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Die Suche nach dem Anarchisten


I.

Lange habe ich den Menschen gesucht, der meinem Bild des Menschen entspricht, um mein Leben hoffnungsvoll beschließen zu können. Hundert Länder habe ich durchwandelt und hundert Identitäten angenommen, bevor ich die Suche aufgab; nun suche ich nur noch einen bleibenden Ort und ein bleibendes Sein, und darum werde ich mich offenbaren. Offenbaren werde ich mich, und niemand wird mir Glauben schenken; wenn aber der Greis fünfzig Jahre unter euch gelebt hat, werdet ihr mich erkennen und verachten. Ihr werdet mich verachten wie ich euch verachte: aber eure Verachtung wird leichter zu ertragen sein als meine Flucht vor mir selbst.

An einem heißen Sommertag saß ich vor der Tür meiner Werkstatt und flickte Sandalen. In den Jahren der Besatzung gingen die Geschäfte schlecht; das Volk war ausgeblutet und kaufte keine Schuhe mehr, da das verbleibende Geld kaum noch für die notwendigsten Nahrungsmittel ausreichte. Man trug die alten Schuhe ab, bis sie zu Staub zerfielen; danach lief man barfuß. Die wenigen, die noch einige Schekel für ihr Schuhwerk erübrigen konnten, mussten sich mit billigstem Ziegenleder zufrieden geben, so dass das Schusterhandwerk keine nennenswerten Erträge mehr verbuchen konnte.
Als sich abzeichnete, dass mit einem Ende der Besatzung für lange Zeit nicht gerechnet werden konnte, spezialisierte ich mich auf die Fertigung römischer Sandalen, und innerhalb weniger Wochen hatte ich es zum wohlhabendsten Schustermeister in Jerusalem gebracht. Aus meinen römischen Kunden wurden römische Gönner und schließlich römische Freunde, und ich wusste, dass ich neben missgünstigen Konkurrenten und übereifrigen Juden nichts mehr zu fürchten hatte.
Während ich gedankenverloren die Sandalen reparierte und mit einem halben Auge das Treiben auf der Straße verfolgte, kamen mir vierzehn ärmlich gekleidete Männer entgegen und entboten mir ihren Gruß.
„Heil dir, Ahasver“, sprach ihr Anführer; „im Namen des, der mich gesandt hat, sage ich dir: verlasse dein Haus und dein Geschäft, deine Freunde und deine Familie, teile deine Güter unter den Bedürftigen aus und folge mir nach!“
„Wie bitte?“, lachte ich. „Ich soll mein Geschäft aufgeben und mit dir durch die Lande ziehen? Sage mir, was für einen Vorteil mir eine solche Entscheidung brächte.“
„Dein Geschäft mag dir ein paar Schekel bringen, solange du auf der Erde lebst; ich aber bringe dir das ewige Leben.“
„Das ewige Leben wäre eine feine Sache, aber was für Garantien kannst du mir geben? Warum solltest von allen Menschen ausgerechnet du darüber verfügen können?“
„Ich bin der Weg, die Wahrheit und da Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.“
Ich musterte ihn von Kopf bis Fuß und erwiderte: „Ehrlich gesagt, ich verspüre nicht das geringste Bedürfnis, deinen Herrn Vater kennenzulernen. Aber deine Dreistigkeit gefällt mir: ein Bettler kommt zum reichsten Handwerksmeister Jerusalems und verlangt anstelle eines Almosens, dass er seine Habe verschenkt und mit ihm betteln geht. Kommt in mein Haus und haltet Abendmahl mit mir, und heute nacht sollt ihr meine Gäste sein.“
Ich ließ den Vagabunden ein festliches Mahl in meinem Haus bereiten. Einmal in ihrem Leben sollten sie sich die hängenden Mägen füllen können, und ich ließ die köstlichsten Weine aus meinem Keller bringen.
„Jesus kann Wasser in Wein verwandeln“, flüsterte mir einer seiner Jünger zu. „Gewiss“, erwiderte ich, „aber meiner ist besser.“
Meine Gäste, deren Essmanieren (im Gegensatz zu denen der Römer) überraschenderweise nichts zu wünschen übrig ließen, genossen den Braten und den Wein.
„Und nun“, sagte ich, nachdem das Mahl beendet war, „verrate mir, weshalb du wirklich gekommen bist.“
„Ich bin gekommen, deine unsterbliche Seele zu erlösen. Alle Sünde der Welt liegt auf meinen Schultern, und ich, der Sündlose, trage sie für die Menschheit. Und wer mich als seinen Meister erkennt und mir nachfolgt, der wird frei von aller Sünde sein und einen ewigen Schatz im Himmel haben.“
„Jeder ist sein eigener Meister“, entgegnete ich, „genau wie ich.“
„Dein eigener Meister?“, lachte Jesus. „Hast du dich nicht zum Sklaven der Römer gemacht, und sind deine römischen Freunde nicht selbst Sklaven ihres Imperiums? Jeder Mensch hat seinen Meister und seine Jünger, und das ist gut so.“
„Wenn das so ist und du selbst Gewalt über das Himmelreich hast, wer ist dann dein Meister?“
„Mein Vater, der ewige Gott, der mich gesandt hat. Und ich und der Vater sind eins.“
„Du bist also der Sohn Gottes?“
„Du sagst es.“
„Und du bist Gott selbst, dein eigener Vater?“
„Ich bin Gott selbst, in die Welt gekommen, um den Menschen die Wahrheit zu bringen, nach der sie so lange gedürstet haben.“
„Willst du nicht ein Wunder vollbringen, um ihm deine Göttlichkeit zu beweisen?“, fragte ihn einer der Jünger. „Der Mensch glaubt nur das, was er sieht.“
„Nein“, widersprach ich ihm. „Der Mensch sieht nur das, was er glaubt. Gestern gab es einen Aufruhr auf der Straße, weil jemand etwas gegen die Römer geäußert hat. Dutzende von Menschen haben zugesehen, und jeder sah etwas anderes. Jeder Mensch hat seine eigene Wahrheit und hält sie für die einzige Wahrheit; deshalb sucht niemand nach anderer Wahrheit, und darum gibt es keine Wahrheit für alle. Jeder Mensch will sich selbst folgen und vorangehen und niemand anders!“
„Jeder Mensch, sagst du!“ rief Jesus und erhob sich, worauf seine Jünger ihm zögerlich folgten. „Ich sage dir: einen! Finde nur einen solchen Menschen, und ich werde meine Lehre widerrufen. Und dies ist mein Fluch über dich: auf dieser Erde zu leben, bis du diesen Menschen gefunden hast. Finde den Menschen, der weder Meister noch Jünger hat und nicht auf der Suche nach der Wahrheit ist! Findest du ihn, so wird es mich nie gegeben haben; findest du ihn nicht, so wirst du weitersuchen müssen.“

