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Hans Faust

- Kein Heldenepos -


(ZUM ANFANG)
14. Cantabile

Ich bin nun dein! Und nichts kann uns mehr scheiden,
bis einst den Mund der Lethe Wasser netzt;
wie glücklich aber bin ich hier und jetzt!
Wie sanften Lämmern, die in Frieden weiden,

War doch in Wahrheit lange schon uns beiden
das Messer an den bloßen Hals gesetzt.
Noch hat es unsre Kehle nicht verletzt -
was kommt, wird meine Liebe nicht verleiden!

Verzeih, mein Herz, was zu verzeihen geht;
ich stürzte dich ins Unglück durch mein Werben.
Da es zur Umkehr leider schon zu spät,
bringt meine Lust uns beiden das Verderben:
als Flugsand werden wir vom Wind verweht,
ja, in getrennten Höllen ewig sterben!


15. Finale: Largo

Und das ist alles? Wie die Götter lieben
und jeden Liebeskummer leicht verschmerzt,
in manchen Armen über Nacht geblieben,
so manche Frau und Göttin gern geherzt,
das Wörtchen Nein nicht auf die Lippen bringen
und dadurch die Unsterblichkeit verscherzt?

Und das ist alles? Um die Freiheit ringen
für jeden, der an schwerer Kette lebt,
doch statt sich aus dem Staub emporzuschwingen
so wie der Strauß den Kopf im Sand vergräbt
und glaubt es hilft, die Türen zu verrammeln,
wenn draußen sich der Hurrikan erhebt?

Und das ist alles? Wissen anzusammeln,
dass nicht das kleinste bisschen Neugier bleibt,
allwissend deine Tage zu vergammeln
des Lebens, das wie zäher Brei dich treibt,
an dem du das Interesse hast verloren,
nachdem du alles dir hast einverleibt?

Das ist wohl alles. Nichts bleibt dem Doktoren,
dem keine Macht der Welt Erfüllung bringt.
Ich will - und weiß nicht was! Umsonst geboren,
umsonst der große Wurf, der nie gelingt,
umsonst, am Glück und an der Welt zu schmieden:
den Menschen dürstet es, solang er trinkt -
kein Weg, kein Ziel stellt seinen Geist zufrieden!


Andante sostenuto

Mein Wagner! Welche Freude, dich zu sehen;
wie lange hab ich nichts gehört von dir!
Ich Dummkopf kann zwar nicht so ganz verstehen,
dass du in einer Kutte kommst zu mir,
doch komm nur! lass ein Gläschen Wein dir munden,
und sage mir zuerst: was machst du hier?

Ich komm, ein ernstes Wort mit Euch zu sprechen -
ich denke, es ist allerhöchste Zeit:
einst wird sich Gott für jede Sünde rächen,
seid Ihr zur Buße nicht bereit!

Ihr wart mir stets besonders wohl gewogen,
doch Euer Wandel hat mich abgeschreckt;
so bin ich in ein Kloster eingezogen
und habe dort den Herrn entdeckt!

Der Herr ist schrecklich, aber welch Entzücken
bereitet ihm und tausendfache Lust,
kann den verlornen Sohn er endlich drücken
an seine liebe Vaterbrust!

Noch ist es Zeit: ergreifet seine Gnade
und willigt nur in seine Liebe ein;
um einen Mann wie Euch wär’s viel zu schade,
der Hölle Untertan zu sein.

Versucht Euch aus des Satans Bann zu lösen,
den irdschen Dingen, die der Leib begehrt;
bereut, entsagt nur fernerhin dem Bösen
und lebt wie Christus hat gelehrt.

Nehmt Eure Lene endlich auch zum Weibe,
die Euch seit Jahren Liebesdienste tut -
es ist, wer gut genug zum Zeitvertreibe,
als Ehefrau genauso gut.

Auch eine Gattin kann den Hunger stillen,
drum handelt schnell, noch ist es Gnadenfrist;
um Lenes und um Eurer Seele willen
und Eures Sohns, so’s Eurer ist.

Ich kann es nicht! Du rührst in meinen Wunden,
ich werde es mir selber nie verzeihn:
ich habe mit dem Teufel mich verbunden
und löste bei ihm meine Seele ein -
er wird mir auf der Erde allzeit dienen,
und dafür bin ich nach dem Tode sein!

Ihr wart doch als Jurist einst sehr gewichtig,
erinnert Ihr die kleinsten Dinge nicht?
Verträge sind von Anfang null und nichtig,
sobald sie eine Seite bricht.

