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Die Tode des Johann Oysing

Eine Novellette noir


Kapitel eins

Von einem Mann, der nicht weiß, wann er sterben soll

Johann Oysing sieht kaum noch einen Sinn im Leben. Wozu auch? Gelebt hat er schon mehr als neunundfünfzig Jahre lang, und das in vollen Zügen. Als Schauspieler hat er sich einen Namen gemacht, das einzige, was er nach zehnjähriger Pause noch nicht in Flüssignahrung umsetzen konnte. Sein finanzielles Polster hat er ebenso verlebt wie sich selbst, und da hilft es ihm auch nicht, dass er bald im Wachsfigurenkabinett zu sehen sein wird.
Er stimmt mit seinem Neffen Herbert (der ihm den Haushalt führt, während Johann sich an Short Skirts und Longdrinks erfreut) darin überein, dass seine Zeit bald gekommen ist. Die Schwierigkeit liegt aber darin, dass für Onkelchens Tod kein idealer Zeitpunkt vorhanden zu sein scheint. Weder er noch sein Neffe können wissen, ob die Zeit vor oder nach dem 17. November (das ist Onkelchens sechzigster Geburtstag) günstiger für sein Ableben wäre, denn das hängt vom schwankenden Kurs des englischen Pfunds ab.

Begonnen hatte alles, als die beiden noch in London wohnten, wo Onkel Jan (der auch nach 30 Jahren nicht ein Wort der Landessprache beherrschte) ein Dauerengagement hatte, und zwar auf jenen Brettern (von denen man zu glauben geneigt ist, dass es sich um diejenigen vor dem eigenen Kopfe handele), die die Welt bedeuten.
Schon damals hat der große (einsachtundachtzig) Schauspieler viel und hochprozentig gelebt, und zwar am liebsten in Soho, wo sich noch heute zahlreiche Unternehmer mit dem Gedanken tragen, vor ihren zwielichtigen Geschäftsgebäuden ein Oysing-Denkmal aufzustellen.
Zu jener Zeit hatten die Oysings einen dankbaren Hausarzt, der den Onkel in seiner Londoner Praxis regelmäßig und in der Regel mäßig untersuchte. Eines Tages ließ dieser Arzt sich Herbert gegenüber zu einer leichtfertigen Bemerkung hinreißen.
„Sie brauchen sich um Ihren Onkel überhaupt keine Sorgen zu machen", hatte er damals gesagt. „Der alte Herr wird bestimmt hundert Jahre alt."
„Sicher?"
„Sicher!"
„Dann wette ich mit Ihnen um fünfzigtausend Pfund, dass er keine sechzig wird", sagte Herby ebenso leichtfertig.
„Angenommen" erwiderte der Arzt am leichtfertigsten, der übrigens Larry Woolman heißt und sehnsüchtig den siebzehnten November erwartet, und schon wurde der überrumpelte Neffe samt seinem Onkel eingeladen, diesen denkwürdigen Tag zu begießen, was unweigerlich zur Entwicklung einer gewissen Intimsphäre führte und schließlich gar dazu, dass man sich mit Vornamen anredete.

Nach dieser kurzen Rückblende (in der man wohl kaum zu erwähnen braucht, dass Larry Woolman fortan rührend um die Gesundheit des Schauspielers besorgt war und niemand seinen Umzug nach Hamburg so sehr bedauerte wie er) wird der Leser annehmen, es wäre für unseren Freund günstiger, wenn der alte Herr die Feier seines nächsten Geburtstages ein wenig vorverlegen würde - wozu er übrigens noch einen Monat und zwei Tage Zeit hätte.
Nun, läge die Sache so einfach, diese ganze Geschichte hätte nicht geschrieben werden müssen.
Wo liegt dann das Problem?, werden Sie fragen, und Ihre Neugier ist durchaus berechtigt.
Da ist nämlich noch die Lebensversicherung des Johann Oysing: dreihundertund- fünfzigtausend bundesdeutsche Mark. Und die zahlt nur bei natürlichem Tod, nicht bei Mord oder Selbstmord.
Nun, sagen Sie, das erschwert die Sache ein wenig, macht sie aber nicht unmöglich. Recht haben Sie. Aber da ist noch etwas: die Auszahlung erfolgt nur, wenn der zu Sterbende sein sechzigstes Lebensjahr als Untoter vollendet hat.
Ich bin nunmehr der festen Überzeugung, dass sich inzwischen jeder Leser über die Problematik des Todeszeitpunkts Johann Oysings im Klaren ist.
Selbst Herbert Oysing, das Mathematikgenie, steht ratlos vor dieser Heraus-forderung.
17.11.1924;17.08 - dies ist die magische Zahlenreihe, die ihn Tag und Nacht beschäftigt. Acht Minuten nach fünf; mit Ablauf der siebten Minute nach fünf hätte Onkelchen zwar gerade das sechzigste Lebensjahr vollendet, aber damit wäre er automatisch auch sechzig Jahre alt. Sollte es denn wirklich nicht möglich sein, aus diesen zwei unterschiedlichen Formulierungen einen Vorteil zu ziehen? Schließlich geht es ja um 350.000 DM mehr oder weniger.
So ist man im Hause Oysing ständig am Rechnen. Angenommen, der Onkel stürbe vor dem 17. November: Herbert bekäme œ 50.000 von Larry, bei einem Kurs von 3,50 DM also umgerechnet 175.000 DM. Die Lebensversicherung aber ließe ihn leer ausgehen.
Stirbt der Onkel jedoch später, erhält der Neffe zwar 350.000 DM von seiner Lebensversicherung, muss aufgrund der verlorenen Wette jedoch umgerechnet 175.000 DM (bei einem Kurs von 3,50 DM) an Larry zahlen, so dass ihm auch in diesem Fall nur 175.000 DM bleiben.
Jetzt nimmt Herbert sich vor, die Entwicklung des britischen Pfunds genau zu verfolgen, denn sollte das Pfund vor Onkelchens Geburtstag auf über 3,50 DM steigen, wäre es günstiger, wenn dieser den Weg allen Fleisches ein wenig zeitiger einschlagen würde.
Diese Lösung aber kann den Neffen verständlicherweise nicht befriedigen. Er will alles, und das wäre (bei einem Kurs von 3,50 DM) immerhin ein Vermögen von 525.000 DM, eine Differenz von (Sie haben es sicher schon ausgerechnet) 350.000 DM.
Zwar tut Onkelchen immer sein Bestes, dem jungen Mann behilflich zu sein, da dieses sich jedoch nicht einmal an Herberts Schlechtestem messen kann, ist er alles andere als eine Hilfe und hat den jungen Mann schon mehr als einmal zur Verzweiflung gebracht.

Seine Begabung für logische Zusammenhänge hat Herbert schon mit der Vatermilch eingesogen, denn die Mutter hatte nach dem Vorgang der Geburt ihre Männer in der Gewissheit verlassen, ihre familiären Pflichten erfüllt zu haben.
Der Vater kümmerte sich rührend um das Einzelkind, bis zu jenem Tag, an dem er an den Folgen eines kataleptischen Anfalls starb. Von da an wurde der elfjährige Wunderknabe (er konnte schon damals Funktionen ableiten, ohne jedoch zu wissen, wozu so etwas gut sein sollte; außerdem hatte er ein unfehlbares System entwickelt, die Lottozahlen im Voraus zu berechnen, ohne damit eine einzige Mark zu gewinnen) vom schwarzen Schaf der Familie, nämlich Onkel Jan, aufgezogen.
Herbert wuchs - vom Onkel moralisch und finanziell unterstützt - schon früh zum Schürzenjäger und später zu einem wahren gentlemanliken Casanova heran. Kaum ein Frauenherz, das er nicht im Sturm erobert hätte, kein weibliches Wesen, das nicht nach seinem ersten mathematischen oder politischen Vortrag das Weite gesucht hätte.
Auf den Onkel brauchen wir hier nicht näher einzugehen, da er im Verlauf dieser Geschichte eine überwiegend passive Rolle spielen wird.

Eben genannter Onkel wird gerade jetzt bei Liliane zum wiederholten Mal vor die Tür gesetzt, da die Reeperbahn - wie sie sagt - nicht für abgetakelte Möchtegern-Schauspieler, zahlungsunfähige noch dazu, da sei. Das ist deutlich, wenn auch ein wenig schmerzhaft.
So, jetzt werden wir unseren Pseudo-Bogart eine Weile in Ruhe lassen, während er sich noch ein Bierchen genehmigt (mehr darf er nicht, denn am Monatsbeginn muss ja ein letztes Mal der Versicherungsbeitrag gezahlt werden) und dann niedergeschlagen nach Hause fährt.
Und jetzt werden wir beobachten, wie sich ein Problem von selbst löst, wie die Lösung eines anderen scheinbar unmöglich gemacht wird und wie das Schicksal einem großen Denker auf die Sprünge helfen kann.


Kapitel zwei

Wie zwei Fliegen mit einer ganz anderen Klappe geschlagen werden

Abgespannt, müde und vor allem enttäuscht legt sich unser ruheständlerischer Schauspieler in voller Klamotte auf sein Bett und verschränkt die Hände im Nacken. Diese Geste ist ihm in Fleisch und Blut übergegangen, und sie erinnert ihn an die zehn Jahre alte Filmszene, von der die Welt noch heute spricht: In seinem cineastischen Meisterwerk „Die Republik" (er selbst war Drehbuchautor, Regisseur, Titelmelodiekomponist und Hauptdarsteller in einem) spielte er einen Terroristen. Nachdem seine Gruppe von Polizei und Militär umstellt worden war und die übrigen Mitglieder der „Demokratischen Front" durch Genickschüsse niedergestreckt wurden (in Notwehr, wie sich später herausstellt), gelingt es ihm, seine Verfolger ausnahmslos zu bluffen. Eine Hundertschaft der Polizei und ein Sonderkommando des BGS legen ihre Waffen ab und kapitulieren. Diesen letzten und größten Triumph auskostend verschränkt er die Hände im Nacken und stellt sich.
So sah er aus, sein letzter Auftritt; sowohl als Terrorist als auch als Schauspieler. So kennt man die Legende Johann Oysing, so schläft die Legende Johann Oysing, und so wird sie wohl auch sterben: die Hände im Nacken verschränkt.

