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Das Ende des Märchenkönigs


Er wusste, was vor sich ging, war sich jedoch nicht über das Motiv im Klaren. Seine Bauten waren der Vorwand, aber schwerlich der Grund für dieses Komplott. Andere Regenten hatten sich höher verschuldet für prächtigere Schlösser, und niemand war ihnen in den Weg getreten. Außerdem hatte er angeboten, die Bauarbeiten für einige Jahre einzustellen, bis die Staatsfinanzen saniert wären; hierauf hatte er nie eine Antwort erhalten. Und schließlich hatte Kleefeld einen Kredit von 20 Millionen beschaffen können; hiervon hatte der König aber erst kürzlich erfahren, da die entsprechenden Briefe abgefangen worden waren.
Es musste sich also um etwas anderes handeln; Lutz’ krankhafte Angst um seinen Ministersessel vielleicht, oder sein Onkel Luitpold, der jetzige Prinzregent, war doch etwas ambitionierter als man annahm.
Wie oft, dachte er, wie oft habe ich schon abdanken wollen, die leidigen Regierungsgeschäfte und die ekelerregenden Kriege anderen überlassen wollen, die sich mehr für sie begeistern können, und man hat mich nicht gelassen! Warum hat man mich nicht einfach darum gebeten, dies widerwärtige und inhalts-los gewordene Amt abzugeben - nichts hätte ich lieber getan!
Nun versuchte man also, ihn als irre abzustempeln: hierbei half die Geisteskrankheit seines Bruders sowie anderer Familienmitglieder beträchtlich, ebenso sein - wie er jetzt einsah - aufbrausendes und menschenscheues Verhalten. Bismarck, das preußische Cäsarlein, das er wegen seines Machtdurstes, seiner Blutrunst und seiner Kriegsgeilheit zutiefst verachtete, der Junker, der sich das Motto „Macht statt Recht" auf die Fahne geschrieben hatte, hatte ihm noch vor zwei Tagen geraten, dem Volk gegenüberzutreten, um die Gerüchte über seine Geisteskrankheit Lügen zu strafen; er hatte nicht auf ihn gehört, weil es Bismarck war, der ihn beraten hatte.
Nun hatte man ihn also für unzurechnungsfähig erklärt, aber das konnte noch nicht das Ende sein. Das Volk (wie der erste peinliche Verhaftungsversuch des Monarchen gezeigt hatte) glaubte nicht an die Geisteskrankheit, und wichtige Persönlichkeiten taten es auch nicht.
Wenn aber ein einziger unabhängiger Gutachter den König zu Gesicht bekäme, würden Lutz, Gudden, alle ihre Helfer und womöglich auch Luitpold sich wegen Hochverrats zu verantworten haben, und ihr Leben wäre keinen Pfifferling mehr wert. Deshalb gab es für sie nur eine Möglichkeit: Ludwig aus dem Weg zu schaffen und seinen Tod als Selbstmord auszugeben.
Vorbereitungen dazu waren offensichtlich in vollem Gange. Die Bemerkung des Kammerdieners Meyer, Seine Majestät habe - kurz vor dem Eintreffen der Ärztedelegation - den Schlüssel zum Turm verlangt, wurde immer wieder zitiert und als geplanter Selbstmord ausgelegt; was ein Schmarren war, denn zu Tode stürzen hätte er sich auch ein Stockwerk tiefer können.
Seine Überraschung, ein Obstmesser zum ersten Gang des Essens zu bekommen (weil er sich mit einem schärferen Messer ja etwas antun könnte), war das Gesprächsthema dieses Abends. In Berg sprach man von nichts anderem als von der Suizidgefahr des Königs.
Dass sein Tod beschlossene Sache war, beschlossene Sache sein musste, stand also außer Frage. Und so gab es für den König nur einen Ausweg: Flucht, und zwar so schnell wie möglich!
Berg war selbstverständlich hermetisch abgeriegelt, und auf dem Landweg gab es kein Entkommen. Nur der Starnberger See konnte Ludwig retten; zwar gab es bereits Pläne zur Einzäunung, diese konnten aber noch nicht ausgeführt werden. Der König war ein ausgezeichneter Schwimmer, und der alte untersetzte Gudden hätte ihn kaum an seinem Vorhaben hindern können. So war die einzige Sorge Ludwigs, nicht schon vor Erreichen des Sees umgebracht zu werden.
„Wenn schon ein König seine Träume nicht verwirklichen darf, wer dann?", fragte er Gudden, der ihn beim abendlichen Spaziergang wieder einmal auf seine Schlösser angesprochen hatte.
„Niemand, Ew. Majestät; niemand."
Als sie am Ufer des Sees ankamen, sah der König lange auf das unbewegte Wasser hinaus.
„Was für eine märchenhafte Stille", seufzte er schließlich. „Kein Mensch, kein Lärm - nur Gottes unberührte Natur."
Er streifte seinen Rock und seinen Überrock ab und ging auf den See zu.
„Was tun Ew. Majestät?", fragte Gudden aufgebracht.
„Ich nehme ein Bad", entgegnete dieser. „Es gibt nichts schöneres als ein nächtliches Bad an einem heißen Sommertag."
„Um Himmels Willen, Ew. Majestät werden sich den Tod holen!", rief Gudden entsetzt, packte ihn am Arm und versuchte, ihn zurückzuziehen. Ludwig stieß ihn von sich und ging ins Wasser.
Der schmächtige Gudden setzte ihm nach und versuchte nochmals, ihn an Land zu zerren. Er war sich bewusst, dass er gegen den kräftigen hochgewachsenen König nicht den Hauch einer Chance hatte, er war sich aber auch darüber im Klaren, dass er, wenn Ludwig diese Nacht überlebte, sein eigenes Leben verwirkt hatte.
So entspann sich zwischen beiden ein Kampf auf Leben und Tod, und schließlich würgte der König den Irrenarzt, was offensichtlich die einzige Möglichkeit war, Guddens Griff zu lockern. Gudden ließ von ihm ab, fiel ins Wasser und tauchte nicht wieder auf.
Ludwig war entsetzt. Er, der Gewalt über alles verabscheute, der auf die beiden ihm aufgezwungenen Kriege mit Abdankungserklärungen reagiert hatte, hatte jetzt selbst einen Menschen umgebracht; in Notwehr zwar und unabsichtlich, aber das änderte nichts an der Tatsache: er hatte soeben einen Menschen getötet. In diesem Augenblick setzte sein Herzschlag aus, und er folgte dem Schicksal seines Widersachers.


© 6241 RT (2000 CE) by Frank L. Ludwig