Weißen Reiter auch,
und ist die Ernte eingebracht,
erklingt´s durch kalten Rauch:
Meha hoha, heha-ho!

Die Weißen Reiter fliegen wieder
zurück beim Schrei der Hähne
und singen schaurig ihre Lieder,
voll Knochenmehl die Zähne:
Meha hoha, heha-ho!

II.

Kalt und mondlos war die Nacht,
und der Alte hat nach Stunden
noch ein gutes Buch gefunden
und das Kind zu Bett gebracht.

Bald schon war es still im Haus:
dass das Dunkel schlaf bereite,
legte er das Buch beiseite,
und er blies die Kerze aus.

Wohl es kam kein Schlaf herfür,
doch ein anderer Begleiter:
plötzlich stand ein Weißer Reiter
lachend in der offnen Tür.

„Guter Alter, wie du weißt,
bin ich Fenrir anbefohlen -
dieser schickt mich, dich zu holen,
und bezwang schon deinen Geist.

„Durch des Fremdgedanken Kraft
hast die Tür du nicht verschlossen;
so wirst du zum Bundsgenossen
unsrer Weißen Reiterschaft!"

Doch des Alten Sohn, ganz Ohr,
ist dem Bettchen leis entwichen,
zu der Türe hingeschlichen,
und er schob den Riegel vor:

„Magst du noch so schrecklich sein,
wütend deine Fäuste ballen,
wirst du doch zu Staub zerfallen,
wenn dich trifft der Sonne Schein!"

Gerne wollt er nun hinaus,
in die schwarze Nacht entschwinden;
einen Ausgang noch zu finden
irrte suchend er durchs Haus.

Als die ersten Strahlen schon
lachten durch das Fenster heiter,
da verschwand der Weiße Reiter
und der Alte und sein Sohn.

III.

Frühling ist es, Lerchen steigen,
Kinder tanzen ihren Reigen
auf dem grünen Feld,
doch im fröhlichen Gewimmel
schwärzt sich nun der blaue Himmel,
und die Lerche fällt.

Keine Sonne ist zu sehen,
kalte Winterwinde wehen,
Dunkel bricht herein,
doch der Reigen, er geht weiter:
lachend tanzen Weiße Reiter
in der Kinder Reihn.

IV.

Nachdem der Regen unser Feuer löschte,
erkenn ich ihre Schatten schon verschwommen -
sie ziehn hinauf zu unsrer Lagerstelle:
die Nacht ist schwarz, die Weißen Reiter kommen!

Schon hört man lustig ihre Peitschen knallen,
der letzte Hügel wird im Sturm genommen,
die Hufe lassen laut die Erde beben:
die Nacht ist schwarz, die Weißen Reiter kommen!

Gleich sind sie da! Schon fletschen sie die Zähne,
und jeder in der Runde schweigt beklommen,
als lachend sie vor unserm Lager halten:
die Nacht ist schwarz, die Weißen Reiter kommen!

V.

Weiße Reiter, Weiße Reiter,
nehmt mich mit auf eurem Ritt:
immer weiter, immer weiter
will ich ziehen - nehmt mich mit!

Vor den Blumen, vor den Faltern,
vor der Heimat will ich fliehn,
und in ein paar Menschenaltern
sie mit euch erneut durchziehn.

Dann kommt der, der sich entfernte,
wieder vor dem Morgenrot,
bringt euch eine reiche Ernte
und den andern Krieg und Tod.

Wird man meine Taten melden,
trifft mich einzig ihr Verdruss,
und ein jeder wird zum Helden,
der den Tod nicht fürchten muss.

VI.

Sie sehen
dich gehen.

Sie hören
dich stören.

Sie fühlen
dich wühlen.

Sie riechen
dich kriechen.

Sie schmecken
dich strecken.

Sie hassen
dich Blassen,

Beraten
zu Taten,

Verhandeln
und handeln.

Sie werden
auf Pferden

und Fohlen
dich holen.

VII.

Wenn der Mond im Erdenschatten sich versteckt,
reiten wir suchend durch düstere Wälder,
wenn das Bauernmädchen halb im Schlaf sich streckt,
reiten wir froh über Wiesen und Felder.
Genau!

Wenn die Eule ängstlich ihren Kopf verhüllt,
reiten wir schnell, dass die Winde uns spüren,
wenn sich nachts im Traum dein größter Traum erfüllt,
reiten wir lachend durch Fenster und Türen.
Im Ernst!