So, auch wenn es gestern nacht spät geworden ist: zehn Stunden Schlaf sollten eigentlich genug sein. So denkt Herbert und betritt Onkelchens Schlafzimmer. Und umgezogen hat er sich auch wieder nicht. Die Vorhänge werden zurückgezogen und die Fenster geöffnet (was den alten Herrn immer wieder in Rage bringt), aber der Onkel reagiert nicht.
Herbert setzt in der Küche den Kaffee auf, deckt den Frühstückstisch (es ist 11.08 Uhr) und wartet auf einen schimpfenden, übernächtigten Onkel.
Des Wartens müde (11.21 Uhr) geht er nochmals ins Schlafzimmer. Dort liegt der Onkel noch immer auf dem Bett und starrt die Decke an, so als würde er angestrengt überlegen. Die Augen sind noch immer auf dieselbe Stelle gerichtet wie vorhin, der Körper liegt noch genauso regungslos da.
Herbert nimmt die Hand seines Oheims - vielleicht schlägt ja der Puls noch ein wenig. Die Gedankenkette läuft an: Rettungswagen - Krankenhaus - Woolman - Klein („Ihr Mann von der KREPIA Lebensversicherung").
„Herbert?" - Der Neffe springt vor Schreck beinahe an die Decke.
„Herbert, ich überlege schon seit Stunden, und ich glaube, ich weiß, wie du zu dem gesamten Geld kommen kannst."
„So", lächelt sein Neffe mitleidig, „dann erzähl mir das Ganze am Frühstückstisch. Der Kaffee wird kalt."
„Jetzt noch nicht, Herbert. Ich muss mir noch die Einzelheiten überlegen, dann sage ich es dir. Aber das System ist narrensicher."

Den ganzen Tag ist der Mathematiker in denkbar schlechter Verfassung; verständlich, denn sein Onkel, eine mathematische Null, hat ein Problem bewältigt, das er selbst nach jahrelanger Arbeit als unlösbar betrachtete. Daran, dass Onkelchen die Lösung hat, besteht kein Zweifel, denn der Gebrauch des Begriffs „narrensicher" ist ihm heilig.
Mit dem Gemüsehändler, einem seiner vertrautesten Freunde, wechselt er kein Wort, als er für das Mittagessen einkauft. Kein Wort auch zu der niedlichen Verkäuferin im Tabakladen, die seine gestrige Einladung zum Abendessen leider nicht annehmen konnte, weil ihre Mutter im Sterben lag, einer weiteren aber nicht abgeneigt gegenüberstünde. Und als er dann im Tante-Emma-Laden auf Herrn Klein trifft, der sich schon jetzt um das Wohlbefinden des werten Onkels sorgt, da weiß er, dass dieser Tag nicht mehr zu retten ist.
So, jetzt kommt er nach Hause: eine große Tüte mit Lebensmitteln in der Hand, für zwei Personen. Nehmen wir es ihm nicht übel; er kann es ja nicht besser wissen.
Sein Onkelchen liegt dort nämlich auf dem Sofa, die Hände wie immer im Nacken verschränkt, und atmet nicht. Das Herz schlägt nicht, der Puls schlägt nicht, überhaupt schlägt nichts, abgesehen von der großen Standuhr, deren Zeiger eine Zeit von 12.30 Uhr mittags proklamieren.
So liegt das Onkelchen nun da, kalt und leblos. Und weiß einzig und allein, wie das finanzielle Problem des Neffen zu lösen ist.
Gemein.

Es kostet Herbert einige Mühe, sich einzubilden, dies sei der erste Teil von Onkelchens Plan, der dem Genie seines Neffen noch eine Chance geben wollte. Und so lässt Herbert eine große Denkmaschinerie anlaufen, die ihn zu einem unerwarteten Ergebnis bringen soll.
Also, wann ist der Onkel für Dr. Larry Woolman vor seinem 60. Geburtstag tot?
1. Wenn ich ihm eine Abschrift der Sterbeurkunde schicke (schlecht, weil früher Tod sonst amtlich wird => KREPIA)
2. Wenn die Medien über den Tod berichten (noch dümmer)
3. Wenn er die Leiche vor dem 17. November zu sehen bekommt (vom Ansatz her nicht schlecht)
Und wann ist er für die Lebensversicherung nach der Frist tot?
1. Wenn ich ihn bis dahin einfriere (riskant und sehr fraglich)
2. Wieso 2.???
Weil es noch irgend etwas geben muß!
Hier müssen die Überlegungen des Onkels zu einer einfachen Lösung geführt haben: so einfach, dass ein hervorragender Denker überhaupt nicht darauf kommen kann.
Was benötigt die Lebensversicherung, um die Summe zu zahlen?
Die Sterbeurkunde oder ein anderes amtliches Dokument.
Wie bekomme ich das?
Ganz automatisch, wenn eine Amtsperson den Tod festgestellt hat.
Wenn aber... aber wenn... nichts „Wenn" und „Aber", denkt Herbert, kann sein Glück nicht fassen und springt vor Freude an die Decke: „THAT´S IT!!!"

Nach zehn Minuten hat er sich wieder einigermaßen gefangen, der Tag ist also gerettet. Liebevoll tätschelt er seinen Onkel: „Danke, alter Herr", spricht er. „Du hast mir sehr geholfen."
Sein Freund, der Gemüsehändler, schüttelt den Kopf, als Herbert eine Orange auf dem Scheitel balanciert, bis sie herunterfällt, um dann fußballspielend mit ihr weiterzulaufen. Vor dem Tabakladen lässt er sie liegen, vergisst sie einfach, mit einem ungeahnten Schwung öffnet er die Tür und fällt dabei geradewegs der hübschen Bettina in die Arme, die ihn „so ja überhaupt nicht kennt" und sich über die Einladung zum Abendessen ebenso freut wie er sich darüber, dass sie annimmt.
Jetzt kühlt er sein Über-Mütchen noch mit einem frisch gezapften Bier, läuft beinahe einem Mercedes SL vor die Räder und steckt sich auf der anderen Seite zur Beruhigung ein feines Pfeifchen an. Der heutige Tag - dessen ist er sich jetzt schon sicher - wird ihm in wunderbarer Erinnerung (nicht nur an sein logistisches Genie) bleiben.
Zuhause aber erwartet ihn eine kleine Ernüchterung: der Onkel liegt nicht mehr auf der Couch. So unsinnig es auch ist, Herbert schaut zunächst darunter nach, ob das Onkelchen vielleicht heruntergeplumpst ist, dann noch einmal im Flur, in der Küche und im Schlafzimmer. Keine Spur des alten Herrn.
Jetzt sitzt er dort, wo er heute mittag sein Onkelchen gefunden hat, und rauft sich die Haare. Hat er sich einen Spaß mit ihm erlaubt? Lebt er womöglich noch? Oder hat man ihn einfach gestohlen?
Und wenn ja, wer? Woolman? Ausgeschlossen! Der ist erstens in London, zweitens finanziell unabhängig und drittens zu so etwas gar nicht imstande.
Klein!!! - Dieser widerliche Versicherungszwerg, der nichts als seinem Namen Ehre macht, dieser ekelhafte Schleimer, der immer so gehässig grinst, dieser aufdringliche Korinthenkacker...
Ja, dieser harmlose und pflichtbewusste Versicherungsvertreter käme nicht in seinen kühnsten Träumen (die einen verwöhnten Leser wie Sie sicher zu Tode langweilen würden) auf die Idee, die Hauptrolle in einem grausamen Erpresserstück zu spielen, das jetzt in der Phantasie des Herbert Oysing abläuft.
Aber nun geht der Neffe ins Badezimmer, um sich den Kopf zu kühlen, und jetzt wird sich die Lage wohl klären.
„Onkel!" - Erleichtert beugt sich der junge Mann über den Körper des Alten, und jetzt erinnert er sich auch, dass er ihn für den Fall eines überraschenden Besuches hierhergebracht hat.
„Onkelchen", seufzt er nochmals, „hast du mich aber erschreckt!"

Herbert hat keine Mühe, Karlchen, dem Gemüsehändler, eine großformatige Kiste abzuschwatzen. Lediglich die ironische Fragestellung, ob er denn sein Onkelchen verschicken wolle, verunsichert ihn ein wenig.
Und in dieser Kiste liegt er nun, der große Schauspieler, und Herbert schüttelt ihm noch einmal wehmütig die Hand, bevor er sie endgültig zunagelt.
Jetzt schreibt er Dr. Woolmans Anschrift in Großbuchstaben auf einen riesigen Aufkleber, den er auf der Kiste anbringt:

DR. LARRY WOOLMAN
31 Marylebone Rd.
LONDON NW1 5LR

GREAT BRITAIN

Nun aber kommt die schwerste Hürde; der Brief an Larry. Man mag es nicht glauben, aber es ist einfacher, einem Freund die Leiche des Onkels zu schicken als einen Begleitbrief zu formulieren.
Im elften Anlauf aber hat unser Freund es geschafft, und der Brief ist fertig.
„Mein lieber Larry", schreibt er, „sicherlich denkst du gerade in dieser Zeit viel an unsere Wette. Bestimmt bist du auch darüber informiert, dass Onkelchens Lebensversicherung erst nach Vollendung seines sechzigsten Lebensjahrs zahlen will und wir daher bei der Festlegung seines Todestages sehr im Zweifel waren. Nun hat uns das Schicksal allerdings einen Streich gespielt, indem es vor etwa fünf Stunden völlig unerwartet mein liebes Onkelchen aus dem Leben gerufen hat.
Sein Tod ist nun ein familiäres Faktum, an dem nichts zu ändern ist. Was allerdings das Finanzielle angeht, so wäre es möglich, mit deiner Hilfe auch die Lebensversicherungssumme von immerhin 350.000 DM (das entspricht bei einem Kurs von 3,50 DM œ 100.000) zu erhalten. Über eine Gewinnbeteiligung können wir später sprechen.
Ich stelle mir die ganze Sache so vor: ich schicke Dir Onkelchens sterbliche Überreste (sie müssten Dich in den nächsten Tagen per Post erreichen), damit Du Dich von seinem Ableben überzeugen kannst. Du lässt ihn irgendwo verschwinden, und in fünf Wochen werde ich eine Vermisstenanzeige aufgeben. Wenn er dann amtlich für tot erklärt worden ist, wird man für sein Ableben einen Zeitpunkt nach dem 17. November annehmen müssen, da ich aussagen werde, ihn noch nach seinem Geburtstag gesehen zu haben, und das Geld wäre gerettet.
Ich bedaure unendlich, Dir nichts besseres mitteilen zu können, und verbleibe mit herzlichen Grüßen, Dein Herby".

Jetzt fährt Herby seinen kleinen Lieferwagen vor und legt den Brief in den Laderaum, die große Kiste stellt er daneben. Beide Sendungen gibt er im Postamt auf, fährt nach Hause, steigt in den Käfer und holt Bettina vom Tabakladen ab.
„Gehn wir japanisch essen?", fragt sie gespannt.
„Da esse ich nicht gern", erwidert unser Kavalier und denkt dabei sowohl an seinen Geldbeutel als auch an seine Hühneraugen. „Wie wär´s mit amerikanisch?"
„Amerikanisch essen?", fragt sie. „Das kenne ich noch gar nicht."
„McDonald´s", bemerkt Herbert trocken.

