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Ein Ende


Als es zwei Uhr war, starteten wir die Aktion. Ich schlich mit meinem Kollegen über den Hof und schloss die Tür zur Feuerleiter auf.
„Du bist sicher, dass Renate die Alarmanlage abgestellt hat?"
„Klar", erwiderte er, „nun mach dir bloß nicht in die Hose."
Da die Tür zur Feuerleiter nur von außen zu öffnen war, schoben wir einen Keil davor und gingen hinauf.
Im siebten Stock verschnauften wir kurz, dann öffnete ich vorsichtig die Tür zum Zellenflur. Es war niemand zu sehen, und so machten wir uns auf die Suche nach der uns genannten Zellentür.
Wir schlossen leise auf und gingen auf Zehenspitzen zu der Stelle, an der wir ihr Bett vermuteten.
„Okay?", flüsterte ich.
„Okay", flüsterte der Kollege, und in diesem Augenblick schaltete ich die Taschenlampe ein. Blitzschnell hatte er die Hände um den Hals der Schlafenden gelegt. Sie wachte auf, versuchte zu schreien, ließ ihre Zunge aus dem Mund hängen und glotzte uns mit aufgerissenen Augen an. Sie zappelte, versuchte um sich zu schlagen und krallte sich dann mit den Fingern in die Bettdecke. Nach einiger Zeit, die mir wie eine Ewigkeit vorkam, gab sie den Widerstand auf und fiel wie ein nasser Sack zurück. Der Kollege drückte jetzt noch fester zu, und erst nach einer Minute ließ er von der Toten ab.
Dann begann die eigentliche Arbeit. Wir stellten den Stuhl unter die Lampe, schraubten unsere mitgebrachte Glühbirne ein und suchten etwas zum Aufhängen. Das einzige, was sich hierzu anbot, war das Handtuch in der Zelle. Ich riss es in der Mitte durch und gab ihm eine Hälfte.
„Das ist zu breit", schimpfte er und warf es zurück. Ich riss also die andere Hälfte nochmals in zwei Teile, gab ihm einen Streifen und steckte den anderen ein.
Mein Kollege hatte inzwischen seine Pinzette herausgeholt und war damit beschäftigt, den Handtuchstreifen durch das Gitterfenster zu manövrieren. Die Schwierigkeit bestand darin, das Tuch ein paar Maschen weiter wieder nach innen zu bekommen, aber nach zehn Minuten war auch dieses Problem gelöst.
Dann hob ich die Leiche unter das Fenster, während der Kollege den Handtuch-streifen um ihren Hals legte und mit einem Doppelknoten zuschnürte.
Nun ließ ich den Körper langsam herunter, bis ich feststellte, dass das Handtuch ihn nicht zu halten vermochte.
„Verdammt", sagte ich, „sie ist zu schwer."
„Na prima", antwortete er, „dann müssen wir eben den Stuhl drunterstellen."
Der Stuhl war aber nicht hoch genug, und so musste der Kollege noch zwei Decken darunterlegen, bevor wir die Leiche aufstützen konnten.
„Sieht richtig professionell aus", meinte er ironisch und betrat vorsichtig den Zellenflur. Ich warf noch einen letzten Blick auf die Tote am Fenstergitter, löschte das Licht und folgte ihm.
Als wir das Gelände verlassen und uns die Handschuhe ausgezogen hatten, wurden wir zum Hubschrauber gebracht, der uns nach Hause flog.

Als sich endlich die Wohnungstür hinter mir schloss und ich nur noch ins Bett fallen wollte, kam mir meine Frau entgegen: „Hast du heute schon Nachrichten gehört?"
„Nein", erwiderte ich etwas genervt, und ich wollte auch gar nicht wissen, was passiert war.
„Die Meinhof hat sich erhängt."


© 6231 RT (1990 CE) by Frank L. Ludwig