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Der Goldkönig


Es war einmal ein kleines Mädchen, das hieß Lena und wohnte in einem kleinen Dorf ganz in der Nähe des Königspalastes. Lena hatte eine besondere Gabe: sie konnte singen. Aber nicht so, wie andere singen, denn ihre Stimme war sehr weich und so leise, dass man sich sehr anstrengen musste, um sie überhaupt zu hören. Und weil ihre Stimme so schön und verzaubernd klang, dass jeder sie hören wollte, vergaßen die Menschen alles um sich herurum und bemerkten nicht mehr, was geschah. Wenn Lena sang, hätte man ihnen sogar die Kleider ausziehen können, ohne dass sie es wahrgenommen hätten.
Im Dorf wohnte auch ein kleiner Junge, der hieß Olaf und konnte die Leier spielen wie kein anderer. Seine Lieder klangen so fröhlich und verträumt, dass er auf seiner goldenen Leier spielte, wenn die anderen auf dem Feld arbeiteten, denn mit seiner Musik ging alles doppelt so schnell, und trotz der schweren Arbeit hatten alle noch gute Laune.

Eines Tages kündigte der König seinen Besuch im Dorf an. Er fuhr oft mit seiner Kutsche durch das Dorf: da mussten die Straßen festlich geschmückt sein, Musik für ihn gemacht werden, und alle Menschen mussten am Wegrand stehen und ihm zujubeln. Der König war ein großer Musikliebhaber - es gab nur eines, was ihn mehr beglückte als ein schönes Lied, und das war Gold.
Und während die Menschen ihm zujubelten, winkte er zurück und ließ seinen Blick über die Häuser und durch die Gärten gleiten, und wo etwas goldenes zu sehen war - ein Türknauf, ein Wasserbecken oder eine Statue -, da war es am nächsten Tag verschwunden.
So hatten auch diesmal, bevor der König kam, die meisten ihr Gold im Haus versteckt und standen an der Straße. Die goldene Kutsche hielt auf dem Marktplatz, wo Olaf spielte und der König ihm andächtig lauschte, während sein Blick auf die goldene Leier geheftet war.
"Einen solchen Spieler könnte ich im Schloss gebrauchen", lobte er den Jungen und setzte seine Fahrt fort.

Am nächsten Morgen war nicht nur die goldene Leier verschwunden, sondern auch Olaf. Das Dorf war in heller Aufregung, und jeder glaubte, dass er vom König entführt worden war.
"Ich werde ihn befreien", rief sein aufgebrachter Vater wütend, "und wenn ich selbst für immer ins Gefängnis komme!"
"Vielleicht ist er ja freiwillig mitgegangen", sagte Lena, die Olaf nur vom Sehen kannte.
"Ganz bestimmt nicht", erwiderte der verdutzte Vater nach kurzem Zögern. "Er wäre nicht gegangen, ohne es uns zu sagen."

Am Abend schlich sich Lena zum Schloss und kletterte auf die Steinmauer. Von dort konnte sie einen großen Saal sehen, in dem die Fürsten feierten und Olaf seine goldene Leier spielte. Er weinte, während er die Saiten klingen ließ, und nach jedem Lied wischte er sich die Tränen aus den Augen. Nun wusste Lena, dass er entführt worden war, und überlegte sich, wie sie ihn befreien konnte.
Plötzlich hörte sie Stimmen und legte sich flach auf die Mauer.
"Bring das ins Lager", sagte einer, und sie erkannte die Stimme des Königs. Der andere Mann sagte "Jawohl, Majestät!" und ging kurz darauf an der Stelle vorbei, wo Lena auf der Mauer lag. Er zog einen Karren hinter sich her, auf dem das ganze Gold lag, das am Vortag aus dem Dorf verschwunden war. Lena sprang von der Mauer, als der Mann in sicherer Entfernung war, und folgte ihm heimlich, bis er an einen Höhleneingang kam. An diesem stand ein Wachtposten, der ihm die Karre abnahm und in die Höhle brachte.

Am nächsten Morgen ging Lena zu Olafs Vater und besprach ihren Plan mit ihm. Als es dunkel wurde, kletterten sie mit einigen Freunden über die Palastmauer und schlichen sich ganz dicht an den Höhleneingang. Dann begann Lena zu singen, und der Wachtposten beugte seinen Kopf und spitzte die Ohren, um ihre Stimme zu hören.
Währenddessen gingen Olafs Vater und seine Freunde an ihm vorbei und schafften nach und nach alles Gold aus der Höhle zurück in ihr Dorf. Als sie fertig waren, sagte Olafs Vater zum Wachtposten: "Erzählt dem König, dass er sein Gold wieder bekommt, sobald Olaf zurück ist."
Lena sang weiter, bis alle über die Mauer gesprungen waren, und dann gingen sie gemeinsam nach Hause. Am folgenden Morgen stand Olaf wieder vor der Tür seiner glücklichen Eltern, und das ganze Dorf feierte ein Fest, wie es kein König jemals erleben wird. Olaf saß auf der Gartenbank und spielte die Leier, und neben ihm saß Lena und sang dazu.


© 6231 RT (1990 CE) by Frank L. Ludwig