Etwa zu diesem Zeitpunkt betritt ein Mann das Postamt, in dem gerade unser Freund abgefertigt wurde. Er trägt einen Trenchcoat, eine helle Hose und einen beigen Hut, den er so weit ins Gesicht gezogen hat, dass die Augenpartie nicht mehr zu erkennen ist. Er ist ein hochgeschossener junger Mann von etwa achtunddreißig Jahren mit dem Charme eines Hans Albers; abgesehen von seiner imposanten Größe wirkt alles an ihm paradox, selbst seine Stimme.
In der Kunstwelt ist er (das heißt, Morgan Baker) kein Unbekannter, und auch die beiden Beamten des Postamts kennen ihn recht gut - wenn auch nicht als Künstler, so doch als häufigen Absender übergroßer Pakete in die Marylebone Road.
„Könnte vielleicht einer von Ihnen rauskommen und mit anfassen?", fragt er mit übertrieben flehentlicher Miene.
„Nein", stöhnt der jüngere Beamte, „nicht schon wieder."
„Darf ich bitten?" - Mit einer schrecklich theatralischen Geste bittet Baker seinen jungen Freund hinaus, und gemeinsam hieven die beiden die Kiste ins Gebäude und stellen sie neben der Kiste von Herbert (die im Übrigen fast genauso aussieht) ab.
Bis hierher sind das Sätze und Gesten gewesen, die sich bei jedem Besuch Bakers wiederholen und allen Beteiligten in Fleisch und Blut übergegangen sind. An dieser Stelle aber ändert Baker das Programm und stellt die Frage, was denn das für eine Kiste sei.
„Das weiß ich gar nicht. Aber die geht auch in die Marylebone Road."
„Was?", fragt Morgan ungläubig. „Doch nicht etwa Konkurrenz?" „I wo", erwidert der andere. „Das haben wir von seinem (- hier zeigt er auf die Kiste -) Neffen."
„Ach so", erwidert Morgan. „Dann kann ich ihn ja heute noch fragen."

Als Herbert sein Mädchen nach Hause gefahren hat, wird er von ihr gebeten, doch noch auf einen Sprung in ihr luxuriöses Ein-Zimmer-Apartment hereinzukommen, sie habe eine Überraschung für ihn.
Diese Überraschung (die, entgegen seinen Hoffnungen, selbstverständlich kein Striptease ist) hat es sich bereits auf dem Sofa gemütlich gemacht und raucht eine (wie ekelhaft, denkt Herbert) Zigarre.
„Darf ich vorstellen?", fragt Bettina und wartet nicht auf Antwort. „Das ist Herbert Oysing, von dem ich dir erzählt habe, und (- sie wendet sich an unseren Freund -) das ist mein Cousin aus England, von dem ich dir erzählt habe."
„Morgan", stellt dieser sich vor und erhebt sich vom Sofa.
„Morgen", erwidert Herby ein wenig verwirrt und schüttelt ihm die Hand.
„Nun", fragt Herbert, „was machen Sie eigentlich genau? Bettina wollte es mir nicht sagen."
„Soll sie auch nicht, schließlich soll das eine Überraschung werden. Aber sie werden es erfahren", fügt der englische Cousin spöttisch hinzu, „wenn Ihr Onkel in London angekommen ist."
Herbert beginnt, Überraschungen zu hassen, und seine Gedanken schlagen Purzelbäume. Sollte dieser Mr. Baker ihn erpressen wollen? Nun ja, denkt er folgerichtig, in diesem Fall müsste er sich ja an mich wenden und nicht umgekehrt.
Er ist bemüht, sich nichts anmerken zu lassen, und erhebt sein Glas.
„Auf Mr. Baker, unseren angeblichen Künstler", sagt er mit belegter Stimme.
„Morgan heiße ich", verbessert ihn der andere, und mühsam flüstert unser Freund seinen Vornamen, bevor er, ebenso wie Morgan Baker, das Glas in einem Zuge leert. „Herby", sagt dieser jetzt, „ich hätte dich gerne mal allein gesprochen." Jetzt kommt´s, denkt Herbert.

Als die Männer von ihrer Besprechung im Hausflur zurückkehren, verspürt Herby den dringenden Wunsch, mit Bettina allein zu sein. „Es ist ein wenig eng hier mit deinem schmalen Bett und Morgans Schlafsack", sagt er zu ihr. „Man hat kaum ausreichend Platz, um Kaffee zu trinken. Hättest du Lust auf einen?"
„Wenn ich das als Einladung verstehen kann, gerne", erwidert Bettina, hakt sich bei ihm ein und verabschiedet sich vom Cousin.
„Dann lerne ich heute abend endlich den großen Johann Oysing kennen."
Herbert weiss, dass er sich zu weit vorgewagt hat. Sein erster Impuls ist, ihr etwas von einer ernsthaften Krankheit zu erzählen, doch dann hat er eine bessere Idee.
„Dafür kann ich leider nicht garantieren. Onkelchen ist ein Lebemann, und egal wie gern der Arzt ihn ans Bett fesseln würde, er treibt sich jede Nacht herum und kommt manchmal erst Mittags nach Hause."
„Vielleicht habe ich ja Glück. Ausnahmen bestätigen die Regel."
„Darauf würde ich mich als Frau nicht verlassen", erwidert Herby und öffnet die Haustür.
„Onkelchen, bist du zu Hause?", ruft er nach oben, erhält aber keine Antwort. Er geht nach oben und sieht im Zimmer nach.
„Tut mir leid, er ist nicht da. Willst du jetzt gehen, oder können wir auch ohne den großen Johann Oysing Kaffe trinken?"
„Ich wäre auch so mitgekommen", sagt Betty versöhnlich und küsst ihn auf die Wange. „Allerdings wäre ein Glas Wein zu dieser Uhrzeit vielleicht angebrachter."
„Onkelchen hat ein paar vorzügliche Weine in seinem Zimmer", ereifert sich Herby. „Soll ich dir einen runterholen?"
„Ja bitte", flüstert Betty ihm ins Ohr. „Aber vorher würde ich doch gern ein Schlückchen trinken."

Und in dieser Nacht werden sich zwei große Kisten auf die lange Reise in die Marylebone Road begeben; der per Luftpost aufgegebene Brief wird wesentlich schneller sein Ziel erreichen.


Kapitel drei

Von der Ankunft zweier Kisten in London und den unabsehbaren Folgen

Lassen Sie uns vierzehn Tage, sechs Stunden, siebzehn Minuten und etwa achthundertunddreißig Kilometer (Luftlinie) überspringen; wir befinden uns nun im Postamt Baker Street in London, genauer gesagt im Lager.
„Oh ja!", feuert Mrs. Nora Sharefags ihren Herausforderer an, „zeigen Sie Ihrer heißen Postmeisterin, wie in London zugestellt wird!"
Sie steht dabei zwischen zwei mannshohen Paketen, die am folgenden Tag ausgeliefert werden sollen. Ihre langen Fingernägel krallen sich in das Holz, während die gewünschte Ware ihren Bestimmungsort findet.
Als sie sich hinterher den Rock hochzieht und die Bluse zuknöpft, bemerkt sie einen Adressaufkleber auf dem Boden, den sie abgerissen zu haben glaubt, und bringt ihn (folgerichtig, wie man meinen könnte) auf dem einzigen Paket an, das keinen Aufkleber trägt.
Natürlich kann sie nicht wissen, dass eine gewöhnliche Zustellerin ihre Leidenschaft für das Lager teilt; diese hat bereits zwei der Aufkleber heruntergerissen, es jedoch nur von einem bemerkt und diesen achtlos auf einer der Kisten wieder angebracht.

„Dr. Woolman?" - Der Zusteller holt seinen Quittungsblock heraus.
„Anatomisches Material", fragt er, „oder eine Reklamation von Angehörigen?"
„Ich hoffe, es handelt sich um ersteres", lächelt der Doktor, quittiert und gibt ein großzügiges Trinkgeld.
Ungeduldig öffnet er das Paket, schlägt das Packpapier zurück und sieht sich - erst überrascht, dann in schallendes Gelächter ausbrechend - den Inhalt an.
„Mit mir nicht", lacht er in sich hinein und denkt an Jan und Herby. „Mit mir nicht!"

Die nächste Zustellung unseres Beamten ist weniger von Höflichkeit geprägt.
„Na endlich", schleudert man ihm ins Gesicht, „das hat ja ewig gedauert. Was tut ihr eigentlich den ganzen Tag im Postamt?"
Und damit wird ihm die Tür des Lieferanteneingangs von Mme. Tussaud´s ins Gesicht geschlagen.

Währenddessen sehen wir Herbert in die Richtung des kleinen Tabakladens gehen. Bettina ereifert sich sofort, ihm einige neu eingetroffene Pfeifentabake zur Probe vorzulegen. Außerdem habe er den Vorteil, das Mädchen mittlerweile so gut zu kennen, dass sie ihm zehn Prozent des jeweiligen Preises nachlassen könne. (Was sie eigentlich nur dürfte, wenn sie für sich selbst einkauft; aber sollte der Chef ihr nicht glauben, dass sie Pfeife raucht, wäre das nicht ihr Problem.)
Er druckst ein wenig herum und erklärt ihr, dass er - bevor er sie im Laden entdeckt hatte - Nichtraucher war, und dass er auch jetzt noch nicht so viel raucht wie er kauft, worauf sie - verständlicherweise - errötet, was unseren jungen Freund ermutigt.
„Du müsstest einmal zu mir - ich meine zu uns kommen, dann könnte ich dir meine Tabaksammlung zeigen. Der Inhalt reicht bei meinen Rauchgewohnheiten für mindestens zehn Jahre, und ich glaube nicht, dass sich das Zeug so lange hält."
„Aber", wendet das Mädchen ein, „das kann doch auch dein Onkel rauchen."
„Kaum", schluckt ihr Freund und überlegt eine Sekunde. „Erstens hat er einen völlig anderen Geschmack, und zweitens (- Herby ist stolz auf sich -) hat der Arzt dem Onkelchen das Rauchen verboten."
„Warum denn das? Er sieht doch immer so gesund aus."
„Das täuscht. Er hat schon seit Jahren eine Krankheit nach der anderen, und jetzt geht es mit ihm zu Ende. Er darf nicht einmal mehr das Bett verlassen."
Entsetzt starrt sie ihn an.
„Ist das wahr?"
„Leider", seufzt Herbert.
Die niedliche Tabakverkäuferin muss einige Male tief durchatmen.
„Da wird sich Morgan aber freuen."
„Was hat der denn damit zu tun?"
„Na ja, jetzt kann ich es dir auch sagen. Morgan hat neulich seinen ersten großen Auftrag bekommen; er sollte einen Johann Oysing für Mme. Tussaud´s Wachsfigurenkabinett herstellen. Dein Onkel weiß natürlich davon, weil Morgan ja den Gesichtsabdruck machen musste, und es war abgesprochene Sache, dass ihr beiden - dein Onkel und du - heute Nachmittag von Morgan nach London geflogen werdet, um das neue Stück zu enthüllen."
In diesem Augenblick betritt der genannte Künstler wie auf Stichwort den Laden. Er wird über die Sachlage aufgeklärt und nimmt sich vor, dem Schauspieler wenigstens einen Blumenstrauß vorbeizubringen.
„Das geht nicht." - Was sonst sollte Herbert ihm erwidern? „Der Arzt sagt, dass niemand zu ihm darf, und selbst ich kann nur ins Zimmer, wenn es unbedingt notwendig ist."
„Nur einmal, ganz kurz -", bettelt Morgan.
„Es geht nicht", sagt Herbert beharrlich. „Außerdem erkennt er niemanden, nicht einmal mich."
„Das ist ja grausam." - Bettina stehen die Tränen in den Augen, und irgendwie tut sie dem Fast-Nichtraucher leid.
„Du musst aber auf jeden Fall mitkommen", sagt Morgan zu ihm. „Und dann können wir ja noch Betty mitnehmen."

