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Die Entscheidung


„Was will ich mehr?“, fragte Ulrike und steckte sich eine Zigarette an. „Jetzt habe ich die Sicherheiten, die mir als Kind gefehlt haben.“
Sie ließ die Hand sinken und rückte ein wenig auf dem Mauervorsprung hin und her, auf dem sie mit Vera saß und die Kinder beim Spielen beobachtete.
„Jetzt habe ich ein Zuhause und eine Familie. Nun gut, Rainer wird mich wohl bald verlassen, aber eine Familie werden wir noch immer sein, meine Mädchen und ich. Was will ich mehr?
Finanziell bin ich abgesichert; ich habe meine Kolumne im Konkret, mein erster Film kommt ins Fernsehen, ich werde regelmäßig zu Talkshows eingeladen... ich bin ein geachtetes Mitglied der Gesellschaft, die mich ankotzt. Ich werde von den Menschen bewundert, die ich verachte. Und ich werde von denen bezahlt, die ich bekämpfe.“
„Es wird kalt“, sagte Vera. „Lass uns reingehen.“
Ulrike sah wie versteinert in die kühle Abendluft. Die Zigarette in ihrer Hand war längst ausgegangen, ohne dass sie einmal daran gezogen hätte.
Vera ging ins Haus.
„Da steht man nun, alleine in der Masse wie eine Fliege in der Venusfalle und versucht, mit einer Feder in der Hand den Heroinkrieg in Vietnam, die Ausbeutung, die Gleichgültigkeit und Lieblosigkeit der Zeitgenossen zu beenden. Aber sie lesen, sie hören zu, und sie lächeln mich freundlich an und denken: was diese Anarchisten doch für weltfremde Ideen haben; sie lächeln, weil ich mich an die Regeln halte. Ich spreche gewählt, ruhig und pointiert: das hören sie gerne.
Ja, ich bin ein geachtetes Mitglied der Gesellschaft geworden, eine ernstgenommene Journalistin, mehr noch: eine Person des öffentlichen Lebens.
Was will ich mehr? - Oh Scheiße!“

(Epilog zu einer nie geschriebenen Biografie über Ulrike Meinhof)


© 6236 RT (1995 CE) by Frank L. Ludwig