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Hans Faust

- Kein Heldenepos -


(ZUM ANFANG)
13. Sfumato

Hier stehe ich in Helenas heilgem Tempel;
man hat mir eine Orgel gar gestellt,
dass ich von meiner Spielkunst ein Exempel
zum Opfer bring der schönsten Frau der Welt.
Bald wird der Klang ihr weiches Herz berühren,
dass am Olymp es sie nicht länger hält:
sie wird die Macht des Unbekannten spüren,
und wenn die zarten Töne sie vernimmt,
wird sie ihr Zauber in den Tempel führen
und für die Liebe ihre Brust gestimmt.
Wenn dann vom heilgen Feuer des Verlangens
der erste Funken ihr im Busen glimmt,
so wird das Herz nach kurzer Zeit des Bangens
sich finden an das andre Herz gepresst;
der Liebe Glück war nie so nah - wir fangen’s,
wir greifen es und halten stets es fest,
und, müssten wir es zwingen oder kosen,
wir sorgen schon, dass es uns nicht verlässt.

Doch halt! Es riecht nach Myrten und nach Rosen:
Die Göttin kommt! Schon füllt ihr Duft den Raum;
wie fühle ich der Seele Brandung tosen,
wie mühsam hält der Körper sich im Zaum,
als ich mich zögerlich nach hinten wende:
sie war nicht halb so schön im kühnsten Traum!

Dort kommt die Göttin! Sanft sind ihre Hände,
ihr Hals ist schlank und zierlich das Gesicht,
die Beine wohlgeformt und ohne Ende,
und eine schmalre Taille gibt es nicht;
in ihren zarten Armen zu sinnieren
muss köstlich sein, wenn sie von Liebe spricht.

Dort kommt die Göttin! Ihre Schultern zieren
die Locken ihres wunder-vollen Haars,
die tiefen Seen der Augen reflektieren
die Schönheit aller Welt wie lautres Glas,
die roten Lippen lächeln mir entgegen,
von deren Gift noch nie ein Mann genas:
ein Lächeln, so verwegen, so verlegen,
so hintergründig, offen und so rein,
muss wohl ein jedes Männerherz erregen
. Die Zähne strahlen weiß wie Elfenbein,
es lacht der Schalk aus allen ihren Zügen:
wie könnt ein Mann ihr nicht verfallen sein?

Dort kommt die Göttin! Gern wird sie sich fügen -
erfolgreich war Mephistos kleine List,
sie mit dem Orgelspiele zu vergnügen;
der Liebe großes Maß zu dieser Frist
ist voll, dass bald es überquellen müsste.
So stolz und aufrecht diese Göttin ist,
so stolz und aufrecht sind die edlen Brüste,
wie feste Schilde aus der Troer Reich,
vor denen niemand sich zu helfen wüsste:
der Gegner fällt zu Boden und wird bleich,
die größte Kampfeslust ist schnell zerronnen.
Und Eos’ sanftem Rosenfinger gleich
erstrahlen ihrer hehren Schönheit Sonnen
wie Morgenröte unter zartem Flor;
sie künden von olympisch höchsten Wonnen
dem Gott, an den sie je ihr Herz verlor -
denn zweifellos als Gott wird der sich fühlen,
den sich die Göttin für die Nacht erkor.

Die Seele brennt, und niemand mag sie kühlen:
zu kühlen ist die Seele nicht gewillt,
die früher nichts vermochte aufzuwühlen.
Dort kommt die Göttin! Welch ein göttlich Bild;
der Seele Sehnsucht nach dem ewig Schönen
ist heute und wird immerdar gestillt!

Was höre ich für wundersame Klänge?
Sie dringen so verzaubernd an mein Ohr
wie alter Götter längst vergessner Chor,
wie einer fernen fremden Welt Gesänge.

Was seh ich für ein wundersames Wesen?
Ein edler Fremder spielt in meinem Haus,
und schöner noch als Paris sieht er aus -
sein Haar ist lang und sein Geschmack erlesen.

Was fühle ich für wundersame Dinge?
Ein neuer Geist macht meine Seele schwer
und flattert wild und aufgeregt umher
in meinem Bauch wie tausend Schmetterlinge.

Nein, sag mir nichts von deinem schönen Spiele,
und sage mir auch niemals, wer du bist,
sag nicht, wo deines Körpers Heimat ist,
und sag vor allem nicht, was ich jetzt fühle;

Dass Wissen nicht die Neugier mir vertreibe,
wenn erst die Antwort deinem Mund entquoll,
und immer wieder neu geheimnisvoll
mir das Geheimnisvolle stets auch bleibe.

Erhabne Göttin, wenn mit solchen Tönen
ich schon verwirrte deinen edlen Sinn,
lass mich dich auch auf andre Art verwöhnen,
der ich dein willenloser Diener bin.
Kaum kann ich meine Sehnsucht dir beschreiben:
vor so viel Anmut sink ich kniend hin.
Bevor die Tempelwächter mich vertreiben,
erfülle mir die eine Bitte nur:
an deiner Seite lebenslang zu bleiben.

Erhebe dich, du sterblichster der Götter!
Dass länger hier im Tempel nicht verweilt,
der heute Nacht das Lager mit mir teilt:
erhebe dich, du sterblichster der Götter!

Leg deinen starken Arm um meine Hüfte,
dass ich den Kopf an deine Schulter lehn,
wenn wir gemeinsam zum Olympos gehn:
leg deinen starken Arm um meine Hüfte!

