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Duine den Menschen (Fragment)


I.


Die Beerdigung

Sein Weg führte Duine an einem Friedhof vorbei. Die Trauergemeinde hatte sich gerade aufgelöst und trennte sich schluchzend vor den Toren.
„Welch ein Armutszeugnis ist das“, wandte sich Duine bedauernd an den Geistlichen, „wenn man von der Unsterblichkeit der Seele überzeugt ist und dennoch von einem Körper Abschied nimmt.“
„Der Mann hat viel für uns getan“, erwiderte der Geistliche entsetzt, „da müssen wir ihm doch die letzte Ehre erweisen.“
„Die Ehre sollt ihr den Lebenden erweisen“, sagte Duine. „Den Toten gebührt euer Dank.“


Die Weltmeisterschaft

Sein Weg führte Duine in die Stadt, als gerade die Mannschaft des Landes, in dem er lebte, den Weltmeistertitel gewonnen hatte. Der ganze Ort befand sich im Siegestaumel, allein Duine schien völlig desinteressiert und wurde nach dem Grund gefragt.
„Ich weiß nicht“, antwortete er, „warum ich in spontanen Jubel ausbrechen sollte, nur weil elf Menschen, die ich nicht einmal persönlich kenne, ein Fußballspiel gewonnen haben.“


Von der hohen Politik

Sein Weg führte Duine auf ein Klassentreffen. Einer seiner ehemaligen Mitschüler, der inzwischen einen wichtigen Ministerposten innehatte, erklärte ihm, wie einfach es sei, in der Politik Fuß zu fassen: „Man braucht eigentlich nur ein wenig sprachgewandt sein.“
„Zu sein“, entgegnete Duine und wandte sich den anderen zu.


Gottes- und Menschenliebe

Sein Weg führte Duine an einer Kirche vorbei, an deren Tür er folgendes Plakat las:
„Gott liebt uns nicht, weil wir so wertvoll sind,
sondern wir sind so wertvoll, weil Gott uns liebt.“
„Gott ist aber nur wertvoll“, dachte Duine bei sich, „wenn wir uns lieben.“


Zähmung der Freiheitskämpfer

Sein Weg führte Duine zu einem Herrscher, der ihn um Rat fragte. Ein Studentenanführer, der immer mehr Gleichgesinnte um sich scharte, war ihm ein Dorn im Auge; mit seinen Freunden verlangte er Demokratie, Freiheit, Frieden und etliches mehr, und in der Bevölkerung stieg sein Ansehen ständig.
„Ein tödlicher Unfall wäre zu auffällig“, sinnierte der Regent. „Aber wie kann ich diesen Menschen sonst zum Schweigen bringen?“
„Machen Sie ihn zum Minister“, schlug Duine dem entsetzten Herrscher vor. „Die einfachste Methode, einen Revolutionär zu zähmen, ist, ihn an der Macht teilhaben zu lassen - er wird seine Freunde und seine Ziele von gestern vergessen. Robespierre, Eppelmann und Walesa sind nur drei Beispiele von vielen.“


Rat in Liebesdingen

Sein Weg führte Duine zu einem jungen Mann, der sehr nachdenklich auf einer Parkbank saß.
„Duine“, sagte er nach einiger Zeit, „was soll ich tun, wenn meine große Liebe zu einem Mädchen nicht erwidert wird?“
„Das, was ihr Liebe nennt“ erklärte Duine, „ist nichts als eine Überreaktion durch erhöhte Hormonausschüttung.“
„Das mag sein“, antwortete der Junge, „aber was kann ich dagegen tun?“
„Nichts“, sagte Duine und ging.


Von der Gerechtigkeit

Sein Weg führte Duine zu einem Freund, der bedauerte, dass es keine Gerechtigkeit gibt.
„Es kann keine Gerechtigkeit geben“, ergänzte Duine.
„Es könnte schon“, war die Antwort, „aber die Herrschenden sind nicht daran interessiert.“
„Ist es gerecht“, fragte Duine, „dass einer, der mehr Arbeitsleistung erbringt, auch mehr Lohn bekommt?“
„Ja“, erwiderte der Freund.
„Ist es gerecht, wenn ein schwächerer Mensch trotz geringerer Leistung den gleichen Lohn bekommt, wenn er den gleichen Einsatz zeigt?“
„Ja“, erwiderte der Freund abermals.


Das Ende des Wegs

Sein Weg führte Duine auf einen Marktplatz, wo er von mehreren jungen Männern angesprochen wurde, die bereits einige seiner Weisheiten gehört hatten.
„Meister“, sagte ihr Sprecher, „wir haben erkannt, dass du voller Weisheit bist und ein großer Lehrer. Gestatte uns, dass wir mit dir gehen.“
„So zeigt sich, dass mein Weg umsonst war“, sagte Duine zu der umstehenden Menge zeigte auf seine Nachfolger: „Ich habe sie gelehrt, dass jeder Mensch verschieden ist, und sie wollen so werden wie ich.“


© um 6231 RT (1990 CE) by Frank L. Ludwig