Bedenkt es nur am Beispiel Eures Falles:
seid ihr in jeder Wissenschaft begabt,
wisst Ihr nun, wie versprochen, wirklich alles,
und habt ihr jede Frau gehabt?

Versprach der Satan Euch mit süßem Munde
die Dinge, die er niemals halten kann,
so seid Ihr frei von Eurem Teufelsbunde
und wisst: Gott nimmt Euch immer an!

Drum solltet Ihr nun Euer Haupt erheben!
Kein Grund, dass vor des Herrn Gericht Euch graust:
wer viel geliebt hat, dem wird viel vergeben,
und niemand liebte so wie Faust!

Das wär der Ausgang aus der Hölle Minen,
der letzte Weg aus meinem Ungemach,
die Rettung, die unmöglich mir erschienen.
Drum sei gewiss: ich denk darüber nach!


Presto

Ach, schöne Frau, der ich mein Leid befehle,
Ihr werdet helfen, spür ich’s doch genau:
ich will nicht, dass mein Freund sich weiter quäle -
er denkt zu viel, drum scheint ihm alles grau,
und von der Trübheit seiner frommen Seele
erlöst ihn nur die Liebe einer Frau.
Zehn Gulden will ich Euch im Voraus geben,
und weitre zehn, erweckt Ihr ihn zum Leben!

Wen würde ich um diesen Preis nicht lieben?
Ich habe schon für weniger verschrieben
mein Herz so manchem ungestalten Mann;
nun sagt mir schnellstens, wo ich finden kann
den Herrn, den Kummer hat so weit getrieben!


Vivace

Herr Faust, Herr Faust! Ich will zu Euch mich setzen,
vernahm von Euren großen Geistesschätzen -
ich hoffe doch, dass mein Besuch nicht stört;
von Eurer Weisheit hab ich viel gehört
und würde gern ein Stündchen mit Euch schwätzen.

Man sagt, Ihr könntet jeden Stern benennen,
der Frauen Herzen mühelos entbrennen!
Ich komme ungebildet nicht hierher,
doch gerne lernte ich von Euch noch mehr;
das Wunder gar des Lebens sollt Ihr kennen!

Nun ja, ich kenn mich aus mit Fraun und Sternen;
so komm in meine Wohnung doch hinein!
Wir beide haben vieles noch zu lernen:
dein Wesen scheint dem meinen gleich zu sein -
natürlich darfst du meiner Weisheit lauschen,
bist du dafür nur heute Abend mein,
dass mit Gewinn wir unsre Gaben tauschen!

Wo Gleiches liebend sich zum Gleichen findet
ein Narr, wer liebend sich nicht gleich verbindet!
Ich sehe schon: das Feuer ist entfacht,
drum rasch das Lager am Kamin gemacht,
bevor der Reiz des Augenblicks verschwindet.


Perdendosi

Mephistophela! Kommst du, mich zu holen?
Ich weiß, um welche letzte Gunst ich bat;
dir hab ich meine Seele anbefohlen
und bin bereit zu meiner Höllenfahrt.
Ich folge deinem Rufe ohne Klagen,
wenngleich du mich auch oftmals hast genarrt.

So ist dir doch dein starrer Sinn geblieben:
du flehst um Gnade und Bewährung nicht!
Nachdem du unbesonnen hast betrieben
mein teuflisch Werk mit menschlichem Gesicht,
geht Luzifer, dem du dich einst verschrieben,
mit seinem Diener heute ins Gericht.
Du bist im Leben nie mein Herr gewesen:
du warst ein gutes Werkzeug stets des Bösen!

Ob gut, ob bös; was hat das noch zu sagen?
Ich gab mein Wort, ich halte es auch ein -
was soll ich nach Vergangenem noch fragen?
Doch eines, eines wünsch ich mir allein:
mit dir die Ehe endlich zu vollziehen;
du sollst die letzte Frau statt dieser sein!

Gern würde ich dir diese Gunst erzeigen,
doch musst du mich verstehen: schwerlich nur
wird wohl dein Körper deinen Geist besteigen,
durch den er so viel Lust und Leid erfuhr.
Beendet ist nun deines Daseins Reigen
und abgelaufen deine Lebensuhr.
Ich weiß, du kannst die Worte nicht erfassen:
du wirst in deiner Höll allein gelassen!