Wie oft ein Mensch wohl solche Gunst erfuhr:
wann brachte je ein Ständchen solch Belohnung?
Nun lass mich folgen deiner Rosenspur
und führe mich in deine Götterwohnung.


Vivace appassionato

Ich bin nun dein! Und nichts kann uns mehr scheiden!
Auf ewig eint uns nun der Liebe Band,
ruht in der deinen meine zarte Hand:
ein Menschenleben blüht das Glück uns beiden!

Und mögen uns die Götter auch beneiden,
um Schönheit mich und dich um den Verstand:
des Herzens Feuer ist mit Macht entbrannt,
und niemand kann den Liebsten mir verleiden.

Ich bin nun dein! Und ewig will ich’s bleiben,
in deiner Liebe blühen bis zuletzt:
kein Mensch, kein Gott wird mich von hier vertreiben!

An deiner Seite will ich bleiben jetzt
und mich mit Herz und Seele dir verschreiben,
bis einst den Mund der Lethe Wasser netzt.


Moderato accelerando

Selene, deine sanften Strahlen fließen
den Liebespaaren wärmend in der Nacht;
du wirst auch heut in ungekannter Pracht
das Licht aus deiner Silberschale gießen.

O Nyx, beschirme unser Glück und breite
den Mantel über unsrer Liebe aus.
Philotes, bleibe stets in unserm Haus
und weiche niemals mehr von unsrer Seite.

O Eros und Himeros, schenket heute
der Liebe Geist dem auserwählten Paar,
dass das Verlangen bleibe immerdar,
das Körper, Geist und Seele schon erfreute.


Animato

Bis einst den Mund der Lethe Wasser netzt,
der meine Lippen wild und zärtlich küsste,
der sanft liebkoste Schultern, Hals und Brüste
und anderswo in Zückung mich versetzt,

Bis einst den Weg des Fleisches geht zuletzt
der Liebste, der ein Gott mir werden müsste,
will dein ich sein im Garten süßer Lüste,
die sich in deinem Arm so glücklich schätzt.

Nun will mein Leben ich mit dir verbringen:
hier kann mein Herz, von Leid zu Leid gehetzt,
sich hoch empor zur höchsten Liebe schwingen.

Und wenn der Sensemann die Klinge wetzt,
so will ich noch im Tode von dir singen;
wie glücklich aber bin ich hier und jetzt!


Agitato

Wie zärtlich deine Augen mich umschlingen,
wie fest dein liebevoller Blick mich hält,
wie fein und lieblich deine Finger singen,
wie sehr mir diese Zweisamkeit gefällt;
es gibt nur uns, und gerade will’s mir scheinen,
als wären wir allein auf dieser Welt!

Die andern Götter gehen mir aus dem Wege:
aus diesem Grunde sind wir zwei allein.
Dies muss mein vorbestimmtes Schicksal sein,
das ich in deine sanften Hände lege.

Doch leb ich nur in deinem reinen Herzen,
und klopft es fordernd nur an meine Brust,
so bin ich deiner Liebe mir bewusst,
und alles andre kann ich wohl verschmerzen.

Leg meinen Schoß verlangend ich in deinen,
verspür ich unsrer Liebe große Macht -
doch was ist das? Was kann dies Schauspiel meinen,
wer hat sich dieses Stück wohl ausgedacht?
Ein Wetter ist am Himmel aufgezogen
und färbt ihn schwärzer als die tiefste Nacht.
Es kommt zu uns an den Olymp geflogen
wie großer Vögel tausendfach Gewirr
und scheint uns gerade nicht sehr wohl gewogen;
ihr lautes Krächzen macht die Menschen irr,
wie Grabgesang erklingt ihr hohles Flöten,
wie Kriegsheer ihrer Flügelschlag Geklirr!

Bei Zeus und Hera! Es sind Stymphaliden,
die zweimal vor den großen Helden flohn;
nun wagen sie sich zum Olympos schon
und rauben uns der Liebe hohen Frieden!

Aus Eisen ist ihr glänzendes Gefieder,
und ihre Mauser bringt den raschen Tod,
von scharfen Schnäbeln werden wir bedroht;
schon stürzen sie auf unser Haus hernieder!

Wir fliegen
und kriegen!

Wir schwirren
und klirren!

Wir flöten
und töten;

Ein jeder
durch Feder

Und Krallen,
metallen,

Mit Schnäbeln
gleich Säbeln!

Wir richten,
vernichten;

Wir kriegen
und siegen!

Ach Helios, helfe du in unsern Nöten
und schick von deinem Lichte einen Strahl
durch diesen Schwarm, der auszog, uns zu töten
durch seiner Flügel mörderischen Stahl,
dass niemand müsse unser Glück beweinen
und unsre Liebe siege dieses Mal!

Der Sonnengott scheint’s gut mit uns zu meinen:
durch diese Wolke, die den Himmel schwärzt,
lässt er uns seinen hellsten Lichtstrahl scheinen;
nun greife ich zu meinem Ring beherzt,
dass in dem Stein das Licht gespiegelt werde -
so wird ein jeder Kranich ausgemerzt!
Schon tropft der letzte Vogel auf die Erde:
dies ist der Stymphaliden letzter Fall,
dass dieser Schwarm nicht einen mehr gefährde!
Der blaue Himmel lacht uns überall,
die schwarzen Klapperkraniche zerfließen,
und aus dem heißen flüssigen Metall
lässt Zeus der Welt die Schwarze Rose sprießen.