Am frühen Nachmittag treffen sich Morgan und Herbert ein wenig früher als verabredet am Privatflugzeug. Bettina ist noch nicht da, und so nutzt der Künstler die Gelegenheit, um das kürzlich angeschnittene Thema noch einmal aufzugreifen.
„Hast du´s dir überlegt, Herby?"
„Ja schon, aber es kam so plötzlich... Gib mir noch einen Monat."
„Du bist ein komischer Vogel. Sowas weiß man doch sofort."
„Du vielleicht, aber bei mir dauert eben alles ein wenig länger."
„Das hat Betty mir schon erzählt", erwidert Morgan mit einem süffisanten Lächeln, und weil Besagte in diesem Augenblick ankommt, wird unauffällig das Gesprächsthema gewechselt.
Nach einer mehrstündigen Reise erreicht man den Flugplatz des alten Bakers, der seinen Kindern (Pamela, die wir noch kennenlernen werden, und Morgan) zwar die Benutzung desselben stillschweigend gestattet, sie selbst aber - aus teilweise verständlichen Gründen - nicht mehr zu Gesicht bekommen will. Er ist ein verstockter Konservativer, obwohl er im Stammbaum den ältesten bekannten Vorfahren wohlweislich verschweigt; einen Ritter und engen Vertrauten von König Arthus, der zwar tausende von Muselmännern massakriert hatte, allerdings ein unrühmliches Ende fand, als er bei einem Regenschauer vom Donnerbalken abrutschte.
Ein kleiner Fußmarsch ist notwendig, um von hier zur Surbiton Station zu kommen. Trotz vorgeschrittener Zeit lässt Morgan es sich nicht nehmen, auf dem Weg noch den kleinen Park aufzusuchen, in dem er als Kind gespielt hat. Dann nimmt man die U-Bahn Richtung Baker Street und kommt gerade rechtzeitig zur Enthüllung um 17.00 Uhr an.
Herbert ist von dem Augenblick an, in dem er stellvertretend für seinen Onkel das Laken von der Wachsfigur zieht, von den künstlerischen Qualitäten Morgan Bakers überzeugt, dem der Beifall der Menge ebenso gilt wie dem verhinderten Onkelchen und dem charmanten Neffen.
Die Hauptfiguren der Handlung haben allerdings einige Mühe, ihr Unbehagen, das sie nach der Enthüllung beschlichen hat, nicht zu zeigen. Morgan beispielsweise, der mit den Änderungen, die an seinem Kunstwerk vorgenommen wurden, keinegswegs einverstanden ist; obgleich er eingestehen muss, dass sein Johann Oysing jetzt noch originalgetreuer aussieht als vorher. Oder Herbert, der beim Anblick der Figur unweigerlich an Onkelchens Todestag erinnert wird; genauso hatte er auf dem Bett gelegen, genau so.
Jetzt aber wird an Künstler, Neffen und Gäste Champagner verteilt: das hatte Onkelchen noch selbst arrangiert, und die Menge lässt abwechselnd den verhinderten Schauspieler und den präsenten Künstler hochleben, der sich immer wieder bestätigen lässt, man habe das Gefühl, den leibhaftigen Oysing vor sich zu haben.
Irgend jemand klopft Herby auf die Schulter.
„Ja?"
„Das ist für Sie." - Der Unbekannte überreicht ihm einen Umschlag.
„Von wem?"
„Dr. Woolman."
„Danke", sagt unser Freund und ist den lästigen Menschen nach einem entsprechenden Trinkgeld wieder los. Das Kuvert steckt er unauffällig in seine Brusttasche.

Anschließend besehen sich Herby, Morgan und Betty den Rest des Wachsfigurenkabinetts. Die beiden Männer kennen das Gebäude zwar schon in- und auswendig, aber erstens ist Bettina begeistert von all den Kunstwerken, und zweitens haben die beiden noch nicht ihre Gedanken zu den einzelnen Figuren ausgetauscht.
Herby erinnert sich beispielsweise an ein Gedicht, das einer seiner Bekannten nach einem Besuch bei Mme. Tussaud´s verfasst hat:
„Im Wachsfigurenkabinett,
da ist Elvis noch nicht fett,
jung wie in den frühen Jahren
und mit Schmalz in seinen Haaren;
in der Stimm´ natürlich auch,
denn das war bei ihm so Brauch."
„Schrecklich", bemerkt Morgan, „das ist ja grausam. Von dem Angehörigen eines Volkes, das so große Dichter wie Goethe und Allert-Wybranietz hervorgebracht hat, sollte man etwas mehr erwarten."
„Es kommt ja noch schlimmer:
Leider wirkt der King nicht echt,
um nicht fast zu sagen: schlecht,
weil dem Meister hier am meisten
die Gesichtszüge entgleisten."
„Das war schon besser", erwidert Morgan, „viel besser. Und das Schlimmste (- er zeigt auf die mit „Elvis Presley" beschriftete Figur -), das Schlimmste ist ja, dass er Recht hatte."
Dann überlegt er einen Augenblick. „Ich sollte vielleicht auch einen Elvis machen und ihn der alten Madame anbieten - schlechter kann er ja wohl nicht werden."
Agatha Christie und Alfred Hitchcock dagegen können ihr Publikum schon eher begeistern, und Herby überlegt, wie man die dämonische Geste des Horror-verwalters lächerlich machen könnte.
„Bettina", sagt er dann, „stell dich doch mal da vorne hin."
„Hier?"
„Nein, ein wenig weiter rechts... Ja, so ist es gut."
Und so fotografiert er das ahnungslose Mädchen, das erst Verdacht schöpft, als der liebe Cousin losprustet. Sie sieht sich um und bemerkt, dass sie genau unter den magisch ausgestreckten Händen des Regisseurs gestanden hat.
„Ihr spinnt ja", lacht sie. „Ihr spinnt ja völlig."
Um die amerikanischen Präsidenten machen die drei einen genauso großen Bogen wie um die eiserne Lady. Bettina stürzt sich auf John Lennon, und ihre Männer schalten schnell genug, um den Sturz dieses wertvollen Stücks zu verhindern. Morgan fotografiert Herbert, der an einem Wasserbassin sitzt und Liza Minelli umarmt, während das Mädchen sich den Lutscher von Kojak einsteckt.
„Jetzt musst du auch noch ein Bild von mir machen", verlangt Morgan, „am besten mit der Jungfrau von New Orleans."
Zum krönenden Abschluß wird noch einmal Bettina abgelichtet, als sie den englischen Thronfolger küsst, währed die Königinmutter den beiden lächelnd zusieht.
Dann tritt man in fröhlicher Stimmung den Rückflug an.
„Wei- ups- weisss... - weischu wasch?", stottert Morgan.
„Noch nicht", entgegnet Herbert und hält sich schnell fest, weil Morgan schon zum dritten Mal einen Looping versucht.
„Fahren dürfte ich jetzt nicht mehr."


Kapitel vier

Von zu wenig Wachsfiguren und zu vielen Terroristen und einer verschwundenen Leiche

I dreamt that I slept at Madame Tussaud´s,
With cut-throats and kings by my side,
And all the wax figures in those abodes,
At midnight became vivified...
-GEORGE CRUIKSHENK

Jetzt steht Pamela Baker, Großbritanniens meistgesuchte Terroristin, schon geschlagene drei Stunden in der Schlacht am Trafalgar bei Mme. Tussaud´s. Bis hierher ist alles hervorragend gelaufen, nur Peter kommt und kommt nicht.
Plötzlich steht jemand vor ihr und pfeift die Titelmelodie aus „Die Republik" - das ist das verabredete Zeichen. Sofort greift Pam ihn beim Arm und zerrt ihn zum Ausgang.
„Das wurde auch höchste Zeit", sagt sie. „In zwei Minuten hätte uns niemand mehr rauslassen können."

Dear Herby,

euren Spaß mit der Wachspuppe fand ich delightful. Zuerst habe ich den Brief ja ernst genommen und überlegt, wie viel Aktien ich hätte verkaufen müssen.
Deinen Onkel darf ich ja wohl als Geschenk ansehen (sein Wert wird aber am 17.11. voll angerechnet) - er schmückt jetzt mein Wartezimmer und bringt mir hoffentlich eine Menge neuer Patienten.
Zur heutigen Enthüllung des anderen Wachsonkels konnte ich leider nicht kommen, da meine Frau krank ist (ist das eigentlich gute oder schlechte Werbung für einen Arzt?).
Herzliche Grüße an Dich und Dein Onkelchen, Larry.

Soll das ein Scherz sein?
Herbert liest den Brief nun zum achtzehnten Mal und kann es nicht glauben. Er denkt an sein Onkelchen im Wachsfigurenkabinett. Da hat man also eine Leiche bei Mme. Tussaud´s aufgestellt, die bald beginnen wird zu verwesen. Und dann?
Der Plan ist schnell gefasst: Johann Oysing muss aus dem Wachsfigurenkabinett verschwinden, und zwar sofort.
Und wie? Es gibt nur eine Möglichkeit: ein Anruf bei Dr. Woolman. Und der hätte bis zur Öffnung des Kabinetts noch acht Stunden Zeit, die Figuren auszutauschen.
„Woolman."
„Entschuldigen Sie die späte Störung, Mrs. Woolman, aber es handelt sich um einen Notfall. Könnte ich bitte mit Larry sprechen?"
„Tut mir leid", antwortet die Stimme am anderen Ende sarkastisch: „Hausbesuche."
Die nächtlichen Hausbesuche des Dr. Woolman sind Herbert hinlänglich bekannt, aber darüber lachen kann er jetzt überhaupt nicht.