Ich hatte diesen Vorfall bald vergessen. Nur einmal wurde ich daran erinnert, als mir nämlich berichtet wurde, dass der Mann, der mir das ewige Leben bringen wollte, tot ist.
Die Jahre gingen ins Land; zu meinem neunzigsten Geburtstag bescheinigte man mir ein hohes Alter, zum hundertsten ein gesegnetes. Als es aber immer noch kein Anzeichen für mein bevorstehendes Ableben gab, während nach meinen Kindern nun schon die Enkel gestorben waren, ohne das Geschäft übernommen zu haben, wurde man misstrauisch; auch ich selbst. Und als ich eines heißen Sommertages vor meinem Geschäft saß und Sandalen flickte, erinnerte ich mich des Fremden, der mir seinerzeit entgegenkam, und seines Fluches.


II.

Die Stadt war in Aufruhr. Jerusalem glich einem ausgebrochenen Vulkan: Häuser brannten, Steine flogen, Menschen flüchteten oder schlugen sich gegenseitig die Schädel ein. Die Juden lehnten sich einmal mehr gegen die römischen Besatzer auf und wurden einmal mehr niedergemacht. Es ging die Rede, dass sogar der Tempel zerstört und der Vorhang zerrissen sein sollte.
Ich ging auf die Straße, schloss mich den Massen an und schrie: „Freiheit für Judäa!“. Das war das letzte, was meine Familie von mir sah; und ein Greis, der sich einem Volksaufstand anschließt, kann recht schnell vom Erdboden verschwinden.


© um 6235 RT (1994 CE) by Frank L. Ludwig