Vivace

Wie glücklich aber bin ich hier und jetzt,
auch wenn die andern uns das Glück missgönnen.
Doch welche Listen sie sich auch ersönnen:
ich bin nun dein und bleib es bis zuletzt!

Dass unsre Lieb die Götter so entsetzt,
wird unsereiner nicht verhindern können.
Doch wenn sie Tag und Nacht Intrigen spönnen:
es wird ihr Anschlag in der Luft zerfetzt!

So lass sie intrigiern bei Tag und Nacht,
wir wollen ihren Hass geduldig leiden;
uns schützt ja meines Zaubers große Macht,
der immer wieder helfen wird uns beiden,
der uns den Wandel und den Schlaf bewacht
wie sanften Lämmern, die in Frieden weiden.


Adagio

Soweit die Augen und die Herzen reichen,
soweit der Abendsonne Strahlen glühn,
erblickt man unsrer edlen Liebe Zeichen:
in des Olympos sagenhaftem Grün,
in des Granatbaums Apfels rotem Feuer,
in allen Blumen, die am Wege blühn!
Nichts auf der Welt ist jemals mir so teuer
wie einzig und alleine nur dein Glück;
nur vorwärts führt uns unsres Schiffes Steuer,
und niemals wieder bringt es uns zurück
zu jenem, das wir hinter uns gelassen,
dem freudig wir entfliehen Stück für Stück!

Hörst du denn nicht ein felszerberstend Brüllen?
Ein Löwenrudel zieht vor unser Haus!
Sie machen einem jeden den Garaus,
durch sie wird unser Schicksal sich erfüllen:

Des Löwen von Nemea starke Kinder,
die er gezeugt, als er Medusa traf -
daneben gleicht ihr Vater einem Schaf,
und ihre böse Mutter gar nicht minder.

Sie können harten Stein zu Mehl zerbeißen,
die Erde bebt bei ihrem mächtgen Schritt,
sie können Städt’ vernichten durch den Tritt
und starke Zedern mit den Klaun zerreißen!

Vor diesen Tierchen sollte ich erblassen,
der ich durch größere Gefahren ging?
Mit ihnen will ich gerne mich befassen.

Ihr lieben Kätzchen, seht auf diesen Ring
und achtet auf den Wechsel seiner Farbe,
wenn ich des Hypnos’ Wiegenlied euch sing:

Schlaf ein, Endymion, du schönster Knabe,
doch schließe deine klaren Augen nicht,
die ich so herzlich lieb gewonnen habe.

Schlaf ein, doch zeige stets mir dein Gesicht,
dass sich mein Herz in deiner Schönheit sonne
und blühe in der süßen Augen Licht.

Schlaf ein, dass sich in diesem reinen Bronne
ein jeder Strahl der edlen Sonne bricht:
schlaf ewig, Mensch und Gott zu ewger Wonne!

Nun sieh, wie ich die Biester sanft und schlicht
ins Land der selgen Träumerein entführe:
alles erreicht, wer überzeugend spricht!
Dort ruhn die Löwen, dass man bald sie schüre,
den braven Schafen eines Hirten gleich;
und liegen sie auch ewig vor der Türe,
so bleiben sie doch stets in Hypnos’ Reich!


Adagietto

Wie sanften Lämmern, die in Frieden weiden,
so lauern uns die wilden Löwen auf;
sie rotten sich um unser Haus zuhauf,
und es wird immer schwerer, sie zu schneiden.

Zwar ist es uns nicht möglich, sie zu meiden,
doch hemmt dein Zauber sie in ihrem Lauf.
Sie kommen jetzt zu uns noch nicht herauf,
doch wann wird dieser Krieg sich je entscheiden?

Den Gott gibt’s nicht, der mir die Freude nimmt,
nicht bei den Christen und nicht bei den Heiden.
Und selbst wenn Zeus in heißem Zorn ergrimmt,
er wird mir nicht das liebste Gut verleiden:
das höchste Glück der Welt vorausbestimmt
war doch in Wahrheit lange schon uns beiden.


Presto

In deiner Liebe alle Welt zu lieben,
in deinen Armen alle Welt umarmt,
in deinem Liede alle Welt beschrieben,
an deinem Herzen alle Welt erwarmt,
so soll auch alle Welt mein Glück ersehen
und wie der Himmel meiner sich erbarmt!

Entquillt dies wilde ungestüme Schnauben
schon wieder der erregten Heldenbrust,
oder versucht erneut man uns bewusst
der Freude unsrer Liebe zu berauben?

Es ist der Eber mit den großen Hauern,
durch dessen Raserei Adonis starb,
als Aphrodite liebend um ihn warb;
wir werden seine Wut nicht überdauern!

Ihn zu besiegen wird dir nicht gelingen:
ihn hemmt kein Pfeil, kein Speer in seinem Lauf,
Heroen, Götter halten ihn nicht auf,
und seine Schwarte kann kein Schwert durchdringen!

Wenn ich nur seinen Hauern erst entgehen
und vor ihm auf den Rücken fallen kann,
so werde ich den Kampf mit ihm bestehen
und komm an seinen Unterleib heran.
Dann greif ich zu der schärfsten aller Waffen,
die vor mir erst besaß ein einzger Mann;
was keine Schwerter oder Pfeile schaffen,
schafft meines Ringes harter Diamant:
den wilden Eber nun dahinzuraffen!
Schon kommt das große Tier dahergerannt,
und ich gerat ein wenig doch ins Schwitzen
und starre auf das Monstrum wie gebannt:
ich seh die Mordlust unerbittlich blitzen
in seiner wilden Augen Feuerball,
doch es gelingt mir wirklich, aufzuschlitzen
des Ungetümes Bauch nach meinem Fall!
So ist kein Sterblicher mehr zu beklagen:
der Eber wütet nun in Hades’ Stall!