Vergebens hab ich dir mein Ohr geliehen:
wie soll ich das, was du gesagt, verstehn?
Willst du vor Faustus aus der Hölle fliehen?
Soll ich womöglich nicht zur Hölle gehn?
Und was hast du mit meinem Geist zu schaffen?
- Ich kann den Sinn der Rede schwerlich sehn.

Der Mensch will ständig große Dinge wagen,
ein Drang, der seiner stolzen Brust entquillt;
doch fürs Misslingen auch die Schuld zu tragen
ist seine eitle Seele nicht gewillt:
drum schuf er einst für alle Lebenslagen
sich Gott und Teufel selbst nach seinem Bild
und kann sich durch sein eigenes Erdichten
den Himmel und die Hölle selbst errichten.

Von deiner trüben Seele früh geboren,
wuchs ich in deinem Geist behütet auf;
sobald ich groß war, hast du mich beschworen
und botest meine Mutter zum Verkauf.
Du hast als Sündenbock mich auserkoren
und ließt den Dingen arglos ihren Lauf.
Ach, dass man es in Feuerlettern schriebe:
nur du, du selbst bist Weisheit, Bosheit, Liebe!

So sieht nun Faust den Abgrund vor sich klaffen,
nachdem er so viel Elend hat gebracht;
er schlug sich selbst mit seinen eignen Waffen
der nie die Folgen seines Tuns bedacht.
Mephistopheles war in all den Jahren
ein Spuk des Geistes, der ihn ausgelacht.
Darüber ist er sterbend sich im Klaren:
wohin, wohin wird nun die Seele fahren?


Scherzando

Hat denn der Himmel mit mir kein Erbarmen?
Grad lag ich noch an seiner Brust, der warmen,
das Knistern des Kamins drang uns ans Ohr,
da zuckte eine Flamme hoch empor -
nun liegt der Liebste tot in meinen Armen.


Chor der Satyrn

Waldrand. Ein schmaler Bach plätschert in einem kleinen Wasserfall hinunter. Im Hintergrund ist der Eingang des Labyrinths zu sehen, unter einem Rosenstrauch liegen ein Ring, ein Schwert und ein Schild.
Silenos, Satyrn (darunter Ampelos, Anios und Battos) und Nymphen sind gesellig zusammen, lassen die Amphore kreisen oder vergnügen sich anderweitig miteinander. Zwischen ihnen laufen mehrere Lämmer.

Silenos:
Wie lang Dionysos nun schon im Irrgarten,
im Labyrinth des Minotauros irrt umher,
dies sagenhafte Fässchen Wein zu entdecken,
das jenes Ungeheuer sich versteckt hatte,
bevor es auf den großen Heros Theseus traf!
Fast denke ich, wir sollten unsern Gott suchen,
weil er allein bestimmt den Ausweg nicht findet.

Ampelos:
Ob wohl der Minotauros
doch noch sich Opfer schlachtet?
Grässlich ist der Gedanke,
dass er darin noch wütet!

Battos:
Er entging ganz gewiss
Theseus’ magischem Schwert,
und sein Abendgericht
wird Dionysos sein!

Anios:
Lasst es nicht zu, dass er,
unser getreuer Freund,
in die gemeine Hand
solch einen Scheusals kommt!

Ampelos:
Wenn es nur Hände wären,
denen der Menschen gleichend,
aber es wird den Weingott
mit seinen Hufen zerstampfen!

Battos:
Wer zieht mit in den Kampf,
unsern Freund zu befrein,
und wer tötet mit mir
jenes Untier noch heut?

Ampelos:
Gern will ich mit dir gehen
und jenen Stier zerfleischen,
doch es wird bald schon dunkel,
und ich kann kaum noch sehen!

Anios:
Gerne begleit ich dich,
töte das wilde Tier,
aber jetzt wird es heiß:
sieh nur, wie arg ich schwitz!

Silenos:
Dionysos, es will dir keiner hier helfen,
man lässt dich feigerweise in den Tod gehen,
weil diese Satyrn Angst vor einem Stier haben!

Satyrnchor:
Satyrn kennen nicht Angst noch Furcht,
und sie schrecken vor nichts zurück,
doch sie wissen: Dionysos
geschah und geschieht nichts!

Komm schon, Väterchen, trinke mit!
Lass Dionysos seinen Spaß;
sicher hat er das Fass entdeckt,
betrinkt sich und liebt sich.

Seinem Beispiele folget nun -
drückt das Liebchen an eure Brust
und die Krüge an euren Mund:
betrinkt euch und liebt euch!