„Wie heißen Sie?"
„Sellers. Peter Sellers."
„Der Name passt wie die Faust aufs Auge, wirklich", seufzt der Polizist. „Lässt sich im Wachsfigurenkabinett einschließen."
Dem Mann werden Handschellen angelegt.
„Arbeiten Sie schon lange für die Pam-Baker-Bande?"
„Ich sage nichts."
„Das macht nichts."
In diesem Augenblick hat unser Freund Herbert resigniert wieder eingehängt. Im gleichen Moment aber schrillt das Telefon, als ginge es um Leben und Tod.
„Oysing."
„Morgan Baker. Hast du schon gehört, Herby?"
„Was gehört?"
„Dein Onkel ist gestohlen worden."
Morgan schlägt vor, sofort die Nachrichten einzuschalten.
„London.", sagt der Sprecher herzlos. „Die Pam-Baker-Bande hat sich zu dem heute nacht verübten Einbruch in Mme. Tussaud´s Wachsfigurenkabinett bekannt. Gestohlen wurden die Figuren der englischen Königsfamilie sowie die erst gestern eingeweihte Figur des Hamburger Schauspielers Johann Oysing. Die Terroristen verlangen die Freilassung mehrerer Mitglieder ihrer Organisation - unter anderem auch von Peter Sellers, der nach dem Einbruch versehentlich im Kabinett eingeschlossen wurde -, die stufenweise Anhebung des Spitzensteuersatzes, ein Gesetz gegen die Diskriminierung von Ausländern im öffentlichen Dienst und die sofortige Abschaffung der Monarchie. El Dorado..." Herbert ist einem Herzschlag mehr als nahe.
„Das ist typisch Pam", hört er jetzt vom anderen Ende der Leitung. „Sie hatte noch niemals den geringsten Respekt vor meiner Arbeit."

Martha Porridge, Dr. Woolmans Sprechstundenhilfe (der übrigens sein nächtlicher Hausbesuch galt), hat strikte Anweisung, Pingo als ersten ins Sprechzimmer zu rufen.
Pingo hat auch einen richtigen Namen (einen langen russischen), aber der steht nur in der Kartei.
Pingo erzählt vom letzten Krieg; aber nicht wie andere immer dieselben wehleidigen Geschichten, sondern er erzählt Anekdoten, und das seit drei Jahren - ohne dass sich jemals eine Pointe wiederholt hätte.
„Das ist wirklich passiert", wagt er dann noch zu behaupten und fügt hinzu: „So wahr ich Pingo heiße."
Dieser Alleinunterhalter ist für Dr. Woolman die ideale Abwechslung, muss er sich doch von seinen anderen Patienten ständig ihre Leidensgeschichte oder die Spätnachrichten (einschließlich persönlicher Kommentar) anhören. Aber vielleicht wäre das gerade heute besser für ihn gewesen.
Martha hat währenddessen mit einem flauen Gefühl im Magen beobachtet, wie sich einige der Patienten verstohlen aus dem Wartezimmer geschlichen haben. Gerade will sie dem Doktor, der sich von seinem Freund verabschiedet, Bescheid sagen, als vier freundliche Herren in Uniform die Praxis betreten.
Während zwei dieser Gentlemen das Wartezimmer räumen lassen („Rufen Sie doch heute nachmittag noch einmal an und lassen Sie sich einen neuen Termin geben - so in zwei Jahren..."), zieht ein weniger höflicher Polizist den Haftbefehl aus der Tasche.
„Dr. Larry Woolman?"
„Nein", sagt der. „Ich bin Fidel Castro und reise aus wohl verständlichen Gründen inkognito."
Der andere geht nicht darauf ein. „Ich verhafte Sie wegen Einbruchs, Diebstahls und des Verdachts der Zugehörigkeit zu einer terroristischen Vereinigung."
Ägypten?

„Ja", bestätigt der Gutachter von Mme. Tussaud´s, „das ist die entwendete Figur. Dr. Woolman hat sie zwar äußerlich ein wenig verändert - die Kleidung zum Beispiel -, aber hier hinten können Sie eindeutig die Signatur Morgan Bakers erkennen.
„Von den anderen fehlt uns aber noch immer jede Spur."
„Das dachte ich mir. Die Oysing-Figur wurde lediglich aus privatem Interesse mitgenommen, der Anschlag selbst galt also ausschließlich der Königsfamilie. Und die wird bei Nichterfüllung der Forderungen von Pam Baker persönlich eingeschmolzen."
„Und was machen Sie dann?"
„Königsfamilien sind austauschbar. Wir haben bereits eine neue in Arbeit; statt auf die Forderungen einzugehen, stellt uns die Regierung die finanziellen Mittel für eine neue Gruppe zur Verfügung - das kommt sie unterm Strich billiger."

Erst als das Wachsfigurenkabinett von dem dort arbeitenden Komplizen hinter Pamela Baker verschlossen wurde, stellte sie fest, dass es gar nicht Peter Sellers war, den sie hinter sich herausgezerrt hatte.
„Wer sind Sie denn?", fragte sie den Unbekannten.
„Das kommt später", erwiderte er und hatte sie Lage sofort gepeilt. „Erstmal würde ich zusehen, dass ich die Figuren im Lieferwagen habe, bevor ein Bobby vorbeikommt."
„Und Peter?", flennte ein Mädchen, das daneben stand.
„Für den können wir im Augenblick nichts tun", bedauerten die beiden anderen wie aus einem Munde.
Der Unbekannte sah auf die Uhr. „Wird Zeit, dass ich ins Bett komme", murmelte er, „wo immer das auch sein mag. Sehen wir uns morgen um nine pm im ‘Royal Tavern’?"
Auf eine derartige Situation war die mit (fast) allen Wassern gewaschene Terroristin nun doch nicht vorbereitet und versuchte vergeblich, einen klaren Kopf zu behalten. Als der Fremde dann aber versprach, den armen Peter innerhalb der nächsten Woche herausholen zu können, musste sie dem Drängen Sally Fines (ihrer Begleiterscheinung) nachgeben.

Dr. Larry Woolman zerbricht sich den Kopf. Soll er von Herberts Brief und der zugeschickten Wachsfigur erzählen? Das würde ihm niemand abnehmen.
Soll er die beiden Gepäckträger von gestern als Zeugen dafür benennen, dass die Wachsfigur schon vorher da war? Aber die zwei hatten den Inhalt ja nicht gesehen.
Bleibt also nur eins: Dr. Larry Woolman hat nicht die leiseste Ahnung, wie die Wachsfigur in seine Praxis kam. Und wie glaubwürdig ist das? Wenigstens ebenso glaubwürdig wie sein Alibi bei Martha.

Herbert fühlt sich den ganzen Tag hundsmiserabel. Verständlich, denn er wartet darauf, dass Pamela Baker sich bei ihm meldet und ein Schweigegeld in astronomischer Höhe verlangt. Ob er vielleicht Morgan einweihen und bitten sollte, ein paar nette Worte mit seiner Schwester zu wechseln?
In diesem Augenblick klingelt es. Das wäre der achte Reporter, den Herbert heute abwimmeln müsste - aber schlimmer, vor ihm steht Judas Klein, „Ihr Mann von der KREPIA Lebensversicherung".
„Guten Tag", spricht ihn der quirlige Gnom an, „ich habe gerade die Nachrichten gesehen, und da fiel mir ein, dass ich lange nicht mehr bei Ihrem Herrn Onkel vorbeigeschaut habe. Was meint er denn zu der ganzen Sache?"
„Er ist heute morgen sofort nach London geflogen, zu seinem Freund, einem Arzt in der Marylebone Road."
„Dann wird er ja bald wieder zurückkommen."
„Wie meinen Sie das?"
„Dr. Woolman ist heute morgen festgenommen worden. Er hat die Figur Ihres Onkels gestohlen und in seinem Wartezimmer aufgestellt. Ziemlich dreist, meinen Sie nicht?"

Der „Royal Tavern" ist eine urgemütliche Lokalität, in der zwei junge Mädchen seit fünfzig Minuten vor neun auf einen Fremden warten. Dieser erscheint auch pünktlich um neun.
„Na, Mister", wird er von Pamela begrüßt, „ich glaube, vorstellen müssen Sie sich nicht. Aber ich würde zu gerne wissen, was zu so später Stunde im Wachsfigurenkabinett zu suchen haben."
„Ich wollte nur in Erfahrung bringen, ob die Schlacht am Trafalgar Square auch nachts beleuchtet wird."
„Die Schlacht am Trafalgar", korrigiert Pam. „Und jetzt erzählen sie uns ihre richtige Geschichte."
Das tut der Fremde auch. Als er fertig ist, müssen alle drei Tränen lachen.
Nachdem sie sich als erste wieder gefangen hat, sagt Pam nachdenklich: „Dann müssen wir ja irgendwas für den armen Woolman tun."
„Und für Peter", platzt Sally dazwischen.
„Also Folgendes", erläutert der Neue (er ist jetzt anerkanntes Mitglied): „Sie erzählen mir jetzt, was Sie mit dem Diebstahl bezwecken wollten, und dann sage ich Ihnen, wie wir Peter rausholen."
„Das ist schnell gesagt", erwidert Pam. „Wir wollten ein deutliches Zeichen gegen das System setzen. Was eignet sich dafür besser als die Familie der Monarchin?"
„Na schön, aber die Regierung lacht über Ihre Forderungen, und in wenigen Wochen werden bei Mme. Tussaud´s neue Figuren stehen. Wollen Sie die Monarchen tatsächlich einschmelzen?"
„Wissen Sie, eigentlich mag ich die Königsfamilie. Vielleicht gerade, weil sie unpolitisch sein müssen. Ich werde sie in meinem Wohnzimmer aufstellen."
„In Ordnung", sagt der Neue, „das war das. Und jetzt zu Peter..."
Und sofort ist die bis eben leicht verträumte Sally wieder ganz bei der Sache.

Morgan Baker will gerade die Wohnung verlassen, als das Telefon klingelt.
„Herby?"
„Richtig. Woher weißt du das?"
„Inspired Guess."
„Ich wollte dir nur Bescheid sagen, dass ich es mir überlegt habe."
„Ist das ein Ja oder ein Nein?"
„Ein Ja, glaube ich. Aber wenn du meinen - äh, unseren Kontostand sehen könntest, würdest du ein sehr schlechtes Gewissen haben... obwohl ich mir das von dir natürlich nicht vorstellen kann."