Wenn der Blütenduft die Frühlingsluft durchzieht,
reiten wir mutig und unerschrocken,
singt die Nachtigall im Baum ihr Frühlingslied,
reiten wir eilend zum Picknick am Brocken.
Jawohl!


Apokalypse

Nur Spott! nur Hohn! nur Galle dieser Welt,
die uns nur Spott und Hohn entgegenbringt,
die ungefragt den Gast zum Bleiben zwingt
und freien Geistern den Besuch vergällt!

Hier hat die Trägheit sich ein Floß gebaut,
doch über seichtem Wasser schwebt der Geist,
das Trübsinn, Mäßigkeit und Durchschnitt heißt:
aus diesem wird ein müder Trank gebraut.

Des Lebens Wasser nennt man dies Gebräu,
und man betäubt sich folgsam Herz und Sinn,
gibt sich dem Rausch des dumpfen Moders hin
und bleibt der Welt und ihrer Fäulnis treu.

Doch Mensch und Welt vergehn zu guter Letzt,
und wer sie ernst nimmt, macht sich lächerlich;
vergnügt und schadenfroh betrachte ich
wie der Gast den Wirt, der Wirt den Gast zerfetzt!


Die rechte Erwartung des Endes

Der gute Wille eines jeden Denkers
verkehrt für viele sich in größte Not,
des einen Macht ist anderen Verbot,
es wird des Armen Brot zum Lachs des Bänkers.

Im Licht der Sonne eines Weltenlenkers
ist Heiland aller Armen nur der Tod,
der Reichen Schutzherr unser ewger Gott,
die Menschheit ist das Beil des Erdenhenkers.

Das Beil, es schneidet tief in unsre Wunde;
uns wird Freund Hein zum andern Ufer winken,
und allen schlägt schon bald die letzte Stunde.

Es wird der Stern der Menschheit endlich sinken;
doch ginge morgen schon die Welt zugrunde,
ich würd noch heut ein Apfelkörnchen trinken.


Der Niedergang

Ich stand im Tal, tief unter mir die Menschen,
die Eingestorbnen einer fremden Welt -
ich stand im Tal, hoch über mir die Sonne,
die keinen dort und kaum noch mich erhellt.

Ich stand im Tal und sehnte mich nach Mondschein,
nach seinem kühlen klaren Himmelslicht -
ich stand im Tal und sah des Mondes Aufgang:
er grüßte, doch erleuchtete mich nicht.

Ich stieg hinab, als mich nach dunklen Stunden
auch nicht ein Stern mit seinem Licht bedacht -
ich stieg hinab und suchte nach den Mädchen:
wer ist schon gern allein in ewger Nacht?


Aufstieg

oder

Fortschritt und Treue

Das falsche Schuhwerk hemmt das Gehn:
wer Treue hält, muss stille stehn!
Wer weiter geht mit festem Schritt,
wird untreu jedem letzten Tritt!


Abschied

Leb wohl, du bleiche schöne Frau!
Ich lag schon lang an deiner Brust;
das Wandern ist der Liebe Lust.
Versüßt hast du mir jede Nacht,
und Flügel hast du mir verliehn;
mein Fuß hat einst mich hergebracht,
nun will er weiterziehn!

Leb wohl, du graue schöne Stadt!
In deinen Toren war ich Gast,
wo du mich gut bewirtet hast.
Du hast, was ich jetzt bin, gemacht,
und Flügel hast du mir verliehn;
mein Fuß hat einst mich hergebracht,
nun will er weiterziehn!

Leb wohl, du trübe schöne Welt!
Was brauch ich eine Ruhestatt,
wenn niemand eine Heimat hat?
Ich hab geweint, ich hab gelacht,
und Flügel hast du mir verliehn;
mein Fuß hat einst mich hergebracht,
nun will er weiterziehn!


An das Sein

Als Erwählte und Verdammte
waren wir schon vor der Zeugung
lange, lange auserkoren
zur Bedeutungslosigkeit.

Wie die Wolken sich vom Regen
hast du uns von dir geschieden
und uns achtlos hingeworfen
in die Welt mit lascher Hand.

Ohne Hass und ohne Liebe,
ohne Sinn und ohne Wirkung
tropfst du deine trüben Tropfen
in den ewgen Ozean.

Nichts, das nicht vergessen würde.
Nur der Tod verweilt lange;
tödlich diese Langeweile,
und langweilig selbst der Tod.

