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Sieben nach Kuba


Als erster kam ein Tourist in amerikanischer Uniform: Baseballmütze, Boss-T-Shirt, Boxershorts und Turnschuhen. Er drückte mir die fünf Pfund in die Hand und sagte: "Schönes Wetter heute."
"Schon", entgegnete ich, "aber heute abend soll es regnen."
"Hauptsache, es bleibt wahrend der Fahrt noch trocken. Wissen Sie, wie es morgen wird?"
Amerikanern und Iren ist gemeinsam, dass sie eine Konversation mit einem Gespräch über das Wetter zu beginnen pflegen und sich - falls sich kein anderes Thema anbieten sollte - eine halbe Stunde und länger darüber unterhalten können, ohne dass es ihnen unangenehm würde.
Als die nächsten Fahrgäste an Bord kamen, schulterte er seinen pinkfarbenen Rucksack ab und nahm Platz.
Ein Blinder, von einem jungen Mädchen gestützt, fand seinen Weg über den Laufsteg und gab mir eine Zehnpfundnote. "Bitte haben Sie ein Auge auf meine Frau", sagte er. "Sie ist fallsüchtig, und es konnte ihr jeden Moment etwas passieren."
Ich versuchte, mir das Zusammenleben der beiden vorzustellen. "Gibt es denn keine Schwierigkeiten, wenn Sie zuhause sind und sie einen Anfall bekommt?"
"Selten. Meistens hat sie eine Aura, eine Art Vorahnung, und ich muss dann eine halbe Flasche ihres Medikaments mit Wasser mischen und an ihr Bett bringen."
"Und das klappt reibungslos?"
"In der Regel ja. Nur einmal ist sie kurz nach der Einnahme hochgesprungen und hat sich auf mich gestürzt."
Ich sah ihn verwirrtt an und wartete auf seine Erklärung.
"Ich habe nämlich", fuhr er fort, "ihre Medizin mit der Spanischen Fliege verwechselt. Was haben wir gelacht!"
Als nächstes kam ein Einarmiger, der seine querschnittsgelähmte Mutter vor sich herschob. Mit Hilfe des Amerikaners brachten wir sie schließlich an Bord, und als ich gerade ablegen wollte, erreichte unser letzter Gast im Schnellschritt - soweit sein Gipsbein es zuließ - die Pier.

Ich kassierte die letzten Besucher ab und startete den Motor. Der Einarmige und der Amerikaner hatten hereits ihre Kameras gezückt und hielten Ausschau nach Fungi, dem Delfin. Auf Anfrage erklärte ich, dass dieser sich noch keine Möglichkeit entgehen ließ, sein Publikum zu unterhalten. "Ich glaube nicht, dass ich ihn zu sehen bekommen werde", wandte der Blinde ein, und die anderen lachten.
Als wir weit genug draußen waren, stellte ich den Motor ab und wartete auf Fungis Auftritt; er hatte uns schon bemerkt und war dem Boot gefolgt, erschien aber noch nicht an der Oberfläche.
Der Himmel hatte sich inzwischen bewölkt, es war etwas windig geworden, und die ersten Tropfen fielen vom Himmel. Fun-gi begeisterte die Touristen mit einigen Luftsprüngen und verschwand wieder. Ich schlug vor, den Rückweg anzutreten, aber man hoffte auf ein zweites Erscheinen des Delfins. Dann zuckten die ersten Blitze über die Bucht von Dingle, es begann in Strömen zu regnen, und ich startete den Mo-tor.
Eine Windbö warf das Boot herum, und ich versuchte zu wenden; es ging nicht. Ein Ostwind, wie ich ihn niemals vorher erlebt hatte, trieb das Boot in Richtung Meer, und ich konnte nur den Motor abstellen und darauf warten, dass der Sturm sich legte.
Er legte sich nicht. Meine Fahrgäste, die sich inzwischen unter der Überdachung zusammendrängten, gaben mir manchen gut gemeinten aber überf lüssigen Ratschlag, und ich erklärte ihnen, dass uns nichts weiter übrig bliebe als abzuwarten.
Die Nacht brach herein, ohne dass der Sturm nachgelassen hatte.Die Passagiere ergingen sich in gegenseitigen Schuldzuweisungen; hatten vorher alle dafür plädiert, auf Fungis zweiten Auftritt zu warten, so behaupteten sie jetzt alle, sich für die Rückfahrt ausgesprochen zu haben. "Unser Kapitän", sagte der Einarmige zur Gelähmten und blickte in meine Richtung, "hätte nicht auf die anderen hören dürfen."
"Haben Sie etwas zu trinken?", fragte mich das Gipsbein. "Ich habe fürchterlichen Durst."