Fortan will ich die Haut des Ebers tragen,
denn die Trophäe steht mir gar nicht schlecht,
und die Hellenen werden von mir sagen:
Er ist ein Held! Adonis ist gerächt!


Allegro moderato

War doch in Wahrheit lange schon uns beiden
bewusst, wie sehr die Götter uns bedroht;
zwar hilft dein Zauber aus der größten Not,
doch wird den Untergang er nicht vermeiden.

Denn wenn die Götter Sterbliche beneiden,
dann kennt ihr Hass kein göttliches Gebot:
sie brächten uns am liebsten selbst den Tod,
und wer nicht sterben kann, soll ewig leiden.

Solang sie neiden, wollen wir nicht klagen,
denn ungeschoren blieben wir bis jetzt,
und sollte je ein Gott es wirklich wagen,
dass er den Frieden unsres Glücks verletzt,
dann wird von mir ihm ohne jedes Zagen
das Messer an den bloßen Hals gesetzt!


Maestoso

Wie einer schmiegen unsre beiden Schatten
sich an das abendliche Blumenfeld -
es trennt sie keine Macht auf dieser Welt:
sie liegen ewig auf den grünen Matten!

Und wem mag dieser Schatten wohl gehören,
der so bedrohlich neben unserm steht
und der es wagt, die Zweisamkeit zu stören,
die sanft die blütenschwere Luft umweht?
Was führt den düstern finsteren Gesellen
zu deiner Wohnung, an dein Blumenbeet?

Das ist Apollo, den dein Aug erspähte,
der immer wieder glücklos ist verliebt,
und der es mir noch immer nicht vergibt,
dass ich die Gunst des Hirtengotts verschmähte.

Ist der Olymp nicht die Wohnung unsterblicher Götter und heilig?
Was hat ein sterblicher Mensch auf diesem Berge verlorn?

Du brauchst dich schützend nicht vor mich zu stellen;
ich fürcht mich nicht vor seinem Angesicht,
das scheinbar keine Freude kann erhellen.
So ganz versteh ich allerdings auch nicht,
wie schrecklich Hirtengötter sind gestaltet -
das Wölfereißen ist wohl ihre Pflicht.
Zu deiner Frag: ich hab mich hier entfaltet,
der schönsten Frau zu sein der beste Mann,
der Lieb zuliebe, welche nie erkaltet,
doch geht das dich im Grunde gar nichts an,
denn hier hat Helena ihr Häuschen stehen,
wo sie doch wen sie will bewirten kann;
nun sag uns beiden brav Auf Wiedersehen!

Ich bin es, dem ihre Liebe gehört, drum verschwind vom Olympos -
gehst du nicht heut von hier fort, kämpfe ich morgen mit dir!

Ich lasse gern dir die Wahl unsrer Waffen im Streite! Bedenke:
ich habe Helden besiegt, du nie mit Göttern gekämpft!


Allegro con brio

Das Messer an den bloßen Hals gesetzt,
so wollen wir noch inniger uns lieben:
was Eros zueinander hat getrieben,
das trennt kein Gott, ganz gleich wie er uns hetzt.

Wer so der Liebe Mächte unterschätzt,
dem ist kein Herz am Herzen je geblieben:
im Buch der Liebe bleibt er unbeschrieben,
und wenn er noch so viel von Liebe schwätzt.

Ich bin zum Kampf mit diesem Gott entschlossen
und forder ihn zum Streite hier und jetzt;
nicht einmal erst ist Götterblut geflossen.

Und wenn Apollo auch das Messer wetzt
und droht mit seinen silbernen Geschossen:
noch hat es unsre Kehle nicht verletzt.


Presto Assai

Hast du die Waffe gewählt, die dem Leben ein Ende bereitet
jenes unwürdigen Manns, der den Olympos entehrt?

Das Schwert, das Schwert wird unsern Kampf entscheiden:
es bringt dem Menschen einen schnellen Tod,
doch der Unsterbliche muss schrecklich leiden,
wenn er die Kraft des Gegners unterbot.
Mich schmerzt es nicht, wenn ich im Kampf verliere;
dir brächte eine Niederlage Not!

Soll denn ein Gott sich vorm Schwert eines sterblichen Mannes gar fürchten,
welcher noch niemals ein Schwert in seinen Händen geführt?

Dies Schwert braucht keinen Mann! - Komm her, pariere
des Gottes Streich mit aller deiner Kraft,
so dass er schwächlich fällt auf alle Viere!
Da hat er sich schon wieder aufgerafft:
jetzt reiß aus dem Gewand ihm einen Fetzen -
nun sieh, wie er verwundert dich begafft!

Was für ein Schwert ist’s, das deine Befehle gehorsam befolget?
Doch auch mit diesem wirst du niemals dem Tode entgehn!

Noch mussten wir Apollo nicht verletzen,
doch zeigst du hier schon deine große Macht
und wie du gar die Götter kannst entsetzen!
Der Sieg ist nur uns beiden zugedacht;
ertrage nicht, dass er dich noch verspotte,
ertrage nicht, dass er so höhnisch lacht,
und trenn das Haupt vom Rumpf dem stolzen Gotte!