Grau und blau erdrückt der Himmel
jede Schönheit, jede Freude,
pflichterfüllend strahlt die Sonne
hell, doch ohne jeden Schein.

Nein, mehr hast du nicht zu geben,
und wir wüssten nichts zu wünschen:
über Staub und Gras und Asche
irren wir ins Nirgendwo.

Weiter keinen Weg zu gehen
könntest du uns schwerlich zwingen,
hättest du nicht diese Handvoll
Rosen für uns hingeschmissen.


Aqua vitae

Milch und Honig fließen in euren Paradiesen,
euren Ewig-Jenseits-Paradiesen
auf der anderen Seite des Lebens-Spiegels?
Ihr Leckermäuler!
Milch und Honig, das schmeckt nach Kindheit,
nach Mutterbrust und gesüßtem Tee.

Kinder seid ihr nicht mehr:
jetzt seid ihr Kinder eurer Kinder,
Kindeskinder,
und, schmachtend nach der Milch und dem Honig der Kindheit,
nährt ihr euch von Erwachsenen-Nahrung,
und gierig leckt ihr den gelblich-braunen Speichel von der schmutzigen Straße,
ihr Speichellecker!

Milch und Honig fließen auch in meinen Paradiesen,
doch wie könnten meine Paradiese euch gefallen?
Verdursten würdet ihr trotz Milch und Honig,
fließt doch dort nicht euer Lebens-Wasser,
der edle Trank, der euch zu dem macht, was ihr sein wollt!
Verdursten würdet ihr im Paradies,
ihr Speichelleckermäuler!


Heimatlied

Von jungen Kehlen froh gesungen
ist oft der Heimat Lied erklungen.
Die Heimatliebe ist an sich
sehr gut, und darum moechte ich
ein Loblied auf die Heimat singen,
mag es auch etwas anders klingen.

Wir würden nie von Opfern hören,
von Panzern, die die Ruhe stören
und von Verlierern eines Siegs,
denn die Geschichte jedes Kriegs
hätt die Geschichte nie geschrieben,
wär jedermann daheim geblieben.


Der Gläubige

Er glaubte an einen Gott.
Er glaubte an einige Frauen.
Er glaubte an das Gute im Menschen.
Doch dann fand er den einen Glauben,
der stärker war als alle anderen,
den Glauben an das einzig beständige:
den Glauben an Sich!


Ein Weg

Ein Wahrnehmungsspiel


Personen:

Ein Auswanderer
Ein Christ
Ein Einsiedler
Ein Freiheitskämpfer
Ein Held
Ein Liebhaber
Ein Nachbar
Ein Narziss
Ein Philosoph
Ein Wanderer
Ein Wissenschaftler
Ein Zuschauer

Szene: Eine Wegbiegung in öder Heidelandschaft.


Ein Auswanderer

Hier steh ich jeden Tag, auch heut,
und schaue auf das Meer gebannt,
und frage jeden Tag erneut:
wann komm ich ins gelobte Land?

Ich habe mich zu sehr erkühnt,
doch bleibt das Schlimmste mir erspart:
die Meuchelmorde sind gesühnt
durch eine freie Überfahrt.

Auf geht es in die Neue Welt -
wie gerne wäre ich schon da,
seit jenes Urteil ist gefällt:
der Strick oder Amerika!


Ein Christ

Hinauf, hinauf den steilen Weg
mit frischem Lobgesang,
und fürchte nicht den schmalsten Steg:
es dauert nicht mehr lang!

Hinaus aus diesem Jammertal,
hinauf nach Himmelshöhn:
dort endet alle Not und Qual,
wenn wir den Heiland sehn.

Hinauf, hinauf zu unserm Glück,
das unser Jesus wies:
hinauf, hinauf das letzte Stück
zu ewgen Paradies.

Und stehn wir dann vor ihm im Licht,
wird unser Hoffen wahr:
er lacht uns freundlich ins Gesicht
und streicht uns durch das Haar.


Ein Einsiedler

Hier will ich mein Gebirge pflanzen, und drauf meine Hütte,
dahinter mein Meer, um am Abend die Sonne zur Ruhe zu betten,
darüber meinen Himmel, das goldene Zelt meiner Sehnsucht!

Kommt nur zu mir, Kälte des Eises der Götter,
Feuer des Geistes und Donner des Werdens, zu mir!