Kapitel fünf

Von der Auflösung einer Terrorbande und der Gründung eines Wohltätigkeitsvereins

Das Untersuchungsgefängnis liegt in der Nähe einer Kleinstadt an einer kaum befahrenen Straße.
Seit dem legendären Ausbruch des Ronald Biggs sind die britischen Gefängnisaufseher ein wenig besser gewappnet, und so haben diese beiden schon ihre Hand an der Waffe, als ein großer Möbeltransporter an der Mauer vorbeifährt.
Als der Transporter stehen bleibt, haben die Aufseher bereits die Waffen angelegt, aber das hilft ihnen nichts. Denn anstelle des erwarteten Scharfschützen erscheint auf dem Wagendach eine fernbediente sechsteilige Maschinerie: zwei Kalaschnikows, ein Teleskop, ein Lautsprecher, eine Leiter und eine Filmkamera.
„Lassen Sie die Waffen fallen", tönt es aus dem Lautsprecher, und die verwirrten Aufseher sehen zu diesem Vorschlag keine akzeptable Alternative.
„Hände hoch", lautet das nächste Kommando, das nicht nur von den Beamten befolgt wird.
„Du doch nicht, du Waschbär!"
Etwas verdutzt sieht sich Peter Sellers um, stellt fest, dass er gemeint sein muss, und lässt die Hände wieder sinken.
„Los komm", befiehlt der Mann im Möbelwagen, während die Leiter runtergelassen wird.
Verwirrt glotzt der Angesprochene den Transporter an und fragt ihn vorsichtshalber: „Was, ich?"
„Natürlich, du Dösbaddel, jetzt mach schon!"
Da hat Peter es auf einmal eilig. Er stürzt über den Gefängnishof in Richtung Leiter und übersieht dabei einen vorstehenden Pflasterstein, über den er mit unerbittlicher Wucht auf die Nase fällt.
An der Stelle bleibt er zunächst sitzen, fummelt ein altes Taschentuch aus der Hosentasche und betupft vorsichtig sein blutendes Riechorgan.
Alles lacht, selbst die beiden Aufseher.
„Deshalb die Kamera", kommt es erläuternd aus dem Lautsprecher. Und dann, ein wenig erregt: „Nu mach schon!"
„Ja ja", sagt Peter, steht langsam wieder auf und humpelt gemächlich zur Leiter.
Jetzt hat er die Mauer erreicht und greift mit einer Hand die Leiter, während er mit der anderen immer noch das Taschentuch an seine Nase presst.
Er tritt vorsichtig auf die erste Sprosse, diese gibt seinem Gewicht nach, und Peter sitzt wieder auf dem Hosenboden.
Währenddessen versucht ein weiterer Gefangener, die Gelegenheit zur Flucht zu benutzen.
„Lass das, Larry", tönt eine ihm seltsam vertraute Stimme aus dem Lautsprecher. „Dich entlassen sie sowieso in ein paar Tagen. Hilf lieber dem Komiker auf die Leiter."
Und sobald dieser wieder eine Sprosse in der Hand hat, wird die Leiter eingefahren und Peter die Mauer hochgeschleift. Schließlich hat man nicht bis zu den nächsten Wahlen Zeit.
Dann fährt der Transporter ab, mit dem Terroristen auf dem Dach.
„Ich glaube - wir - wir müssen Meldung machen", prustet einer der Aufseher.
„Warten wir noch, bis wir uns beruhigt haben", erwidert der andere. „Ich glaube nicht, dass wir in diesem Zustand für eine Beförderung in Betracht gezogen würden."

Jetzt stößt man im Baker-Unterschlupf auf die gelungene Operation an, wobei Peters Glas in tausend Teile zerspringt. Natürlich.
Danach wendet man sich vertrauensselig an den Neuen: „Und jetzt?"
„Jetzt werdet ihr erwachsen. - Sally?"
„Ja, Mister?"
„Kannst du Schreibmaschine schreiben?"
„Ja. Mister."
„Dann setz dich an die Maschine und schreib, was ich diktiere."
„Ja, Mister."
„Und hör auf mit diesem unterwürfigen ‘Ja, Mister’!"
„Ja, Mister."
„Also: ‘Hoch verehrte Eiserne, wie Ihnen bekannt sein dürfte, hatten wir die Absicht, Ihre Regierung zu stürzen und das bestehende politische System abzuschaffen. Da wir nunmehr die Erfolglosigkeit unserer Bemühungen einsehen, beabsichtigen wir, uns von heute an für andere wohltätige Zwecke einzusetzen. Dass Sie uns hierbei aktiv unterstützen werden, wagen wir zu bezweifeln. Uns wäre allerdings schon geholfen, wenn die polizeiliche und geheimdienstliche Verfolgung unserer Vereinsmitglieder eingestellt würde; obgleich wir als Staatsfeind Nummer eins betrachtet werden, haben wir lediglich Freiheitsparolen an die Houses of Parliament gesprüht, den Kriegsminister mit Farbbeuteln beworfen und ein paar Wachsfiguren entwendet, die ohnehin keinen künstlerischen Wert hatten. Wir haben niemals ein Menschenleben gefährdet, und jede Spesenabrechnung eines Ihrer Minister fügt der Staatskasse einen größeren Schaden zu als alle unsere Aktionen zusammengenommen.
Des Weiteren möchten wir Sie darauf aufmerksam machen, dass die Wachsfigur Johann Oysings versehentlich mitgenommen wurde. Beim Aufladen der Figuren wurde der Irrtum bemerkt, aber da wir nicht ins Wachsfigurenkabinett zurück konnten, stellten wir sie in einer nahegelegenen Arztpraxis ab, deren Tür unverschlossen war.
Wir bedauern, Ihnen keine reaktionäre Mitteilung machen zu können, und verbleiben in der Hoffnung auf eine fruchtbare Zusammenarbeit,
Ihre Pam-Baker-Bande."
Dann wird die Erklärung unterschrieben: zunächst von der Bandenführerin persönlich, dann von Peter Sellers und Sally Fine. Auch der Diktator des Briefs greift zur Feder. Gespannt blickt alles auf seine Hand, und man schmunzelt, als der Neue seine Signatur präsentiert: „Giovanni Contadelli".

Am folgenden Morgen wird ein Telefonat zwischen Downing Street und Untersuchungsgefängnis geführt. Danach wird Dr. Larry Woolman nochmals verhört.
„Für die Nacht vom 1. auf den 2. November haben Sie also noch immer kein Alibi?"
„Na ja, wie man´s nimmt..."
„Ihre Frau hat doch ausgesagt, Sie hätten Hausbesuche gemacht. Ist das richtig?"
„Ja, natürlich."
„Dann werden Sie uns doch sicher die Namen der Patienten nennen können. Oder sind die schon alle tot?"
„Nun, es waren keine Patienten im eigentlichen Sinne..."
„Sie haben mit Bestattungsunternehmern verhandelt?"
„Nein, ich war bei Martha Porridge, meiner Sprechstundenhilfe." - Etwas verlegen sieht der Arzt zu Boden.
„Aber Dr. Woolman, sowas hätte ich Ihnen ja gar nicht zugetraut! - Obwohl, wenn man sich Ihre Frau ansieht..."
„Danke! Es ist sehr aufbauend, wenn man in meiner Situation auf Verständnis stößt."
„Aber Scherz beiseite. Sie behaupten also noch immer allen Ernstes, nichts von der Figur im Wartezimmer gewusst zu haben?"
Dr. Woolman überlegt. Dass diese Erklärung nicht allzu glaubwürdig ist, leuchtet ein. Aber weshalb wird er jetzt schon wieder danach gefragt? Vielleicht haben sie ja den Brief von Herby gefunden...
„Hatten Sie Ihre Praxis in jener Nacht abgeschlossen?"
Was soll nun schon wieder diese Frage? Er bekommt das bestimmte Gefühl, ihm soll etwas in den Mund gelegt werden, und er hofft, dass dieses Manöver zu seiner Entlastung inszeniert wird. Die Art der Fragestellung verlangt nach einer negativen Antwort, soll der Fragesteller zufrieden gestellt werden; Dr. Woolman geht das Risiko ein.
„Äh.. nein, ich habe abends noch länger gearbeitet, und als ich am nächsten Morgen kam, stellte ich fest, dass ich vergessen hatte abzuschließen."
„Na ja, die Terroristen haben jedenfalls erklärt, sie hätten die Figur dort abgestellt und dass Sie überhaupt nichts damit zu tun haben. Sie können gehen."
???

Unser spezieller Freund Herby hat inzwischen die lange Reise nach London hinter sich gebracht und überlegt jetzt, was er als erstes machen soll.
Eigentlich weiß er gar nicht, was er hier will, aber das wusste er in Hamburg auch nicht. Dann beschließt er, zu Woolman zu gehen; vielleicht hat man ihn ja schon gegen Kaution freigelassen.
Der Arzt betätigt die Sprechanlage. „Wer da?" - „Herby. Herbert Oysing."
Tja, auf dem Schiff hat Herby schon sein Verschen geübt. Mal hat er seine Erklärung von dieser Seite aufgezogen, mal von jener. Jetzt, wo er seinem Freund gegenübersitzt, drückt er die Situation in einem Wort aus: „Mist!"
Nach dem dritten Whiskey kann er allerdings schon etwas konkreter formulieren: „Mist, verdammter!"
Und dann erzählt er die ganze Geschichte: ein bisschen von vorne, ein bisschen von hinten - something for everybody.
Larry kann ihm da kaum helfen; er weiß nur, dass er von den Terroristen, die ja gar nichts mit ihm zu tun haben, in Schutz genommen wird und dass sich Onkelchens sterbliche Überreste in den Händen oder zumindest in der Gewalt Pamela Bakers befinden müssen.
„Aber das ist ganz einfach", schließt der Arzt. „Du wartest den Erpresserbrief ab, und dann werden wir weitersehen."
„Danke", sagt Herby zum Abschied. „Du hast mir sehr geholfen."

Kaum ist Herbert gegangen, läutet es schon wieder an der Tür. „Hier ist doch kein Hotel!", brüllt Woolman in die Sprechanlage. „Wer ist denn da?"
„Giovanni. Giovanni Contadelli."
„Waaaaaaaaas?"