"Das ist ein Motorboot und keine Luxusyacht", erwiderte ich. Trotzdem fragte ich die anderen, ob jemand Wasser oder andere Getränke mit an Bord genommen hatte; es hatte niemand. Mir wurde klar, dass dies ein großes Problem werden konnte: wenn nach dem Sturm die irische Küste noch in Sicht wäre, wären wir mit dem Schrecken davongekommen, wenn wir aber weiter auf den Atlantik getrieben waren, ohne Land am Horizont zu sehen, waren wir auf vorbeifahrende Schiffe angewiesen, und das konnte einige Tage dauern.
Das Pärchen saß engumschlungen auf der Holzbank.
"Glaubst du, dass wir heute noch nach Hause kommen?", fragte die Fallsüchtige.
"Da sehe ich schwarz", sagte der Blinde und presste sie an sich.
Die anderen waren inzwischen eingeschlafen oder dösten zumindest vor sich hin, und auch ich wurde müde und lehnte mich zurück. Das Pfeifen des Winds, das Brechen der Wellen und das monotone Geräusch des Rollstuhls, der nach jeder Welle gegen die Bootswand schlug und wieder zurück prallte, wiegten mich in einen unruhigen Schlaf.

Als ich erwachte, war die Sonne bereits aufgegangen, und die See lag so ruhig, als könne sie keiner Menschenseele etwas zuleide tun. Wir trieben auf dem offenen Meer und waren, wie ich befürchtet hatte, außer Sichtweite der irischen Küste.
Auch die anderen öffneten langsam die Augen, und ich erklärte ihnen unsere Situation.
"Jetzt kann nur noch Gott uns helfen", sagte der Amerikaner.
"Jetzt können nur noch wir uns helfen", widersprach der Blinde.
"Glauben Sie etwa nicht an Gott?"
"Ich glaube nur, was ich sehe."
"Aber Sie sehen ja nichts."
"Ich glaube auch nichts", war die lakonische Antwort. Das Gipsbein hatte sich inzwischen mühsam auf den Boden gekniet und mit den Händen ein wenig von dem Meerwasser geschöpft, das über Nacht ins Boot gespülft worden war. Ich schlug ihm auf die Finger, ehe er es trinken konnte.
"Sind Sie des Wahnsinns?", schrie ich ihn an. "Das Salzwasser würde Sie noch durstiger machen, und Sie wären der erste, der dran glauben muss."
"Eye, eye, Captain", sagte er resignierend und nahm umständlich wieder auf der Holzbank Platz.
"Wir könnten doch das Meerwasser kochen und den Wasserdampf abfangen und wieder kühlen lassen", schlug der Amerikaner vor, der in Physik hübsch aufgepasst hatte.
"Ein genialer Gedanke", erwiderte ich enthusiastisch. "Wir schlagen das Boot zu Kleinholz und machen ein Lagerfeuer, und Sie besorgen inzwischen einen Kessel, einen Ballon und einen Kühlschrank."
Daraufhin herrschte Totenstille, und der Amerikaner sah mir ein wenig beleidigt aus.
"Herr Kapitän", fragte mich die Gelähmte, "können wir denn nicht einfach in Richtung Osten fahren? Dann müssten wir doch auf jeden Fall wieder zum Festland kommen."
"Das Problem ist, dass das Benzin noch für knapp zwei Stunden langt, und wir sind viel weiter von der Küste entfernt", antwortete ich. "Den restlichen Sprit werden wir brauchen, sobald ein Schiff oder gar Land in Sicht kommt."
Der Einarmige machte mir einen sehr kränklichen Eindruck, und nach einiger Zeit erkannte ich den Grund. In einem Augenblick, in dem er sich unbeobachtet fühlte, zog er einen Flachmann aus der Jackentasche, hielt ihn gegen die Sonne und warf ihn, da er leer zu sein schien, über Bord.
Die Hitze wurde unerträglich, und der Durst ließ uns bereits ans Sterben denken. Sobald sich etwas in unserer Nähe bewegte, leuchteten die Augen der Passagiere auf - nur um festzustellen, dass es sich um eine Delfinflosse oder ein Stück Treibholz handelte.
Die Fallsüchtige griff immer wieder in ihren Rucksack, um et-was herauszuholen, überlegte es sich anders und schloss ihn wieder. Ich fragte sie, was sie mitgebracht habe, und sie sag-te: "Sandwiches. Mit frischer Butter und gesalzenem Schinken."
Kein Kommentar. Kein Schiff, kein Festland; kein Hoffnungsschimmer. Irgendwo auf dem Atlantik waren wir zum Tod durch Verdursten verurteilt.