Hier fand meine Wahrheit zu mir,
hier zog sie ihr Schwert und lehrte mich kämpfen,
hier schlug sie mein Haupt von den Schultern und bat mich
die Waffen zu strecken, mich ihr zu ergeben -
ich tat´s nicht, und abermals köpfte sie mich!
Dann lachte sie grell, meiner Feindschaft zuliebe,
und zog sich voll Scham vom Besiegten zurück.

Arm an den Sorgen der trampelnden Herde,
reich am Blitz, bleibt der Weise allein:
einsam mit seiner Weisheit,
einsam mit seinem Reichtum,
einsam mit seiner Einsamkeit;
wer mir folgen will, muss straucheln und fallen und bleibt zurück -
wer mir folgen kann, geht seinen eigenen Weg.


Ein Freiheitskämpfer

Hier steh ich nun am Galgenberg. Ich kämpfte
für jene, die zu schwach sind, sich zu wehren,
und gegen jene, die das Unrecht mehren,
und deren Stärke meinen Mut nicht dämpfte.

Hier steh ich nun am Galgenberg. Die Schlaufe
hängt drohend über meinem Haupt zur Wahrung
der Staatsinteressen - der weiß aus Erfahrung,
dass ich mein Leben, nicht mein Herz verkaufe!

Hier steh ich nun am Galgenberg. Den Bringern
des Todes wird der Mordbefehl gegeben,
und der, für den ich opfere mein Leben,
der Pöbel lacht und zeigt auf mich mit Fingern.


Ein Held

Endlich am Ziel, am Beginn meiner Straße zum ewigen Leben,
steh ich am Scheideweg, habe zu wählen den Pfad, den ich gehe:
alt kann ich werden, in Ehren ergrauen, vom Becher des Lebens
trinken mit mächtigen Zügen und jedwede Freude genießen,
die uns die Götter auf Erden gewähren - doch geh ich den andern,
sterbe ich jung und als Held auf dem Schlachtfeld, wie´s Helden gebühret;
Menschen, solange die Welt sie bevölkern, gedenken der Taten,
die ich vollbringen noch werde, und unsre unsterblichen Götter
werden das ewige Leben mir schenken durch ewigen Ruhm!

Könnte ich zögern, nicht wissend, wohin meine Schritte zu lenken?
Tapfere Herzen erfassen den Sinn nicht des Zögerns und Zauderns:
nichts gilt dem Helden das Leben, doch alles der ewige Name!


Ein Liebhaber

Hier wohnt die Liebste! Einen Schritt noch gehen,
dann stehe ich vor ihrem weißen Haus.
Schaut sie nicht sehnsuchtsvoll schon nach mir aus,
seh ich sie nicht am offnen Fenster stehen?

Hier wohnt mein Herz! Wer kann es schlagen sehen,
wer hört der zarten Liebe Sturmgebraus?
Ich bringe ihr den schönsten Blumenstrauß
und bete nur, dass sie erhört mein Flehen!

Hier wohnt mein Hoffen! Bleibt sie, kommt sie mit
in jenes Land, wo alle Qual schweigt still? -
Warum, warum verlangsamt sich mein Schritt?

Ich hoffe noch, solang ich zu ihr wandre,
doch wenn sie mich durchaus nicht lieben will,
erhäng ich mich und such mir eine andre.


Ein Nachbar

Grüß Gott, Herr Nachbar! Welch ein Tag,
ein Tag wie ich ihn gerne mag!
Vom Regen haben wir genug;
mein kleines Veilchenbeet ertrug
das Wasser nicht, mit einem Wort:
es schwemmte alle Triebe fort.
Doch öffnet sich der Krokus schon -
das ist der Arbeit schönster Lohn:
die Blumen blühn sehn und gedeihn
im Rechteck und in geraden Reihn,
dass sie erfreuen Aug und Sinn,
dem Seelenfrieden zum Gewinn,
dem Herzen und auch dem Gemüt.
Was sagen Sie? Ihr Ginster blüht
schon jetzt in seiner vollen Pracht?
Wie haben Sie denn das gemacht?
Bald werd ich meinen Rosenstrauch
beschneiden und den Flieder auch,
dass jeder, der vorübergeht,
entzückt vor meinem Garten steht.
Nach einem harten Arbeitstag,
nach all der Mühe und der Plag,
ist es entspannend, Schilf und Kohl
zu pflanzen für sein eignes Wohl,
in seinem Garten aufzugehn;
bis morgen dann, auf Wiedersehn!