Andantino

Noch hat es unsre Kehle nicht verletzt,
das Schwert des Damokles jedoch bleibt hängen
hoch über unserm Haus: die Götter drängen
verbissen auf Apollos Rache jetzt.

Nun hat Paiéon wieder aufgesetzt
das Haupt dem wilden Gott nach vielen Gängen,
und hält er endlich dich in seinen Fängen,
so wirst du wie ein Lamm vom Leu zerfetzt!

Unsterblich heißt nicht unbesiegbar sein:
nicht immer kann ein Gott den Kampf entscheiden.
Das sieht vermutlich selbst Apollo ein
und wird den Streit in Zukunft wohl vermeiden.
Wo nicht, da schützt uns meines Ringes Stein;
was kommt, wird meine Liebe nicht verleiden!


Andante con moto

Selten war die Götterwelt sich so einig:
die sich einst bekämpften, versuchen heute
jenen ungebetenen Gast zu töten,
den du gebracht hast.

Auf mein Bitten hat nun Hephaistos’ Schmiede
einen großen magischen Schild gefertigt,
der euch schützen wird vor Geschossen, Schwertern,
sämtlichen Waffen!

Wenn die Götter eure Gemächer stürmen,
haltet ihnen nur diesen Schild entgegen:
machtlos wird man euch gegenüberstehen,
hilflos sich trollen.

Dass Aphrodite steht auf unsrer Seite,
das scheint recht seltsam und befremdlich mir -
ich glaubte es am ehesten von ihr,
dass sie mit all den andern Göttern streite!

Auf ihre Hilfe hätt ich nicht gewettet,
so unstet ist ihr Freundschaftsdienstverlauf:
sie hat an Paris billig mich verkauft
und vor des Menelaos Schwert errettet.

Seis drum, auf ihre Hilfe uns zu stützen,
das wird für uns von großem Vorteil sein:
wir sind im Kampfe länger nicht allein
und können uns vor jedem Anschlag schützen!


Adagio

Was kommt, wird meine Liebe nicht verleiden:
selbst wenn man des Olympos mich verwies
und aus dem Kreis der Götter mich verstieß -
nie würde ich mich gegen dich entscheiden!

Und müsst ich mich in Leinensäcke kleiden,
nachdem den Sitz der Götter ich verließ:
solang ich deine Liebe noch genieß,
wird mich ein jeder um mein Glück beneiden.

Ich habe dir mit meinem Orgelspiele
den wundervollen Götterkopf verdreht
und ahnte nicht dabei, was ich erziele:
dass bald uns der Olymp entgegensteht
und sorgt, dass meine liebste Göttin fiele:
verzeih, mein Herz, was zu verzeihen geht!


Prestissimo

Vom kopflosen Apollo angeführet
zieht schon der Götter Heer vor unser Haus:
komm, gehen wir zu ihnen rasch hinaus,
wie einem tapfern Helden es gebühret!

Die Kinder Zeus’ verlangen unser Ende:
sie neiden unsre Liebe, unser Glück -
selbst Ate holt man zum Olymp zurück,
dass sie im Kampf die Liebenden verblende!

Auch Hera, seine Schwester und Gemahlin,
kämpft mit, die wie ihr eignes Kind mich hasst,
Athena hat die Lanze schon umfasst,
die manngeborne, Hades auszuzahlen!

Siehst du das Blitzen in den Augen Ares’,
des Herakles entschlossenes Gesicht
und Artemis, die Todesgöttin, nicht?
Es ist ganz sicher etwas sonderbares,

Die Einigkeit der kriegerischen Recken,
und hättest du den Schild nicht und das Schwert,
so blieb ich nicht als Göttin unversehrt,
sie würden mich zu Tode sicher schrecken!

So mach sie nun mit deinem Schwerte nieder,
dem schon Apollo peinlich unterlag,
doch treibe es mit ihnen nicht zu arg:
sie sind doch meine Schwestern, meine Brüder!

Du willst dir deinen Lorbeer wiederholen
und glaubst, ich könnte euch nicht widerstehn,
der mir die stärkste Waffe ist befohlen?
So lasst uns nun zur Schlacht der Schlachten gehen
und mich die Götter des Olymps entehren,
die den Bezwinger vor sich stehen sehn!

Heute wirst du von den Göttern gerichtet, und deine Gebeine
wird nicht bedecken hinfort auch nur ein Krümelchen Sand!

Ich werde selber dich töten, und ich trage selber die Sorge,
dass deine Leiche verfault ohne zu finden ein Grab!

Glaubst du! Du wirst nur deinen Spott vermehren,
denn unbesiegbar ist der große Held,
und gegen ihn kann sich kein Gott erwehren!
Nun komm, mein Schild! schlag zu, mein Schwert! Gesellt
euch zu dem Streit, zum großen Blutvergießen:
beschützt das friedevollste Paar der Welt
und lasst gleich Wein den schwarzen Ichor fließen!


Allegretto

Verzeih, mein Herz, was zu verzeihen geht;
dass meine Liebe, die dich hat verleitet,
dir so viel Leid und Ungemach bereitet
und ins Gesicht der Götter Wind dir weht!

Dass trotzdem deine Liebe noch besteht,
dass sie mich stets auf Schritt und Tritt begleitet
und gegen starke Götter für mich streitet
ist mehr, als ich vom Schicksal je erfleht.

Du nicht, du hast mich nicht zunicht gemacht:
ich selbst, ich selbst beschwor uns das Verderben.
In meiner Einfalt habe ich gedacht,
ich könnte hier das höchste Glück erwerben;
ich selber habe all das Leid gebracht,
ich stürzte dich ins Unglück durch mein Werben!