Inzwischen sind einige Wochen ins Land gegangen, und die Lage hat sich so einigermaßen beruhigt. Herby ist mittlerweile eingefallen, dass die Terroristen ja weder von der Wette noch von der Versicherung wissen können, und er hat sich mit dem Gedanken der Nulllösung (= kein Pfennig) zwar nicht angefreundet, aber zumindest bekannt gemacht. Der alte Larry glaubt der Geschichte nämlich nicht so ganz, und Judas Klein („Ihr Mann von der KREPIA Lebensversicherung") hat sich bei verdächtig vielen Besuchen abweisen lassen müssen.
Dafür laufen die Hochzeitsvorbereitungen auf vollen Touren, und soeben wird der Bräutigam von seinem Freund, Ausbeuter und zukünftigen Schwager Morgan angerufen; die bestellte Überraschung sei fertig, er würde sofort vorbeikommen und sie ins Wohnzimmer stellen.
Tatsächlich muss man das Werk als gelungen bezeichnen: eine über zwei Meter hohe Torte mit angeberischen Verzierungen, und daneben - den echten zum Verwechseln ähnlich - Herby und Betty in Wachs.
„In Weiß?", fragt der Bräutigam den Künstler. „Na ja, du warst schon immer sehr naiv."
Morgan sieht ihn an und beginnt mit dem Tortenmesser zu spielen. „Wenn das so ist", flüstert er und geht einen Schritt auf Herby zu, der wie versteinert stehen bleibt, „wenn das so ist, dann solltest du froh sein, dass wir Briten kein katholisches Völkchen mehr sind." Der Polterabend wird für alle Beteiligten, soweit sie sich an ihn erinnern, unvergesslich bleiben. Morgan sorgt mit einem ausgedienten WC dafür, dass die Terrasse vollkommen erneuert werden muss, Larry Woolman wirft das altmodische Geschirr, das ihm einige alleinstehende Patientinnen vermacht haben, vor die Haustür, und selbst Judas Klein lässt es sich nicht nehmen, eine mannshohe Vase aus der Ming-Dynastie (er hat sie doppelt) zu zertrümmern.
Danach folgen die üblichen Schlachtgesänge, die - wie sich das gehört - mit jedem Bierchen etwas deftiger werden. Herbert hat sich vorgenommen, sich zu Zurückhaltung zu zwingen, da er später noch für die Hochzeitsnacht trainieren will. Aus diesem Grund entscheidet er sich, nicht mehr als Bettina zu trinken, die beim Konsumieren alkoholischer Getränke stets Mäßigung übt. Als sie jedoch beginnt, obszöne Witze zu reißen, und dabei nicht einmal die Bildung vollständiger Sätze bewerkstelligt, schwant ihm, dass dies nicht die zuverlässigste Methode gewesen sein kann, halbwegs nüchtern zu bleiben. Als er dann dreimal ansetzen muss, um eine Frage mit Ja zu beantworten, wird ihm klar, dass auch er sternhagelvoll ist.
„Ich bin so scharf wie alle meine Rasierklingen zusammen", raunt sie ihm, gut hörbar für alle anderen, zu. „Lass uns zu Bett gehen!"
„Du hass gut reden", lallt Herby mit letzter Kraft. „Du brauchsich ja nur hinsulegen."

Am nächsten Morgen, dem 16. November, folgt dann das standesamtliche Aus für den Junggesellen. Als Trauzeugen hat man sich die größten Leichen des Vorabends ausgesucht: Dr. Larry Woolman, der während der Zeremonie urplötzlich den Raum verlassen muss, und Morgan Baker, der beim Unterzeichnen des Dokuments dreimal einschläft.
Nun hofft unser Freund auf eineinhalb ruhige Tage bis zur kirchlichen Trauung. Sie sollen ihm nicht vergönnt sein.

Am Samstag, dem 17. November, sitzt Herbert, über finanziellen Problemen brütend, im Wohnzimmer der Villa Oysing. Aus dem Augenwinkel sieht er jemanden am Fenster vorbeigehen.
„Hm... das sah aus wie Judas Klein mit einem riesigen Geschenk. Jetzt fange ich schon an zu halluzinieren."
Das gleiche wiederholt sich mit Larry und Morgan.
„Ich bin total übermüdet", sagt sich Herby, legt sich auf die Couch und schaltet den Fernseher ein.


Kapitel sechs

Von einer Hochzeit und dem, was ihr vorausgehen kann

„Meine Damen und Herren, heute feiert der beliebte Schauspieler Johann Oysing seinen sechzigsten Geburtstag. Aus diesem Anlass wiederholen wir den Spielfilm ‘Die Republik’ aus dem Jahre 1974, in dem er den italienischen Terroristen Giovanni Contadelli spielt. Wir wünschen Ihnen viel Vergnügen!"
„Herbert, kann ich dich mal allein sprechen?"
Herby zuckt zusammen und dreht sich um. Er öffnet den Mund, um etwas zu sagen, schließt ihn aber nach einigem Zögern wieder. Nachdem sich dieser Vorgang drei bis vier Mal wiederholt hat, setzt sich der Onkel zu ihm und beginnt zu erzählen:
„Du bist selbst Schuld, mein Junge. Was schickst du deinen alten Herrn auch ins Wachsfigurenkabinett? Also, meine Lösung war ganz simpel: ich bin über den § 187(2) des BGB gestolpert. Da heißt es, dass bei der Berechnung meines Lebensalters mein Geburtstag, der 17.11.24, ganz mitgezählt wird. Somit habe ich also bereits um Mitternacht mein sechzigstes Lebensjahr vollendet, und ab heute muss die Versicherung zahlen. Die Wette mit Larry allerdings richtet sich nicht nach dem BGB, und faktisch werde ich erst ab 17.08 Uhr sechzig sein. Und innerhalb dieser siebzehn Stunden und acht Minuten hatte ich ursprünglich zu sterben geplant."
„Ursprünglich? Hast du es dir etwa anders überlegt? Du kannst doch nicht so einfach leben bleiben und mich im Stich lassen..."
„Ich fürchte doch, mein Junge. Dein Onkelchen hat sich nämlich auf seine alten Tage nochmal verliebt; dank des Wachsfigurenkabinetts. Als ich von meinem kataleptischen Anfall aufwachte, stand ich irgendwo im Dunkeln. Und nachdem ich mich ein wenig umgesehen hatte, ahnte ich, wo ich war. Dabei habe ich, ohne es zu wissen, das verabredete Zeichen der Pam-Baker-Bande von mir gegeben und wurde anstelle von Peter Sellers ins Freie geschleppt. Dann habe ich mit Pam den Ausbruch geplant, der ja wohl auch Geschichte machen wird. Und ich habe sie tatsächlich dazu überreden können, das Terrorgeschäft aufzugeben und einen Wohltätigkeitsverein für verarmte Schauspieler zu gründen.
Tja, und heute werde ich ganz groß meinen Geburtstag feiern. Ist von den Gästen schon jemand da?"

Nachdem unser Freund sich einigermaßen erholt hat, gesellt er sich zu den anderen. Sie haben also alle Bescheid gewusst, ohne ihn einzuweihen. Na prima.
Die Geschenke sind recht eindeutig. Dr. Woolman, über Onkelchens finanzielle Verhältnisse im Klaren, hat angesichts seiner Wette ein Gutachten über die Seriosität deutscher Kreditinstitute eingeholt, Morgan hat - wie könnte es anders sein - eine Wachsfigur seiner Schwester angefertigt, und Judas Klein („Ihr Mann von der KREPIA Lebensversicherung") trumpft mit einer kompletten Hausapotheke und dem Handbuch „Gesund alt werden" auf.
Die Feier verläuft für die meisten recht amüsant. Nur Herbert sieht ständig auf die Uhr in der stillen Hoffnung, sein Onkelchen hätte ihn doch nur foppen wollen. Immerhin geht es um 525.000 DM.
Aber nach einiger Zeit hat er die Hoffnung dann doch aufgegeben und feiert kräftig mit. Immerhin hat er ja seinen alten Herrn wieder, und das ist mehr wert als eine halbe Million (wenn auch nicht viel).
Um fünf Uhr wird dann „der älteste Scotch, den ihr je getrunken habt" serviert, und gerade als er das letzte Glas gefüllt hat, wird Johann Oysing ans Telefon gerufen.
„London", grinst Morgan und übergibt den Hörer.
„Hallo... Danke, Pam... Was, auch von Peter und Sally?... Na ja, ‘auf die nächsten sechzig’ dürfte etwas übertrieben sein - vielleicht auch nicht, Herr Klein schüttelt energisch den Kopf... Was? Überraschung?... Was, ich? Vater? Das kann doch nicht sein..."
Jetzt weicht alle Farbe aus dem Gesicht des Schauspielers, während seine rechte Hand nach dem Herzen greift und sich verkrampft. Sofort ist Woolman - nachdem er einen Blick auf die Uhr geworfen hat - zur Stelle und fühlt den Puls; das heißt, er versucht es. Dann bringt er den alten Freund in die Waagerechte und massiert ihm zusammen mit Judas Klein („Ihr Mann von der KREPIA Lebensversicherung")den Brustkorb; es hilft alles nichts mehr.
„Tot", stellt er fest und schaut auf die Uhr: 17.06.
„Morgan", sagt er resigniert, „hätte deine Schwester nicht zwei Minuten später anrufen können?"
Herbert wundert sich über sich selbst, denn er muss feststellen, dass er sich gar nicht so recht freuen kann.

Morgan hat sich bereit erklärt, die erste Totenwache zu schieben, während Herbert und Bettina die hochzeitlichen Einzelheiten durchgehen. Gerade als sie sich auf die Hochzeitsnacht vorbereiten wollen, stürmt Morgan ins Zimmer. „Herby, kannst du mal die Leichen wach halten - äh, die Leichenwache halten, ich muss dringendst etwas erledigen."
Natürlich kann er. Und so kommt es, dass Herbert Oysing - der erst um sechs Uhr morgens wieder abgelöst wird - am folgenden Tage stark übernächtigt wirkt.

„Fräulein Bettina Emilia Petersen, wenn Sie den hier anwesenden Herbert Johann Oysing zu Ihrem kirchlich und rechtlich angetrauten Gatten nehmen wollen, so sagen Sie Ja."
„Ja!"
„Herr Herbert Johann Oysing, wenn Sie die hier anwesende Bettina Emilia Petersen zu Ihrer kirchlich und rechtlich angetrauten Frau nehmen wollen, so sagen Sie Ja."
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Jetzt wird Herby von seiner Braut unsanft angestoßen.
„Äh - äh - was?"
„Ob sie die da heiraten wollen!"
Der Aufgeforderte sieht sich die Braut ausführlich an, beginnt zu gähnen und erwidert: „Klar, sonst wär ich doch im Bett geblieben."
„So erkläre ich euch hiermit zu Mann und Frau. Tauschen Sie die Ringe."
„Ich dachte, das Küssen kommt zuerst", nuschelt Herby und fummelt umständlich in der linken Jacketttasche herum; anschließend durchsucht er die rechte und zu guter Letzt auch noch die Hosentaschen.
„Sag mal, Betty", murmelt er, „hast du nicht meinen Ring mitgenommen?"
„Wie käme ich dazu?", flüstert sie böse zurück.
Jetzt fasst sich Herby an sein Riechorgan. „Nein", sagt er dann, „mit meinem Nasenring habe ich ihn auch nicht verwechselt."
Dann sieht er auf seine Handfläche und beginnt zu strahlen. „Ha, Betty, stell dir das vor: ich habe ihn die ganze Zeit in der Hand gehabt! Sowas..."

Nach einem starken Kaffee fühlt sich der Bräutigam schon ein wenig munterer, ein Effekt, der sehr bald von den Tischreden entfernter Verwandter, noch entfernterer Bekannter und noch zu entfernender Geschäftspartner aufgehoben wird.

„Schade, dass dein Onkel das nicht mehr erleben kann", seufzt Bettina.
„Er ist doch im selben Haus", erwidert Herbert, „und den Lärm kann er wohl schlecht überhören."
„Du bist geschmacklos", hält ihm seine Braut vor.
„Onkelchen ist ein Stehaufmännchen. Ich wette, wenn ich dich heute abend halbnackt über die Schwelle trage, wird er bereits im Schlafzimmer sitzen und seine Pfeife rauchen."
„Du bist widerlich. Ich hätte deinen Onkel heiraten sollen."
„Dann wärst du eine reiche Witwe, und ich dürfte Schnürsenkel verkaufen. Gib es zu, du teilst nicht gerne."
Bettina ist die Unterhaltung leid. Da sie aber nachvollziehen kann, dass ihr Mann nach dem Tod seines Onkels und einer schlaflosen Nacht etwas gereizt ist, beschließt sie, lediglich das Thema zu wechseln. „Das kommt drauf an", lächelt sie. „Dich werde ich auf jeden Fall mit niemandem teilen."