Nymphenchor:
Fand den Weg er ins Labyrinth,
weiß er sicher den Weg hinaus.
Lasst uns feiern, wie er es tut:
liebet und trinkt, trinket und liebt!

Silenos hat den Rat befolgt und die Amphore angesetzt, die er nun nicht mehr von den Lippen nimmt. Ein Satyr flötet zum Tanz, Ampelos, Anios und Battos haben inzwischen Ring, Schwert und Schild entdeckt und begutachten sie.

Anios:
Scharf ist dies alte Schwert,
dass man’s nicht glauben mag:
hebe dich in die Luft,
schlachte mir dieses Lamm!

Das Schwert erhebt sich und schlägt dem Lamm den Kopf ab.

Anios:
Welch ein gehorsam Schwert!
Geh nun zum Apfelbaum:
dass er nicht trinkt zu viel,
halte Silenos auf!

Das Schwert bewegt sich auf Silenos zu, der rechtzeitig den Schild ergreifen kann, mit dem er alle Angriffe abwehrt.

Silenos:
Was soll der Unsinn? Wollt ihr mich denn loswerden?
Ich kann doch nicht mein Leben lang mit ihm kämpfen;
nun sag schon deinem Schwert, dass es zurückkehre!

Niemand beachtet Silenos, stattdessen beschäftigt man sich mit dem geschlachteten Lamm.

Ampelos:
Das ist ein feiner Braten,
den du für uns geholt hast,
doch er wird roh nicht schmecken;
wenn wir nur Feuer hätten!

Ein Blitz fährt in ein paar trockene Äste zwischen ihnen und entzündet sie. Die Satyrn weichen zurück, starren sich fassungslos an und gewinnen nur langsam die Sprache wieder.

Battos (noch mit dem Ring spielend):
Wird hier jedweder Wunsch,
den man äußert, erfüllt,
möchte ich jeden Wein,
alle Frauen der Welt!

Er blickt erwartungsvoll zum Himmel, während Zeus über den dürftigen Flammen erschienen ist.

Zeus:
Wenn dir die Blitze des zornigen Zeus als Erfüllung erscheinen,
dann, lieber Freund, muss es mit deinem Wohle recht sauber bestellt sein!
Ich bin gekommen zu holen, was euch nicht als Spielzeug geeignet
und für die Götter bedeutender ist; drum verlang ich den Ring nun
und auch das Schwert und den Schild Aphrodites dem Gotte zu geben,
der drüber wacht, dass sie nicht in die Hände der Falschen geraten
und dass nicht einer mit ihnen noch weiterhin Schabernack treibe!

Er reißt Battos den Ring aus der Hand und nimmt das Schwert und den Schild, die sich noch immer über Silenos’ Haupt bekämpfen; dieser lehnt sich erschöpft zurück und setzt erneut die Amphore an.

Zeus:
Ihr habt gefunden, was lange ich suchte, drum will ich gewähren
euch einen Wunsch, so wie ihr es gewünscht habt, als ich euch erschienen!

Silenos (setzt kurz ab):
Dann bring ein Fass des besten Weines uns herbei,
ein Fass, das auch im Kreis der Satyrn nie leer wird,
dass wir auf ewig in dem schönsten Rausch schwelgen!

Satyrnchor:
Welch ein Unsinn ist, was du sprichst!
Du verdirbst uns noch unsern Wunsch;
niemals litten wir Satyrn Durst,
der Wein fließt uns stets hier!

Anios:
Eine Gespielin, Zeus,
wünschen wir uns von dir,
die das Wort Nein nicht kennt
und immer willig ist!

Nymphenchor:
Welch ein Unsinn ist, was du sprichst!
Längst schon habt ihr, was ihr verlangt:
welche Nymphe schloss je den Schoß,
welche von uns sagte je Nein?

Ampelos:
Helena hole aus dem
Tartaros, uns zur Freude,
dass sie als unsre Freundin
sämtlichen Satyrn diene!

Das wird ihr mehr gefallen
als dort in Wehen liegen;
sicher wird ihren Rettern
dankbar sie sich erzeigen!

Satyrnchor:
Ja, die Helena hole uns!
Aus des Tartaros’ dunklem Schlund
sei willkommen im Land der Lust:
betrink dich und lieb uns!

Nymphenchor:
Ja, die Helena hole uns!
Was sie Männern so gern getan,
darf sie hier nun den ganzen Tag:
liebe wie wir, trinke wie wir!

ZUM ANFANG

© 6234-6235 RT (1993-1994 CE) by Frank L. Ludwig