"Wir könnten doch SOS morsen", schlug der Amerikaner vor. Ich drückte ihm meinen Kugelschreiber in die Hand: "Klopfen Sie damit auf die Holzbank; dreimal lang, dreimal kurz, dreimal lang, glaube ich."
Am frühen Nachmittag wurde es etwas kühler durch einen frischen Wind aus Nordost, der uns langsam aber sicher noch weiter von der grünen Küste entfernte.
Der Blinde drehte sich nach links und rechts um, als hätte er alles im Blick, die Gelähmte schwitzte und stöhnte, der Einarmige begann zu zittern, die Augen der Fallsüchtigen flackerten verdächtig, das Gipsbein stand abwechselnd auf und setzte sich wieder, und der Amerikaner machte keine Vorschläge mehr, sondern summte leise "Naher mein Gott zu dir". Eine Katastrophe lag in der Luft.
Bis zum Abend tat sich nichts. Einige tauchten die Hand ins Wasser, urn sich damit den Hals und das Gesicht zu kühlen. Plötzlich drehte das Gipsbein durch, humpelte zu mir herüber, hielt mir die Faust unter die Nase und sagte: "Sie fahren jetzt in Richtung Osten, solange der Sprit reicht. Verrecken können wir dann immer noch."
"Bin ich der Kapitän oder Sie?“, fragte ich. "Stellen Sie sich nur einmal vor, wir sehen Festland am Horizont und könnten nicht mehr hinkommen."
Er ließ die Hand sinken, entschuldigte sich und setzte sich wie-der.
"Für so etwas konnte man Sie hinrichten", belehrte ihn der Ame-rikaner .
"In zivilisierten Ländern gibt es keine Todesstrafe", wandte ich ein.
"In Amerika schon."
Bis zum Anbruch der Nacht wurde kein Wort mehr gesprochen, aber die Geräusche der Passagiere erzeugten die Atmosphare eines Sterbezimmers.
Ich hatte den Gedanken, Nachtwachen einzuteilen, die jeweils ein bis zwei Stunden nach irgendetwas Ausschau halten; der zunehmende Mond ließ die kleinste Silhouette erkennen, und vielleicht würde sich doch noch eine Möglichkeit zur Rettung anbieten. Der Gedanke an die Nachtwache war jedoch schnell verworfen: die Fallsüchtige brauchte, wie der Blinde mir erklärte, langen und ununterbrochenen Schlaf, die Gelähmte würde mit ihrem Gepolter alle anderen wach halten, wenn sie ihre Runden dreht, der Einarmige konnte kaum mehr ein Auge länger als eine zehntel Sekunde offen halten, das Gipsbein konnte keine zwei Minuten stehen (und im Sitzen konnte man hinter der gegenüberliegenden Bootswand nicht mehr den Horizont sehen), der Amerikaner konnte den Mond nicht von einem Leuchtturm unterscheiden, und dem Blinden konnte ich wohl kaum die ganze Schicht alleine aufs Auge drücken. So schliefen wir also ein, ohne zu wissen, was um uns herum geschah. Ich schlief sehr unruhig, stand gelegentlich auf und sah mich nach einem Wunder um. Dann legte ich mich wieder auf die Planken und zählte Schäfchen oder beobachtete die anderen. Als ich einmal wieder ein wenig eingedöst war, horte ich ein Rascheln und sah mich um. Der Amerikaner öffnete seinen Rucksack und blickte vorsichtig nach allen Seiten, bevor er eine große Ciderflasche (die er vermutlich mit Wasser gefüllt hatte) hervor holte und einige Schlucke nahm.
Ich hätte ihn zur Rechenschaft ziehen können. Er hatte geantwortet, dass es sich schließlich um sein Wasser handle, und dass es sinnvoller sei, wenn er nach zehn Tagen als einziger Überlebender gefunden würde, als wenn er geteilt hatte und alle verdursten müssten.
An dieser Ausrede, die ich ihm in den Mund legte, war etwas dran; aber vielleicht würde man uns schon nach fünf Tagen finden, und dann würde das Wasser für zwei langen. Sicher würde er bemerken, dass etwas fehlt, aber nicht einmal er konnte so naiv sein, die anderen nach seinem Wasser zu fragen.
Als der Amerikaner ins Reich der Träume zurück kehrte, schlich ich zu seinem Rucksack, öffnete die Flasche und nahm einen kräftigen Zug daraus. Ich musste mich zusammen nehmen, um nicht auf den Boden zu spucken; es war kein Wasser, sondern das grässlichste Gebrau, das seit der spanischen Inquisition erfunden wurde: Cola.