Inzwischen ist auf der anderen Seite der Villa Johann Oysing aufgebahrt worden. Man hat die Presse informiert, und in einigen Nachrichtensendungen werden bereits Bilder der Menschenmassen gezeigt, die dem Schauspieler die letzte Ehre erweisen. Für die am Montag stattfindende Beisetzung werden mehrere Tausend Cineasten erwartet.
Einige Freiwillige des örtlichen Damen-Ruderclubs sollen dafür sorgen, dass die Hochzeitsfeierlichkeiten nicht von Reportern gestört werden. Einem gelingt es jedoch, sich um das Gebäude zu schleichen und das Brautpaar auszufragen.
„Macht es Ihnen nichts aus, Ihre Hochzeit zu feiern, während Ihr toter Onkel, dem Sie so viel zu verdanken haben, nur ein paar Meter entfernt liegt?"
„Die Hochzeit war ausgemachte Sache, und der Tod meines Onkels, so tragisch er auch ist, wird mich nicht daran hindern, die Frau, die ich liebe, zu heiraten."
„Aber Sie hätten doch die Feierlichkeiten aus Pietätsgründen wenigstens verschieben können."
„Mein Onkel ist gestern nachmittag gestorben. Die Feierlichkeiten waren für heute geplant, die Buchungen hätten nicht mehr rückgängig gemacht werden können, und der größte Teil der geladenen Gäste, die teilweise aus Indien, Kanada und Övelgönne angereist sind, befanden sich bereits in Hamburg. Mein Onkel, der das Leben immer für wichtiger hielt als den Tod, hätte es nicht anders gewollt - und hätte ich die Gäste seinetwegen ausgeladen, so würde er mir in meiner Hochzeitsnacht zur Strafe als Gespenst erscheinen."
„Wie denken Sie darüber, Frau Oysing?", wendet sich der Reporter nun an Bettina, die sich nicht sofort darüber im Klaren ist, dass sie gemeint ist. „Ich bin ganz Johanns Meinung", erwidert sie dann.
Der Eindringling stutzt. „Sie wollten sagen, Sie sind Herberts Meinung."
„Nein, ich bin Johanns Meinung. Johann Oysing war der Überzeugung, dass jeder Mensch ein unantastbares Recht auf Freiheit und Glück hat, und wünschte deshalb alle Reporter zum Teufel."

„Ist dir an deiner Wachsfigur etwas aufgefallen?", fragt Herby seine Braut, nachdem sich die letzten Gäste verabschiedet haben.
„Nun", erwidert Betty, „sie ist sehr datailgetreu."
„Zu detailgetreu", entrüstet sich ihr Mann. „Ich habe ihr unters Kleid geschaut (- was er jetzt auch bei seiner Frau tut -), und nicht nur stimmt die Form der Brüste bis ins Kleinste (- hier tastet er die Originale ab, um sicherzugehen -), sondern auch die Knopfgröße."
„Da ist etwas, was ich dir schon lange sagen wollte", entgegnet Betty. „Es gibt einen Grund dafür, dass mein Oberkörper auch im Sommer nicht blasser ist als der Rest."
„Du meinst, du zeigst dich oben ohne in der Öffentlichkeit?", fragt Herby, als er sie auf den Arm nimmt und die Treppe zum Schlafzimmer hinaufgeht. „Manchmal glaube ich, ich kenne dich überhaupt noch nicht."
Da der Gang leer ist, sieht Bettina keine Veranlassung, ihre bloßen Brüste wieder einzupacken. Vor der Schlafzimmertür fragt sie dann: „Was glaubst du, trage ich ein Höschen unterm Hochzeitskleid oder nicht?"
Sie gibt die Antwort selbst, indem sie ein Bein über Herberts Kopf schwingt, während dieser die Tür öffnet.


Kapitel sieben

Von einer weiteren Überraschung und einem Happy End

„Onkel Johann, du gehst mir auf den Sack mit deinen kataleptischen Anfällen!"
Herbert lässt vor Schreck Bettina fallen, die mit einiger Mühe auf den Füßen landet und es eilig hat, ihre Wertsachen zu verstauen.
„Tut mir leid", erwidert der Onkel und stopft seine Pfeife nach, „ich wollte mich noch von euch verabschieden, und du hättest es mir sicher verübelt, wenn ich das in Gegenwart von Larry und Herrn Klein getan hätte."
Bettina kann der Situation (nachdem sie ihr Kleid gerichtet hat) sogar ein Lächeln abgewinnen. „Jedenfalls kennt Herbert dich besser als ich es mir vorstellen konnte."
„Lass mich raten", sagt der Neffe, der sich langsam wieder beruhigt: „Du bist aufgewacht, als Morgan Wache hielt, hast eine Wachspuppe in Auftrag gegeben und dich tot gestellt, bis sie fertig war. Und du hast dir keine Gedanken darüber gemacht, dass ich mich aufgrund meiner Schlaflosigkeit an meinem Hochzeitstag wie ein Bundeskanzler aufgeführt habe."
„Ich bin sicher, dass dich die 525.000 DM schnell darüber hinwegtrösten werden; obwohl du allerdings die Wachsfigur für den Sarg davon bezahlen musst. Aber ich denke mir, dass Morgan dir einen guten Preis machen wird. Außerdem wäre ich dir dankbar, wenn du noch ein paar Tausend für deinen alten Onkel abzweigen könntest - gerade so viel, dass meine Braut und ich mit gefälschten Papieren nach Australien auswandern können, denn ich glaube, dass ich dort noch relativ unbekannt bin."
„Und das mit der Schwangerschaft stimmt, oder war der Anruf abgesprochene Sache?"
„Das stimmt. Ich bin zwar ein hervorragender Schauspieler, aber einen Arzt und einen Versicherungsagenten, die zu diesem Zeitpunkt beide an meinem Leben hängten, hätte ich wohl nicht so leicht täuschen können. Manchmal zahlt das Schicksal einen Jackpot an diejenigen aus, die nicht im Lotto gewinnen."
„Und du freust dich auf das Kind?", fragt ihn Bettina.
Johann Oysings Blick verklärt sich. „Ich war immer der festen Überzeugung, einen idealen Vater abzugeben. Herbert war leider schon elf, als ich ihn bekommen habe, und da war natürlich nichts mehr zu retten.
Aber ich wollte immer ein eigenes Kind haben. Nur die Mutter dazu hat gefehlt; ihr Frauen habt es so beneidenswert einfach. Ihr braucht nur einen Betrunkenen aus der Kneipe abzuschleppen - wir müssen sogar heiraten, wenn wir uns für die Zeit nach der Trennung ein Besuchsrecht sichern wollen."
„Du wirst also auf deine alten Tage heiraten?"
„Alte Tage? Mein Leben fängt jetzt erst richtig an!", frohlockt Johann Oysing, steht auf und nimmt seine Jacke. „Ich hoffe, mein Auftritt hat euch nicht den Appetit verdorben. Fast alles im Leben lässt sich wieder gutmachen, aber keine vermasselte Hochzeitsnacht."
„Mach dir keine Sorgen, Onkelchen. Bettina weiß schon, wie sie mich wieder in Stimmung bringen kann."

Die folgenden Nächte verbringt das junge Paar (zumindest teilweise) im Zimmer des Onkels, der sich nicht mehr in der Öffentlichkeit sehen lassen kann und in wenigen Tagen nach Australien auswandern wird; man ist überrascht, wieviel man sich jetzt, wo der Abschied naht, auf einmal zu sagen hat.
Da Herby und Betty sich dem Alkoholkonsum des alten Schauspielers anpassen, haben sie es sich angewöhnt, ihre ehelichen Pflichten vor den Familienbesuchen zu erfüllen; und da der Onkel im Nebenzimmer wohnt, hört er immer, wann es Zeit ist, die erste Flasche zu entkorken.
Am Freitag bekommt Herby dann die Kontoauszüge seiner Bank: die Einzahlungen der Lebensversicherung und Dr. Woolmans sind eingegangen. (Dass Herby am darauffolgenden Tag noch sechs Richtige im Lotto haben wird, sei nur am Rande erwähnt.) Am Samstagmorgen wird dann das Flugticket für den bis zur Unkenntlichkeit verkleideten Onkel gekauft, der unter dem Pseudonym Wilhelm Graumann (Giovanni Contadelli musste ihm mühsam ausgeredet werden) ein neues Leben beginnen wird, ebenso wie das neureiche Ehepaar, das ihn in wenigen Wochen anlässlich seiner Hochzeit gemeinsam mit Morgan in Sydney besuchen wird.


Ende gut, alles gut

Herby sitzt in seinem Schaukelstuhl auf der Terrasse, steckt sich eine Pfeife an und sieht den Kindern beim Spielen zu. Seit seine finanziellen Probleme gelöst sind, ist er wesentlich ruhiger geworden, und jetzt raucht er die Pfeife zur Entspannung und nicht, um eine Tabakverkäuferin kennen zu lernen. Das Telefon klingelt, und er zögert kurz, bis er Bettinas Schritte im Wohnzimmer hört - er braucht also nicht ranzugehen. Nicht, dass er zu bequem wäre, aber er weiß, wie meine männlichen Leser sicherlich auch, dass Telefongespräche Frauensache sind.
Er lehnt sich zurück und gibt dem Stuhl einen leichten Schwung. Er ist ein zufriedener Mann, der sein Geld für sich arbeiten lässt. Er kann sich alles leisten, was er vom Leben verlangt. Nur Überraschungen sind selten geworden.
Bettina hat das Gespräch beendet und kommt auf die Terrasse; Herbert sieht auf die Uhr und kommt zu dem Schluss, dass es sich entweder um ein Ferngespräch oder um einen männlichen Anrufer gehandelt haben muss.
„Herby", sagt sie zu ihrem Mann, „es ist etwas Schreckliches geschehen. Dein Onkel hat Herbert jr. in den Zoo gebracht, wo gerade neue Gehwege angelegt werden. Dort ist er über eine Absperrung geklettert, um herauszufinden, wo sich der Danger versteckt hatte; die Dampfwalze hinter sich hat er ebenso wenig bemerkt wie der Fahrer ihn. Sie sind immer noch dabei ihn abzuschaben."
„Ach Onkelchen", seufzt Herbert und zieht an seiner Pfeife, „jetzt übertreibst du wirklich."


© 6225+6241 RT (1984+2000 CE) by Frank L. Ludwig