Ein Narziss

Hier steh ich auf dem höchsten der Gipfel,
wo mir keine Gemse folgt mit leichtfüßigem Gehüpfel,
hier ist mir der schwerste Aufstieg gelungen,
hier habe ich von der Quelle des Habichts getrunken,
vom Wasser, das - und fließt es noch so knapp -
Unsterblichkeit verbürgt bis in das Grab.
Das erhabene Gemüt genießt das Stillesein und bewahrt´s
dem höchsten Dichter auf dem höchsten Platz.
Hier liegt die Welt, an dieser Quelle können
alle Menschen der Vergänglichkeit Gleichnis erkennen.
Dort drunten im Tal, wo ich so gerne wander,
blühn Mohn und Klee und Gänseblumen durcheinander:
dort sollte sich der Mensch befleißen,
das Land der widrigen Natur zu entreißen,
sich hübsche Gärten anzulegen,
ausgesuchte Pflanzen hegen und pflegen,
die Bäume beschneiden, die artigen,
und den Bach begradigen;
dann mag er mir folgen in schwindelnde Höhn,
um stolz hinunter, hinab zu sehn.

Ein Opiumpfeifchen - das wird mich erheitern
und mein gelehrtes Bewusstsein erweitern.
Wenn die Muse dann die zittrigen Hände küsst,
wer weiß, was dann aus meiner Feder fließt.


Ein Philosoph

Heut fand ich die Wahrheit, heute
kam sie endlich zu ihrem Meister,
sie, die lang sich verbarg, sich scheute,
sie, der flüchtigste aller Geister!
Hier gewährte sie meine Bitte,
und ich durfte am Glase nippen,
das sie einschenkt nach alter Sitte,
und liebkoste mit meinen Lippen
ihre Schönheit und pries ihr Wesen! -
Junge Männer, die mich nicht kennen,
die die Wahrheit in Büchern lesen
und stolz sich meine Jünger nennen,
unterweisen in aller Klarheit,
unverfälscht zwar und ungezwungen,
andre Menschen, doch meine Wahrheit
wird zur Lüge auf fremden Zungen.


Ein Wanderer

Wie die Bächlein munter rauschen,
wie das Mühlrad frisch sich dreht!
Und wie schön, den Lerchen lauschen,
wenn die Sonne untergeht!

Drüben schwingt sich in die Lüfte
stolz die Himmelskönigin,
und der Veilchen Frühlingdüfte
füllen Nase, Herz und Sinn.

Glühend schmilzt die edle Sonne
in die Felder und muss gehn,
doch der Tag war eitel Wonne,
und ich habe ihn gesehn!

Wo die Schwalben überwintern,
macht die Sonne niemals kehrt;
ach, ein runder Mädchenhintern,
und der Tag war lebenswert!


Ein Wissenschaftler

Ich hab’s geschafft, die Zunft zu überragen:
das älteste der Rätsel ist gelöst!
Doch stellt die Lösung Fragen, Fragen, Fragen...

Kein Loch, das nicht ein neues Loch entblößt:
das Fass ist ohne Boden, dessen Kunde
die Wissenschaft an ihre Grenzen stößt.

Nun steh ich hier, so tief schon unterm Grunde,
dass auf der Welt man meiner jetzt vergisst
und ich allein bin in der Siegesstunde.

Ich steige tiefer als die Erde misst,
hinab in tiefste Tiefen, doch ich breche
schon wieder ein; noch tiefer, oder ist
die tiefste Tiefe gar die Oberfläche?


Ein Zuschauer

Habt ihr´s gesehen? Nein, ihr habt es nicht,
denn was ich selbst sah, war nur mein Gesicht.
Wer hier vorüberging, war mein Gedanke,
und wo er stehn blieb, sah er meine Schranke.
Was ihr gesehn habt, so es euch denn gibt,
das war ein Schauspiel, wie es euch beliebt,
das waren Geister, wie sie euch gefallen,
ensprungen eures eignen Geistes Hallen.
Kein Mensch erblickte, was ich ihm gezeigt -
ich selber seh, wozu ich bin geneigt:
wie mir die Dinge in die Sinne kommen,
so werden sie von mir als wahr genommen.
Was ich gesehn hab, hab nur ich gesehn,
und nichts von alledem ist je geschehn.


© 6229-6239 RT (1988-1998 CE) by Frank L. Ludwig