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Begegnung in Paris


Paris neunzehnhundertsechsunddreißig. Ein trüber Novembertag, ein trostloser Himmel, ein paar Menschen, die es eilig haben, nach Hause zu kommen. Sie laufen an dem kleinen Hotel vorbei, zögern, bleiben stehen und blicken sich noch einmal nach dem beschlagenen Fenster um, hinter dem ein Geigespieler zu sehen ist - sehr verschwommen zwar, aber sie glauben, dieses Gesicht zu kennen, dann erinnern sie sich, schütteln den Kopf (denn sie halten es für einen Irrtum) und gehen weiter.
Sie haben sich nicht geirrt. Albert Einstein spielt auf der geliehenen Stradivari zunächst ein paar Takte aus Mozarts Kleiner Nachtmusik, beginnt zu improvisieren und landet schließlich bei einer Eigenkomposition, einem bezaubernd melancholischen Stück, dessen Noten er (aus reiner Bequemlichkeit) niemals aufgeschrieben hat.
„Ich verstehe das nicht", sagt er nachdenklich, „du bezahlst mir den Flug, das Hotel und alle Rechnungen, nur damit ich für einen Tag nach Paris komme und niemandem etwas davon erzähle."
„Ich bin Exhibitionist", erwidert sein Gegenüber, ohne von seiner Arbeit aufzusehen, „die Öffentlichkeit kennt jeden meiner Schritte, weil ich bis heute niemals Heimlichkeiten gehabt habe. Aber wenn ich einmal sterbe, will ich ein Geheimnis mit ins Grab nehmen, irgend etwas grandioses, und das wird unsere Nacht im Moulin Rouge sein."
Er setzt den Pinsel ab und betrachtet zufrieden das Werk, das er an die Wand des Hotelzimmers gemalt hat: der gekreuzigte Heiland, dessen Gesicht als auslaufende Uhr dargestellt ist. Seine rechte Hand scheint vergeblich nach etwas greifen zu wollen, und Salvador Dali rückt das Telefontischchen wenige Zentimeter neben diese Hand und kündigt den absoluten Clou an. Er wählt eine Nummer, legt den Hörer auf, und sofort beginnt das Telefon zu klingeln.
Den Abschluss dieses Bildnisses bildet eine Leitung, die vom Telefon zu Himmel führt und hinter einer Wolke verschwindet.
Albert setzt die Stradivari ab und betrachtet das Machwerk. Auch wenn sein Interesse am Surrealismus nicht größer ist als das eines ausgewachsenen Zebrafinken an seiner einheitlichen Feldtheorie, kann er sich doch ein Schmunzeln nicht verkneifen.
„Lass uns gehen", meint er dann, „ich halte dieses Gebimmel nicht mehr aus."
So gehen die beiden zunächst ins Ritz, wo sie sich die Grundlage für den bevorstehenden Abend anschaffen wollen. Es ist sehr voll, und während die Bedienung auf sich warten lässt, raucht Salvador eine kräftige Havanna, die er beim Servieren der Vorspeise an seinem Hals ausdrückt. Die Frauen schreien, wenden sich ab und vergraben ihr Gesicht in den Händen, die Männer starren ihn ungläubig an.
„Eine künstliche Haut", erklärt er dem verdutzten Albert, „das kommt immer gut."

Nach dem Abendessen machen sich die beiden auf den Weg ins Moulin Rouge, wo Salvador schon hinreichend bekannt ist, und so entsetzt er lediglich einige Touristen, als er in einen seiner Fingernägel beißt und ihn vollständig herauszieht.
Nach einiger Zeit verschwindet er mit einer Tropenschönheit im Séparée, während Albert sich Zettel und Bleistift bringen lässt, um an einer neuen Formel zu arbeiten.
Nach der dritten Flasche Schampus kommt er dann zu einem zufriedenstellenden Ergebnis, unterstreicht dieses, lehnt sich zurück und bestellt die vierte Flasche.
Gegen Ende des letzten Glases taucht auch Salvador wieder auf, der zwischenzeitlich ebenso wenig verdurstet zu sein scheint. „Eine Nacht mit dieser Frau ist besser als der schönste Gala-Abend", lallt er. An Alberts nachdenklichem Gesicht erkennt er jedoch, dass dieser sich mit wesentlich ernsteren Dingen beschäftigt hat.
„Salvador", sagt er bedächtig, „ich habe die Formel gefunden."
„Welche Formel?"
„Die Formel, mit der wir die starren Gesetze von Zeit und Raum außer Kraft setzen können."
„Und wie heißt sie?"
„C2H5OH. Am besten gehen wir gleich nach draußen und probieren sie aus; ich hätte schon Lust, statt im Paris der 30er plötzlich im Melbourne der 90er zu stehen."
Nach diversen Weinen und Cognacs verlassen sie dann das Moulin Rouge. Albert fasst sich plötzlich an die Stirn, taumelt ein paar Schritte zurück und meint: „Jetzt wird es Zeit, mit einem der ältesten Irrtümer der Geschichte aufzuräumen: nicht der Alkohol ist der größte Feind der Menschheit, sondern die frische Luft."
Salvador stützt seinen Freund, und gemeinsam betrachten sie den hässlichen Eiffelturm und probieren die Formel aus.
„Zezwei hafünf ohaaa!", klingt es durch die Nacht, der Eiffelturm aber steht noch immer.
„Das war wohl zu leise. Versuchen wir es nochmal."
v„Zezwei hafünf ohaaa!", rufen sie diesmal aus vollem Hals. Anstelle des Ayers Rock tauchen allerdings nur einige uniformierte Nachtschwärmer auf, die sich nach dem werten Befinden erkundigen.
„Uns geht’s gut", versichert Albert ihnen. „Wissen sie etwas über die Relativitätstheorie?"
„Ich weiß nur, dass Sie relativ viel getrunken haben", erklärt einer der freundlichen Herren und sorgt dafür, dass unsere beiden Freunde zum Polizeirevier gebracht werden, wo sie den Rest der Nacht in der Ausnüchterungszelle verbringen.


© 6231 RT (1990 CE) by Frank L. Ludwig