Natürlich, dachte ich, wie hätte es auch anders sein können. Aber bevor ich verdurste, lasse ich mich doch lieber (zumindest vorübergehend) zum American Way of Life herab; ich nahm noch einen guten Schluck, schüttelte mich des widerlichen Geschmacks wegen, verstaute die Flasche wieder im Rucksack und konnte endlich einschlafen.

Geweckt wurde ich erst am späten Vormittag durch den Tumult, den die Fallsüchtige verursachte. Sie lag auf dem Boden, schrie und schlug wild um sich. Der Einarmige, der sich selbst kaum unter körperlicher Kontrolle hatte, und das Gipsbein drückten ihre Hande auf die Planken, der Amerikaner hie It sie an den Füßen fest, und der Blinde stopfte ihr die Handtasche in den Mund, um zu verhindern, dass sie sich die Zunge abbiss.
Ohne lange zu fragen riss ich die Kordel aus dem Rucksack des Amerikaners und fesselte, nachdem die anderen sie auf die Sitzbank bugsiert hatten, ihre Hände an die Rückenlehne . Das Schlimmste schien überstanden, der Blinde redete beruhigend auf sie ein, und wir anderen lehnten uns erleichtert zurück. Während des gesamten Vorfalls hatte verständlicherweise niemand auf das Meer hinausgesehen; jetzt war die Gelähmte die erste, die sich umschaute.
"Land, Land!" rief sie begeistert und deutete mit zitterndem Finger über die Bootswand.
Wir folgten mit unseren Blicken. Land, ganz nah, vielleicht einen oder zwei Kilometer entfernt. Land, nachdem man jede Hoffnung aufgegeben hatte. Land, nachdem man sich schon fast mit dem Tod abgefunden hatte. Land, zum Greifen nahe, und dennoch das unbestimmte Gefühl, es niemals zu erreichen.
Ein kleiner Sprung für mich war der zum Steuer, um den Motor anzuwerfen. Erleichtertes Aufatmen, leuchtende Gesichter der Fahrgäste.
"Drehen Sie um", sagte der Amerikaner.
"Bitte?", fragte ich lachend, da ich es für einen Scherz hielt.
"Drehen Sie um", wiederholte er mit bitterernster Miene. "Da vorne liegt Kuba, die Insel des Bösen, und wir werden so schnell wie moglich von hier verschwinden."
"Schwachsinn", erwiderte ich, noch immer lachend. "Kuba liegt viertausend Meilen von Irland entfernt, und Sie glauben ja wohl nicht ernsthaft, dass wir mit hundert Meilen die Stunde durch den Ozean getrieben sind."
"Mein Gefühl sagt mir ganz bestimmt, dass die Insel Kuba ist und dass wir so schnell wie moglich verschwinden müssen."
"Guter Mann", erklärte ich, "das da vorne sind bestenfalls die Azoren, obwohl ich nicht glaube, dass wir überhaupt so weit gekommen sind."
"Drehen Sie um", wiederholte er unbeeindruckt. "Lieber verdurste oder ertrinke ich, als dass ich mich unter dem Vorwand der Spionage zu Tode foltern lasse."
"Dann steigen Sie doch aus", schlug ich ihm vor; "ich werde Sie ganz bestimmt nicht zurück halten." In etwas gemäßigterem Ton fuhr ich fort: "Denken Sie doch einmal logisch..."
"Ich bin Amerikaner!" unterbrach er mich und hielt mir einen Revolver unter die Nase. Nun, ein denkender Europaer ist machtlos gegen einen gewalttätigen Amerikaner, und so kehrten wir unserer Rettung den Rücken zu und fuhren wieder auf s Meer hinaus.
Dann krachte es; die Passagiere, bis auf die festgebundene Fallsüchtige, wurden zu Boden geschleudert, und der Amerikaner ließ sein Schießeisen fallen, das er aber im selben Moment wieder aufhob.
Sofort standen wir bis zu den Knöcheln im Wasser, und es war bestenfalls eine Sache von zwei Minuten, bis das Boot sinken würde. Ich begann mich zu entkleiden.
"Der Kapitän geht als letzter von Bord", ermahnte mich der Amerikaner etwas verunsichert.
"Ich bin kein Kapitän", erwiderte ich und stieg in der Unterhose auf die Sitzbank, "ich bin Fremdenführer."
Die anderen wirkten vollkommen hilflos, und ich wandte mich noch einmal urn. "Wer in Freiheit ertrinken will, der kann das gerne tun", sagte ich, bevor ich sprang. "Wem sein Leben aber lieb ist, der schwimmt nach Kuba."


© 6233 RT (1992 CE) by Frank L. Ludwig