Prestissimo possibile

Zu jenen Göttern, die uns beide hassen,
hat sich Poseidon nun dazugesellt;
wie hat er die Ägäis aufgeschwellt,
wie drohend wälzen sich die Wassermassen!

Wie Halme sieht man große Zedern weichen,
und nun verliere gänzlich ich den Mut;
schon schwillt um den Olymp die Wasserflut,
und unsre Wohnung wird sie bald erreichen!

Ach, dass wir unser Haus am Gipfel hätten,
wo uns das Wasser nicht zum Halse steht
und wo die Liebe nimmer untergeht;
kein Ring, kein Schwert, kein Schild wird hier uns retten!

Lass alle Diener deines Tempels kommen,
solang der Weg, die Straßen frei noch sind:
nur rasch, nur rasch den Götterberg erklommen!

Dass unsre Liebe diesen Kampf gewinnt,
müsst eine hohe Mauer ihr errichten
um diesen Garten, gründlich und geschwind:
Poseidon will durch Sturmflut uns vernichten,
drum müsst ihr schneller als das Wasser sein!
Ihr dürft nicht müde werden aufzuschichten
mit allen euren Kräften Stein auf Stein,
bis sie die Höhe jenes Hangs erreichen,
auf dem erblüht der nächsten Götter Wein.
Ich weiß, es ist ein Auftrag ohnegleichen,
doch steht der Turm, zu dem ich euch gedrängt,
wird auch der Gott des Meeres wieder weichen,
da er der andern Götter wohl gedenkt,
mit denen er verbleiben will im Guten:
denn wenn Poseidon jetzt noch uns ertränkt,
so muss er auch die andern überfluten!


Sostenuto

Ich stürzte dich ins Unglück durch mein Werben,
hielt ich dich auch nur einen Tag noch fest,
an diese liebend heiße Brust gepresst;
wo du nicht gehst, da werden wir verderben.

Und oftmals denk ich an den Tod, den herben,
als den Erlöser. Halte mich ganz fest,
bevor du mich zu unserm Heil verlässt;
ich möchte, doch ich kann und darf nicht sterben.

Du hast mir doch vor ungezählten Tagen
der Liebe Samen in das Herz gesät;
nun hat er Wurzeln in den Stein geschlagen,
die Blume blüht in holder Majestät.
So kann ich dir kein Lebewohl mehr sagen,
weil es zur Umkehr leider schon zu spät!


Andante

In diesen Mauern werden wir verschmachten:
zwar schützt uns dieser kolossale Turm
vor Wasserfluten und vor jedem Sturm,
doch wird er ewig unser Heim umnachten!

Ich hätte in die Wälder dir Delfine
und wilde Eber in das Meer gemalt,
damit du siehst, wie selbstlos ich dir diene.
So treulich wird mein Mühen nun bezahlt,
dass dir zum Schutz ich ließ die Mauer bauen:
du klagst, dass uns die Sonne hier nicht strahlt,
und brauchst doch auch die Sturmflut nicht zu schauen!

Das Dunkel lässt mich den Verstand verlieren;
Geliebter, kannst du diesmal mir verzeihn?
Wir dürfen uns auf keinen Fall entzwein,
dass kampflos nicht die Gegner triumphieren!


Calando

Weil es zur Umkehr leider schon zu spät,
wird meine Liebe endlich dich vernichten.
Du wolltest, konntest nicht auf sie verzichten;
das Herz ist taub, wenn der Verstand ihm rät.

Doch wenn auch unsre Liebe nie vergeht:
bald werden uns die ewgen Götter richten
und hohle Klagen gegen uns erdichten,
so dass dein Zauber nicht vor Zeus besteht!

Ich hätte Gold dir aus dem Styx gesiebt,
um deine zarte Liebe zu erwerben,
die mich so sanft und selbstlos hat geliebt.

Uns beiden wird die Liebe nicht ersterben;
nun, da es kein Zurück für uns mehr gibt,
bringt meine Lust uns beiden das Verderben.


Andantino

Nun kommen noch Apollos schwarze Raben:
sie rauben uns das letzte Tageslicht,
und auch sehr sauber sind die Vögel nicht,
die keine Würde, kein Benehmen haben.

Es sind zu viele dieser Tagediebe -
dein Schwert, es rottet längst nicht alle aus;
sie sitzen auf der Mauer und im Haus
und scheißen auf die allerhöchste Liebe!

Das widerlichste, was uns je bedrohte:
noch schlimmer werden kann es nun wohl nicht!
Und dort, mit einem Grinsen im Gesicht,
steht Hermes vor uns, er, der Götterbote.

Mich schickt Apollo, letztmals zu warnen euch:
er wird nicht ruhen, kehrt nicht der Fremde heim,
zurück ins Land der Blinden Folger,
wo er den eigenen Gott bekämpfe!


Lento

Bringt meine Lust uns beiden das Verderben,
bringt meine Liebe Elend und Verdruss?
Wie teuer, Liebster, zahlst du jeden Kuss,
wie teuer musst du dir mein Herz erwerben!

Schon bald muss unsrer Liebe Blüte sterben,
so wie der Mohn dem Sturme weichen muss,
dem Hagelschauer und dem Regenguss,
doch bleibt die Wurzel fest wie die der Zerben.

Kein andrer mag die Blüte wohl ermessen,
in welcher unsre edle Liebe steht:
die Pracht, die Mensch und Götter nie besessen!

Und wie der zarte Mohn im Sturm vergeht,
so wird man unsre Namen bald vergessen:
als Flugsand werden wir vom Wind verweht!


Vivace

Empfing nicht mancher schon die Götterweihe,
der deinem Schwert nicht konnte widerstehn?
Lass uns zu Zeus, dem Göttervater, gehn,
dass er auch dir Unsterblichkeit verleihe!

Wird Zeus dich erst an den Olymp erheben,
zum Gott dich machen in der Götter Reihn,
wirst du mit ihnen ausgesöhnet sein
und ewiglich an meiner Seite leben!

Ein Gott! Wie lieblich klingt es meinen Ohren.
Unsterblich! Keine Hölle und kein Tod;
ich fühle mich so gut wie neu geboren!
Kein Gott, kein Teufel, welcher mich bedroht:
als Gott ein neues Leben nun beginnen
mit jener Göttin, die die Hand mir bot,
so werde ich Mephisto gar entrinnen!


Ritenuto

Als Flugsand werden wir vom Wind verweht,
sollt Zeus dich zu den Göttern nicht erheben,
dass wir fortan als Gott und Göttin leben
und unsrer Liebe nichts im Wege steht.

Doch sollt er hören, wenn die Tochter fleht,
Unsterblichkeit dem Sterblichen zu geben,
so siegte endlich unser heißes Streben
nach jener Liebe, welche nicht vergeht!

Es zieht die Liebe ewig himmelwärts,
und sollte man uns unsres Glücks enterben,
unüberwindlich wäre unser Schmerz.

Die Trennung wäre beiden uns Verderben,
als müssten wir entreißen unser Herz,
ja, in getrennten Höllen ewig sterben!


Maestoso

An den Olympos soll ich nun erheben das sterbliche Menschlein,
das so viel Unruhe stiftet am Sitze der ewigen Götter?
Wärest du, Helena, Schönste nicht unter den Töchtern des Höchsten,
göttlichste unter den Weibern und weiblichste unter den Göttern,
lachte ich höhnisch dir in das Gesicht ob solch stolzen Begehrens!
Aber du weißt viel zu gut, dass dein Vater dir nicht eine Bitte,
nicht einen Wunsch kann versagen, obwohl du doch wieder und wieder
Ärger gestiftet hast zwischen den Welten der Götter und Menschen:
wie viele schicktest du durch deine Treulosigkeit in den Hades,
als du, bald müde geworden des eigenen Gatten, nach Troja
flohst mit dem Prinzen des feindlichen Landes, den Krieg zu entzünden,
der wie kein anderer Blut von den Helden und Müttern gefordert,
Kindern und Greisen; ich habe die Blutschuld nicht sühnen dich lassen,
hab Aphrodite geschickt, dass vorm Schwert sie die Tochter errette
und dich auf Bitten Apollos nur, deines olympischen Gatten,
zu den unsterblichen Göttern erhoben, dass Tod euch nicht trenne!

Drängst du mich nun, deinen neuen Geliebten wie du zu vergöttern,
soll er die Möglichkeit haben, sich wirksam als Gott zu bewähren:
wird er die Spindel der Göttin des Schicksals, Moira, mir bringen,
ohne ein menschliches Wesen dabei auf dem Weg zu berühren,
soll er als Gott unter Göttern mit dir am Olymp ewig leben! -
Wo er versagt, muss zurück in das Land Blinder Folger er kehren:
du wirst dorthin ihn begleiten und so lange mit ihm dort leben,
bis ihn Mephisto nach Ablauf der Zeit in die Hölle wird holen.
Dich aber, Helena, werde ich dann in den Tartaros stoßen,
treulose Göttin, und du wirst in ewigen Wehen dort liegen,
Schmerzen erleidend wie niemand zuvor, und doch niemals gebären!


Allegro moderato

Ja, in getrennten Höllen ewig sterben,
das wär die wahre Hölle erst für mich.
Die Hölle wird zur Hölle ohne dich:
wie selig wär’s, gemeinsam zu verderben!

Doch läge morgen unser Glück in Scherben,
weil dir das deine von der Seite wich,
und öffneten die Höllen beide sich:
nie reute mich, dass ich erhört dein Werben.

Ich bring die Spindel ihm so schnell ich kann
und werde jegliche Gefahr vermeiden,
und kein Olympier wird uns beiden dann
noch unser ewges Götterglück verleiden.
So sieh dir einmal noch den Helden an:
ich bin nun dein! Und nichts kann uns mehr scheiden.


Vivace

Im Leben hätt ich’s mir nicht träumen lassen,
der Schicksalsgöttin je so nah zu sein,
den eignen Lebensfaden zu umfassen,
zu trinken der Moira süßen Wein
mit ihr an allen Weltgeschehens Bronne,
doch besser noch ist dieser Wein vom Rhein!

Bessrer Wein noch als der, den ich dir schenkte ein?
Das mag glauben wer will - ich glaub es sicher nicht!
Warum trinkst du ihn lieber,
und wo kommt dieser Tropfen her?

Weit fort, im Land der untergehnden Sonne,
wächst eine Rebe, eines Gotts Geschenk,
die allen Menschen blüht zu Lust und Wonne,
der beste aller Weine, wie ich denk:
sehr fruchtig, rassig, lieblich unterdessen,
doch nicht so süß und schwer wie dies Getränk.

Nun, so schenke mir ein! Dennoch, ich wette drauf,
dass der meine besteht; aber verlange ich
doch von dir die Amphore,
nimm dir, was du nur haben willst!

Wär meine Bitte nicht so sehr vermessen,
so wünschte ich die Spindel mir von dir,
die mancher andre gerne hätt besessen;
gern läse ich die Zukunft wohl in ihr,
doch darfst du ja dein Werkzeug nicht vermissen,
und so erbitt ich etwas andres mir.

Was ich sage, das gilt! Himmlischer ist kein Wein,
Nektar lieblicher nicht, kühlender kein Getränk;
diesen Wein muss ich haben -
meine Spindel gehört nun dir!

Jetzt schon fühl ich die Glut feurigen Rebensafts,
meine Sinne berauscht und mein Gemüt erhitzt:
an die kräftige Schulter
lass mich legen den schweren Kopf!

Verzeih mir, Göttin, gerade du musst wissen,
dass ich erwartet werd vom schönsten Kind -
ich wär geplaget von Gewissensbissen,
ließ ich sie warten; nur geschwind, geschwind!


Ritardando

Im todgeweihten Kahn kommst du geschwommen
und willst jetzt weiter zu den Göttern fort,
doch hast du unser Singen erst vernommen,
so zieht es dich an diesen schönen Ort;
uns zu erhören wirst du eilen,
du wirst vergessen deiner Liebsten Wort
und gerne hier mit uns verweilen:
der ewgen Schönheit dich erfreun,
die ewge Jugend mit uns teilen,
des ewgen Frühlings Liebling sein
und vor dem Strand zerschellen;
auch davor wirst du dich nicht scheun
und reitest durch die Wellen:
nun komm, beeile dich!
Denn wer der Liebe Quellen
ernst und wahrhaftiglich
sich will erstreben,
der opfert selber sich
wie auch sein Leben;
drum hat dafür
sich aufzugeben
wer ganz sich ihr
verschriebe,
und so ist hier
der Triebe
Gebot:
die Liebe
im Tod.

Ich werde eurem Blick sogleich entschwinden,
ganz ohne dass ihr meinen Tod genießt,
denn stärker noch als Ketten, die mich binden,
als Wachs, das schützend mir das Ohr verschließt,
sorgt eine Macht, dass dieser nicht erblindet:
dass mir der Liebsten Geist im Herzen fließt,
ihr Bildnis eure Schönheit überwindet,
verlockender noch ihre Stimme wirbt,
dass sein Bewusstsein der Versuchte findet
und lieber ewig liebt als einmal stirbt!


Allegro

Hier kommst du nicht weiter,
du kannst mich nicht meiden,
und jeden Menschen muss ich töten,
der nicht das große Rätsel löset!

Du Löwenvogelmenschin kannst nicht schrecken
den Mann, der stolz den Stein der Weisen trägt.
Dein Rätsel, Sphinx, will ich sogleich entdecken,
und habe auch im Geiste lang bewegt
so mancher Weise deine schwere Frage:
bei mir wird rasch und gründlich überlegt!

Zu Hohem geboren,
zu Niederm erzogen,
so strebt der Mensch sein ganzes Leben
dem höchsten Niedrigen entgegen.

Ein Bäumchen er pflanzte,
das ewig wird wachsen,
doch wird ihm nie ein Spross entstehen,
da Fremde alle Frucht verzehren!

Die Arbeit ist es! Dass sie Wurzeln schlage,
wird sie gepflegt, begossen früh bis spät,
auf dass nach kurzer Zeit sie Früchte trage:
die ernten jene, welche nicht gesät,
und fressen alle auf mitsamt den Kernen,
so dass kein Same auf den Grund gerät!

Du hast nun als Erster
gelöset das Rätsel,
und einem Mann von deinem Geiste
will gern ich meine Gunst erweisen!

Um Ja zu sagen müsst ich viel verlernen:
der Zahn, die Kralle hätte mich verletzt,
drum will ich lieber eilend mich entfernen,
bevor die Frau zum Sprunge angesetzt.
Nun hör ich hinter mir sie tierisch kreischen:
sie hat die Klauen einmal noch gewetzt,
sich selber unerbittlich zu zerfleischen!


Moderato

Warum so trübe, lieblicher Jüngling?
Schön ist die Liebe, schön ist die Nacht!
Lass dich berühren, lieblicher Jüngling,
lass uns verführen dich heute Nacht.

Lasst einfach mich an euch vorübergehen;
ich halte mir auch meine Augen zu,
damit ich eure Schönheit nicht muss sehen,
sonst wäre ich von euch verführt im Nu!
Schaut fort nun, greift nicht ein in das Geschehen,
und lasst den armen schwachen Mann in Ruh!

Zeus ist der Vater, wir seine Töchter,
unser Berater stets ist sein Geist.
Er ist ein Kenner: wir, seine Töchter,
lieben die Männer, lieben den Geist!

Der Götter Gott wird überall uns sehen,
vor dessen Zorn dem Herzen schrecklich bangt:
ich will doch meine Prüfung hier bestehen,
ganz ohne das des Donnrers Urteil schwankt.
Den Ruhm zu ernten, der mir muss gebühren,
bring ich die Spindel, die er hat verlangt,
und keinen Menschen darf ich nun berühren!

Nymphen sind Götter und keine Menschen,
ist manchem Spötter beides auch gleich:
lieben dich Nymphen und keine Menschen,
wird Zeus nicht schimpfen - du wirst ihm gleich!

© 6234-6235 RT (1993-1994 CE) by Frank L. Ludwig